Berlin - Es war ein torloses Unentschieden der schlechteren Sorte, doch das war den 22.000 Menschen in der Alten Försterei egal. Diesen 27. Mai 2019, den zweiten Relegationsabend, verbinden sie ohnehin weniger mit einen Fußballspiel gegen den VfB Stuttgart als mit dem, was danach geschah. Es war ein kollektiver Freudenausbruch, ein emotionales Feuerwerk und eine Stadionparty, wie man sie sich gerade kaum vorstellen kann. Frauen, Männer, Kinder lagen sich in den Armen, von Bier und Cola und Aufstiegstränen durchtränkt.

Für Union war es aber auch die ultimative Bestätigung dafür, dass der Weg, für den der Klub sich einst entschieden hatte, der richtige war. Richtig war es nämlich, behutsam zu wachsen, sich treu zu bleiben und trotz gefährlicher Spagatstellung darauf zu vertrauen, dass die Anhänger folgen, sogar neue dazukommen. Union ist ein Verein geworden, der vom Präsidenten bis zum Fan eine nicht zu durchdringende Einheit bildet und doch offen ist für jeden. Es war die ultimative Vision, das Best-case-Szenario.

Man könnte behaupten, dass sich die Klubführung gelegentlich die Augen reiben, gegenseitig Schulterklopfer verteilen muss. Doch wer Präsident Dirk Zingler in den Jahren vor dem Aufstieg erlebt hat, seine öffentlichen Auftritte, seine Klubgedanken, die Summe seiner Leidenschaft verstanden hat, der weiß, dass der 56 Jahre alte Unternehmer und Familienvater keine Sekunde gezweifelt hat. Mit Zweifeln baut man kein Team, kein Stadion, keinen Klub.

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Herthas Dedryck Boyata möchte sich die Haare raufen.

Zingler hatte Union 2004 und mal wieder am Rande des Abgrunds übernommen. Von Anfang an wusste er um die Bedeutung der Fanbasis. Sie in die Entwicklung des Klubs nicht nur oberflächlich, sondern tatsächlich einzubeziehen, war bereits damals die wohl beste Entscheidung, die die Verantwortlichen treffen konnten. Auch, weil die Fans der Eisernen schon zu DDR-Zeiten immer ein bisschen „bekloppter“ als der Rest waren. So wurde der eigentlich als Unterstützungsaktion gedachte Stadionbau 2008/2009 zum Charaktermerkmal der Eisernen, eine Geschichte, die Fans des Klubs noch in 50 Jahren ihren Kindern und Enkeln erzählen werden.

Ende 2017 sprach Zingler zum ersten Mal bewusst vom Aufstieg. „Vor ein paar Jahren war Bundesligafußball An der Alten Försterei tatsächlich nur vorstellbar, wie eine Urlaubsreise oder ein Lottogewinn. In dieser Saison trauen wir uns erstmalig zu sagen, dass wir aufsteigen wollen“, erklärte er damals. Nicht, um Druck auszuüben, sondern weil er sich sicher war, dass die Grundlagen innerhalb des Vereins dafür da waren.

Bei Union passen die Protagonisten optimal zum Klub

Anderthalb Jahre später war es so weit. Die Köpenicker hatten mit Sportchef Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer auch sportlich die Protagonisten gefunden, die optimal zum Klub passen und, auch das hatte Zingler zuvor gefordert, das Optimum aus den ihnen zur Verfügung gestellten Möglichkeiten herausholen. Das Wichtigste war aber: Die Basis des Vereins, die Fans, war bereit für den Sprung in die Bundesliga. Hieß es zwei Jahre zuvor noch „Scheiße, wir steigen auf“, war es 2019 nur noch eine Minderheit, die sich um die Zukunft ihres Vereins sorgte.

Sie haben bis heute keinen Grund dazu. Die Eisernen nutzen ihre größer gewordene Reichweite unbeirrt, um auf Missstände und Ungerechtigkeiten im Fußball aufmerksam zu machen. Allein 13.000 neue Mitglieder kamen in den ersten Monaten nach dem Aufstieg hinzu, erst kürzlich löste der Klub Hertha BSC als mitgliederstärksten Sportverein der Stadt ab. Spieler der Eisernen betonen, dass das Umfeld in Köpenick – die Fans, der Zusammenhalt – der Hauptfaktor war für einen Wechsel.

Der 1. FC Union hat bewiesen, dass man erfolgreich ist, wenn man sich seiner Stärken bewusst ist und niemals aufhört, an sie zu glauben. Der Klub hat in den jeweils richtigen Momenten Geduld und Ehrgeiz bewiesen. Und geht erstmals als Favorit in das Derby gegen Hertha BSC.

