Berlin - Das Corona-Jahr 2020 war für viele Menschen finanziell eine Katastrophe, für viele andere eine willkommene Gelegenheit, ihre Finanzen endlich in den Griff zu kriegen. Ausgerechnet in der Corona-Krise entdecken die Deutschen die Aktie wieder, erstmals seit 2001 gibt es in Deutschland laut Angaben des Deutschen Aktieninstituts wieder mehr als zwölf Millionen Aktiensparer. Der größte Teil der neuen Investoren ist jung und hat aufgrund der hohen Gebühren das Vertrauen in klassische Anlageprodukte wie Lebensversicherungen und Riester-Renten verloren. Um den niedrigen Zinsen zu entgehen, setzen viele Anleger vor allem auf ETFs. Doch was hat es mit ETFs auf sich, lohnt es sich zu investieren, worauf muss man achten und wo lauern die Fallstricke und Gefahren? 

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Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Aken

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Was ist ein ETF?

ETF steht für Exchange Traded Fund (zu Deutsch: börsengehandelter Fonds). ETFs werden im Regelfall nicht über eine Fondsgesellschaft erworben, sondern über die Börsen direkt gehandelt. Ein ETF soll als Fonds die Wertentwicklung eines Index möglichst genau abbilden. Sie sind vergleichbar mit einem Aktienfonds, der viele Aktien in einem Fonds zusammenfasst. Ein ETF auf den Deutschen Aktienindex (DAX) spiegelt zum Beispiel die Wertentwicklung der 30 größten deutschen börsengehandelten Aktiengesellschaften wieder. Ein DAX-ETF kauft dafür die Aktien dieser 30 Unternehmen und bündelt sie in einem Fonds, dies nennt man physische Replikation, weil die Aktien des Index tatsächlich gehalten werden. Steigt der DAX, so steigt auch der ETF – und umgekehrt.

Der ETF kann die Wertentwicklung eines Index auch über Derivate mit einer Partnerbank absichern. Bei der sogenannten synthetischen Replikation entsteht für den ETF-Anbieter ein kleinerer Aufwand, weil die Aktien eines Index nicht wirklich erworben werden müssen und keine Orderkosten entstehen. Der geringere Aufwand kann sich deshalb auch in niedrigeren Gebühren für den Investoren niederschlagen, und auch die Nachbildung des Index gelingt so oft präziser. Bei der synthetischen Replikation entsteht jedoch das Risiko, dass sich die Partnerbank trotz zahlreicher Sicherungsmechanismen nicht vertragstreu verhält.

Mittlerweile gibt es mehrere Tausend ETFs und ebenso viele Indizes. ETFs gibt es nicht nur für die Aktien von bestimmten Ländern, sondern auch für Rohstoffe, Anleihen oder einzelne Branchen.

Was unterscheidet ETFs von klassischen Aktienfonds?

Genau wie ein klassischer Aktienfonds bündelt ein ETF eine Auswahl an Aktien für seine Aktionäre und lässt diese so an der Wertentwicklung dieses Aktienportfolios teilhaben. Der wichtigste Unterschied zwischen einem ETF und dem klassischen Börsenfonds liegt beim Fondsmanagement. Während bei einem konventionellen Aktienfonds oft zahlreiche Analysten und Manager für die Auswahl der Aktien zuständig sind, um für die Investoren eine möglichst hohe Rendite zu erzielen, orientiert sich ein ETF bei der Kaufentscheidung lediglich am zugrunde liegenden Aktienindex. Deshalb spricht man auch vom Gegensatz zwischen „aktiv“ gemanagten Fonds und „passiven“ ETFs.

Welche Vorteile hat ein passiver ETF gegenüber einem aktiven Aktienfonds?

Der größte Vorteil des ETF liegt in seinen geringen Gebühren. Aufgrund des geringeren Verwaltungsaufwands liegt die jährliche Verwaltungsgebühr oft bei deutlich unter einem Prozent. Bei einem Aktienfonds mit Management liegen die Gebühren meist bei einem bis zwei Prozent – das klingt nicht viel, kann aber über längere Zeiträume einen bedeutenden Unterschied machen.

