Berlin - Vor 14 Tagen veröffentlichte an dieser Stelle unser Autor Jan Karon einen Text, in dem er erklärte, warum er sich von der linken, woken Bubble seiner Generation abwendet und diese Szene verlässt. In unregelmäßigen Abständen wird die Berliner Zeitung am Wochenende an dieser Stelle Texte veröffentlichen, die sich mit der Frage der politischen Orientierung beschäftigen. Eine erste Antwort auf Jan Karon  schreibt der Autor Marcus Staiger, der auch noch mit 50 bekennt, links, ja sogar linksradikal zu sein. 

Ach je, es ist ein Kreuz in diesem Land. Irgendwie ist alles so verwaschen und halbgar, so wenig konsequent und eindeutig. Da stehe ich an einem Tresen im Jahr 2013 und erzähle von meinen Erlebnissen aus dem „Refugee Protest Camp“ auf dem Berliner Oranienplatz und davon, dass da in absehbarer Zeit etwas auf uns zukommen wird. „Die Krisen dieser Welt werden näher rücken“, sage ich, „und es wird stürmische Zeiten geben.“ Mir gegenüber steht ein junger Mann, der verständnisvoll nickt und meine Ausführungen lapidar mit den Worten „Ist doch logisch. Der Kapitalismus ist am Ende. Das weiß doch jeder“ kommentiert. Nur um sich dann umzudrehen und noch einen Gin Tonic zu bestellen. Wehmütig proste ich ihm zu. Mein Gegenüber bezeichnet sich als links, in zehn Jahren ist er nicht einmal mehr das, denke ich mir. Dann noch einen Gin Tonic, bitte!

Doch was heißt das eigentlich, „Links-Sein“? Insofern ist die Frage, die Jan Karon in seinem Text aufgeworfen hat, durchaus spannend. Auch Karon definierte sich als (ehemals) irgendwie links, ohne sich dabei aber auf marxistische Traditionen noch auf eine marxistische Analyse einlassen zu wollen. Für die meisten dieser Bauchlinken ist Links-Sein wohl eine Art Lebensgefühl, das daraus besteht, für eine gewisse Zeit in irgendwelchen linken Projekten am Tresen herumzuhängen, billiges Bier zu trinken und ansonsten in einer veganen WG zu wohnen. 

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Am 3./4. Juli 2021 im Blatt: 
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Irgendwann, wenn es diesen Menschen dann materiell besser geht (meistens nach dem Studium), wenn sie ankommen wollen, wenn sie Karriere machen, dann streifen sie die Attitüden ihrer Jugend einfach ab. Jetzt, wo es wirklich darauf ankommen würde, die eigenen Privilegien zu hinterfragen oder zumindest mitzudenken, wird es ihnen lästig, und sie verwenden viel Zeit und Energie darauf zu erklären, warum der romantische Ausflug in linke Gefilde ein Irrweg war. Ganz nach dem Motto: „Wer mit 18 kein Linker ist, der hat kein Herz, aber wer mit 40 noch Linker ist, der hat keinen Verstand“.

Dabei gibt es gute Gründe, links zu sein. Links-Sein heißt Radikal-Sein. Und Radikal-Sein, schreibt Marx, heißt, die Dinge bei der Wurzel zu fassen. Links-Sein heißt dann eben auch, sich mit den marxistischen Analysemethoden zu beschäftigen und sich der Lebensrealität der Menschen zu stellen, so wie sie ist. Nicht, wie sie sein sollte. Nicht, wie man sie sich wünscht. Nicht, wie es „eigentlich“ wäre – nein, die Welt zu sehen, wie sie ist. Links-Sein heißt dann aber auch, die Ideologien zu erkennen, mit denen die Menschen Tag für Tag gefüttert werden und sich zu fragen, woher diese ganzen Ideen eigentlich kommen. Sich zu fragen, warum wir in einem System leben, das asoziales Verhalten belohnt und Narzissten an die Spitze der Gesellschaften spült.

Die Ideale der Französischen Revolution wurden nie umgesetzt

Ich bin links, weil es gute Argumente dafür gibt. Es ist keine Sache von Lifestyle, wenn man die Welt mithilfe des marxistischen Bestecks analysiert. Ich bin links, weil ich das kapitalistische System für schädlich halte. Schädlich für die Natur und die Menschen gleichermaßen. Ich bin links, weil ich sehe, dass dieses Wirtschaftssystem unsere Lebensgrundlage zerstört und die Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ich bin links, weil ich es falsch finde, dass die Reichen über unsere Städte bestimmen dürfen und ich stattdessen an eine demokratische Revolution glaube. 

Um diese Ziele zu erreichen, braucht es mehr als nur das vage Bekenntnis, irgendwie links zu sein. Dafür braucht es eine Überzeugung. Dass diese fehlt, merkt man daran, dass den meisten Menschen augenblicklich der Kompass abhanden gekommen ist und sie sich wie Jan Karon zwischen all den Entwicklungen nicht mehr zurechtfinden können. Die CDU wagt mehr Diversity. Ist die CDU noch rechts? Die polnische PiS verteilt Geschenke ans Volk – ist sie schon links? Dass die PiS eine ganz bestimmte Vorstellung von dem hat, was Volk ist, spielt dabei keine Rolle, genauso wenig wie die Erkenntnis, dass Diversity die einfachste Übung des Kapitalismus ist.

