Tel Aviv - Ich erinnere mich noch, wie wir bei unserem letzten Treffen gemeinsam durch Akkon liefen: von seinem berühmten Fischrestaurant Uri Buri zu seinem mittlerweile auch schon ziemlich berühmten Hotel Efendi. Uri Buri, der eigentlich Uri Jeremias heißt, aber den alle nur unter seinem Spitznamen Uri Buri (Buri ist das hebräische Wort für Meeräsche) kennen, ging mit schnellen Schritten durch die Altstadt. Sein runder Bauch hüpfte leicht über dem Gürtel auf und ab und sein langer weißer Rauschebart wehte im Meereswind voran. Und während wir so über die holprigen Wege der Kreuzfahrerstadt marschierten, grüßten alle, wirklich alle Menschen, die wir unterwegs trafen, egal ob mit Kopftuch oder Kippa, Uri Buri mit einer ganz besonderen Herzlichkeit. Hier und da wechselte er ein Wort mit dem einen oder anderen, winkte, nickte. Und ich lief neben ihm und dachte, Uri Buri ist hier in Akkon so etwas wie der King.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

Wie werde ich glücklich? Ein Selbstversuch bei einem Online-Kurs der Yale-Universität, der das Glück lehren will

Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

Neues Gesetz zum autonomen Fahren: Ein Porträt eines deutschen Unternehmers, der die Technik dazu liefert

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Uri Buri hat so eine Wirkung auf Menschen. Er reißt einen mit, wenn er anfängt zu erzählen. Seine Witze, seine Anekdoten. Seine Liebe zum Essen. Wenn er einem im Tiefkühlraum ein Stück Fisch in die Hand drückt: „Hier, probier’ mal“, oder wenn er das Lachs-Sashimi in Meerrettichsorbet rüberschiebt und dabei grinst: „Ich sage immer, ein Lachs ohne Meerrettich ist wie ein Kuss ohne Schnurrbart“, dann kann man ihn nur lieben. Uri Buri sagt das übrigens auf Deutsch, seine Vorfahren kamen aus Deutschland.

Und nicht nur veröffentlicht er seine Kochbücher in Deutschland, es sind eigentlich auch fast immer ein paar deutschsprechende Gäste in seinem Restaurant, um sich dort die Schrimps mit Artischocken auf schwarzen Nudeln oder das Ceviche mit Kapern auf der Zunge zergehen zu lassen. Gelernt hat Uri das Kochen nie, er ist Autodidakt. Für seine Speisen hat er eine ganz eigene Philosophie entwickelt: „Mein Essen hat seine eigene Ästhetik. Ich nutze nie mehr als acht Zutaten pro Gericht, serviere kleine Portionen. Nicht, weil ich mehr Profit machen will, sondern weil jedes Gericht für vier, fünf Bissen fantastisch ist, dann wird es langweilig.“

Uri Buri ist ein Typ. In Israel kennt ihn fast jeder. Seine Entscheidung, 1989 von Naharijah, einer mehrheitlich jüdischen Stadt, in der Uri Buri sein erstes Restaurant hatte, in die arabisch-jüdisch gemischte Stadt Akkon umzuziehen, war kein Zufall. Niemand glaubt so sehr an Koexistenz, an das jüdisch-arabische Zusammenleben wie der 77-jährige Uri Buri. Sein Team ist bunt gemischt – in seinem Restaurant, in seiner Bäckerei (wo vor allem arabische Frauen arbeiten) und in seinem Hotel. Dass es bei den aktuellen Unruhen in jüdisch-arabischen Städten ausgerechnet Uri Buri erwischt hat, trifft das ganze Land. Im Fernsehen zeigen sie in mehreren Sendungen sein ausgebranntes Restaurant, das fast komplett zerstörte Hotel. Ich erwische Uri am Telefon, als er nach einem langen Tag endlich zu Hause bei seiner Frau angekommen ist: „Wir können reden, aber ich weiß nicht, ob ich noch Kraft habe“, sagt er mir gleich am Anfang, seine Stimme klingt müde. Und dann erzählt er doch über eine Stunde lang, was ihm passiert ist und momentan durch den Kopf geht. Am Ende klingt er wieder so kämpferisch und leidenschaftlich, wie ich ihn kennengelernt habe.