Ein Rechenbeispiel: ETF A und Aktienfonds B haben beide einen durchschnittlichen jährlichen Kurszuwachs in Höhe von 7 Prozent. Bei A liegt die jährliche Verwaltungsgebühr bei 0,5 Prozent, bei B hingegen bei 1,5 Prozent. In beiden Fonds werden jeweils 10.000 Euro über 20 Jahre angelegt. Nach 20 Jahren sind die Fondsanteile nach Abzug der Gebühren bei A 35.033,32 Euro und bei B 28.710,39 Euro wert. Durch den Zinseszinseffekt entsteht über die Verwaltungsgebühren eine Differenz von über 6000 Euro.

Kann ein ETF überhaupt erfolgreicher sein als ein aktiv gemanagter Fonds?

ETFs müssen sich streng an die Wertentwicklung ihres Vergleichsindex halten, sie bilden die allgemeine Marktentwicklung ab. Eine Überrendite kommt nur selten vor und ist streng genommen auch ein Fehler, weil die Wertentwicklung des Index möglichst genau abgebildet werden soll – sowohl nach oben als auch nach unten. Niemand greift aktiv ein. Doch kann das funktionieren?

Gerade bei sinkenden Kursen und in Krisenzeiten haben aktive Fonds gute Chancen, bessere Renditen zu erzielen, da sie die Verkäufe von „schlechten“ Aktien bewusst steuern können und besonders vielversprechende Aktien zu günstigen Kursen nachkaufen können – so weit zur Theorie, über längere Betrachtungszeiträume zeigt sich, dass es vielen Fonds mit aktivem Management nicht gelingt, den Index zu schlagen. Dies gilt gerade für Aktienindizes mit breiter Streuung. Laut der Verbraucherzentrale Hamburg laufen gerade einmal 5 bis 10 Prozent der aktiven Aktienfonds besser als ihr Vergleichsindex. Je mehr Zeit vergeht, umso größer ist die Chance, dass das Management auf die falschen Aktien setzt und dadurch weniger Rendite einfährt als der Gesamtmarkt.

Verläuft die Wertentwicklung zwischen ETF und dem abgebildeten Index immer genau gleich?

Nein, fällt die Wertentwicklung zwischen ETF und Aktienindex auseinander, nennt man das „Tracking Error“ (zu Deutsch: Nachbildungsfehler). Tracking Errors entstehen durch Zeitverzögerungen beim Ein- und Verkauf von Aktien oder durch schon ausbezahlte, aber noch nicht verrechnete Dividenden. Ein geringer Tracking Error gilt als Qualitätsmerkmal. Gerade bei größeren ETFs muss man sich um den Tracking Error jedoch keine Gedanken machen, denn die Differenz zwischen Index und Aktienbestand wird meist kurzfristig ausgeglichen.

Wie kann ich einen ETF kaufen und worauf muss ich dabei achten?

ETFs werden über die Börse gehandelt. Börsenneulinge, die ETFs erwerben wollen, müssen deshalb ein Aktiendepot einrichten, bevor sie loslegen können. Auch hier gibt es viele Fallstricke, denn die Kosten für das Depot sollten nicht auf die Rendite drücken. Die Hausbank, bei der man sein Bankkonto führt, ist für das Depot oft die erste Wahl, jedoch auch oft auch leider vergleichsweise teuer. Filialbanken lassen sich die persönliche Beratung einiges Kosten: Neben den jährlichen Depotgebühren schlagen die Orderprovisionen für den Kauf eines ETF-Anteils ins Kontor.

Gerade wer langfristig investieren will, sollte deshalb einen Depotanbieter mit geringen Kosten wählen. Bei vielen Banken und Brokern ist die Depotführung mittlerweile kostenlos und auch die Orderprovisionen sind in den letzten Jahren deutlich gesunken. Kosten in Höhe von zehn Euro pro Ausführung plus prozentualer Beteiligung vom Kurswert bilden mittlerweile eher die Ausnahme. Viele Depotanbieter bieten zudem kostenlose ETF-Sparpläne an, mit denen ETFs monatlich ohne Orderprovision bespart werden können. Ein Preisvergleich lohnt sich in jedem Fall, denn schon scheinbar kleine Gebühren können die Rendite auf lange Sicht deutlich drücken.