Genauso wie es SPD- und CDU-Regierungen gibt, die sich den Sorgen der besorgten Bürger zuwenden, um dann das Asylrecht zu verschärfen oder laut nach mehr Abschiebungen zu schreien, können Menschen wie Jan Karon dann auf einmal auch rechten Ideen etwas abgewinnen, nicht ohne zu betonen, dass man selbstverständlich immer noch gegen Nazis sei. Das erinnert dann an die Politik der bürgerlichen Parteien, die sich zwar gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD verwahren, sich in den Parlamenten aber vor dieser hertreiben lassen.

Erinnert sei an dieser Stelle daran, dass keine einzige Verschärfung des Aufenthaltsrechts in den vergangenen Jahren von einer AfD-Regierung beschlossen wurde. Das haben die CDU/CSU-SPD-Regierungen dieses Landes schon ganz alleine hinbekommen, teilweise sogar mit der Hilfe von Grünen Landesregierungen, Parteien und Regierungen, die sich ansonsten aber gerne und mit viel Pathos vom rechten Rand distanzieren. Das ist der falsch verstandene Antifaschismus der bürgerlichen Mitte, die zwar Nazis unappetitlich findet, mit deren Argumenten aber durchaus etwas anfangen kann.

Eigene Privilegien reflektieren

Dabei ist Antifaschismus weder eine Worthülse noch eine Attitüde, sondern die inhaltliche Ablehnung einer Denkschule, die auf Ausgrenzung und Unterwerfung beruht, die auf Chauvinismus und Herrenmenschentum baut. Ich kämpfe gegen den Faschismus, weil er falsch ist. Ich kämpfe gegen Nazis, nicht weil ich sie doof finde, sondern weil ihre Argumente falsch sind. Antifaschismus ist kein Mittel der Distinktion, um sich vom Pöbel abzugrenzen. Antifaschismus ist eine dringende Notwendigkeit, weil die Ideen des Faschismus gefährlich und tödlich sind.

Stattdessen arbeiten sich viele Linke, vermeintliche Linke oder ehemalige Linke zur Zeit offensichtlich gerne und mit viel Eifer am Gendersternchen und der Unisextoilette ab. Jan Karon ist da nur einer von ihnen. Sie alle tun so, als würden sich linke Theorien tatsächlich nur noch um Fragen der sprachlichen Reinheit drehen und nicht um die Beendigung von Ausbeutung, Umweltzerstörung, Krieg und Unterdrückung. Vielleicht heißt links sein tatsächlich, auf seine Sprache zu achten, vielleicht heißt es das aber auch nicht. Ich will mich an dieser unseligen Debatte gar nicht beteiligen, die gerade von allen möglichen Seiten genutzt wird, um Bewegungen zu zerstören und sich gegenseitig zu diffamieren, aber ehrlich gesagt schadet es nicht, immer mal wieder über diese Fragen nachzudenken. Natürlich ist es auch wichtig, seine Sprecherposition zu hinterfragen. Es ist wichtig, über seine eigenen Privilegien nachzudenken, ohne gleich darüber zu lamentieren, dass man es selbst aber auch schwer gehabt habe.

Ich werde mich nicht an Menschen abarbeiten, mit denen ich solidarisch bin

Auch wenn ich selbst aus einem proletarischen Haushalt komme und teilweise meine Tage immer noch auf Baustellen zubringe, bin ich eben auch Publizist, bei dem es einen Unterschied macht, ob ich als Mann oder als Frau etwas sage. Bei meiner Rolle innerhalb der Musikindustrie ist es das Gleiche, und natürlich macht es auch in einer politischen Diskussion einen Unterschied, dass ich gelernt habe, dominant aufzutreten oder mit einer gewissen Bildung im Vorteil bin. Ich sage nicht, dass man sich dahinter verstecken muss, aber natürlich hilft es mir und anderen ganz praktisch, wenn auch ich darüber nachdenke, wie ich mich zurücknehmen kann und andere sich in eine Diskussion einbringen können, die vielleicht weniger laut und durchsetzungsfreudig sind als ich. Menschen, die es nicht gelernt haben, in der Öffentlichkeit zu stehen, Menschen, die aufgrund ihrer Erziehung verinnerlicht haben, dass es sich nicht schickt, laut und dominant zu sein, Menschen, die andere Erfahrungen gemacht haben als ich, aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Das mitzudenken ist eben doch wichtig und vor allem ist es nicht falsch.

Vielleicht sind manche Entwicklungen in diesem Bereich unnötig, vielleicht sind manche Fragestellungen und Angriffe auch unproduktiv, weil sie einen solidarischen Umgang verunmöglichen und zum politischen Stillstand führen – aber: In Zeiten, in denen sich Bundeswehrsoldaten bewaffnen und Munition horten, weil sie von einem rechten Putsch träumen; in Zeiten, in denen rechte Parteien in den Parlamenten sitzen, die bürgerlichen Parteien vor sich hertreiben und so ihre Agenda umsetzen können; in Zeiten, in denen Neonazis Menschen ermorden; in Zeiten, in denen Rechte Brandanschläge verüben und beinahe wöchentlich herauskommt, dass die Sicherheitsbehörden dieses Landes mit Nazistrukturen durchsetzt sind, in Zeiten wie diesen, werde ich mich nicht an Menschen abarbeiten, mit denen ich solidarisch bin.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.