Berlin - In der DDR wurde man schnell erwachsen. Freiheit war dort kein abstrakter Begriff. Sie definierte sich über ihr Gegenteil: ganz konkret auch an den Grenzen, an die man überall stieß, egal ob aus Draht und Beton oder aus Papier, Blicken und Gedanken.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Aken

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Wer nicht völlig ignorant oder opportunistisch war, musste sich frühzeitig entscheiden zwischen Mitmachen und Raushalten. Ganz anders in Lehrte bei Hannover, Niedersachsen, BRD, Anfang der 80er-Jahre. In seinem Debüt „Kleinstadtnovelle“ beschrieb der Dichter Ronald M. Schernikau seine Heimat als ein Vakuum, in dem zwar alle möglichen Freiheiten vorhanden waren, sich aber letztendlich niemand für die Resultate der erzeugten Reibungen interessierte. Alles war nett, nichts stieß irgendwo an. 

Nach den Filmen folgt die Debatte

Um dieser Lethargie zu entkommen, siedelte Schernikau 1986 in die DDR über. Hier wurde ihm einer der begehrten Studienplätze am Leipziger Literaturinstitut zur Verfügung gestellt, als Loyalitätsbeweis trat er in die SED ein. Auf dem letzten Kongress des Schriftstellerverbandes nannte er den 9. November 1989 einen Sieg der Konterrevolution. Zwei Jahre später war er tot.

Der tragische „Fall Schernikau“ spricht Bände über deutsch-deutsche Missverständnisse. Was bedeutet es nun, wenn mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR die junge Künstlerin Caroline Pitzen im Titel ihres Filmdebüts auf Schernikau verweist und ihn auch visuell zitiert? „Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun“ heißt ihr 70-minütiges Gruppenporträt.

In ihm spielen fünf Berliner Jugendliche quasi sich selbst. Sie sitzen auf Wiesen, Dächern und Wegen, drehen sich Zigaretten oder trinken Club-Mate. Und sonst tun sie vor allem eins: Sie reden, reden und reden. Es geht ausschließlich um politische, sprich linke Positionierungen. Und tatsächlich geistert auch bei ihnen kurz die Vorstellung von der DDR als „Alternative zur BRD“ herum. Dies wird aber sofort auf sanft-ironische Weise gebrochen. 

Caroline Pitzens Film läuft jetzt als Open-Air-Event im Rahmen der „Woche der Kritik“. Im Vorprogramm wird ein auf 16mm gedrehter Experimentalfilm aus Indien gezeigt. Auch hier geht es um politische wie private Identitätssuche. Nach den Vorführungen folgt noch eine Debatte. Der diskursive und auch etwas sperrige Ansatz des Abends steht in reizvollem Kontrast zur eher partyhaften Einbettung in der Hasenheide.

„Woche der Kritik“ im Freiluftkino Hasenheide, am 8. Juni ab 21.45 Uhr. Gezeigt werden die Filme „Letter from your far-off Country“ und „Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun“. Anschließend Debatte u. a. mit Caroline Pitzen und Angelika Levi.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.