Berlin - Erlösung oder Apokalypse? Die eschatologische Sehnsucht nach Versöhnung, Erneuerung oder Reparatur der Welt, des Menschen, sie ist mindestens so alt wie die Religion selbst. Und wirkt dennoch aktueller denn je. Die Hoffnung auf Heilsversprechen hat den Dunstkreis der Metaphysik längst verlassen. Heute sehnen sich viele nach einer Auflösung verkrusteter Strukturen, nach dem Ende kriegerischer Gewalt, systemischer Diskriminierung, pandemischer Langeweile.

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Am 29. Mai 2021 im Blatt: 
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Wie diese Formen von Hoffnung bebildern? Die israelische Künstlerin Yael Bartana tut dies im Jüdischen Museum Berlin jetzt auf spektakuläre Weise. Das Herzstück ihrer bislang umfassendsten Werkschau „Redemption Now“ bildet die triptychonartig-monumentale Videoinstallation „Malka Germania“. Darin tritt eine gleichnamige, messianische Führerfigur auf, die, wie schon in den jüdischen Texten, auf einem Esel auf weltlichem Erdengrund einreitet, jedoch nicht gen Jerusalem, sondern gen Osten, auf das Brandenburger Tor zusteuernd.

Malka, die Gesalbte, ist eine Frau, allein das ist revolutionär. In ihrer endzeitlichen Erlösungsversion wird Berlin zum Schauplatz zionistischer Okkupation: Straßen in Mitte werden zu „Rechov Geula“ (Straße der Erlösung) oder „Rechov HaKovshim“ (Straße der Besatzer). Israelische Soldaten stürmen den deutschen Wald und das Reichstagsgebäude. Aus den Fenstern der Altbauten nahe des Alexanderplatzes zerbrechen nach bedrohlichen Sturzflügen die Kernbestandteile der deutschen Kultur: Goethe-Büsten, Luther-Bilder, Weihnachtsbäume. Wem das nicht reicht, der kann gegen Ende des 43-minütigen Films zusehen, wie aus dem Wannsee (wo sonst?!) in bombastischer Camp-Ästhetik ein dritter jüdischer Tempel emporsteigt.

Wer, oder was, wird hier erlöst? Das deutsche Nazierbe? Die jüdische Geschichte? Die Menschheit als solche? Wie so oft in Bartanas Arbeiten lassen sich solche Fragen nicht eindeutig aufdröseln. Ihr Film wirkt wie eine kippfigurenhafte Traumsequenz: Die dialektische Spannung zwischen mythologischem Pathos – der geradezu Riefenstahl’esken Überhöhung ihrer burschikosen Messiasfigur und der Rituale, die sie begleiten –, sowie der berechtigten Skepsis gegenüber dem nationalreligiösen Kitsch, die solch eine Überhöhung hervorruft, wird nie eindimensional lesbar sein.

Wer die Bilder in „Malka Germania“ als Inanspruchnahme des Religiös-Utopischen durch militarisierten Nationalismus versteht, und so auch als Infragestellung Israels als Apotheose jüdischer Geschichte, liegt sicher nicht ganz falsch. Die Inanspruchnahme jüdischer – und auch deutscher – Mythologie durch die zionistische Bewegung zieht sich wie ein roter Faden durch Bartanas Werke. Doch „Malka Germania“ ist zugleich auch eine scharfkantige Kritik des deutschen Schweigens über die persönliche Verstrickung in den Holocaust. Eine sensationelle Arbeit. Hanno Hauenstein

Yael Bartana
Eine Szene aus „Malka Germania“: Die israelische Künstlerin Yael Bartana spielt darin mit Riefenstahl’esker Bildästhetik.

