Berlin - Ein Essay des Genozidforschers Dirk Moses, der im Mai auf dem Schweizer Portal „Geschichte der Gegenwart“ veröffentlicht wurde, erregte international Aufsehen: „Der Katechismus der Deutschen“ entfachte laufende Diskussionen über das Verhältnis des Holocaust-Gedenkens zur vergleichsweise zaghaften Erinnerungskultur gegenüber deutschen Kolonialverbrechen – sowie über die Frage der historischen Singularität des Holocaust. Die Berliner Zeitung am Wochenende begleitet diese Debatte kritisch und lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen.

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Am 28./29. August 2021 im Blatt: 
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Kaum zu ertragende Bilder jagten in den letzten Wochen  durch die Medien: Bilder afghanischer Menschen, an den Außenflächen eines US-Militärflugzeugs festgeklammert und wenige Hunderte Meter nach Abflug nur noch als entmenschlichte Pünktchen erkennbar, die ihrem sicheren Tod entgegen stürzten. Sollte man so ein Video teilen, liken, zu Ende schauen? Als Ausdruck bruchstückhafter Solidarität? Einer Hoffnung, dadurch eine Verurteilung des Krieges zu provozieren? Ein Ende der Apathie des Westens gegenüber dem Scheitern seiner imperialen Phantasmen?

Oder wäre es nicht sinnvoller, zu versuchen, das Quäntchen Würde der Dargestellten zu wahren? Das Video – anstatt die Menschen in ihm zur Chiffre ihres Leidens, gar ihres Todes, zu machen, zur Fußnote in einer kurzatmigen Aufmerksamkeitsökonomie – eben nicht zu teilen? Die Spannung, die sich darin ausdrückt, beginnt, wie Susan Sontag Anfang der 2000er-Jahre in einem Essay über Kriegsfotografie brillant auseinander legte, nicht erst mit der Frage, ob man ein Bild oder Video einer spezifischen Logik unterwirft. Sondern im Sehen selbst.

Sontag beschreibt, wie das Betrachten des Leids zum Indiz von Gewalt wird, sowie für regelrecht austauschbare politische Ideologien vereinnahmbar. Zugleich liegt in jener Vereinnehmbarkeit der Bilder auch ihre transformative Kraft: „Das Bild als Schock und das Bild als Klischee“, schreibt Sontag „sind zwei Aspekte derselben Präsenz.“

Etwas mehr als ein Jahr, nachdem ein düsteres Video George Floyds Ermordung in voller Länge zeigte, muss die transformative Kraft der Bilder wohl kaum noch erklärt werden. Man muss das Floyd-Video nicht gesehen haben um zu verstehen, weshalb es eine historische Revolte auslöste. Anders als die Videos der Ermordung von Michael Brown, Freddie Gray, Eric Garner und anderer führte dieses Video – trotz massiver Widerstände seitens der Trump-Regierung und ihrer Anhänger – zu einem racial reckoning, dessen Strahlkraft weit über die Grenzen der USA hinweg reichte. Black Lives Matter entfachte auch in Deutschland Debatten zu strukturellem Rassismus, kolonialen Verstrickungen sowie eurozentristischem Denken, Sprechen, Handeln.

Erinnerungspolitik in einer pluralen Gesellschaft

Die erinnerungspolitischen Diskussionen, die in den letzten Monaten unter dem Schlagwort des „Zweiten Historikerstreits“ heißliefen, entzündeten sich nicht zufällig wenige Monate nach jenem Versuch, jener epistemischen Revolution, eine Ära der kollektiven Amnesie gegenüber kolonialen Verbrechen und deren Kontinuitäten ins Heute zu beenden. Die deutschen Erinnerungsdebatten wirkten wie Hooklines zu einem in Deutschland bereits wieder abklingenden Beat jenes racial reckonings; wie Ergänzungen zu den politisch motivierten Bilder- und Schilderstürmen des Vorjahres.

Der Resonanzraum, in dem Thesen wie die Michael Rothbergs, Dirk Moses‘ und zahlreicher anderer Wissenschaftler:innen ihren Sound entfalteten, ist eine sich seit Jahrzehnten pluralisierende und für rassismuskritische und dekoloniale Anliegen entsprechend rezeptiver werdende deutsche Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die einer eindimensionalen Erinnerungsklaviatur – welche die zu gewissem Grad sicherlich unbestreitbare Singularität des Holocaust zu einer Art metaphysischen Bekenntniserklärung verabsolutiert – zunehmend misstraut. Letzteres Bekenntnis scheint in Deutschland zu einer Art defensiven inneren Haltung mutiert zu sein, die zu einem gewissen Grad auch die Scham kaschiert, familiär in den Holocaust verstrickt zu sein – sowie die Notwendigkeit, sich weiter aktiv mit ihm auseinanderzusetzen.  

