Bad Belzig - „Okay Guys, macht euch bereit, wir schalten gleich für zwei Minuten das Internet ab.“ Nur kurz schauen die in der holzvertäfelten „Beer & Breakfast“-Bar Sitzenden von ihren Tablets, Laptops und Smartphones auf, dann arbeiten sie weiter. Zwei Minuten, das geht schon klar, auch wenn im Gegensatz zu vielen anderen ländlichen Regionen ein stabiles Netz hier nicht die Ausnahme ist, sondern Geschäftsmodell. Willkommen im Coconat, einer neunzig Kilometer südlich von Berlin gelegenen Community, die Leben und Arbeit gut gelaunt vermischt. 

Workation heißt das auf Englisch, und Englisch wird hier mindestens so viel gesprochen wie Deutsch. Brandenburger Dialekt? Fehlanzeige. Was nicht heißt, dass die Türen des 200 Jahre alten Gutshofs nicht auch Einheimischen offen stehen. Wer nett fragt, kriegt das Wlan-Passwort. Klein Glien mit seinen siebzig Einwohnern macht seinem Namen alle Ehre. Andererseits liegt die Teilgemeinde von Bad Belzig nur wenige Gehminuten von der zweithöchsten Erhebung Brandenburgs entfernt, dem Hagelberg (200 Meter).

Nähe zu Berlin

Seit 2017 befindet sich hier eines der zeitgeistigsten Projekte des Landes. Ein hübsch sanierter Gutshof mit 2000 Quadratmeter Wohnfläche, Pizzaofen, Schwimmteich, einer zum Yogastudio umfunktionierten Remise. Und Arbeitsplätzen, in der Bibliothek, der Scheune, dem telekom-pinken Damensalon. Von der Sauna aus ist eine Frau zu hören, die sich für ihre Stimmübungen in den verglasten Bauwagen zurückgezogen hat. Dass Janosch Dietrich und seine Partnerin Julianne Becker ausgerechnet im Naturpark Hoher Fläming ihre Vision umsetzten, war jedoch eher Zufall.

Foto: Eva Biringer
Die US-amerikanische Schriftstellerin Nell Zink lebt in Bad Belzig. Die Berliner Zeitung hat sie getroffen.

„Ein Argument war sicher die Nähe zu Berlin. Eine Stunde mit dem Regionalzug bis zum Hauptbahnhof, ab 2022 im halbstündigen Takt“, erklärt der Gründer beim Abendessen, es gibt Süßkartoffeln in Tomatensoße und Chili sin Carne. Bei Dietrich, brauner Wuschelkopf, Typ Businesshippie, kann man sich gut vorstellen, wie er vor einigen Jahren barfuß Fahrrad fahrend die digitale Revolution mit angestupst hat. Auch dank des Coconats darf sich Bad Belzig „Smart Village“ nennen und „Modellkommune für digitale Verwaltungsdienstleistungen“.

Motor der gesellschaftlichen Entwicklung

So läuft beispielsweise ein Großteil der städtischen Verwaltung über eine App, was, wie das Faxdebakel des Berliner Gesundheitsamtes gezeigt hat, keineswegs selbstverständlich ist. Zu verdanken hat das die 11.000-Einwohnerstadt unter anderem dem parteilosen Bürgermeister Roland Leisegang, ehemals Mitglied der Rockband Keimzeit, sowie Frank Friedrich von der Stabsstelle für Digitalisierung. Hinterm Mond leben sie hier wahrhaftig nicht, sondern hinterm Hagelberg, mit Highspeedinternet.

„Das Geile am Land ist, dass du hier alles machen kannst“, schwärmt der aus Hessen stammende Janosch Dietrich, der im früheren Leben Filmfestivals organisierte. „Im Gegensatz zu Berlin herrscht hier regelrechter Raumwohlstand.“ Für rund 360.000 Euro haben er und seine Partnerin damals den ehemaligen Adelssitz gekauft, dafür kriegt man in Berlin kaum eine Drei-Zimmer-Wohnung. Für die nahe Zukunft hat der 42-Jährige große Pläne. Ein Tiny-House-Dorf, Baumhausbüros, ausgebaute Radwege und Sternhäusersilos.