Ein Interview mit Malka Germania aus der Zukunft

Wir schreiben das Jahr 2048. Wir haben uns mit Malka Germania getroffen und sie gebeten, einen Rückblick zu wagen auf das Berlin vor dem „Ereignis“ – vor ihrer Ankunft und der damit einhergehenden Errichtung des dritten jüdischen Tempels in den Ruinen des Berliner Stadtschlosses. Die gepflegte Neutralität von Malkas beige-weißer Kleidung, ihre pastoralen Schulterpolster, ihre stramm nach hinten gekämmten, wasserstoffblonden Haare, die glockenhelle Stimme und ihre androgyn-kantige, geborgt wirkende Weiblichkeit erwecken den Anschein, als hätten wir nicht nur eine messianische Leitfigur vor uns, sondern auch einen ichbewussten Popstar voll jugendlicher Energie, voll unbedingtem Willen zur Erneuerung.

Berliner Zeitung am Wochenende: Malka Germania, Ihr Erscheinen in Berlin zu Beginn der 2020er-Jahre war sicherlich nicht ganz zufällig gewählt. Warum gerade damals?

Malka Germania: Ich habe diese Überhöhung des perfekten Moments schon immer für Unsinn gehalten. Sehen Sie, es ist doch so: Man hat mein Eintreffen über Jahrtausende als personifizierte Hoffnung beschrieben. Aber Hoffnung ist bekanntlich eine paradoxe Sache. Sie ist weder ein bloßes Warten noch radikales Herbeizwingen, weder Reform noch Revolution. Als Bewegung gleicht sie eher einem kauernden Raubtier. Das springt, wenn der Augenblick zum Springen eben gekommen ist. Mein Eintreffen hatte so gesehen keinen Sinn, keine innere Logik, es war eher wie eine Notwendigkeit, eine Epiphanie. Wie ein gigantischer Blitz, wie die Entladung einer Spannung zwischen physischer und metaphysischer Welt, zwischen verschiedenen Ordnungen von Zeitlichkeit. Wie eine Störung der Matrix, ein Verblassen dessen, was man Gegenwart nennt. Sagen wir es so: Ich bin einfach angekommen. Als Menschen sind Sie natürlich nicht in der Lage zu verstehen, warum und wieso.

Können Sie dennoch versuchen, etwas konkreter zu werden?

Ungern, aber okay. Deutschland sehnte sich nach einem radikalem Wandel. Nach Jahren überholter Diskurse und eines völlig überkommenen Status Quo, der nichts anderem diente, als verstaubte Machtsysteme in ihrer Stellung zu verewigen, verloren selbst die Worte ihre ursprüngliche Bedeutung. Formelhafte Rituale propagierten eine völlig verzerrte Wahrnehmung des Vergangenen und Gegenwärtigen, und eine fahle Vision der Zukunft. An einem bestimmten Punkt war es einfach zu viel. Etwas musste etwas passieren. Diese Erkenntnis erweckte etwas in mir. Es war wie Wachrütteln, wie ein Aufschrecken aus Jahren der inneren Emigration. Ich kann meine Motivation heute kaum mehr im Detail nachvollziehen. Im Rückblick glaube ich, dass ich der Menschheit gegenüber, die ich ja beinahe schon aufgegeben hatte, plötzlich eine Art nostalgische Sentimentalität empfand.

Können Sie mehr dazu sagen? Wo waren Sie überhaupt, bevor Sie nach Berlin kamen? Woher kommen Sie ursprünglich?

Nein. Ich bin Gesalbte, kein Sprachrohr. Wo ich herkomme, bedeutet nichts. Ich bin hier. Das ist, was zählt. Und Sie werden mich auch so schnell nicht wieder los. Sehen Sie, Sie brauchen mich. Sie haben, in gewissem Sinne, auf mich gehofft, auch ohne es zu wissen. Sie haben sich einfach zu sehr an diesen Zustand gewöhnt, wo man alles Unangenehme in den See wirft, also unter den Teppich kehrt, und dennoch darin schwimmen geht, als ob in dem See selbst gar nichts drin wäre. Ihr Deutschen habt ein sehr sauberes Land, sehr aufgeräumt. Aber eben voller solcher Seen.

