Berlin - Lange Zeit wurde die Verfolgung von Sinti und Roma im Holocaust in Europa weitestgehend politisch und gesellschaftlich ausgeblendet. Hass und Vorurteile gegenüber der Minderheit, die es in allen europäischen Ländern gibt, waren auch nach 1945 weiter präsent. Noch in den 50er-Jahren übernahmen deutsche Gerichte in unzähligen Urteilen weiterhin die menschenverachtenden Einschätzungen der NS-Rassenideologen. 1956 urteilte der BGH: Sinti und Roma neigten „zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist.“

In Deutschland mussten die Sinti und Roma lange auf eine Anerkennung durch den Staat warten. Erst 37 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erkannte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt am 17. März 1982 die Verfolgung der Sinti und Roma im Holocaust offiziell im Namen der Bundesrepublik an. „Den Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermords erfüllt“, sagte er damals. Vierzig Jahre nach diesem Ereignis setzen junge Sinti und Roma an deutschen Hochschulen jetzt mit der Gründung des ersten Studierendenverbands für Sinti und Roma (SVSRD) selbst ein Zeichen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.

Tiefsitzende ethnisierte Vorurteilen und Antiziganismus in der Gesellschaft

Das Gesicht dieses Empowerments ist Dotschy Reinhardt. Sie ist nicht nur selbst Sinteza, sondern auch Nachfahrin des unsterblichen Django Reinhardt, der mit seinem Gitarrenspiel in den Nachkriegsjahren zum Weltstar wurde. Die Nachfahrin von Reinhardt tritt in die Fußstapfen des Musikers, ist heute selbst erfolgreiche Musikerin und setzt sich außerdem für die Einhaltung von Menschrechten ein. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kultur- und Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma engagiert sich die Aktivistin mit ihrer Bekanntheit für Sinti und Roma in Deutschland. Sie ist Vorbild und Stimme für junge Sinti und Roma, die sich inzwischen an deutschen Hochschulen immer selbstverständlicher einschreiben, und kämpft gegen Rassismus und Diskriminierung.

Für sie passt der Studierendenverband perfekt in die politische Zeit, in der wir leben. Das sagt sie uns am Telefon. Es müsse endlich mit den tiefsitzenden ethnisierten Vorurteilen und dem Antiziganismus in der Gesellschaft aufgeräumt werden, sagt sie. „Wir sind Menschen wie alle anderen auch und natürlich haben wir auch Akademikerinnen und Akademiker, das möchten wir sichtbar machen. Denn in den Nachrichten und Zeitungen werden noch immer sehr eindimensionale Bilder von Sinti und Roma gezeigt. Es wird so getan, als lebten wir alle in Armut. Dabei gibt es junge engagierte Menschen in unseren Reihen, die dieses Land – ihr Land – mitgestalten wollen!“

Dotschy Reinhardt lebt in Berlin. Die Stadt, so sagt sie, mache viel mit ihr und bringe sie dazu, noch politischer zu werden. 2008 schrieb sie das Buch „Gypsy“, es erzählt die Geschichte ihrer eigenen Sinti-Familie. Es ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern die Geschichte eines Volkes, das seit vielen Jahrhunderten in Deutschland lebt, aber nie richtig dazugehörte und unter den Nationalsozialisten fast vollständig vernichtet wurde.

Verfolgung von Sinti und Roma im Holocaust noch immer nicht in den Kurrikula verankert

Für sie ist es also genau der richtige Zeitpunkt für die Gründung des SVSRD, weil nach systematischer Ausgrenzung und Vernichtung nun erstmals eine repräsentative Anzahl von Sinti und Roma an deutschen Universitäten studiere. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialisten hatten Sinti und Roma in Deutschland Schulverbot. Es folgte der Zivilisationsbruch des Holocaust, den der Großteil der in Deutschland und Österreich lebenden Sinti und Roma nicht überlebte. Unter den wenigen Überlebenden des Holocaust war auch Dotschy Reinhardts Urgroßvater Bernhard Heinrich Pfisterer, der im letzten Moment der Gaskammer entrinnen konnte. Der simple Grund: Er spielte Geige. Und die Peiniger im KZ wollten ihm beim Geigespielen zuhören.

