Neapel - An der Hauswand in Neapels Stadtteil Sanità ist von dem prächtigen Altar nur noch ein Schatten übrig, Tag und Nacht. Ein dunkelgrauer Fleck ist dort, wo bis vor kurzem eine Madonnenfigur die Arme ausbreitete, darunter Figuren von Menschen, die ihre Köpfe aus dem gemalten Fegefeuer reckten. Dieser Altar wurde unter Polizeischutz abgebaut, weil im Zentrum ein großes Foto von Ciro eingefügt war. Ciro war gerade 20 Jahre alt, als er vor nicht ganz zwei Jahren erschossen wurde. Eigentlich hätten die Kugeln seinen Onkel treffen sollen, denn der war eine Zeit lang Stellvertreter eines Camorrabosses im Viertel Sanità. So will es das Gerücht.

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Ein paar Straßen weiter südlich, im Viertel Forcella, ein ähnliches Bild. Oder besser: kein Bild. Hier hat die Präfektur Neapels vor gut einem Monat Büste und Altar von Emanuele Sibillo, 19, entfernt, dem Chef eines sogenannten „Babyclans“, junger Mafiosi, die die Innenstadt Neapels terrorisierten. Anders als in der Sanità hatte man es hier mit echter Heiligenverehrung zu tun: Im Inneren der Büste fand sich Asche des Toten. Wer die lebensecht wirkende Nachbildung berührte, konnte sich mit magischer Kraft aufladen. An so etwas glauben sie hier.

Emanuele Sibillos steile Karriere war für viele ein Versprechen gewesen. Auf raschen Erfolg durch Raubzüge einerseits, auf das Ende der klassischen Camorra andererseits. Ganz so, wie es der auf der Berlinale preisgekrönte Film „Paranza – Der Clan der Kinder“ vorgeführt hat. Dass Sibillo in seinem Umfeld sakralisiert wurde, muss also nicht erstaunen. Aber auch hier: alles weg, offiziell, weil der Familienclan die ansässigen Händler angehalten habe, vor Emanueles Altar niederzuknien. Dabei bestreitet in der Nachbarschaft jeder, jemals von diesem Befehl gehört zu haben.

Eine Familie legt sich selbst in Ketten

In den Quartieri Spagnoli, dem wohl bekanntesten Mafiabezirk Neapels, wird es mit der Entfernung der Bilder schon komplizierter: Die Bevölkerung lehnt diese nämlich durchweg ab. Nicht weit von der berühmten „Paradiessteige“, die aus den stickigen Gassen herausführt, hängt das lebensgroße Bild von Ugo Russo, 17, mit Strasssteinen versetzt. Russo erlag am 1. März seinen Schusswunden, ein Polizist in Zivil hatte auf ihn geschossen nach einem Raubüberfall. Im Mai kettete sich die Familie des Jungen vor dem Gerichtsgebäude an, weil sie meinte, die Behörden würden absichtlich ihren Fall verdunkeln. Sie protestierten auch dafür, dass ihr Sohn sein Gesicht nicht verliert.

„Ich will die Camorra bekämpfen, indem ich ihr die Kinder wegnehme“, sagt Don Loffredo aus der Sanità. Aber so hat es der Pfarrer, der in seinem Viertel auch eine Art Bürgermeister ist, vermutlich nicht gemeint. Altäre gibt es in Neapel im Übermaß, gerade in armen Gegenden. Wem sie gewidmet sind, ist unmöglich zu kontrollieren. Papst Franziskus hat sich dafür eingesetzt, dass die Kirche Stellung beziehen soll und keine Praktiken unterstützt, von denen das organisierte Verbrechen profitiert. Altäre, Statuen, Bilder zu segnen, das erfordere erst einmal Recherche, sagt der Pfarrer. Deshalb stellt er sich auch nicht vorbehaltlos auf die Seite derer, die die bisherigen Praktiken verteidigen.

Anja Dreschke
Totenschrein unter einer Brücke  im Viertel Sanità.

Es geht nicht nur um Ugo Russo, nicht nur um Ciro oder um Emanuele Sibillo. 46 weiteren Altären oder Wandbildern in Neapel droht das gleiche Schicksal. Seit ein neuer Polizeipräfekt regiert, scheint Neapel offen einen Bilderkrieg auszufechten. In der offiziellen Mitteilung der Polizei stand: Endlich werde mit dem Gesetz, das das „Verherrlichen von verbrecherischen Taten und Tätern“ sanktioniert, ernst gemacht. Während anderswo in Europa die Statuen von Kolonialisten und Sklavenhändlern stürzen, befreit sich Neapel aus der Umklammerung durch Herrschaftszeichen des Verbrechens.

Neapel wird Maradona nie vergessen

Es gibt ja auch so viele andere Bilder in der Stadt, die Touristen und Kunstliebhaber anlocken. Heiligenbilder haben hier eine lange Tradition, sie reicht bis in die Gegenwart: Von einer Hauswand überblickt der spätantike Heilige Gennaro, dessen in einer Ampulle geronnenes Blut sich mehrmals im Jahr verflüssigt, die Stadt und segnet sie. Er trägt das Gesicht eines jungen Mannes aus dem popolo, dem Volk. Der Künstler zitiert die Arbeitsweise Caravaggios. Andere Wandbilder, auf Häuserblocks der Peripherie, zeigen Maradona, der den ansässigen Fußballclub auf Europas Thron gedribbelt hat, oder ein junges Sintimädchen. Diese Bilder stehen für das, was die Stadt offiziell sein möchte: Heimstätte für Diversität, für Leidenschaft, für die Überwindung von Rassen- und Klassenschranken.