AFP
Das zerstörte Restaurant von Uri Buri

Uri Buri, können Sie uns erzählen, was genau passiert ist am 11. Mai?

Ich sollte an dem Tag eigentlich gar nicht im Haus sein, aber es war ein komischer Tag und ich hatte ein komisches Gefühl. Also habe ich meine Frau und meine Tochter mitgenommen und wir sind noch mal ins Restaurant gefahren. Gegen zehn Uhr abends kamen plötzlich vier maskierte Leute und fingen an, Steine in die Fenster zu schmeißen und mit Hämmern auf die Scheiben einzuschlagen. Meine Gäste gerieten in Panik. Ich habe dann meine arabischen Freunde gebeten, zu kommen und die Gäste ins Hotel zu begleiten. Das Hotel ist nur ein paar Gehminuten vom Restaurant entfernt. Und während ich das noch organisierte, bekam ich einen Anruf, dass jemand einen Molotowcocktail ins Hotel geworfen hatte. Also habe ich mir Feuerlöscher und zwei meiner Köche geschnappt und wir sind zum Hotel gelaufen.

Wie war die Situation im Hotel?

Dort hatten bereits die arabischen Nachbarn versucht, das Haus zu löschen, aber in kürzester Zeit war alles voller Rauch. Wir haben dann versucht, die Leute so schnell wie möglich aus den Zimmern zu retten. Wir waren ausgebucht, alle zwölf Zimmer – vor allem mit älteren Leuten. Ich habe angefangen, mich um ein Ersatzhotel in Naharijah für meine Gäste zu kümmern – dann kam der Anruf, dass nun auch das Restaurant brannte. Da bin ich natürlich sofort zurückgerannt, meine Frau und meine Tochter waren ja noch dort.

Was hatten Ihre Frau und Ihre Tochter dort erlebt?

Heute Morgen hat mich ein holländischer Journalist gefragt, ob es meiner Frau gut geht, ob alles wieder normal ist für sie. Da habe ich ihm geantwortet, meine Frau war nie normal, sonst hätte sie nicht mich geheiratet (lacht). Im Ernst, meine Frau und meine Tochter hatten sich auf der Toilette versteckt, als die Angreifer zurückkamen und begannen, drinnen im Restaurant alles kurz und klein zu schlagen. Und plötzlich riefen die Brandstifter, dass sie nun das Restaurant abbrennen würden. Da sind meine Frau und meine Tochter rausgelaufen. Ich bin dann gekommen und habe versucht, das Feuer mit Feuerlöschern einzudämmen. Wir haben anderthalb Stunden auf die Feuerwehr und Polizei gewartet. Die waren alle zum Einsatz in Jerusalem abgezogen.

Sie führen seit 1989 ihr Restaurant in Akkon, seit 2012 auch ein Hotel. Gab es in der Vergangenheit Anfeindungen?

Imago
Die Hafenstadt Akkon, in der Uri Buri lebt und arbeitet

Man hat immer Feinde. Es gab auch in Naharijah (dort lebt Uri und hatte sein erstes Restaurant vor dem Uri Buri, Anm. d. Red.) Leute, die mir nichts Gutes wollten. Die Leute sind neidisch. Und ich bin auch nicht gerade jemand, der immer im Konsens mit allem und jedem lebt. Ich sage immer, was ich glaube, und glaube, was ich sage. Das kommt nicht überall gut an. Aber ich bin in Akkon beliebt. Ich habe damit gerechnet, dass mir einer mal einen Stein ins Fenster schmeißt, um etwas Druck abzulassen. Aber niemals hätte ich gedacht, dass jemand so blöd sein kann, ein einmaliges Haus wie unser Hotel zu zerstören. Für mich war so eine Eskalation nicht vorstellbar und ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Thema Koexistenz, habe auch in meinem Buch („Uri Buri – meine Küche: Israels legendärer Koch in seinem Element“, Graefe und Unzer, 2020) darüber geschrieben. Einige Idioten haben einen unglaublichen Schaden anrichtet.

Wer waren diese „Idioten“?