Auch nach dem Krieg blieben Sinti und Roma in Deutschland eine ausgegrenzte Gruppe, mussten in der Schule oft in den letzten Reihen sitzen. Es gab praktisch keine Aufarbeitung der NS-Verbrechen gegen sie. Anstatt sie als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen und zu fördern, wurden sie weiterhin benachteiligt und schikaniert. Ihrerseits war durch die Erfahrungen im Nazi-Deutschland und die Behandlung nach dem Krieg das Vertrauen in staatliche Behörden tief erschüttert, was eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, gerade auch in akademischen Zusammenhängen, extrem erschwerte. „Über die Nachkriegszeit“, sagt Reinhardt, „sind mir eigentlich nur diese Diskriminierungserfahrungen bekannt, alles andere war eine große Ausnahme. Es war undenkbar, als Sinto oder Rom in einer Schulklasse als solcher bekannt zu sein und gleiche Teilhabe erfahren zu dürfen.“

Und auch außerhalb der Schule erfahren Sinti und Roma in Deutschland besonders konkrete und harte Diskriminierung. Unzählige Studien haben die tiefsitzende, gruppenbezogene Diskriminierung gegen Sinti und Roma festgestellt. So würden viele Menschen eine Roma-Familie als Nachbarn ablehnen, wie in der 2016 erschienenen Studie „Die enthemmte Mitte“ nachzulesen ist. Aus all diesen Gründen ist es traurige Wahrheit, dass viele Sinti und Roma es bis heute vorziehen, ihre Wurzeln zu verschweigen, um diesen massiven Benachteiligungen aus dem Weg zu gehen.

Auch Franz-Elias Schneck. Er studiert in Tübingen Indologie und erzählt davon, dass seine Schulnoten, nachdem er sich als Sinto zu erkennen gab, immer schlechter wurden. Der Grund dafür, sagt er, waren nicht seine Leistungen, sondern die Diskriminierung der Lehrer. Erst nach einem Schulwechsel schaffte er sein Abitur – mit mehreren Einsen auf dem Zeugnis. „Es gibt auch unter Sinti und Roma Wissenschaftler! Es gibt Menschen, die haben Bücher geschrieben und haben Doktortitel!“

Berufliche Chancen für viele nur in der Anonymität

Foto: Rainer Oppenheimer
Ernährungswissenschaftlerin Angelina Kappler, Gründungsmitglied des SVSRD. 

Neben Reinhardt und Schneck ist auch Angelina Kappler Gründungsmitglied des SVSRD. Sie ist studierte Ernährungswissenschaftlerin, will demnächst als Winzerin ein Weingut in Rheinland-Pfalz übernehmen. Im vergangenen Jahr wurde sie zur deutschen Weinkönigin gewählt. Als erste Sinteza! Auch sie hatte in der Schule mit Diskriminierung zu kämpfen. „Ich hatte es auf Grund meiner Wurzeln sehr, sehr schwer. Das kostet einen viel Selbstwertgefühl, ich hätte mir lange kein Studium zugetraut.“ 

Es geht den jungen Aktivisten also vor allem um eins: ganz normale Geschichten zu erzählen, die mit Klischees und Vorurteilen ihrer Volksgruppe brechen. Einfach Geschichten junger Sinti und Roma, die es trotz Diskriminierung geschafft haben; studieren, Karriere machen und in ganz normalen Berufen arbeiten.

Der Studierendenverband ist für seine Mitglieder und eine ganze Volksgruppe (in Europa leben heute knapp zwölf Millionen Sinti und Roma) die Möglichkeit, Sinti und Roma einen Raum zu geben, nicht nur über sich selbst zu sprechen, sondern auch über sich selbst zu forschen. Denn beides tun bisher vorwiegend außenstehende Wissenschaftler für und über sie, was auf den Diskurs abfärbt, wenn nicht ihn vollkommen verzerrt und im schlimmsten Fall alte Stereotype perpetuiert. Und das obwohl die von den jungen Studierenden überhaupt nicht erfüllt werden.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.