Berlin - Es ist nicht die Hand Gottes, das wäre Diego Maradona. Die Hand gehört Serge Gnabry; ein Fußballer, der beim FC Bayern München spielt. Und doch schwebt sie vor dem Fenster wie eine göttliche Erscheinung. Daneben zwei Buchstaben, spiegelverkehrt: IM. IM Gnabry, sind wir in der DDR? Das würde erklären, warum der Blick aus dem Fenster jeden Tag so diesig wirkt wie ein Novembermorgen in Novosibirsk.

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Nein, das ist Berlin-Neukölln im Mai 2021 und vor der Hausfassade in der Hermannstraße 233 hängt ein riesiges Werbeplakat samt Markenbotschafter Gnabry und dem Adidas-Slogan: „Impossible is nothing.“ Unmöglich ist wirklich nichts, denn das Banner hing eines Tages einfach am Baugerüst, ohne dass dort wirklich gebaut würde oder die Hausgemeinschaft vorab informiert geworden wäre.

Nun wehren sie sich die Bewohner gegen den Weltkonzern und ihren Vermieter, der den Deal einfädelte. Das angebliche Gnabry-Zitat, mit dem Adidas wirbt, scheint sie inspiriert zu haben: „Manche sehen einen Fußballer, der es ganz nach oben geschafft hat“, steht auf dem Plakat, „ich sehe die Chancen für die gesamte Community.“ Eine Community gibt es hier jedenfalls, die sich an die Öffentlichkeit wendet.

Youvalle Levy
Ständige Nacht: Ein Blick aus dem Fenster auf die Plakatwand.

Sie steht im Innenhof, ein halbes Dutzend Mieterinnen und Mieter, die unerkannt bleiben möchten, immer wieder kommen Leute aus dem Haus dazu. „Wir haben einfach Schiss, uns mit Namen zu äußern“, sagen sie, „die Leute werden ja auch eingeschüchtert.“ Anfang Mai habe es einen erbosten Anruf der Hausverwaltung gegeben: Wenn Adidas sich zurückziehe, drohe der Mietergruppe Schadensersatz, eine sechsstellige Summe.

Es ist ein Häuserkampf der anderen Art. Die Stadt wird enger, Heuschrecken schlucken Immobilien, es werden Unterschriften für Enteignungen gesammelt, woanders wird geräumt, in der einst zerbombten Stadt fehlt auf einmal der Wohnraum. Und auch Weltkonzerne wie Adidas wollen einen Platz in der Hauptstadt, um der Kundschaft dort mitzuteilen: Wir sind nachhaltig, wir kümmern uns.

Tatsächlich steht das auf der anderen Seite der Hermannstraße an der Fassade: „Manche sehen Nachhaltigkeit“, teilt Adidas dort mit. „Wir sehen unsere Verantwortung.“ Daneben Jogger, die vor dem Meer eine „Run For The Oceans“-Flagge halten. In den Wohnungen dahinter dimmert es blau.

„Wir haben uns durch die ganze Corona-Pandemie gehangelt, wie jeder andere auch“, sagt die Bewohner im Hof, „dann kommen die an, und Zack. Wir dachten: Was ist das denn bitte?“ Ein anderer formuliert es poetisch: „Es war ein ewiger Corona-Winter und jetzt nehmen sie uns auch noch die Sonne.“ Das Plakat kam in einer Zeit, die ohnehin schon aufgeheizt war. Stay home, stay safe, heißt es seit über einem Jahr, zu Homeschooling und Homeoffice kam auch noch das Urteil zum Mietendeckel, die Nachzahlungen an Vermieter. Und nur drei Tage nach dem Richterspruch erschienen die Bauarbeiter.

Sie brachten ein Gerüst an der Hermannstraße 233 an, wofür, konnten sie nicht sagen. Auf E-Mails antwortete die Hausverwaltung mit Namen „Deutsche Boden“ wie so oft nicht. Am Telefon hieß es: Das müsse alles noch mit der Baufirma geklärt werden, Corona, „Sie kennen das ja“. Erst über den Mieterverein und eine Fristsetzung kam ein Brief: „Instandhaltungsankündigung für Sanierungsarbeiten“. Dachrinnenreparatur, Fassadenausbesserung, Maler- und Balkonarbeiten, man bitte um Verständnis.