All diese Schranken sind hingegen im Fall der getöteten Kriminellen präsent. Mit Ausnahme von „Babygang“-Sibillo, an dessen Mythisierung die internationale Presse nicht unbeträchtlichen Anteil hat, entstammen die Toten einer oft kaum alphabetisierten, gering qualifizierten Schicht. Sie waren jedoch nicht Teil der Organisierten Kriminalität. Meist waren es Kleinkriminelle, schon mit einem Fuß im Gefängnis geboren. Süditalien und Neapel zahlen seit 20 Jahren einen hohen Preis für die Deindustrialisierung und für den Umbau zur Dienstleistungsgesellschaft, für die ein Personenkreis mit wenigen Sozialkontakten in andere Milieus vergleichsweise schlecht gerüstet ist. Die Mafia erhält diesen Status quo aufrecht. Eklatant ist auch, dass Bildung keinen Ausweg verspricht – den Zugang zum Arbeitsmarkt regeln Netzwerke.

Anja Dreschke
Opulenter Totenschrein in Neapel

Wer keinen santo in paradiso (Heiligen im Paradies), keinen Fürsprecher, hat, kommt im Süden Italiens nicht weit. Entsprechend dreht man sich um sich selbst, die Motorini-Corsi, die immerzu die gleichen Strecken abfahren, wobei Jungen und Mädchen in Überlast auf ihren Rollern sich gegenseitig necken, stehen symbolisch dafür. Aber auch die Gangs, die sich von Vorbildern aus dem Fernsehen, etwa aus der Serie „Gomorrha“, inspirieren lassen, in denen mancher Jugendliche sich selbst spielte. Eine Welt „da draußen“ gibt es in den Spiegelsälen der Medien kaum noch. Manch einer übernimmt dann Gesten, spielt sich auf und bezahlt dafür mit dem Leben.

Familie, Nachbarschaft, organisiertes Verbrechen

Der Tod selbst gehört in Neapel zur Folklore. Nicht umsonst liegt nahe der Stadt ein See, der einmal das Tor zur Unterwelt darstellen sollte. Dann gibt es da noch den Kult der Seelen im Fegefeuer: Schädel aus vergangenen Jahrhunderten, die durch Umbauten oder Ausspülungen an die Oberfläche treten, werden als Kanal zu unbefriedeten Toten betrachtet, die einem für etwas Aufmerksamkeit im Jenseits einen Wunsch erfüllen lassen. Vorgeburtliche Welt, Lebenszeit und Tod erscheinen fortwährend ineinander verschränkt.

„In Wirklichkeit ist unser Leben ein Purgatorium“, meint Cenzino. Der begnadete Altarbauer saß mehrfach im Gefängnis, auch für seinen Bruder. Mit Don Loffredo liegt er manchmal über Kreuz, gelegentlich erhält er auch von der Kirche Aufträge. Der Mantel seiner Madonnen ist blauer als das Himmelsblau der Renaissance, das Gold glänzt überirdisch. Der Fernseher in seiner ebenerdigen Wohnung ist goldgerahmt. Kitsch, natürlich, aber darin enthalten sind eben sämtliche Träume, von denen sich Cenzino selbst dann nicht abwandte, als sie immer weniger in Erfüllung gingen. Ein Sohn ist drogenabhängig, einen anderen Jungen, dessen Vater umgebracht wurde, hat er adoptiert. Cenzino hat den Altar für Ciro gebaut, er wird diesen Sommer andere bauen und restaurieren. In Hinterhöfen, den vicoli, wo sie nur die Eingeweihten kennen, aber missgünstige Hausbewohner den Carabinieri einen Tipp geben. Um dann, wie alle anderen, den Kopf zu schütteln: „Schlimm, dass sie den abreißen ... Die armen Eltern.“

Familie, Nachbarschaft, organisiertes Verbrechen – dazwischen gibt es Grauzonen, gerade in Neapel. Es stimmt, manche Familie lässt ihrem Kind ein Denkmal setzen, dessen Kosten dann über die questua, eine Art Spendenaufruf für einen lokalen Heiligen- oder Marienkult, wieder eingesammelt werden. Wer das nicht gutheißt, spricht von Schutzgelderpressung. Die Beträge sprechen derselben aber Hohn. Oder der Umstand, dass man zur Erinnerung an gewaltsam Getötete besonderen Aufwand betreibt. Einfach weil man ihnen mehr schuldet als anderen, meint auch Cenzino. Deshalb haben Ugo Russos Eltern einen Maler beauftragt, nicht bloß sein Foto vergrößert. Glorifizierung der mala vita, des Verbrecherlebens, sähe anders aus.

Hymnus auf das Leben und zugleich eine Anklage

Viele Einwohner sind gespannt, ob sich die Präfektur auf Symbolpolitik beschränkt. Die Leute aus der Sanità etwa wissen, dass die Polizei die Eingangsstraße zum Viertel kontrolliert, aber selten im Viertel selbst. Lange haben die Menschen um stärkere Präsenz der Ordnungskräfte ersucht, passiert ist wenig.

Pater Loffredo hat vor seiner Basilika einem Jungen, der vor wenigen Jahren zufälliges Opfer einer Schießerei wurde, ein gußeisernes Denkmal gesetzt: Gennaro auf einer Wippe sitzend. Als wäre die Situation noch einmal unentschieden, als könnte es nach oben gehen statt nach unten. Als könnte man jemandem seine Unschuld zurückgeben, auch nach dem Tod.

Diese Skulptur ist ein Hymnus auf das Leben, zugleich eine Anklage. Sie steht nicht auf der Liste der zu entfernenden Denkmäler. So lange nicht, wie man Gennaro nicht nachweisen kann, zur mala vita gehört zu haben.

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