Foto: Eva Biringer
Eine Naturbetrachtung in der Nähe von Bad Belzig

Auch eine lokale Talkshow und den Podcast Kaff Geplapper, weil ihm als Kommunikationswissenschaftler Medienvielfalt am Herzen liegt. „Im Prinzip sind wir der Motor für gesellschaftliche Entwicklungen, die sowieso stattfinden, von Digitalisierung bis zum Monsterthema Landsehnsucht.“ Dafür kommen Menschen aus der ganzen Welt. Zehn Firmen haben im Coconat ihren offiziellen Sitz, viele weitere von Greenpeace bis Deutsche Bahn treffen sich hier zu Seminaren. Der Großteil der fünfzig Schlaf- und Arbeitsplätze entfällt allerdings auf Einzelpersonen, die hier Kunstfestivals planen oder Doktorarbeiten schreiben. Wer woran arbeitet, verrät eine Wand voller Polaroid-Aufnahmen: Von „Recherche“ über „Balance“ bis hin zu „bin dabei, es rauszufinden“ ist alles dabei.

Oberflächlich betrachtet hätte auch Nell Zink gut ins Coconat gepasst. Eine Romane schreibende Amerikanerin mit einem Faible für den deutschen Osten. Nach wenigen Minuten Spaziergang bestätigt sich allerdings das Gegenteil: Digitalisierung, nein danke.

Bekannt wurde die aus dem kalifornischen Corona – ja, den Witz kriegt sie jetzt öfter zu hören – stammende Autorin mit ihrem vor sieben Jahren erschienenen Debüt „Der Mauerläufer“. Danach hat sie fünf weitere Bücher veröffentlicht, das sechste soeben fertiggestellt. Seit 2013 lebt sie in Bad Belzig, in einer Einzimmerwohnung, ohne Smartphone. Auf dem Weg zu einem ihrer Lieblingsorte, dem nach dem gleichnamigen DDR-Künstler benannten Roger-Loewig-Haus, kauft sie eine Tüte Aniskekse beim syrischen Lebensmittelhändler.

Zinks Gesicht ist völlig faltenfrei, ihre glatten, grau melierten Haare fallen über einen Wildledermantel, unter dem sie eine Cord-Latzhose trägt. Ihr leicht akzentuiertes Deutsch schillert vor Sprachwitz, den sie sich unter anderem während ihrer Promotion in Tübingen angeeignet hat. „Am liebsten würde ich ja im Schwabenländle wohnen“, erklärt sie mit forschem Schritt durch die hübsch sanierte Altstadt. Dass es Belzig – die Insider lassen das Bad weg – geworden ist, lag an der Vorliebe der Schwaben für Berlin, wo viele ihrer Freunde gelandet sind, und der Nähe zu ihrem Freund in Sachsen-Anhalt.

„Die Uckermark hat zwar tolle Seen, ist aber ganz schön entlegen. Und als Schriftstellerin schätze ich die Einsamkeit.“ Auch die günstigen Lebenshaltungskosten. Schon seit einigen Jahren beobachtet sie einen Beliebtheitsanstieg: „Früher war der Zug ab Michendorf leer, irgendwann dann ab Beelitz und jetzt steigen jede Menge Pendler erst in Belzig aus und ein.“ Manche kommen für ein Wochenende, andere für ganz.

Arbeit steht im Vordergrund

Mit Flat-White-trinkenden MacBook-Usern im Eiscafé zur Postmeile ist allerdings vorerst nicht zu rechnen. Nein, einen Coconat-Effekt sieht die 57-Jährige nicht. Sehr wohl aber einen ZEGG-Effekt. „Das sollten Sie sich anschauen.“ Das 1991 gegründete Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) liegt etwas außerhalb, ein verwachsenes Gelände mit Dorfkneipe, Schwimmteich und Internetcafé, geöffnet von 8 bis 23 Uhr. In der Vergangenheit hat die dort lebende Gemeinschaft – aktuell rund hundert Personen – durch den Vorwurf, eine Psychosekte zu sein und Pädophilie zu fördern, Unmut auf sich gezogen, inzwischen sprechen Lokalpolitiker von einem „bedeutenden Wirtschaftsfaktor“ und einer „Bereicherung für das Denken der Menschen in diesem dünn besiedelten Landstrich“.

