Sehr geehrter Herr Löw,
lieber Jogi,

einen Beweis dafür gibt es nicht, aber ich vermute, dass Erwartungen ein bestimmtes Eigengewicht haben. Und dann erlaube ich mir die Folgevermutung, dass ein Erwartungsträger schwer zu schleppen hat. So wie Sie. Vor allem diese Erwartungen, die Fußballdeutschland alle zwei Jahre an die Nationalmannschaft und Sie, den Bundestrainer, stellt: Europameister werden, Weltmeister werden, klar, aber eben auch leichtfüßigen Sommerkick erleben, rauschende Fanmeilenfeste feiern, im Fahnenmeer baden vor Fußballglück oder schlandigem Patriotismus. Wie viel wiegt das wohl alles zusammen? Eine Tonne? Oder gleich achtzig Millionen Tonnen? Unter der Last dieser Erwartungen muss man eine schlechte Haltung bekommen. Man kann auch mal zusammenbrechen.

Verzeihen Sie bitte, ich sollte mich zuerst vorstellen: Ich bin ein Fan. Nein, ehrlicher ist: Ich war ein Fan. Dazu später mehr. Und das hier, das ist mein Abschiedsbrief an Sie, denn in wenigen Wochen, nach dieser Europameisterschaft, die am Freitagabend und mit einem Pandemiejahr Verspätung beginnt, werden Sie nicht mehr Bundestrainer sein. Sie werden Platz machen nach siebzehn Jahren in kurz assistierender und lange führender Position. Diesmal wirklich. Sogar freiwillig.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Aken

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Sie werden verschwinden aus dem Lichtkegel der Aufmerksamkeit wie Carmen Nebel, Dieter Bohlen und im Herbst auch Angela Merkel. „Da gerade die großen Bezugspersonen, für viele auch Vorbilder, uns verlassen“, sagte eine Medienwissenschaftlerin neulich der Hamburger Morgenpost, „verstärkt sich das Gefühl der Unsicherheit.“ In einem nach oben offenen Gefühlsranking liegt Unsicherheit knapp über dem Unwohlsein. Es ging uns allen schon mal besser, nicht wahr?

Ein Abschied ist ja immer die Gelegenheit, etwas zu sagen, was man sich sonst vielleicht nicht getraut hätte auszusprechen. Weil es zu albern geklungen hätte oder zu pathetisch. Doch jetzt kann ich es ja tun, also: Sehr geehrter Herr Löw, lieber Jogi, bevor ich Sie wegen Ihrer Überheblichkeit nicht mehr leiden konnte, habe ich Sie für Ihre Lässigkeit bewundert. Für die Art, wie Sie auf Pressekonferenzen die Unterlippe mit Espresso benetzten. Dafür, wie Sie während des Trainings den Ball zärtlich mit der Fußsohle streichelten und ihn dann wie einen Derwisch auf dem Spann tanzen ließen. Oder wie Sie am Spielfeldrand immer so aussahen, als könnte sie „scho au“ nichts aus der Balance bringen. So wie kein Wind Ihnen ein Haar krümmen konnte. Auf dem Höhepunkt ihrer Lässigkeit fragte die Süddeutsche Zeitung: „Wird Jogi jetzt wirklich zum Yogi?" Am liebsten hätte ich Ihnen zehn Sonnengrüße geschickt.

Imago
Noch in assistierender Funktion: Joachim Löw 2006.

Alles begann 2004 an der Seite von Jürgen Klinsmann, dem Sie die Vorzüge einer Viererkette so erklären konnten, dass auch er sie verstand. Deshalb stellte er Sie für eine Mission ein, aus der zwei Jahre später ein Sommermärchen werden sollte. Dann ein Sommermärchenfilm. Inzwischen eine auf verschobenen Millionen gebaute Sommermärchenlüge. Sie haben sich die Finger nie selbst schmutzig gemacht. Und als sie später dann doch mal tiefer in die Hose als in die Taktiktrickkiste griffen, schauten wir lieber weg.