Doch die deutsche Gewaltgeschichte ist, selbst wenn der Holocaust darin einen in Sprache nur sehr schwer fassbaren „Höhepunkt“ markierte, nicht wie eine Gauß‘sche Glockenkurve über 12 Jahre normalverteilt. Den Holocaust in eine überzeitliche Bekenntnislogik von absoluter Singularität zu isolieren, tarnt den Bruch, den er darstellt – auch in seiner nachhallenden Signifikanz für unser Zusammenleben heute. 

Dabei bieten die jüngsten Gedankenanstöße die Chance, einen anspruchsvolleren, sicher nicht leichten Versuch zu wagen, die deutschen NS-Verbrechen zu kontextualisieren. In einer pluralen deutschen Gesellschaft sollte es möglich sein, diese auf eine Weise zu diskutieren, dass etwa die ideologischen Ähnlichkeiten zu deutschen Kolonialverbrechen zumindest thematisiert werden; dass nicht lediglich die Frage des „ob“, sondern auch die des „wie“ der Singularität gestellt werden kann. Auf eine Weise, die auch jüngere Phänomene wie Halle, Hanau und den NSU nicht als mystisch-unerklärliche Anomalien umwölkt – ganz so, als hätten sie mit dem offensichtlichen Fortwirken von antisemitischem und rassistischem Denken aus der NS-Zeit ins Heute nichts zu tun. 

Die Fallstricke des Anti-Anti-Semitismus

Vor diesem Hintergrund wirkt es auch kaum zufällig, dass sich die Diskussionen um die Anwendung der BDS-Resolution des Bundestags sich im letzten Jahr etwa auf den kamerunischen Philosophen Achille Mbembe konzentrierten – in den Augen vieler Deutscher ein prototypischer Vertreter postkolonialen Denkens – oder auf linke Israelis. Die deutsch-deutsche Kippfigur, die als polemische Verlängerung ihrer eigenen historischen Verantwortung immer wieder Nichtweiße, Jüdinnen und Juden, ja selbst eine Holocaust-Überlebende wie die jüngst verstorbene Esther Bejarano generalverdächtigt, wirkt wie eine rückwärts gewandte und zugleich sehr zeitgenössische Form historischer Entlastung. Ihren jüngsten Feind machten unsachliche Anti-Anti-Semiten in der postkolonialen Kritik aus: diese, so ihr Kernargument, relativiere den Holocaust, indem sie dessen Singularität bestreite.

Bezeichnenderweise werden in dieser Argumentationsweise immer wieder auch die vermeintlich unüberbrückbaren Unterschiede zwischen Antisemitismus und Rassismus bestärkt und Bilder von „Opferkonkurrenzen“ bemüht; jüdische und migrantische Stimmen gegeneinander ausgespielt – selbst wenn die Schnittmengen ihrer geteilten Erfahrungen teils größer sind als die kulturelle Kluft, die sie trennen.

Diese spezifische Form des Anti-Anti-Semitismus scheint – wie der Philosoph Elad Lapidot in seiner jüngsten Veröffentlichung auf sehr aufschlussreiche Weise auseinander legt – in seiner ideengeschichtlichen Logik dem Antisemitismus selbst näher zu sein als der jüdischen Tradition, die er zu schützen auftritt.

Dass kürzlich sogar Carolin Emcke in das Denunziationsraster jener „hysterischen“ Kritiker fiel – eine Denkerin, die sich nicht nur regelmäßig gegen Antisemitismus ausspricht, sondern auch einige der wichtigsten Beiträge zur Frage einer in die Zukunft weisenden Erinnerungskultur im deutschsprachigen Raum verfasst hat – hätte hierzulande einen tipping point evozieren müssen. Es hätte den destruktiven „Diskurs“, der auffälligerweise immer aus dem Hause Springer untermauert wird, als das offenbaren müssen, was er ist: antipluralistisch, xenophob, provinziell.

Stattdessen legte die die Welt am Sonntag kurze Zeit später nach, indem sie, was an diesem Punkt niemanden mehr überraschen kann, ausgerechnet am Beispiel des Schwarzen, wenige Monate zuvor zum nächsten HKW-Intendanten ernannten Kurators Bonaventure Ndikung die vermeintlich Inkonsequenz des BDS-Beschlusses bemängelte – und Monika Grütters in einer regelrecht grotesken Geste indirekt dazu aufrief, Ndikungs Berufung doch besser nochmal zu überprüfen. 

