Berlin - Funken fliegen, es riecht nach geschmolzenem Stahl. Martin Röder geht wie jeden Tag durch die Werkshalle seiner Gelenkwellenfabrik in Stadtilm. Er ist jetzt fast 70 Jahre alt, ein Mann im Rentenalter, der nicht loslassen kann. Links und rechts des Mittelgangs entstehen die tonnenschweren länglichen Ungetüme, die Röder aus dem kleinen Dorf im Thüringer Wald in die ganze Welt verkauft. Sie hängen an Ketten, werden gerade eingefettet oder liegen auf hölzernen Paletten zum Abtransport bereit.

Sie sind der Stoff, der Röder und seine Familie in den vergangenen 30 Jahren reich gemacht hat. Doch der Mann interessiert sich an diesem Morgen nicht für die begehrten Endprodukte, sondern für die Menschen in den blauen Overalls, die hier täglich Präzisionsarbeit leisten. Als sie Röder sehen, stellen sie die Maschinen aus, nehmen Schutzmasken und Ohrschützer ab und kommen in den Mittelgang. Legen ihrem Chef die Hand auf die Schulter.

Das Verhältnis zu Röder und seiner Familie sei für viele ein besonderes, werden die Arbeiter nach der Schicht während einer Zigarettenpause in der kleinen Raucherecke vor der Fabrik sagen. In vielen Firmen wendeten sich die Angestellten von ihrem Chef ab, wenn der in den Betrieb komme, sagen sie. Hier sei das anders. „Er ist einer von uns. Ohne ihn gäbe es das alles hier vielleicht nicht“, sagt ein älterer Mitarbeiter, „er hat immer alles riskiert, für dieses Unternehmen und für uns gekämpft.“

Foto: zVg
Der ostdeutsche Unternehmer Martin Röder.

Heute, mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall, muss Martin Röder nicht mehr kämpfen. Mehr als 50 Millionen Euro Umsatz machte er mit seiner Firma im vergangenen Jahr, die Gewinnmargen liegen im zweistelligen Prozentbereich. Seit der Wende hat er mehr als 140 Millionen Euro in die Firma investiert. Die Gelenkwellen – das sind Antriebswellen mit Gelenken, die jedes Auto und jeder Schiffsantrieb braucht – seines Unternehmens werden heute an 500 Kunden in 48 Ländern geliefert. Sie stecken in Traktoren und Lkw von Daimler und MAN und in den Zügen der chinesischen Staatsbahn. Bei Schiffsantrieben ist der Thüringer Mittelständler mit seinen 350 Angestellten unangefochtener Weltmarktführer. Ein Hidden Champion, wie die Ökonomen dazu sagen.

Röder ist ein Unternehmer, wie es sie so viele im alten Westen Deutschlands gibt: im Sauerland, in Hessen oder auf der Schwäbischen Alb. Nichts Besonderes also, könnte man meinen. Und doch ist er im Osten Deutschlands immer noch die krasse Ausnahme. Röder nennt seinen Betrieb heute die „Insel der Einsamen“, denn die wenigen Filetstücke der DDR-Wirtschaft verscherbelte die Treuhandanstalt – der gehörten im Sommer 1990 in den neuen Bundesländern mehr als 12.000 größere Unternehmen, Ländereien und Immobilien von der 17-fachen Größe Mallorcas und 24.000 Kleinstbetriebe mit rund vier Millionen Angestellten, das sind zwei Drittel aller Erwerbstätigen in der DDR – vor allem an findige Westunternehmer mit guten Kontakten und vor allem mit Kapital.

1994 kauft Röder als einer von ganz wenigen DDR-Bürgern (heute sind mehr als 50 Prozent aller Betriebe in Ostdeutschland mit 250 Beschäftigten oder mehr in westdeutscher Hand) auf eigene Faust einen großen maroden Industriebetrieb von der Treuhand. Röder entspricht damit nicht dem West-Klischee von einem, der nach der Wende seinen Job verlor und nicht mehr auf die Beine kam. Röder lebt den Aufbruch, immer noch, auch mehr als 30 Jahre nach der Wende. Seine Geschichte erzählt von Mut, dem Glück des Tüchtigen und unbändigem Willen.

Florian Büttner
Die Unternehmerin Daniela Röder-Krasse und Tochter von Martin Röder.

Wer erfahren will, wie Martin Röder den maroden DDR-Betrieb, der einst 1800 Mitarbeiter hatte, innerhalb einer Generation aufbauen konnte, der muss mit ihm zurückreisen in die turbulenten Jahre des Mauerfalls.

Röder steuert seinen schweren Mercedes-Benz GLS über das abschüssige Werksgelände zur kleinen Baracke, in der die Geschäftsführung ihren Sitz hat. Aus dem Fenster seines kleinen Büros hat man einen guten Blick auf die 1943 erbauten Hallen des ehemaligen Rheinmetall-Rüstungsbetriebs, der während des Zweiten Weltkriegs Waffen für die Front herstellte und schon zu Ostzeiten den gesamten Ostblock mit Gelenkwellen versorgte.

