Jerusalem - Wo fängt man an, eine derart komplexe Geschichte zu erzählen? Eine Geschichte, wie sie sich derzeit in Israel abspielt? Der israelisch-palästinensische Konflikt dauert bereits so lange an, dass jede Seite virtuos geworden ist in der Kunst, die je andere zu beschuldigen, „angefangen zu haben“. Dennoch: Die Frage, was passiert ist, ist dringlich. Denn ja, dieser Krieg ist beispiellos. Nie zuvor hat Israel eine groß angelegte Militäroperation mit einem Feind wie Hamas durchgeführt, während es gleichzeitig Unruhen zwischen Juden und Arabern im Inneren in den Griff zu bekommen versuchte, gegen palästinensische Proteste im Westjordanland ankämpfte sowie gegen friedliche arabische Demonstranten in Ost-Jerusalem. 

Die aktuellen Ereignisse sind anders als sonst. Sie erinnern am ehesten noch an die Zeit vor 1948, vor Israels Unabhängigkeit, als jüdische „Pioniere“ mit Feinden von außen und innen konfrontiert waren. Dennoch: Auch dieser Vergleich ist ungenau. Denn es ist ja nicht die physische Existenz des jüdischen Volkes, die heute auf dem Spiel steht, sondern sein politischer und moralischer Werdegang. Was immer der Ausgang dieser Konfrontation sein wird: Wir stehen am Anfang einer neuen politisch-moralischen Ära in Israel.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

Wie werde ich glücklich? Ein Selbstversuch bei einem Online-Kurs der Yale-Universität, der das Glück lehren will

Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

Neues Gesetz zum autonomen Fahren: Ein Porträt eines deutschen Unternehmers, der die Technik dazu liefert

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Diese Geschichte könnte verschiedene Einstiegspunkte haben: Wir können mit dem Video beginnen, das einen arabischen Teenager aus dem Ost-Jerusalemer Stadtteil Beit Hanina zeigt, wie er einen jüdisch-orthodoxen Jugendlichen grundlos ohrfeigt. Das Video wurde auf Tiktok gepostet, löste einen Aufruhr aus und nährte jüdische Existenzängste. Man könnte die Geschichte auch zu dem Zeitpunkt beginnen, als am 22. April die ultrarechte Organisation Lehava unter „Tod den Arabern“-Sprechchören durch Jerusalem zog. Oder mit der Entscheidung der Polizei, einen Platz am Eingang zum Damaskustor während des heiligen Monats Ramadan mit Zäunen abzusperren.

Das Tor führt zu den arabischen Vierteln der Altstadt und ist der Treffpunkt für viele junge arabische Männer. Dies war eine weitere Demütigung, die zur tagtäglichen politischen Entrechtung der Jerusalemer Araber hinzukam, die hier 40 Prozent der Stadtbevölkerung ausmachen. Die Demütigung wurde letztlich zu einem regelrechten Akt der Entweihung, als Israelis Tausende von Pilgern aktiv hinderten, an Ramadan die Al-Aksa-Moschee – für Muslime eine ihrer drei heiligsten Stätten – zu besuchen. Vor dem Jerusalem-Tag, wo manche Israelis die Eroberung Jerusalems feiern, und nach einer Woche aufgeheizter Spannungen setzte die Polizei dort Tränengas und Skunk Water ein (Wasser, das die Menschen, die es trifft, mit unerträglichem Geruch benetzt). Die Versammelten wurden zerstreut, Hunderte wurden verletzt.

Nicht nur in Gaza: In Israel tobt ein Krieg im Inneren der Gesellschaft

Trotz der brachialen TV-Bilder der vergangenen Wochen sollte uns der Krieg in Gaza nicht von den stilleren Prozessen im Land ablenken: einem Krieg, der in verschiedenen Perioden der israelischen Geschichte geführt wurde. Es geht dabei darum, dass die Palästinenser im Westjordanland fortgesetzt ihrer Freiheit und Souveränität beraubt werden, sowie um die Entfremdung der arabischen Mitbürger Israels von einer Gesellschaft, die ihrerseits eine tiefe Ambivalenz ihrer Anwesenheit gegenüber zum Ausdruck bringt.

Dieser Bürgerkrieg, der Israel zerreißt, ist in meinen Augen sehr viel beunruhigender als der Krieg, der derzeit mit schwerem Gefecht gegen Hamas geführt wird (seit Freitagmorgen herrscht zwischen Israel und Gaza eine vorübergehende Waffenruhe, Anm. d. R.). Der Bürgerkrieg legt die inneren Widersprüche frei, die Israel nie überwunden hat, vielleicht auch nie überwinden wird. Sein Ursprung liegt in einem schier unmöglichen Modell: eine Demokratie, die auf dem dauerhaften Ausschluss arabischer Bürger beruht. Welche guten Sicherheitsüberlegungen auch immer es für solch einen strukturellen Ausschluss geben mag: Er ist eine Quelle tiefsitzender Spannungen, die durch die fortgesetzte militärische Kontrolle der Palästinenser nur noch weiter befeuert werden.