Welcher ETF ist der richtige?

Wer die Wahl hat, hat die Qual – dies gilt vor allem an der Börse. Die Vielzahl an ETFs macht es schwer, den Überblick zu behalten. Wer damit beginnen will, in ETFs zu investieren, sollte sich deshalb zunächst darüber klar werden, was mit dem Investment erreicht werden soll. Kurzfristige Rendite oder ein langfristiger Vermögensaufbau? Gerade, wenn man langfristig Vermögen aufbauen will, sollte man einen breit streuenden ETF wählen, der den investierten Betrag über viele Länder und Branchen hinweg verteilt. So wird man unabhängiger von regionalen Börsenkrisen oder Firmenpleiten. Viele ETFs basieren deshalb auf dem MSCI World Index, in dem die Wertentwicklung von mehr als 1600 Unternehmen aus 23 Ländern abgebildet wird.

Der FTSE All-World Index geht sogar einen Schritt weiter und erfasst über 4035 Unternehmen. Beiden Indizes ist gemein, dass die großen amerikanischen Internetunternehmen Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet (Google) und Facebook entsprechend ihrer Marktkapitalisierung ein starkes Gewicht einnehmen. Wer eher auf kleinere Unternehmen oder sich entwickelnde Märkte in Asien und Afrika setzen möchte, muss sein Portfolio entsprechend erweitern. Viele Investoren setzen deshalb auf eine Kombination aus MSCI World und MSCI World Emerging Marktes, um auch in die aufstrebenden asiatischen Märkte zu investieren. 

Thesaurierend oder ausschüttend?

Viele Aktien zahlen eine Dividende an die Aktionäre, ein ETF behält diese Dividendenzahlungen nicht einfach ein, sondern gibt sie an die ETF-Investoren weiter. Dabei hat man die Wahl zwischen thesaurierenden oder ausschüttenden ETFs. Thesaurierende ETFs legen die Dividenden einfach wieder im ETF an, das Fondsvermögen steigert sich dabei um die Dividendenzahlung. Bei den ausschüttenden ETFs wird die Dividende direkt an den Aktionär weitergereicht, das kann sich lohnen, wenn man den jährlichen steuerlichen Freibetrag von 801 Euro optimal nutzen will. Thesaurierende ETFs profitieren bei ihrer Wertentwicklung hingegen vom Zinseszinseffekt.

Sind ETFs eine sichere Geldanlage?

Nein, der Wert der ETFs ist abhängig von der Wertentwicklung auf den Börsen. Auch vermeintlich sichere Geldanlagen wie der MSCI World unterliegt starken Schwankungen. In der Finanzkrise 2008 verlor der MSCI World über 40 Prozent an Wert. Beim Platzen der Dotcom-Blase und nach den Anschlägen vom 11. September verlor der Index in drei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils 10 bis 20 Prozent an Wert. Gerade Branchen- oder Länderindizes bergen ein erhöhtes Verlustrisiko, die geringe Streuung bedeutet ein echtes Risiko für die langfristige Rendite.

Wer in breit streuende ETFs investiert und bereit ist, seine Anteile auch in schlechten Jahren zu halten, kann sein Risiko jedoch minimieren. Wer in den vergangenen Jahrzehnten mindestens 15 Jahre in den MSCI World investierte, machte keinen Verlust, und das unabhängig vom Zeitpunkt des Einstiegs. Deshalb sind ETFs gerade für jüngere Menschen interessant, die Börsenkrisen altersbedingt noch ignorieren können. Vor einer Pleite des ETF-Emittenten braucht man sich übrigens nicht zu sorgen, denn ETFs gelten als Sondervermögen und verbleiben auch im Insolvenzfall im Eigentum der Anleger.

Kann man mit ETFs für das Alter vorsorgen?

