Berlin/Uckermark - Von allen Pflanzenfarben im Garten ist Blau die gesuchteste und geheimnisvollste. Das liegt einerseits an ihrer Seltenheit in der Natur, aber auch an ihrer ganz besonderen Wirkung auf uns Menschen.

Nur sehr wenige Blumen haben so richtig blaue Blüten. Die meisten Pflanzen blühen eher in einem verwaschenen Lila. Blaue Blüten entziehen sich dem Betrachter auch immer etwas – sie strahlen zwar oft aus der Ferne, in der Nähe verliert sich dieser Effekt jedoch. Im starken Sonnenlicht verwandelt sich der Farbton sogar häufig ins rötliche Violett, wie zum Beispiel bei manchen Phlox-Sorten, die nur im Dämmerlicht und am frühen Morgen blau leuchten. Vielleicht ist das auch ein Grund für die Begehrtheit der Farbe: dass sie in der Natur eben so flüchtig und wenig fassbar erscheint.

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Sattblau ohne Wenn und Aber zeigt sich im Sommer der hohe Rittersporn.

Möglicherweise ist es aber auch der Duft mancher blauer Blumen, wie der des wunderschönen blauen Duftveilchens, das jetzt gerade blüht. Es verströmt nämlich Stoffe, die unsere Geruchsrezeptoren regelrecht betäuben. Nachdem man an einem Veilchen gerochen hat, dauert es tatsächlich einen Moment, bevor man den Duft erneut wahrnimmt. Man könnte also sagen: Der Duft verschwindet, sobald man zu nahe kommt, genauso wie die Farbe. 

So sah ich letzte Woche an der Tiergartenstraße im Park von weitem ein kühles Blau leuchten, das mich magisch anzog. Doch je näher ich ihm kam, desto mehr verschwand es vor meinen Augen. Es waren riesige Teppiche von blühender Scilla (Blaustern), ein von weitem äußerst eindrucksvoller Anblick. Unter Haselnusssträuchern und auf Wiesen blüht die Pflanze im Moment jetzt im reinsten Blau.

Der Tibet-Scheinmohn ist eine blaue Diva

Der Traum vom ultimativen Blauton wird für alle Gärtner von einer der am schwierigsten zu kultivierenden Pflanzen überhaupt verkörpert: von Meconopsis, dem Tibet-Scheinmohn. Er benötigt im Sommer Schutz vor heißer Sonne und steht deshalb gern im lichten Schatten, wo er auch ausreichend Feuchtigkeit hat. Im Winter mag er es trocken, am liebsten auf kargen Böden. In unseren Breiten, mit trockenen Sommern und nassen Wintern, sind diese Bedingungen nicht leicht herzustellen.

Passend zu der geheimnisvollen Aura, die blaublühende Pflanzen umgibt, wachsen viele der schönsten von ihnen im Wald. Im Frühling pilgern viele Engländer in die Wälder der Insel, wo an überlieferten Stellen Hyacinthoides non-scripta, das Hasenglöckchen, blüht. Nicht zu verwechseln mit dem nordamerikanischen Blauglöckchen Mertensia virginica, einem meiner liebsten Geophyten. Stammleser werden sich vielleicht erinnern, wie ich meine Mertensia im letzten Sommer als blattlose Knollen geliefert bekommen habe, denn diese Sorte zieht sich nach der Blüte vollständig ein. Das ist auch der Grund, weshalb sie in der Vergangenheit nicht allzu lange bei mir überlebt haben, denn in meinem Übereifer, jede Lücke immer wieder neu zu füllen, habe ich sie wohl beim Umpflanzen zerstört.

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Zartblau blühen jetzt die Muscari, die Traubenhyazinthen.