Mit ruhiger Stimme erzählt Röder, wie er als damaliger Angestellter eines DDR-Betriebs für Landmaschinen gerade im Flieger zurück aus St. Petersburg sitzt, als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fällt, wie er mit seiner Frau und den Töchtern durch das Terminal läuft und auf keine Zöllner mehr trifft. „Auch wenn man damals nicht wusste, was passiert“, sagt er, „Angst hatte ich damals keine.“

Nur Tage danach setzt sich Röder mit ein paar Westmark in der Tasche in seinen kleinen Trabant und fährt einfach los, über die Transitautobahn Richtung Westen, überquert hinter Eisenach die Grenze, durchquert die Bundesrepublik, auf dem Weg ziehen die blauen Diamanten von Aral-Tankstellen und das goldene M von McDonald’s an ihm vorbei. Sein Ziel ist das holländische Venlo, das damalige Mekka der Champignon-Züchter Europas.

Röder will verstehen, wie die Holländer ihre Geschäfte machen, was sie mit ihren Speisepilzen verdienen. Denn schon zu DDR-Zeiten züchtet Röder Champignons in den Scheunen seines elterlichen Vierseitenhofs und verdient neben seinem Job damit jährlich mehr als 50.000 Ostmark. Das Fünffache seines Gehalts. Ein kleines Vermögen.

20 Jahre lang macht er das. Das Unterfangen ist zwar nicht legal im Sozialismus, aber die Restaurants und Hotels reißen sich um die begehrten Speisepilze. Röder beliefert die ganze DDR. Im Sommer kostet das Kilo 10, im Winter 12,50 Ostmark. „Wenn die Wende nicht gekommen wäre, hätte ich mich mit Champignons privat gemacht“, sagt Röder, „das lief wie verrückt.“ Von den Bauern in Holland will Röder in Venlo wissen, was sie in der Marktwirtschaft mit den Pilzen verdienen. „Nicht viel“, sagt er. Ein untrügliches Indiz für Röder sind die Automarken, die die Champignonzüchter fahren. „So wollte ich nicht leben“, denkt sich Röder, „zu viel Arbeit für zu wenig Geld.“

Florian Büttner
Ein Blick in das Werk des Unternehmers Martin Röder.

Damit passt Röder nicht ins West-Klischee vom DDR-Bürger, der keine Ahnung von der neuen Marktwirtschaft hat. Und von dem viele Westunternehmer glauben, man könnte ihm alles verkaufen. Und so entschließt sich Röder Anfang September 1993 am Tag des Geburtstags seiner Frau dazu, alles auf eine Karte zu setzen.

Er will das Gelenkwellenwerk, dessen Management-Team er nach der Wende angehört, zusammen mit zwei anderen ostdeutschen Managern kaufen. Einen Betrieb, der spätestens nach der Währungsreform im Juli 1990 – Exporte von DDR-Betrieben verteuerten sich durch die Einführung der D-Mark um das Vierfache – nicht mehr konkurrenzfähig produzieren kann. Die britische Zeitung The Guardian bezeichnete die D-Mark-Einführung damals als „ökonomische Atombombe“ für die DDR-Wirtschaft. Die Treuhand als Verwalter entlässt daraufhin mehr als 1000 Facharbeiter. Später gilt der Betrieb als nicht privatisierbar, weil die Treuhand ihn vergebens mehr als hundert potenziellen Käufern aus dem Westen angeboten hatte.

Und Röder hat für seinen Coup damals nicht viel Zeit. Zahlt spätestens im November keiner den Kaufpreis von 500.000 plus einer Sicherheit von weiteren acht Millionen DM, will die Treuhand das Gelenkwellenwerk abwickeln. Doch Röder hat einen Plan.

„Damals nach der Wende hat doch alle Welt nur an Golfplätze gedacht“, sagt Röder und kann sich dabei ein Lächeln nicht verkneifen. Schon ein paar Monate zuvor habe ihn ein Unternehmer aus Stuttgart angesprochen: Man könne doch einen Golfplatz und ein Thermalbad auf dem Land seines Vaters bauen. Röder sagt zu, auch wenn er insgeheim weiß, dass die Menschen im neuen Osten, die Geld haben, keine Zeit zum Golfspielen haben werden, und die, die Zeit haben, kein Geld für das teure Hobby aufbringen können.

Und so legt Röder bei der Deutschen Bank in Erfurt selbstbewusst einen Überplanungsvertrag im Gegenwert von sieben Millionen DM vor. Die Bank weiß damals noch nicht, dass nur die Therme am Ende gebaut werden wird, der Golfplatz jedoch nicht. Und so hat Röder neben seinen eigenen Sicherheiten die Finanzierung beisammen.