Und nun rüber ins Westend.

Fußballklubs sind mittelständische Unternehmen, das ist nun mal so, und diese Feststellung ist ja längst keine Systemkritik mehr, sondern allgemeiner Konsens. Streitbar ist allerdings die Frage, wie ausgewogen das Verhältnis noch sein kann zwischen sozialer Verantwortung und einer kommerziellen Versuchung, all das zu tun, was die anderen auch tun – nur weil es Geld bringt und weil nur Geld die Erfolgsaussichten steigert. Und wer will schon keinen Erfolg haben?

Bestimmt nicht Lars Windhorst. Der ist ein Geldmensch, große und kleine und auch mal so gar keine Erfolge pflastern seinen Weg, das weiß man. Eher vermuten könnte man, dass es kaum noch eine Branche gibt, die ihm fremd ist. Der Versuch eines Überblicks: Windhorst hat in eine Filmproduktionsfirma investiert, in das Fuchsschwanzgewächs Quinoa und die gelbe Kurkumaknolle, er hat es mit einer Schiffbaugesellschaft aus Flensburg versucht, mit italienischer Unterwäschemode und elektronischen Fußfesseln. Einen, der mit Firmen wie mit Jonglierbällen umgehen kann, darf man respektvoll Finanzjongleur nennen, oder? „Wunderkind der deutschen Wirtschaft“ nannte man ihn auch mal. Aber das ist eine andere Geschichte, die in einer Zeit spielt, als deutsche Politiker mit Strickjacken an kaukasischen Flussufern entlangspazieren durften.

Windhorst, 44, keine Kinder, aber zwei Privatinsolvenzen und immer noch dieses zauberhafte Haifischlächeln im Gesicht, suchte sich vor knapp zwei Jahren eine neue Spekulationswiese: den deutschen Profifußball. Darauf, zwischen Gänseblümchen liegend und von einer großen Zukunft in einem kleineren Stadion träumend, fand er Hertha BSC. Wann immer die Bundesliga mit einem Streichelzoo verglichen wurde, fiel dem Westberliner Klub die Rolle der grauen Maus zu. Einem Großkapitaljäger wie Windhorst war das trotzdem egal, inzwischen gehören ihm 66,6 Prozent der Klubanteile. Kostenpunkt: 374 Millionen. Vision: Big City Club. Einstellung: „Ich bin es gewohnt, dass Projekte sich verzögern können.“

Das sagte Windhorst nach einer unverhofft komplizierten Projektverzögerung namens Jürgen Klinsmann. Und seitdem sind so einige dazugekommen. Unplanbare wie eine Pandemie, die das an zweitstellige Wachstumsraten gewöhnte Fußballbusiness die Budgets schrumpfen ließ. Und eher selbst verschuldete wie das Festhalten am Geschäftsführer und Kaderplaner Michael Preetz. Dass der Big City Club an diesem Sonntag, beim Ausflug nach Köpenick, immer noch um den Klassenerhalt bangen muss, liegt auch an der falschen Zusammenstellung dieser Mannschaft. Die Spieler mögen jung und talentiert sein, aber das ist in der Hitze eines existenziellen Mittelfeldzweikampfs auch nicht mehr als ein vages Versprechen. Und eine Gegentorgarantie.

Hertha ist auf sportlichen Erfolg angewiesen

Das Prinzip Windhorst funktioniert im Grunde so: Rein in den Privatjet und dann um die Welt zu den sehr reichen bis superreichen Menschen, um das vagabundierende Kapital in Niedrigzinszeiten einzusammeln. Dafür kauft Windhorst Unternehmen und verkauft sie wieder mit Gewinn, um seine Geldgeber zu bedienen – wenn es gut läuft. Und wenn nicht? Was passiert, wenn mal ein Bällchen zu Boden fällt? Die Wirtschaftswoche schrieb einmal: „Wer bei ihm investiert, muss selbst die Risiken und Chancen auf eigene Gefahr hin einschätzen.“

Windhorst und Hertha sind viel mehr auf sportlichen Erfolg angewiesen als der Stadtrivale, der seinen Jahresurlaub zum dritten Mal in der Bundesliga verbringen wird. Die beste Nachricht, die Klub und Investor in dieser Saison erreichte, war das erneute Jawort von Pal Dardai. Der Trainer mit der höchsten Flora-und-Fauna-Metapherdichte der Bundesligageschichte weiß, was er zu tun hat. Einen Abstieg hat er ja schon einmal verhindert. Damals sagte er: „Wenn du kleine Bäume pflanzt und willst im nächsten Jahr 100 Kilo Obst runterholen, ist das unmöglich.“ Sie werden bald wieder größere pflanzen. Richtige Big City Trees.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.