Berlin - Jeden Morgen, außer am Wochenende, geht um acht Uhr mein alter weißer Radiowecker an und ein betont unaufgeregt klingender Mitarbeiter des Deutschlandfunk verliest die Nachrichten. Egal was passiert, der Mann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ich würde gerne wissen, wie dieser Typ aussieht, dessen Stimme ich jeden Morgen als Erstes höre, dessen Worte in meinen Kopf sickern, während ich langsam aufwache. Ich stelle mir einen schmalen Herren im Anzug vor, der seine Textblätter parallel zur Tischkante legt und der vor der Sendung gerne ein halbes Glas Fachinger Mineralwasser ohne Kohlensäure trinkt.

Seit mindestens 25 Jahren beginne ich so meinen Tag. Falls mal jemand eine Studie über den Einfluss sonorer Nachrichten-Stimmen auf im Halbschlaf befindliche mittelalte Männer erarbeiten möchte, ich wäre ein geeigneter Proband. Das alles sollte man wissen, wenn man ermessen will, was es für mich bedeutet, mich seit zwei Tagen von der Spotify-Playlist „Indie Klassiker“ wecken zu lassen. Heute morgen war der erste Titel „Mykonos“ von den Fleet Foxes. Warum ich dem Deutschlandfunk-Mann untreu geworden bin? Nun ja, ich kann einfach nicht mehr. Nach nunmehr einem Jahr wollte ich mal wieder einen Morgen ohne die Worte „Inzidenzzahl“, „Robert-Koch-Institut“ und „Risikogebiet“ erleben. Außerdem gibt es ja sowieso nichts Neues, außer irgendwelche Mutanten, deren Nummern ich mir nicht merken kann. Ich bin, schätze ich, in einer neuen persönlichen Pandemie-Phase angekommen. Der Egal-Phase.

Ich denke: Macht doch, was ihr wollt, aber verschont mich bitte mit den Einzelheiten. Ich bin coronavermeidungsmäßig zu allem bereit, würde sogar Sägespäne essen, nur noch „Geist-und-Seele-Tee“ trinken oder in meinen Keller ziehen, wenn Karl Lauterbach oder Lothar Wieler das für sinnvoll halten. Mein aktuelles Lebensmotto lautet: Shutdown, Lockdown, völlig down. Ich weiß, das klingt nicht besonders reif und auch nicht besonders engagiert, aber ich bin jetzt schon durch so viele Phasen gegangen, meine Energie und meine Neugier sind erschöpft.

Aktuelle persönliche Pandemie-Phase: die Egal-Phase

Vor einem Jahr, als meine erste Phase (Wow, ist das aufregend!) begann, verpasste ich keinen Brennpunkt im Fernsehen, studierte die Corona-Statistiken, hatte Schiss, aber genoss auch den Ausnahmezustand, die Panik, das nie Gekannte. Im Sommer kam dann Phase zwei (Hey, schon alles vorbei!), die Restaurantterrassen machten wieder auf, wir flogen in den Urlaub. Bevor im Herbst die Phase drei losging (Scheiße, doch noch nicht vorbei!). Die Tage wurden kürzer, die Kanzlerin sagte, wir müssten alle zusammen die Welle brechen, damit Weihnachten wieder alles gut ist.

Aber es begann Phase vier (Mist, die Mutanten kommen!). Es war kalt, auf der Straße Glühwein trinken war jetzt auch verboten und die Welle wurde nicht kleiner. Kein Problem, dachte ich, dafür wird ja jetzt geimpft. Wurde aber nicht. Weshalb nun Phase fünf begann (Warten auf AstraZeneca, warten auf die Sonne). Die Kanzlerin sagte, wir müssten alle zusammen die Welle brechen, damit Ostern wieder alles gut ist.

Die Briten impften wie die Teufel, ich überdachte kurz meine Begeisterung für Europa, was mir Probleme mit meiner Frau und meinem Schwiegervater einbrachte. Aber dafür hatte ja jetzt Phase sechs begonnen (Wir sind auf der Zielgeraden!). Bis Lothar Wieler vor zwei Tagen sagte, die dritte Welle werde wohl die schlimmste sein.

Wenn mich jemand sucht, ich sitze im Keller, höre Indie-Klassiker und trinke „Geist-und-Seele-Tee“. Ach so, und: Frohe Ostern!