Was sich im Nachhinein hier wie unternehmerisches Kalkül liest, ist damals vom jungen Familienvater mit heißer Nadel gestrickt. Denn die Bank sichert sich für einen Ausfall Durchgriffhaftung, das heißt die Rente, der Bauernhof, die Ersparnisse, alles geht weg. „Keiner außer meinem Vater hat damals wirklich daran geglaubt“, erinnert sich seine Tochter Daniela Röder-Krasser in der Werkshalle, sie sitzt seit 2018 in der Geschäftsführung und war damals 16 Jahre alt. Und Röder erinnert sich an schwierige Gespräche mit seiner Frau.

Obwohl Röder die Finanzierung stemmen kann und es in endlosen Gesprächen schafft, die junge Familie „einzuschwören“, wie er heute sagt, traut man ihm den Kauf bei der Treuhand nicht zu. Und das, obwohl das Finanzamt schon Grunderwerbssteuer eingezogen hat und er für die ersten großen Aufträge von Mercedes-Benz und die Deutsche Bahn in Vorleistung gegangen ist.

Am 4. Januar 1994 um 10 Uhr morgens soll der Kaufvertrag in Berlin eigentlich unterzeichnet werden, doch zwischen den Jahren fordert die Treuhand jetzt plötzlich doppelt so viel für das Gelenkwellenwerk wie ursprünglich gefordert. Auch wenn es zeitlich unmöglich erscheint, Röder gibt nicht auf. Setzt alles in Bewegung, ist ständig in Kontakt mit der Bank, verhandelt mit dem Land Sachsen-Anhalt über eine Landesbürgschaft. Die er schließlich auch bekommt.

Doch die Treuhand hat schon wieder anderes vor mit dem Gelenkwellenwerk, das sie vor einigen Monaten ja noch schließen wollte. Jetzt soll es doch nicht an Röder verkauft werden, sondern die Mitarbeiter der Treuhand begünstigen jetzt einen Unternehmer aus Hessen, um Röder auszubooten. Doch der gibt sich nicht geschlagen und übt über die Presse Druck auf Berlin aus.

Die Bild titelt in ihrer Ausgabe vom 24. Januar 1994: „Laden läuft – plötzlich klopft ein Wessi an. Skandal um Gelenkwelle“. In der Bild-Zeitung sagt Röder: „Die Treuhand spielt Gott – die wollen uns Ossis nicht!“ Am Ende knickt die Treuhand schließlich ein und entscheidet sich mit einer knappen Mehrheit von vier zu drei Stimmen für den Thüringer Unternehmer. Im Februar 1994 wird der Kauf endlich besiegelt. Röder ist am Ziel. 2005 zahlt er seine Geschäftspartner aus und wird alleiniger Eigentümer der Fabrik.

„Mein Vater war schon immer durchsetzungsstark“, sagt Röder-Krasser heute über ihren Vater, den sie damals wegen seiner Arbeit nur wenige Stunden in der Woche sieht. „Er war schon zu DDR-Zeiten ein Querkopf, hatte immer seinen eigenen Kompass. Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, wäre das für ihn problematisch geworden.“

Bald darauf stürzt sich Vater Röder in die Arbeit. Hat das Vertrauen der Kunden und der Mitarbeiter und das Gefühl, es immer wieder zu schaffen. Das Unternehmen übersteht die folgenden Krisen – und vor allem die Finanzkrise nach 2008 – mehrheitlich unbeschadet und ist heute auch während der Corona-Krise besonders international gut im Geschäft. „Ich hab damals nicht gebrannt, ich hab geglüht“, sagt Röder in seiner Werkshalle, während er einen Transportaufkleber für eine Gelenkwelle für einen Unimog überprüft.

Heute zieht sich Martin Röder, der immer noch sein Büro in der Geschäftsführerbaracke hat, mehr und mehr aus dem operativen Geschäft zurück und überlässt seiner Tochter die Führung des Familienunternehmens. An den Nachmittagen fährt er gerne mit dem Traktor in den kleinen Wald, der schon seit Generationen seiner Familie gehört, und schlägt Holz. Und am Wochenende lädt er gerne Freunde zum Sautanz. Dann schlachten sie auf seinem Hof ein Schwein, machen daraus Wurst und Braten und trinken dann ordentlich Schnaps und Bier dazu.

Heute blickt Röder versöhnlich und gelassen auf die turbulenten Jahre der Wende, auch wenn er die Rede von Helmut Kohl von den „blühenden Landschaften“ innerhalb von „drei, vier, fünf Jahren“ nie für realistisch hielt. Man habe manche Regionen – in Brandenburg, an der polnischen Grenze oder die Uckermark – nach der Wende einfach vergessen. Da habe Lothar Späth (ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Anm. d. Red.) anders als Kohl eher recht gehabt: „Der sprach von mindestens einer Generation.“

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.