Berlin - Erleben wir gerade das Ende der Pandemie? Können wir uns auf den Sommer freuen? Die Inzidenz-Werte geben jedenfalls Hoffnung auf normale Sommermonate, das sagt sogar Christian Drosten. Oder trügt die Vorfreude? Ein Pro und Contra.

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Ist Gendern die Lösung? Unser Autor sagt „Nein“ und zeigt, warum. Auftakt einer Serie über gerechte Sprache

In Israel eskaliert der Konflikt. Unsere Autorin berichtet aus Tel Aviv

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Pro: Wir müssen nicht mehr das Allerschlimmste erwarten

Dreißig Jahre vor Corona, die Avus war nebenberuflich noch eine Rennstrecke, beging der Österreicher Dieter Quester einen Fahrfehler, der ihn berühmt machen sollte. Mir machte er Angst. Ausgang der Nordkehre schmierte Quester von der Ideallinie ab, sein BMW M3 schoss in einen Reifenstapel, stellte sich auf, überschlug sich mehrmals und rutschte ins Ziel – auf Platz drei und auf dem Dach liegend. Ich war zehn, saß vor dem Fernseher, wartete auf ein Lebenszeichen. Befürchtete das Gegenteil.

Daran musste ich neulich denken, als ich an den verwitterten Holztribünen der Avus vorbeifuhr, raus aus Berlin, rein nach Brandenburg, ein paar Kilometer, immerhin. Nach Monaten der freiwilligen Stadtgefangenschaft fühlte sich Stahnsdorf so befreiend an wie, sagen wir mal, Saint-Tropez. Eigentlich weiß ich gar nicht, wie Saint-Tropez sich anfühlt, aber weil die Sonne mich mit einem eingebildet warmen südfranzösischen Akzent ansprach und ich einen Impftermin bekommen hatte, hatte ich plötzlich eine Vorstufe zum Glücklichsein erklommen.

Ich dachte, wenn erst der Sommer kommt, die Inzidenzwerte fallen und die Impfquote steigt, wird das Leben zwischen den Normalitäten enden. Werden wir endlich die Zielgerade dieses Corona-Marathons erreichen und dann irgendwie bald auch die Ziellinie überqueren. Mit einem blauen Auge oder mit einer blutigen Nase oder mit was auch immer man sich eben so holt nach einem Unfall mit Überschlag. Denn das ist diese Pandemie von Anfang an gewesen: ein Zustand der sich ständig schmerzhaft bis tödlich überschlagenden Ereignisse. Das Pandemieleben, ein kompliziert verknotetes Kopfhörerkabel. Hier ein bisschen zu fest, dort etwas zu locker.

Die Zielgerade ist ein Begriff aus der Sportwelt und die Sportwelt ist neben all den Heldentaten auch für Momente des Scheiterns bekannt. Für finale Stolperer und Stürze. Für Niederlagen, die zunächst wie sichere Siege aussahen. Das sollte man zwar nicht vergessen bei all den Aussichten auf geöffnete Biergärten und Restaurants und Kinos und Fitnessstudios und Museen und Theater und Schwarzlichtminigolfbahnen. Und trotzdem.

Die Zeit, in der wir unsere Erwartungen am Schlimmsten oder Zweitschlimmsten ausrichten mussten, scheint vorbei zu sein

Aus dem Impfchaos ist ein Impfturbo geworden. Täglich wird eine Million Menschen in Deutschland mit Glücksstoff versorgt. Ein Drittel aller Berliner hat schon mindestens die erste Spritze bekommen. Stark wachsend ist auch die Zahl der nackten und bepflasterten Oberarme in den Timelines. Und selbst der Berufspessimist Christian Drosten sagte neulich: „Ja, der Sommer kann ganz gut werden.“ Um im Bild zu bleiben: Der Frühling befindet sich ja bereits auf der Zielgeraden.

Die Zeit, in der wir unsere Erwartungen am Schlimmsten oder Zweitschlimmsten ausrichten mussten, scheint vorbei zu sein. Die Zukunft gilt wieder als erfreuliche Veranstaltung. Wir haben jetzt mehr als nur Hoffnung auf Hoffnung. Wir haben Pläne und Wünsche. Planen, nach einem Jahr die Großeltern mal wieder zu besuchen. Wünschen uns eine Wiedersehensparty mit Freunden, die wir so lange ins Digitale outgesourct haben. Und, nur so aus Spaß, geben Sie doch mal irgendein Fernreiseziel in die Suchmaske ein. Sie werden stauen, wie günstig man gerade wegkommt. Wer jetzt unbedingt nach Saint-Tropez will, sollte in Nizza landen.

Es wird auch immer einfacher, die frohen Botschaften aus dem Nachrichtenstrom zu filtern. Sputnik V, der einzige twitternde Impfstoff der Welt, erklärte Anfang der Woche – nicht ganz uneigennützig – San Marino zum ersten europäischen Land, das Corona besiegt hat. Aktuelle Inzidenz: 2. Am Donnerstag trat Joe Biden vor ein Rednerpult im Rosengarten und trug erstmals: keine Maske. „Wenn Sie vollständig geimpft sind“, versprach der Präsident dem amerikanischen Volk, „müssen Sie keine Maske mehr tragen.“ Inzidenzwert in den USA: 35. Optimismus verbreitet auch die Bundesregierung, hier nur ein Vorgeschmack von Wirtschaftsminister Peter Altmaier: „Wir werden Menschen sehen, die draußen Pizza essen.“ Ohne Maske natürlich.