Der Brief kam am 5. Mai, vier Tage nach Beginn der Bauarbeiten. Eigentlich müsste der Vermieter so etwas rechtzeitig vorher mitteilen, sagte der Mieterverein, allein aus Versicherungsgründen.

Auf den Baugerüsten ist seither nichts passiert. Es liegen einzelne Balken herum, aber kein Werkzeug. Anrufe und E-Mails dieser Zeitung an die Deutsche Boden werden nicht beantwortet. Eine Stimme auf dem Anrufbeantworter flötet: „Sie rufen außerhalb der Sprechzeiten an. Diese sind dienstags von 10 bis 13 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr.“ Die Mietercommunity sagt, so gehe das seit Jahren.

Dürfen die das? Die ehrliche Antwort ist: Ja. Die Bauordnung in Berlin besagt: „Baugerüste dürfen für Werbeanlagen höchstens für die Dauer von sechs Monaten genutzt werden.“ Und das sagt sie auch erst seit 2010. Davor gab es gar keine Beschränkung, wie lange Häuser verhangen werden dürfen.

Der rot-rote Senat hatte sogar ein „Verunstaltungsverbot“ für „sensible Orte“ erlassen, nachdem das Model Claudia Schiffer die Gedächtniskirche überdeckt hatte. Allerdings verzichten auch öffentliche Bauträger ungern auf Zusatzeinnahmen durch Werbung, um die Baukosten zu drücken. Schon damals hieß es, lukrative Außenplakate schafften nicht gerade einen Anreiz, sich auf Baustellen zu beeilen.

Youvalle Levy
Gewöhnungsbedürftiger Ausblick: Ein Mieter vor dem Fenster.

Die Hausgemeinschaft in der Hermannstraße schätzt, 30.000 Euro könnte Adidas jeden Monat für das Plakat an den Vermieter zahlen. Das hätten der Gruppe Menschen bei Twitter geschrieben. Unter dem Hashtag #wirsehennix ging das Haus viral, vernetzte sich mit anderen Häusern, wie in der Kantstraße in Charlottenburg, wo ebenfalls ein Gebäude von Deutsche Boden verhangen ist. Seit 14 Monaten. „Dort gab es nach fünf Monaten die ersten Bauarbeiten“, sagt die Hermannstraßen-Community. „Wir denken natürlich auch, dass es denen hauptsächlich ums Plakat geht, im Zweifel verdienen die mehr, je länger es hängt, die Altmieter sind genervter und geben vielleicht irgendwann auf.“

Und hier – hallo, liebe Anwälte – wird es justiziabel. Die Bewohner behaupten, der Besitzer von Deutsche Boden sei kein Immobilien-Fonds aus dem Ausland, sondern ein Zahnarzt aus Berlin, dem mehrere Häuser gehörten. Seit Jahren versuche er, das sagen sie im Haus, trotz Milieuschutz langjährige Mieter mit fristlosen Kündigungen und angedrohten Räumungsklagen zu vertreiben, habe einem Nachbarn das Badezimmer ausgebaut, Wohnungen durch Zwischenwände verkleinert und möbliert an Kurzzeit-Mieter aus dem Ausland vermietet, da dort keine Mietpreisbremse gelte. Das Haus habe längst Hostel-Charakter, am Eingang ist eine Schlüsselbox mit Nummerncode, einige Neumieter seien prekär beschäftigt Pflegekräfte.

Zu alledem würde man Deutsche Boden gern befragen, aber: keine Antwort und enge Sprechzeiten. Die Mieterschaft hat allerlei absurde Details in digitalen Foren gesammelt. Man würde sie wirklich gern aufschreiben. Darf man? Lieber nicht. Aber das Plakat an der Fassade an sich ist absurd genug.

Die Sprüche nerven die Bewohner. „Die sind der Wermutstropfen schlechthin, man sieht die an und denkt: Wir sehen Community. Also wirklich, es ist so scheinheilig, zum Kotzen, vor ein voll vermietetes Haus Werbung zu hängen und zu sagen, wir sehen Verantwortung.“

Dabei ist ein Mieter im Haus sogar Fan von Bayern München, wo Serge Gnabry Fußball spielt. Am Anfang freute er sich fast über das Plakat, bis es dunkel wurde. Aber der Serge, der Serge wisse doch sicher nichts darüber. Eine Nachfrage beim Management von Serge Gnabry: Weiß der Serge davon?

