Berlin - Laut einer großen Versicherung ist die Anzahl der Unfälle in deutschen Haushalten mit tödlichem Ausgang doppelt so hoch wie im Straßenverkehr. So weist das Statistische Bundesamt für das vorletzte Jahr mehr als 10.000 Tote durch Haushaltsunfälle aus. Das war bislang immer ein willkommenes Argument für mich, meine Fenster entweder gar nicht oder nicht selbst zu putzen. Ich sehe mich einfach nicht im fünften Stock aus dem Fenster hängen, um eine doofe Statistik zu bereichern, weil ich in Folge im Innenhof auf dem Pflaster aufgeschlagen bin.

Doch eigentlich war ich auch immer nur zu faul, denn ich habe – um mit Anke Stelling zu sprechen – bodentiefe Fenster und davon auch noch recht viele, obwohl meine Wohnung nicht groß ist. Vergangenes Jahr engagierte ich einen Fensterputzer, der zwar einen angemessenen Preis für Fläche und Dauer berechnete, im Ergebnis seiner Arbeit aber zu wünschen übrig ließ: Als die Sonne auf die Glasflächen schien, zeigten sich überall Schlieren. So kann ich das auch und putze nach. Von einem gänzlich untypischen Ehrgeiz, was meinen Haushalt betrifft, machte ich mich, bewaffnet mit einem Glasreiniger und Küchenrolle ans Werke und hat im Nu alle Fenster eingesprüht und gewienert. Das Ergebnis? Die Scheiben waren immer noch schlierig. Fensterputzen ist eine Kunst, für die man eine zwanghaft reinliche Ader braucht, meine Mutter polierte mit Zeitungspapier nach, böse Zungen behaupteten, dass sie alleine aus diesem Grund ein Tageszeitungs-Abonnement behielt, und die Scheiben waren danach so sauber, als ob sie gerade eingesetzt worden wären. Eine höllische Plackerei, der ein Einseifen aller Flächen und das Reinigen mit klarem Wasser vorausging.

Die Martha Stewart von Kreuzberg und ihr Abzieher mit Gummikante

Für so was bin ich, wie erwähnt, viel zu faul, wollte aber auch in Zukunft der Umwelt zuliebe nicht wieder geschätzte 34 Rollen Küchenpapier verschwenden und zog deshalb Martha Stewart zu Rate. Die amerikanische Haushaltsikone mit dem sandgestrahlten Charme ist eine super Inspirationsquelle und ihr „Homekeeping Handbook“ widmet sich natürlich auch dem Fensterputz. Stewart empfiehlt die Arbeit mit einem klassischen Abzieher mit Gummikante, nur zu klein sollte er nicht sein, sonst schrubbt man sich doof. Die Autorin und Moderatorin rückt dem Schmutz zuvor mit Geschirrspülmittel oder weißem Essig zu Leibe, den Essig gemischt mit warmem Wasser in einer Mischung 1:1.

Beginnend am oberen Rand der Fenster arbeite ich mich so nach unten vor und wische nur am Sims-Rand mit etwas Tuch nach und danach das fast trockene Fenster mit ein wenig Küchenpapier. Und was soll ich sagen? Die Fenster sehen super aus für einen Anfänger und solange die Sonne nicht zu sehr scheint, gebe ich mich der Illusion hin, die Martha Stewart Kreuzbergs zu sein. Die echte Stewart indes empfiehlt zudem noch die regelmäßige und gründliche Reinigung der Fenstergriffe und Rahmen und hat sogar Tipps für oxidiertes Rahmenmetall. Meine Fenster sind zum Glück klassische Thermopen-Ware mit Kunststoffrahmen, die man unbedingt regelmäßig mit Seife reinigen sollte, um dem Gilb des weißen Plastiks vorzubeugen. Nichts sieht schlimmer aus als der Gelbstich, als ob man über Jahre die Bude vollgequalmt hat.


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