Als ich die Philosophin Judith Butler kürzlich für ein Interview zu verwandten Debatten anfragte, antwortete sie mir knapp: „Ich spreche oder schreibe über dieses Thema nicht mehr im deutschen Kontext.“ Man könnte das beinahe ironisch finden, wenn es einen nicht so verzweifelt zurückließe: In unserer germano-zentrischen Sichtweise haben „wir“ Deutsche es fertiggebracht, was sonst wohl in kaum einem anderen Land denkbar wäre: eine der wichtigsten jüdischen Intellektuellen der Jetztzeit aus „unserem“ Diskurs auszuschließen. 

Der sogenannte „Zweite Historikerstreit“

Der teils gebieterische und argwöhnische Klang einiger Debattenbeiträge, die die erinnerungspolitischen Errungenschaften des Ersten Historikerstreits gegen Historiker:innen wie Rothberg, Moses und andere verteidigten, reimte sich auf prägnante Weise mit diesem von unsachlichen Anti-Anti-Semiten angestimmten Lied. Viele derjeniger, die sich in den deutschen Feuilletons dazu äußerten, schienen, anstatt ausnahmsweise hinzuhören, am folkloristischen Sound der germano-zentrischen „Universalgeschichte“ festhalten zu wollen.

Ich schreibe über all dies nun nicht mit der Autorität eines Historikers. Doch auch als lediglich an Geschichte interessierte – und in deutsche Gewaltgeschichte implizierte – Person beobachtete ich in den letzten Monaten mit rätselhafter Verwunderung, wie statisch und teils aggressiv sich die Abwehr gegenüber genannten Ansätzen präsentierte. Die in sich sehr verschiedenen Versuche Rothbergs, Moses‘, Jürgen Zimmerers und anderer, den Holocaust nicht als Nullsummenspiel und aus dem Lauf der Geschichte heraus isoliert zu denken, sondern ihn in multiperspektivischer Rückkopplung an die Kolonialgeschichte gewissermaßen besser zu verstehen – und durch so ein Herantasten möglicherweise auch manch ungeschriebenes Gesetz der deutschen Erinnerungspolitik zu hinterfragen –, wurden teils halsbrecherische Abwehrmanöver lanciert.

Man kann nun spekulieren, ob letztere dem Bedürfnis entsprangen, eine Ehrenrettung der deutschen Vorkriegsgeschichte vorzunehmen; einer, wie Jürgen Zimmerer in dieser Zeitung jüngst argumentierte, positiven Besinnung auf deren angeblich „nicht kontaminierte“ Seiten, als vermeintliche Gegenpole zur NS-Gewaltgeschichte. Was offensichtlich scheint: Die Dominanzgeste und die buchhalterische Kälte, mit der derartige Beiträge mit Begriffen wie „Vernichtung“ um sich warfen und die erschütternde Spezifik des Holocaust in geradezu erwartbarer Regelmäßigkeit gegen Genozide in den ehemaligen deutschen Kolonien ausspielten – bei letzteren, so das Argument, habe es sich immerhin „lediglich“ um Aufstandsniederschlagungen gehandelt –, lässt einen regelrecht erschaudern.

Bei aller sinnvollen Kritik, die man Protagonist:innnen wie Rothberg und Moses sicherlich entgegnen kann und sollte, wirkten die Antworten ihrer Kritiker:innen im deutschsprachigen Raum letztlich weniger wie aufrichtige Rettungsversuche der durch diese Thesen angeblich gefährdeten Singularität des Holocaust. Auch nicht wie ehrlich gemeinte Schutzmanöver gegenüber seiner vermeintlichen Verharmlosung. Sondern vielmehr, als verhärtete sich in ihnen ein Kult der Ahnungslosigkeit, der, so ehrenhaft er sich nach außen hin positionierte, sich für bestimmte Belange – eben für die nicht-weißer Gruppen oder solcher, die für ein gesteigertes Bewusstsein für koloniale Verstrickungen eintreten – nicht und nur sehr abgeschwächter Form interessiert.

Wer in den letzten Monaten versuchte, Stoßluft in die in Formalismen erstarrte deutsche Erinnerungskultur zu bringen, noch dazu ohne Professorentitel und die „richtige“ Hautfarbe – das zeigte sich eklatant auch in der Abwehr der deutschen Feuilletons gegen Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah – musste einiges auf sich nehmen. Der Ton jener Abwehr weckte peinliche Erinnerungen an eine eindimensionale, deutsche Erinnerungsfolklore: etwa an die Aussagen des CSU-Politikers Klaus Steiner, der 2015 verlautbarte, Kinder aus muslimischen Familien hätten schlicht „keinen Zugang zu unserer Vergangenheit” – und bräuchten daher auch keine Gedenkstätten zu besuchen. 