Dieser Ausschluss ist kein unbeabsichtigter Nebeneffekt der militärischen Grundsituation. Nein, er wird durch Gesetze ratifiziert, die gegen Araber diskriminieren. Deshalb wäre der folgerichtige Einstieg zum Verständnis des gegenwärtigen Bürgerkriegs der andauernde Versuch jüdischer Siedler, palästinensische Familien im Ost-Jerusalemer Stadtteil Sheikh Jarrah zu vertreiben. Der Versuch dieser Vertreibung beruft sich auf eine Rechtsstruktur, die die Diskrepanz zwischen Gesetzen für Araber und für Juden aufzeigt.

AFP
Eva Illouz

Eva Illouz, geboren 1961 in Marokko, ist israelische Professorin and der Hebrew University in Jerusalem und der École des hautes études en sciences sociales in Paris. Sie erforscht die Verknüpfung von Gesellschaft und Emotionen. Zu ihren bekanntesten Büchern gehören: „Warum Liebe wehtut“ (2011) über die Grenzen der Autonomie und das Verlangen nach Freiheit in romantischen Beziehungen.

Eigentum, das fliehende Araber 1948 zurücklassen mussten, kann von ihnen nie mehr zurückverlangt werden. Jüdisches Eigentum hingegen kann selbst 70 Jahre später noch zurückgefordert werden – ein Umstand, der wiederum als Rechtfertigung herangezogen wird, palästinensische Familien aus ihren Häusern zu vertreiben. Diese Frage wird derzeit in israelischen Gerichten diskutiert. Die Geschichte von Sheik Jarrah korrespondiert dabei mit dem Nationalstaatsgesetz von 2018, das als Grundgesetz mit Quasi-Verfassungsrang verabschiedet wurde. Es legt fest, dass Israel das Land der Juden ist, was die faktische Ausgrenzung der Araber noch weiter zementiert.

Das Gesetz war die Folge einer unerbittlichen Hetzkampagne, die Netanjahu und das rechte Lager seit einem Jahrzehnt gegen die arabischen Mitbürger führen. Es war auch die Folge aus rund 50 Jahren Besatzung und Kontrolle der palästinensischen Bevölkerung: Denn weder israelische Juden noch israelische Araber können den Status der Palästinenser im Westjordanland und in Gaza von dem der Araber innerhalb der Grünen Linie trennen. Der schreiendste Beweis dafür ist das jüngste Bündnis zwischen Likud und der extremen Rechten. Es bildet den Nährboden für die jüngste Explosion des Hasses auf Israels Straßen. Ohne dieses Bündnis können wir den Hass nicht verstehen.

Araber in Israel sind nicht nur Opfer

Sicher, Araber sind nicht nur hilflose Opfer der Situation. Arabische Kriminelle und Ultranationalisten haben in den letzten Tagen Synagogen niedergebrannt und Zivilisten angegriffen, ohne dass ihre Führung auch nur ein Wort der Verurteilung ausgesprochen hätte. Zweifellos wird dies eine traumatische Wunde in der israelischen Psyche hinterlassen. Darüber hinaus hat die Terrororganisation Hamas die friedliche Protestbewegung in Sheikh Jarrah zynisch ausgenutzt, um einen Krieg anzuzetteln und im Vakuum, das die Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde hinterlassen hat, zu punkten. Der mörderische Zynismus der Hamas sollte beim Namen genannt werden. Doch als jüdische Israelin kann ich selbst eben am besten über die Unzulänglichkeiten meiner eigenen Gruppe nachdenken.

Europäische Leser mögen sich nicht darüber im Klaren sein, dass Israels extreme Rechte, mit der Netanjahu sich verbündet hat, von einer anderen Qualität ist als vergleichbare Parteien in Europa. Itamar Ben-Gvir, der die rechtsextreme Otzma Yehudit (Jüdische Kraft) anführt, hatte noch bis vor kurzem ein Porträt von Baruch Goldstein in seinem Haus hängen. Goldstein war ein US-Arzt, der in der Siedlung Kiriat Arba in Hebron lebte. Eines Tages brach er mit einem Sturmgewehr in die „Höhle der Patriarchen“ ein und brachte 29 hilflose Moslems um, die dort beteten.

Ben-Gvir ist ein Anwalt, der jüdische Terroristen und Täter von Hassverbrechen vertritt. Die Lehava-Organisation, die eng mit Ben-Gvirs Partei verknüpft ist, hat unter anderem das Ziel, interreligiöse Ehen zu verhindern. Selbst Israels Staatspräsident Reuven Rivlin, ein Mann ohne besondere Sympathien für die Linke, sprach sich gegen deren Angriffe auf interreligiöse Hochzeiten aus. Er bezeichnete die Gruppe als „Nagetiere, die am demokratischen und jüdischen Fundament Israels nagen“.