Der Rennfahrer Dieter Quester hat seinen Unfall übrigens überlebt. Nachdem er sich aus seinem BMW mit Dachschaden geschält hatte, galt seine größte Sorge zunächst dem Rennausgang. „Behalte ich meinen dritten Platz oder nicht?“ Er behielt ihn. Und dann sagte er: „Hoffentlich haben meine Mechaniker das Ersatzauto für den zweiten Lauf startklar.“ Sportler wissen am besten, dass nach einem Zieleinlauf bereits der nächste Start wartet. Das sollten wir bei aller Pizza-in-Nizza-Vorfreude auch tun. Paul Linke

Kontra: Wir brauchen  mehr Weitblick als Euphorie

Der Mensch verdrängt sehr gerne. Eigentlich ist das eine gar nicht mal so üble Eigenschaft, denn Verdrängung ermöglicht ein seelisches Überleben, ist ein Abwehrmechanismus, um bedrohliche Erfahrungen vom Bewusstsein fernzuhalten. Und der Mensch passt sein Verhalten gerne an sein wahrgenommenes Risiko an: Er verhält sich vorsichtiger, wenn er ein höheres Risiko verspürt – oder er wird unvorsichtig, wenn er sich besser geschützt fühlt. Wenn diese beiden, sagen wir mal, psychologischen Phänomene inmitten einer weltweiten Pandemie aufeinandertreffen, kann das nur zu Unvernunft führen, die wir schon links und rechts beobachten können.

Plötzlich ist der Mindestabstand zu anderen Menschen in der Schlange nicht mehr so wichtig, weil ja das Schlimmste überwunden scheint. Plötzlich macht es nichts mehr, mit zehn Personen maskenlos zusammenzustehen und Kaffee zu trinken. Wie kommt es, dass die Gefahr, die von Sars-CoV-2 ausgeht, verdrängt oder im Kopf kleingeredet wird? Woran liegt es, dass so manche trotz Infektionsrisiko „locker“ lassen, obwohl die allermeisten noch nicht geimpft sind oder, wenn überhaupt, nur die erste Impfung verabreicht bekommen haben?

Der Sommer steht noch bevor, doch die Euphorie, so scheint es, hat schon jetzt eingesetzt. Gute Nachrichten, dass die Kurve der täglichen Neuinfektionen abflacht und die Situation auf den Intensivstationen sich ganz langsam entspannt, sollen gar nicht weggeredet werden. Aber es darf nicht vergessen werden, dass aktuell lediglich zehn Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft sind (Stand 11. Mai). Eine Grundimmunität in weiten Teilen der Gesellschaft fehlt. Eine verfrühte Lockerung, wo von einem Tag auf den anderen wieder alles geöffnet wird, kann weitreichende Folgen haben.

Eine verfrühte Lockerung könnte die jetzigen Erfolge und die baldigen Impfeffekte schnell zerstören

Unter der nicht-geimpften Bevölkerung kann es auch im Sommer zu größeren Corona-Ausbrüchen kommen. Davon betroffen wären nicht nur junge Leute, die noch keinen Impftermin ergattern konnten. Sondern auch Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, oder solche, für die noch kein Corona-Mittel zugelassen ist. Zum Beispiel Schwangere oder Kinder. Eine große Zahl an Neuinfektionen in diesen Gruppen kann dazu führen, dass eher Jüngere in Krankenhäusern behandelt werden müssen und die Zahl an Long-Covid-Patientinnen und Patienten unter ihnen steigt.

Den nötigen Schub wird die Aufhebung der Impfpriorisierung im Juni bringen, aber auch das darf nicht außer Acht gelassen werden: Eine Impfung bedeutet nicht, unverwundbar zu sein – schon gar nicht nach der Erstimpfung. Der vollständige Impfschutz ist sowohl bei Biontech und Moderna als auch bei Astrazeneca erst nach dem zweiten Piks gewährleistet. Dann ist man vor einem schweren Verlauf geschützt, kann sich aber trotzdem mit dem Virus anstecken und es weiterhin verbreiten, auch wenn das Risiko nicht allzu hoch erscheint.

Natürlich spricht nichts dagegen, dass Geimpfte und Genesene von örtlich beschränkten Lockerungsmaßnahmen profitieren können – stets unter der Prämissen, Abstand zu halten und Maske zu tragen und es damit gar nicht auf Ausbrüche ankommen zu lassen. Aerosol-Forschende sind sich einig, dass das Infektionsrisiko draußen sehr gering ist, ja. Aber sie sagen auch: Je länger man sich gegenübersitzt oder -steht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man in die Aerosol-Wolke des anderen gerät. Das Risiko steigt, je mehr Menschen versammelt sind.

Auch Mutationen haben eine geringere Chance, sich auszubreiten, wenn die Corona-Fallzahlen in der Gesamtbevölkerung insgesamt geringer sind. Und wiederum: Je weniger Infektionen es gibt, desto unwahrscheinlicher werden auch neue ansteckendere und damit gefährlichere Virusvarianten. 

Wie immer ist also statt Euphorie mehr Weitblick gefragt. Eine verfrühte Lockerung oder gar Aufhebung der Pandemiemaßnahmen könnte die jetzigen Erfolge und die baldigen Impfeffekte schnell zerstören. Forschende, wie die Modelliererin Viola Priesemann, schlagen deshalb das Ziel vor, die Sieben-Tage-Inzidenz deutlich auf unter 50 zu drücken. Mit einem schnelleren Impftempo und dem flächendeckenden Einsatz von Schnelltests könnte dann Schritt für Schritt mehr Normalität einkehren. Unter dem Vorbehalt, dass die politisch Verantwortlichen schnell reagieren, sofern die Neuinfektionszahlen wieder steigen sollten – und das ist mit einer möglichen Einschleppung von Virusmutationen aus anderen Ländern nach dem Sommerurlaub gar nicht mal so unwahrscheinlich. Miray Caliskan

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