Die Bilder kontextualisieren lernen

Susan Sontags Überlegungen zur Mehrfachbedeutung der Bilder ließe sich vor dem Hintergrund dieser Debatten vielleicht als Frage reformulieren: Birgt das Sprechen oder das Betrachten von Gewalt – selbst in fiktionalisierter oder symbolischer Form – ein Moment von Komplizenschaft? Ist die Darstellung gewaltvoller Bilder und Worte in sich gewaltvoll? Es ist nicht ohne gewisse Ironie, dass solche Fragen in den letzten Jahren immer wieder in der Kunst verhandelt wurden – immerhin verträgt sich der ins Kunstverständnis der Jetztzeit hallende Drive der Moderne nach Grenzüberschreitung und Nonkonformismus nicht sehr gut mit der Forderung nach gesteigerter Sensibilität in Repräsentation. 

In der Kultur finden sich derzeit dennoch bemerkenswerte Versuche einer Annäherung an diese Fragen. Etwa die 2021 erschienene Serie „The Underground Railroad“: eine düstere Charakterstudie der US-Sklaverei, die in einer kontinuierlichen Kreisbewegung die Klemperer‘sche Metafrage nach der Dialektik von (Bild-)Sprache und Gewalt bespielt. Cora, die Protagonistin, wächst auf einer Plantage auf, wo sie zur Flucht gedrängt wird. In einem zwielichtigen Dorf vorgeblich liberaler Weißer wird ihr eine Art Schein-Freiheit gewährt. Sie arbeitet in einem Museum, wo sie zum re-traumatisierenden Sound der Peitsche für die Blicke Weißer – zu vermeintlich pädagogischen Zwecken – Plantagen-Reenactments aufführen muss: hinter einer Zoo-ähnlichen Glasscheibe pflückt sie Baumwolle. Die Weißen in dem Dorf können, so scheint es, die Sklaverei nur so verarbeiten: indem sie sie zu einer Art gelehrigen Unterhaltungsindustrie trivialisieren.

Der Stand der deutschen Aufarbeitung der Kolonialgeschichte – und zu einem gewissen Grad auch die deutsche Holocaust-Erinnerung – gleicht diesem Bild. Zwar werden im Humboldt-Forum (glücklicherweise) keine Genozid-Reenactments aufgeführt. Doch die Versuche des Hauses, die dekoloniale Kritik an ihm einzuholen, welche es durch seine Verstrickung in den kolonialen Raubkunstkontext genauso provoziert wie durch den revisionistischen Prunk seiner Architektur in Anlehnung an die preußische Monarchie, wirkt letztlich konsequenzlos und inszeniert.

Ähnlich schief fühlt es sich an, Armin Laschet in einem CDU-Wahlwerbespot auf dem Holocaustmahnmal mit Lea Rosh und Josef Schuster diskutieren zu sehen. Nicht, weil es nicht löblich wäre, dass eine deutsche Partei versucht, ihr Commitment zu lebendiger Erinnerungskultur auszudrücken – jede ernstzunehmende deutsche Partei sollte das tun. Aber wie aufrichtig ist dieses Commitment der CDU? Gerade vor dem Hintergrund einer inzwischen Mainstream-tauglichen Rhetorik der Spaltung, die in From eines verkürzten Engagements gegen Antisemitismus je nach Gusto immer wieder auch gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland in Anschlag gebracht wird? Zudem wirkt das Bild des Holocaust-Mahnmals als austauschbares Wahlwerbespot-Material eher wie ein sich selbst bespiegelndes Klischee, nicht wie ein ernstzunehmendes Symbol. 

Im Jahr 2012 interviewte ich den in diesem Jahr verstorbenen Bildhauer Dani Karavan in seiner Wohnung in Tel Aviv zum damals noch nicht eröffneten Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma in Eruopa. Im Unterschied zum Völkermord an Jüdinnen und Juden wurde der Völkermord an Sinti und Roma in Deutschland erst 1982 offiziell anerkannt.

Ich fragte Karavan, ob er es angesichts der Ungleichbehandlung der Opfer im Nachkriegsdeutschland angebracht fände, das Gedenken auf unterschiedlichen Ebenen und an unterschiedlichen Orten zu verhandeln? „Nein“, sagte Karavan, der in seiner Kunst stets das Verbindende suchte, „es hätte ein gemeinsames Denkmal geben sollen!“ Karavans Vorstellung des Denkmals war ein Ort Laokoon’schen Eingedenkens. Das Wasserbassin, wie er es sich vorstellte, sollte sehr dunkel und tief sein. „Letztlich wurden nur 17 Zentimeter genehmigt“, erzählte er, während die Sonne durchs Fenster brach, „ich habe für Tiefe gekämpft, bin aber an deutschen Gesetzen gescheitert.“

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