Foto: Eva Biringer
Mehr Infos

Anreise: Mit dem RE7 von Berlin aus direkt bis Bad Belzig. Zum Coconat nimmt man entweder den Bus 588 oder 555 oder das eigene Fahrrad. Coconat: 1 Übernachtung kostet ab 20 Euro auf dem Zeltplatz, 30 Euro im Mehrbett- oder 66 Euro im Einzelzimmer. Je länger der Aufenthalt, desto günstiger wird es. Im Preis inbegriffen sind drei vegetarische Mahlzeiten sowie Tee, Kaffee, Wasser und Snacks. Die Saunanutzung kostet 20 Euro Grundgebühr und 5 Euro pro Stunde und Person. https://coconat-space.com/de/

Haus am See: Hübsch am Wasser gelegenes Restaurant, das Kuchen und Burger serviert. https://haus-am-see-badbelzig.de

Café und Chocolaterie Burg Eisenhardt: Der Pflichtbesuch der historischen Burganlage lässt sich gut mit einem Stück Schokotorte verbinden. https://www.facebook.com/ursischocolaterie

Es ist leicht, sich über Liebesakademien und Schoßraum-Prozessbegleitungen lustig zu machen, dabei sind das ZEGG und das Coconat genau genommen zwei Seiten einer Medaille, beides außerstädtische Mikrokosmen auf der Suche nach einer besseren Welt. Die einen nennen es gewaltfreie Kommunikation und Permakultur, die anderen Photovoltaik und Concentrated work in Nature. Mit dem Unterschied, dass im Coconat die Arbeit im Vordergrund steht und im ZEGG das Leben. Ganz ähnlich sieht das auch Janosch Dietrich. „Ohne das ZEGG und dessen Mindset würde es uns nicht geben, die haben Pionierarbeit geleistet.“ Einige seiner Mitarbeiter wohnen dort und, das ist die schönste Pointe, das Wlan wurde von deren IT-Experten eingerichtet.

Tantraseminare gibt es in Klein Glien nicht, aber geführte Meditationen, wie dem gegenüber der Rezeption angebrachten Wochenplan zu entnehmen ist. Dieser Spirit soll nicht nur auf all jene übergehen, die achtzig Euro pro Tag für Bett, Arbeitsplatz und drei vegetarische Mahlzeiten bezahlen, sondern auch auf die Dorfgemeinschaft, wie Julianne Becker am nächsten Morgen im Kaminzimmer betont.

Die sympathische Amerikanerin drehte nach einem Kunststudium unter anderem Filme für den WWF in Vietnam – wo sie Dietrich kennenlernte – und landete 2010 in der Berliner Start-up-Welt. Ihr Geschäftsmodell Co-Working-Space war damals noch neu, heute findet es viele Nachahmer. „Allen, die etwas Ähnliches vorhaben, rate ich, sich den Ort vorher genau anzuschauen.

Mit den Bad Belzigern hatten wir großes Glück.“ Diese sind herzlich eingeladen, das Vorhandene zu nutzen, vom mit Lasercutter ausgestatteten Maker’s Space über die Naturkosmetikwerkstatt bis hin zu einem ausrangierten Berliner S-Bahn-Waggon als externem Büro. „Vom Co-Working allein können wir nicht leben“, erklärt die 42-Jährige. „Wir verstehen uns als Hub, das Ideen und Arbeitskraft bündelt.“

Im Schnitt bleiben Gäste vier bis fünf Tage, manche aber auch wesentlich länger,, gerade jetzt. Das, was bis vor Kurzem nur den digitalen Nomaden vergönnt war, die flexible Verlegung des Arbeitsplatzes dahin, wo es schön ist, betrifft durch die Homeworkisierung nun sehr viel mehr Menschen. „Zu Hause ist da, wo Wlan ist“, steht auf einem Schild in der Kneipe geschrieben. Daran sollten auch ein paar internetfreie Minuten nichts ändern.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.