Bei den Traubenhyazinthen (Muscari) gibt es auch viele schöne, ausgesprochen blaue Sorten. Ich mag besonders die eisblauen, wie Muscari „Valerie Finnis“. Bei den Frühlingsgeophyten sind es vor allem die Sternhyazinthen (Chionodoxa), die bei mir seit drei Wochen blaue Teppiche bilden. Merkwürdigerweise wirkt das Blau am stärksten bei denen mit einer weißen Mitte. Wie Muscari und Scilla kommen sie zuverlässig immer wieder.

Bevor ich begann, mich ernsthaft für Gärten zu interessieren, träumte ich den Klischeetraum eines Hauses mit blauen Hortensien davor. Ich stellte mir vor, wie ich an heißen Sommertagen von der Schwelle ins umliegende Gartengrün schaue und mein Blick an den kühlblauen Hortensien haften bleibt. Daraus geworden ist später nichts, denn wie die wenigsten von uns habe ich in der Uckermark die Voraussetzungen, die es dafür braucht: Der Boden muss sauer sein und Aluminiumsalze enthalten, sonst blühen die Hortensien nicht blau, sondern rosarot. Nun könnte ich zwar einen flüssigen Zusatz aus dem Handel verwenden, doch hat sich zwischendurch mein Geschmack so verändert, dass ich sie sowieso nicht mehr dringend haben muss. Sollte ich jemals in die Normandie an den Atlantik ziehen, würde ich sie aber wieder haben wollen! Auch an der Ostsee vielleicht. Dort habe ich gerade einen Garten mit vielen Hortensien geplant, weißen allerdings, jedoch mit blauen Stauden dazwischen.

Die Dalmatinische Schwertlilie steht am liebsten im Trockenen

Sucht man nach einem Blaublüher für einen trockenen Standort, empfehle ich die Staude Iris pallida var. dalmatica (Dalmatinische Schwertlilie) mit Blüten zwischen Lavendel- und Himmelblau. Aus ihren Rhizomen wird übrigens der Duftstoff gewonnen, aus dem man Veilchenduft herstellt. Das, was wir da meistens kaufen, gibt nämlich nur vor, aus Veilchen gewonnen zu sein.

Apropos Veilchen: Der legendäre Züchter Karl Foerster, der seine Meinung gerne kundtat, hat 1926 in einem Artikel für die Zeitschrift Gartenschönheit über Veilchen mal Folgendes geschrieben: „Die meisten Gärten haben keine netten Plätze für Veilchen.“ Womit er eindeutig recht hat, doch umso mehr freut man sich, wenn man solche „netten Plätze“ mal in der Realität zu Gesicht bekommt. So war ich an einem der wenigen warmen und windstillen Tage der letzten Woche bei einem Beratungsgespräch in einem lange unberührten Garten. Warmfeucht stand der schwere Duft über dem Rasen. Hervorgerufen durch Abertausende von Veilchen!

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Elfenhaft anmutig: Intensiv veilchenblau leuchtet das Hunds-Veilchen.

Foerster schreibt weiter: „Frühlingsgärten ohne Veilchen sind lächerlich, aber sehr häufig.“ Er empfiehlt, sie in Massen zu pflanzen – und möglichst in separaten Buchten, damit sie sich gegenseitig nicht die Nahrung streitig machen. Als besonders lohnendes Veilchen nennt er die Sorte „Viola Jooi“ mit dem schönen Satz: „Den Duft kann man nie vergessen und doch nie im Kopf behalten.“ Derselbe Karl Foerster ist auch für viele Züchtungen einer der auffälligsten blauen Stauden überhaupt bekannt, nämlich der Rittersporne. Sorten wie „Berghimmel“ und „Merlin“ strahlen im schönsten, hellen Blau, wie es sonst nur noch der oben genannte Scheinmohn erreicht.

Es wird für mich jetzt Zeit, in den Garten zu gehen und nach den Veilchen zu schauen. Und auf Knien rumzurutschen, um an ihnen zu riechen. Und wenn ich nicht genug finde, werde ich tunlichst noch welche dazu pflanzen. Denn in einem lächerlichen Garten möchte ich nun wirklich nicht sitzen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.