Fußball war jahrelang ein verlässlicher Pulsgeber des Lebens

In Deutschland, und wer wüsste das besser als Sie, praktizierten früher mehr Bundestrainer als Virologen. Es gab mal eine Zeit, in der man mehr über Laufwege als Verlaufskurven wusste. Fußball war jahrelang ein verlässlicher Pulsgeber des Lebens, jeder Schuss ein Treffer ins Herz. Sie haben uns Momente geschenkt, die wir mit Schleifchen verpackt in den Glasvitrinen unserer Erinnerung ausstellen konnten.

Noch einmal im Schnelldurchlauf: Auf eine unvergessliche Heim-WM 2006 (Platz drei) folgte eine flammende EM 2008 (Platz zwei) folgte eine grandiose WM 2010 (Platz drei) folgte das, nun ja, das etwas vercoachte Halbfinale gegen Italien bei einer ansonsten mitreißenden EM 2012 folgte das Finale gegen Argentinien bei der brillanten WM 2014. Sie waren endlich Weltmeister. Wir waren es auch. Und als Sie mit dem Siegerflieger LH 2014 über der Fanmeile in Berlin einschwebten, der Kapitän die Maschine in der Luft immer wieder nach links und rechts kippen ließ, als wollte er jeden Fan am Boden einzeln ablatschen, da stand ich mittendrin.

Eine halbe Million vor dem Brandenburger Tor. Niemand kam auf die Idee, den neben einem Dixi-Klo mit einer Klatschpappe bewaffneten Klaus Wowereit nach Flugrouten oder Flughafeneröffnungsterminen zu fragen. „Irre“, sagte der Regierende Bürgermeister, „Volldampf“, und herzte falsche, weil schwitzende und nicht blutende Bastian Schweinsteigers. Und niemand konnte ahnen, dass Sie nur wenige Tage später in einem Häuschen in der Toskana „nicht weit weg von einer depressiven Verstimmung“ sein würden. Der Zeit sagten Sie gerade: „Ich saß da und dachte: Jetzt bin ich hier so allein, wo sind meine Leute, wo ist mein Team, wo sind meine Spieler, wo sind die Ziele?“

Vielleicht zu viele Muskelberge im Blickfeld

Wenn man keine Ziele hat, sollte man nicht an den Start gehen. Sie taten es trotzdem. Bei der EM 2016, wo sie nach dem verlorenen – oder doch wieder vercoachten? – Halbfinale gegen Frankreich erstmals den Kontakt zur Realität verloren und sagten: „Wir haben besser gespielt als der Gegner.“ Womöglich haben die Muskelberge, die Sie sich auf Arme und Schultern gepackt hatten in den vergangenen Jahren, Ihnen die Sicht verstellt. Und dann nach dem historischen Vorrundenaus bei der WM 2018, als Sie so taten, als wäre alles nur ein Irrtum gewesen, das Werk eines launischen Fußballgottes, den nur Sie allein wieder milde stimmen könnten. Sie dachten wohl, ohne Sie würde alles noch schlimmer werden, und blieben einfach am Amt kleben. Aus einer falschen Definition von Verantwortung heraus wollten Sie aufbauen, was Sie selbst zerstört hatten.

Wenn man Sie jetzt so sieht wenige Tage vor ihrem letzten Turnier, ist da ein gut gealterter Mann Anfang sechzig, der den Dingen noch einmal auf den Grund gehen und nicht über ihnen schweben will. Einer, der tatsächlich die Bedeutung von schnöder Abwehrarbeit hervorhebt und sogar Standardsituationen trainieren lässt.

Ich wünsche Ihnen Erfolg damit, vielleicht noch mal ein Halbfinale, an den Titel mag ich nicht glauben. Von den Erwartungen können Sie diesmal nicht erdrückt werden. Diese wiegen nicht viel im Vergleich zu dem Unverständnis, dass diese über den Kontinent verstreute Europameisterschaft überhaupt stattfinden darf.

Mit sportlichen Grüßen

Paul Linke

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.