Lehavas menschenverachtende Ideologie ist höchstens noch mit der US-Südstaaten-Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts vergleichbar. Indem Netanjahu sich zu ihrem politischen Verbündeten machte, wandte er sich den extremsten Formen des Rechtsradikalismus in Israel zu. Diese Gruppen schüren die Flammen des Bürgerkriegs, indem sie den bereits brodelnden Rassismus in der israelischen Gesellschaft mit „Tod den Arabern“-Sprechchören weiter anfeuern. 

Israels Zivilgesellschaft steht auf dem Spiel

Nichtsdestotrotz: Diese Gruppen repräsentieren nicht die Gesamtheit der israelischen Zivilgesellschaft, von der Teile hart daran gearbeitet haben, Brücken zwischen der jüdischen und arabischen Gesellschaft zu bauen. Mordechai Cohen, der Direktor des Innenministeriums, hat auf seiner Facebook-Seite ein Video veröffentlicht, in dem er die israelische Öffentlichkeit an die jahrelange Arbeit erinnert, die sein Ministerium in die Integration von Arabern in die israelische Gesellschaft und das Schmieden tiefer Bande zwischen den Bevölkerungsgruppen investiert hat. Dies sind nicht nur leere Worte.

Diese bestehenden Bindungen mögen von vollständiger Gleichheit weit entfernt sein, doch sie sind real und stark und deuten darauf hin, dass Israel in vielerlei Hinsicht beispielhaft sein könnte für eine Brüderlichkeit zwischen Juden und Arabern, die in Ländern wie Frankreich nahezu unbekannt ist. Araber sind heute viel stärker in die israelische Gesellschaft integriert als noch vor etwa 50 Jahren. Diese Brüderlichkeit hat sich durch die Covid-19-Krise, als jüdische und arabische Ärzte und Krankenschwestern unermüdlich Seite an Seite gearbeitet haben, noch weiter vertieft. 

Wir Soziologen wissen seit langem, dass Legitimation eine mächtige soziale Kraft ist. Die Aufnahme von Parteien in die Knesset, die zu anderen Zeiten der israelischen Geschichte oder in anderen Demokratien als Terroristen gegolten hätten, stellt in sich eine Legitimierung ihrer apokalyptischen Vision der israelischen Gesellschaft dar. Es ist bekannt, dass Eliten eine Schlüsselrolle bei der subtilen oder offenen Ermutigung zur Gewalt spielen. Selbst ein „großer Mann“ – ein autoritärer Führer wie Benjamin Netanjahu – braucht ein Netzwerk von Leuten, die ihn unterstützen.

Und so ist er zu dem Schluss gekommen, dass nur eine Allianz mit der radikalen Rechten ihn an der Macht halten wird. Eine Macht, an die er sich auch deshalb so verzweifelt klammert, um den Prozess wegen Korruptionsverdacht zu vermeiden, der ihn ins Gefängnis bringen könnte. Diese Gruppen an der Macht senden Schockwellen in die israelische Gesellschaft. Ihre bloße Anwesenheit in der Knesset suggeriert, dass ihre muskulös-rassistische Vision des Judentums nun legitim geworden ist. Sie stehen für eine unverblümte und horrende Fehlentwicklung in der Geschichte des jüdischen Volkes.

Israel steht an einem Scheideweg

Die gewalttätigen Ausschreitungen signalisieren, dass Israel an einem Scheideweg steht: Es muss die palästinensische Frage lösen und internationale Standards der Menschenrechte im Westjordanland und in Gaza übernehmen. Andernfalls wird die Militärkultur der Kontrolle und der Aufhebung von Bürgerrechten sich über die Grüne Linie hinweg ausweiten. Israelische Araber werden nur dann vollwertige israelische Bürger, wenn ihren palästinensischen Brüdern politische Souveränität zugestanden wird.

Israel hat versucht, einen demokratischen und jüdischen Staat aufzubauen. Aber sein jüdischer Charakter wurde von der religiösen Orthodoxie und den Ultranationalisten in Beschlag genommen, was mit Demokratie unvereinbar ist. Diese extremistischen Fraktionen haben Judentum und Demokratie auf zwei unvereinbare Wege manövriert: mit unvereinbaren moralischen und politischen Logiken, die sich auf einem regelrechten Kollisionskurs befinden. Im Kontext eines Landes, das in unaufhörliche militärische Konfrontation verwickelt ist, ist der mächtige universalistische Strang des Judentums verworfen worden.

Israel hätte das Potenzial, ein Beispiel für die Welt zu sein, nicht nur für die Gleichheit zwischen Juden und Arabern, sondern auch für die Bande der menschlichen Brüderlichkeit. Diese Brüderlichkeit ist kein Luxus oder naiver Wunsch. Sie ist die eigentliche Bedingung für Israels zukünftige Existenz.

Dieser Beitrag wurde übersetzt von Hanno Hauenstein.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.