In der Schlesischen Straße in Kreuzberg wirbt die Sängerin Beyoncé für Adidas. Angeblich ist das Haus unbewohnt. Auch in anderen Straßen hängt sie, weiß sie davon, die sonst so stilsichere Musik-Ikone?

Die beiden sympathischen Stars beziehungsweise ihr Management antworten auf Anfragen nicht.

Die Community in der Hermannstraße jedenfalls wehrt sich mit allen erlaubten Mitteln. Nachts leuchtet ein Beamer manchmal von innen das Plakat an, dann steht dort statt „Wir sehen Verantwortung“ nur „Wir sehen nix“. Das braune Graffiti „Poo!“, das jemand unten ans Plakat geschmiert hat, stammt hingegen nicht von ihnen. Es wurde überpinselt. Die Gruppe hörte Gerüchte, Adidas wolle das Plakat im Sommer abhängen, aber zunächst ohne Bestätigung.

Natürlich könnten die Bewohner nun auf Mietminderung klagen, einige Prozent stünden ihnen zu. Sie hätten lieber Sonne. Und sagen, selbst wenn das Kinderhilfswerk Unicef da oben würbe: Sie würden lieber spenden. Turnschuhe als Entschädigung würden sie nicht nehmen, sie haben auch keine weggeworfen oder verbrannt. Selbst, als auf E-Mails an Adidas keine Antwort kam. Stattdessen zitierte der Vermieter beim erbosten Anruf aus der Mail, offenbar wurde sie weitergeleitet. Die Person am Telefon machte sich lustig über Formulierungen der Mieter wie „seelische Belastung“.

Und man könnte jetzt tatsächlich streiten, wie groß die seelische Belastung ist. Man sieht ja noch was in den Wohnungen. Und Staubschutz vor Baugerüsten muss sein, um den Verkehr unten zu schützen. Gegenüber hängt ja auch einer an der Hermannstraße. Aber der ist transparent wie ein Moskitonetz und umschließt das ganze Haus.

Einen positiven Effekt hatte das Plakat jedenfalls: Aus anonymen Nachbarn, die sich vorher kaum kannten, ist binnen zweier Wochen eine Community geworden, die nachhaltig zusammenarbeitet. Egal, ob einige seit über 45 Jahren hier im Haus wohnen oder erst wenige Jahre.

In der Vergangenheit ist es Hausgemeinschaften gelungen, sich erfolgreich gegen Gerüstplakate zu wehren. 2013 gelang es Mietern in der Danziger Straße, mit einer Onlinepetition ein Plakat von Coca-Cola abhängen zu lassen. Der Getränkekonzern plakatierte 24 Stunden mit „Tut uns leid“.

Am Fall Kaiserdamm protestierte eine Hausgemeinschaft zunächst erfolgreich gegen ein gelbes Plakat von Shell. Das Schutznetz, das daraufhin vor den Fenstern angebracht wurde, war pechschwarz. Vergangenen Juli genehmigte das Bezirksamt ein weiteres Riesenposter: knallrot, für Aldi.

Die Community in der Hermannstraße hat mehr Glück: Am Abend nach dem Treffen im Hof geht eine E-Mail von Adidas ein. „Nach interner Absprache haben wir uns dazu entschieden, das Banner nicht wie ursprünglich gebucht bis Ende Mai hängen zu lassen, sondern Anfang der kommenden Woche abnehmen zu lassen“, heißt es dort. „Damit ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass diese offizielle Werbefläche von anderen Marken genutzt wird.“

Die Hausgemeinschaft in der Hermannstraße lässt am Abend dennoch die Korken knallen. „Es ist ein Zwischensieg, natürlich fürchten wir die nächsten Schritte der Hausverwaltung“, sagt einer der Bewohner abends am Telefon „Aber wir haben die Hoffnung, dass es ein Beispiel sein kann für andere Hausgemeinschaften. Wir wollen ein Infosheet erstellen und anderen sagen: Seid mutig, auch wenn es um große Konzerne geht.“

Das Prospekt mit Tipps gibt’s auf Anfrage. An die Hauswand plakatiert es die Community wohl nicht.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.