In Akkon hatten wir vielleicht 300 Randalierer. Hauptsächlich Kriminelle. Wissen Sie, die arabischen Städte in Israel haben schon seit langem mit Kriminalität zu tun. Es gibt viel Gewalt, viele Schießereien der Araber untereinander und die Polizei hat irgendwann nicht mehr versucht, dagegen etwas zu tun. Man hat die Städte sich selbst überlassen.

Warum eskalierte die Situation gerade jetzt?

Wir steckten in den Tagen vor den Angriffen gerade mitten in den Diskussionen, ob eine islamische Partei eine neue israelische Regierung unterstützen kann – das hat einigen Radikalen nicht gepasst. (Er hustet schwer.) Das sind noch die Reste vom Schützenfest letzte Woche. Ich habe wohl etwas viel Rauch eingeatmet bei dem Feuer.

In Ihren Häusern arbeiten Juden und Araber Seite an Seite, Sie halten Vorträge zu dem Thema. Trotzdem kam der Angriff von arabischer Seite.

Kein Hass, keine Enttäuschung, kein Selbstmitleid. Ich habe meine Emotionen auf lautlos geschaltet, mich nur auf die Ratio konzentriert, wie ich unser Restaurant schnell wieder aufbaue. Ich habe mich heute mit anderen Restaurantbesitzern, vorwiegend arabischen, aus Akkon getroffen und wir haben darüber gesprochen, dass wir jetzt keine Boykotts brauchen. Ich will, dass die Leute weiter in arabische Restaurants gehen. Auch heute Abend saß ich mit 15 Leuten im Museum Haus der Ghettokämpfer in Akko zusammen, darunter der Hauptrabbiner der Stadt Josef Yashar und der Imam der größten Moschee von Akko, Sheikh Samir Assi, und wir haben darüber diskutiert, wie wir jetzt weitermachen.

Was muss jetzt passieren, damit die beiden Seiten einander wieder vertrauen können?

Wir müssen zweifellos Konsequenzen ziehen. Ich will nicht über Politik reden, aber wir brauchen eine Änderung in unserer Regierung. In Akkon brauchen wir mehr Initiativen für die Jugendlichen. Mehr Projekte, die jüdische und arabische Kinder und Jugendliche zusammenbringen. Es gibt Juden, die waren noch nie bei Arabern zu Hause und umgekehrt. Arabisch ist immer noch kein Pflichtfach an israelischen Schulen. Die können sich zum Teil nicht mal richtig unterhalten. Wir dürfen jetzt nicht in ein paar Wochen einfach alles vergessen, was passiert ist, und so weitermachen wie vorher. Wenn wir jetzt nicht handeln, sind wir bald wieder an dem gleichen Punkt.

Wie haben die Leute in Akkon darauf reagiert, was Ihnen passiert ist?

Ich habe unendlich viel Anteilnahme erfahren, nicht nur aus Akkon und Israel, sondern von Menschen auf der ganzen Welt. Das war herzerwärmend. Viele wollten sofort Geld spenden, aber ich will keine Spenden. Da gibt es genug Leute auf der Welt, die das dringender brauchen als ich. Ich werde sicher mit der ganzen Bürokratie und so jetzt auch auf finanzielle Schwierigkeiten stoßen, aber ich werde die Situation schon managen.

Können Sie schon einschätzen, wie hoch der Schaden an Ihren Häusern ist?

Das kann ich noch nicht sagen. Wir schreiben gerade alles auf, es gibt viel Bürokratie, um die wir uns kümmern müssen. Das wird mindestens noch eine Woche dauern. Und dann können wir hoffentlich mit den Renovierungsarbeiten anfangen. Ich hoffe, dass wir das Restaurant in zwei, drei Monaten wieder öffnen können. Mit dem Hotel ist das deutlich komplizierter, da steht alles unter Denkmalschutz, muss restauriert werden.

Sie sind jetzt 77 Jahre alt. Sehen Sie in Akkon Ihre Zukunft?

Es gibt keine andere Option und ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, Akkon zu verlassen. Wenn man einmal anfängt wegzulaufen, dann muss man immer und überall weglaufen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.