Berlin - Bis vor nicht allzu langer Zeit war das hier mal eine öffentliche Toilette: Das ist selbst für Hermannstraßenverhältnisse eine Ansage. Diese zieht sich bekanntlich von der Kottbusser Brücke Richtung Hermannplatz, quält sich dann den Berg rauf, bis sie schließlich an der nach ihr benannten U- und S-Bahnstation ankommt. Viel zu sehen gibt es fraglos, neben Handyshops und Baklava-Spätis auch immer mehr Sauerteig-Flat-White-Läden. Im Kern bleibt sie aber eine der härtesten Straßen der Stadt, wie gemacht für eine Clan-Serie bei Netflix. Und dann das: Kurz vor ihrem südlichen Ende überrumpelt sie einen mit makelloser Schönheit. Ein Backsteingebäude, unschwer als Kirche zu erkennen, in deren ehemaligem Krematorium sich das Café 21 Gramm befindet (guter Flat White). Daneben ein hingeducktes Eckhäuschen mit vielleicht zehn Quadratmetern Grundfläche. Es braucht kein Panzerglas, aber doch eine stabile Fensterfront, um die wie Kunst aufgereihten Schnittblumen vor weggeschnippten Kippen und Wegbierflaschen zu beschützen. Neben einem geöffneten Fenster steht ein Schild: „Für Blumen bitte klopfen“.

Mihaela Todirascu, die sich selbst Misha nennt, wartet schon. Eine zierliche Frau, die in der Berghainschlange ziemlich sicher ihren Ausweis vorzeigen müsste, dabei ist sie letzte Woche 28 geworden. Kinnlanger brauner Bob mit Spitzen im Farbton der Paradiesvogelblume, frühlingswiesenfarbenes Crop Top, derbe Stoffhose und Crocs mit Palmenmuster. Dazu Fingernägel in einem Fliederton und lange Ohrringe, die einen an das Wort „Goldregen“ denken lassen. Neben ihr macbookt Praktikant John, mit Vokuhila und Goldrahmenkassengestell. Beide sprechen englisch. Erst mal einen Kaffee trinken, John? Erst mal einen Kaffee trinken.

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