Simon Veroneg
Die Künstlerin Yael Bartana vor ihrer Videoinstallation „Malka Germania“

Warum Berlin? Warum Deutschland?

Wie Sie sicher wissen, haben die Deutschen, zumindest in den letzten 100 Jahren, sehr viel dafür gegeben, erlöst zu werden. Das zeigte sich in den Taten Ihrer Urgroßeltern, in den Manifesten ihrer Großeltern, in der gedankenlosen Gleichgültigkeit ihrer Eltern. Sie alle wollen Buße tun. Aber wie? Erlöst einen etwa der Besuch einer Tötungsstätte? Eines Ortes, wo Hunderttausende ermordet wurden? Vielleicht. Aber mein Ansatz ist und wird immer sein, dass, wenn man die Leichen im Schrank aufräumen will, dann muss alles raus. Sprichwörtlich alles, nicht nur die Leichen selbst. Man kann die hinteren Teile der Regale nicht reinigen, ohne auch die Perlen, Seidensocken und Lederhosen hervorzuholen. Es ist schmerzhaft, ja. Aber es ist der einzige Weg.

Sie sprechen über geschichtliche Aussöhnung? 

Auch. Deutschland zu Beginn der 2020er Jahre – das war 75 Jahre nach dem Massenmord an Jüdinnen und Juden, nach dem historischen Bruch von 1945, ein Datum, das in Deutschland noch immer obszönerweise als „Befreiung“ bezeichnet wurde. Eine Befreiung wovon? Können Sie sich überhaupt vorstellen, wie verzerrt und absurd diese Terminologie ist? Anfang der 20er Jahre war außerdem 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, die von der deutschen Hegemonie des Westens ja wie verrückt zelebriert wurde, gleichzeitig aber auf Mechanismen beruhte, die den Schmerz der einen Hälfte des Landes völlig ignorierten. Oh ja, die deutsche Geschichte ist nicht einfach. In der Tat sind Sie als Deutsche einen Sonderweg gegangen, wenn nicht gleich mehrere Sonderwege! Den Lichtglanz des Tempels an diesen Ort zurückzuversetzen, als radikale Restauration, als Symbol kühner Erlösung, das erschien mir nicht nur folgerichtig, sondern notwendig.

Es ist schwer, sich heute in diese Zeit zurückzuversetzen. Die Covid-19-Pandemie trug damals zu einer gesellschaftlichen Verunsicherung bei, die Jahrzehnte nachwirken sollte. Dass ein Großteil der Deutschen mit Ihrer Ankunft gezwungen wurde, Berlin zu verlassen, wurde von vielen als Affront empfunden. Wenn ich mich richtig erinnere, kamen Sie nicht allein. Sie wurden von israelischen Soldaten begleitet, von diversen Helfern und Assistenten. Wie haben Sie Ihre Ankunft geplant?

Ich arbeite ausschließlich allein. Ich übernehme absolut keine Verantwortung dafür, was andere tun – oder nicht tun. Und ich hoffe, Sie können verstehen, dass ich nicht daran interessiert bin, meine Planungsmethoden mit Ihnen zu teilen. Ich arbeite auf geheimnisvolle Weise.

Besonders kooperationswillig scheinen Sie nicht zu sein.

Der einzige Weg, um echte Erlösung zu erreichen, ist zu verstehen, dass man Macht loslassen muss. Das ist schwer. Deutsche und europäische Menschen und Institutionen im 21. Jahrhundert haben über Jahre hinweg versucht, sich durch dieses Theater der Offenheit und Wiedergutmachung zu erlösen. Aber das geht nicht. Die Geschichte endet nicht, indem man Inklusivität und rückblickendes Bedauern vorspielt. Man muss einfach Macht abgeben. Sie müssen das nicht alles verstehen. Treten Sie einfach ab. Geben Sie auf. Vergessen Sie Ihre Machtposition. Alles andere ist Selbsttäuschung.

Malka Germania, vielen Dank.

Gern geschehen.

Das Gespräch führten Itamar Gov und Hanno Hauenstein 

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