Knappe Antwort: Ja! Bei einer entsprechend langen Haltedauer profitiert man von der lang anhaltenden Wertentwicklung auf den Weltaktienmärkten und kann Börsenkrisen und Kursstürze einfach aussitzen. Die durchschnittliche Rendite des zuvor erwähnten MSCI World betrug seit 1970 etwa 9 Prozent pro Jahr. Wer regelmäßig einen kleinen Betrag in ETFs investiert, kann im Alter ein kleines Vermögen anhäufen.

Ein Rechenbeispiel: Max Mustermann ist 35 und hat erstmals einen Job, bei dem er monatlich 200 Euro zurücklegen kann, ohne dass es ihm im Alltag an etwas fehlt. Es sind noch 32 Jahre bis zur Rente. Der von ihm gewählte ETF hat eine Verwaltungsgebühr von 0,5 Prozent und macht eine jährliche durchschnittliche Rendite von 7 Prozent. Über seine Depotbank kauft er seine ETF-Anteile ohne Gebühren. Nach 32 Jahren verfügt Max Mustermann über 246.943,09 Euro vor Steuern. Ein schönes Polster fürs Alter. Je nach Kapitalbedarf kann Max Mustermann den kompletten Betrag abheben oder einen Teil des Portfolios weiterlaufen lassen, um auch im Alter weiter von der Zinsentwicklung zu profitieren.

Welche Fehler sollte man vermeiden?

Gebühren sind der natürliche Feind der Rendite, deshalb ist es nicht nur wichtig, bei der Auswahl der Depotbank auf eine günstige Kostenstruktur zu achten, sondern auch bei der Auswahl des ETF auf eine niedrige Gesamtkostenquote zu setzen. Wenn man sich einmal für einen bestimmten ETF entschieden hat, sollte man im Regelfall aber dabeibleiben, denn sein Portfolio umzuschichten kostet Geld – es gilt die alte Börsenregel „Hin und Her macht Taschen leer“. Wer in mehrere ETFs investiert, sollte darauf achten, dass sich die ETFs nicht überschneiden, denn wer über zwei verschiedene ETFs in dieselbe Firma investiert, sabotiert die eigene Streuung.  

Fünf Tipps zum Abschluss:

- Nie mit Geld spekulieren, das man nicht hat oder kurzfristig brauchen könnte. Der Tipp klingt zwar trivial, aber wird doch oft ignoriert. Kreditzinsen belasten die Rendite.

- Lieber regelmäßig kleine Beträge anlegen, die einen im Alltag nicht belasten, als zu viel anlegen. Vermögenaufbau ist wie ein Marathonlauf, wer sich zu früh verausgabt, dem fehlt die Puste für den Endspurt. Die Sparrate kann jederzeit den eigenen Bedürfnissen angepasst werden, wenn die Waschmaschine kaputt geht und die Klassenfahrt der Kinder ansteht, ist es keine Schande, eine Rate auszusetzen.

- Weniger Informationen sind mehr. Gerade in der Anfangszeit mag es verlockend sein, die Wertentwicklung im Portfolio stündlich aufzurufen und auf kleine Kursbewegungen zu reagieren. Das tägliche Börsengeschehen zu verfolgen lohnt sich für die meisten Anleger jedoch nicht. Wer eine langfristige Strategie verfolgen will, sollte sich vom täglichen Nachrichtenrauschen nicht verrückt machen lassen.

- Die vergangene Wertentwicklung sagt nichts über die Zukunft. Nur weil ein ETF in den letzten drei Jahren gut gelaufen ist, heißt das nicht, dass sich der positive Trend in der Zukunft fortsetzt.

- Breit streuen! Vom Nobelpreisträger Harry Markowitz stammt das Zitat: „Diversification is the only free lunch“ (zu Deutsch: Diversifikation ist das einzige kostenlose Mittagessen). Wer nur auf Aktien aus Deutschland oder Europa setzt, verpasst die Wertentwicklung in den USA und Asien. Umgekehrt ist auch ein Übergewicht an US-Aktien problematisch, denn diese sind zwar stark, aber auch in den letzten 30 Jahren gab es immer wieder Intervalle, in denen europäische oder asiatische Aktien besser gelaufen sind.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.