Berlin - Die Revolution ist in Berlin angekommen, die psychedelische Revolution. Nach Jahrzehnten der Verbote sind führende Forscher davon überzeugt, dass psychedelische Drogen wie Psilocybin dabei helfen können, Depressionen und Suchterkrankungen zu bekämpfen. Psilocybin ist ein Wirkstoff, der auch in „Magic Mushrooms“ (Psilocybinhaltige Pilze) enthalten ist. Die Charité hat sich dazu entschlossen, in diesem Frühjahr gleich zwei klinische Studien durchzuführen, die untersuchen sollen, ob Psilocybin zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden kann. Es ist die erste Forschungsarbeit dieser Art in Deutschland seit Jahrzehnten.

In den 1950er und 1960er war die Forschung mit Psilocybin auf beiden Seiten des Atlantiks weit verbreitet– und auch mit LSD, das chemisch mit Psilocybin zwar nicht verwandt ist, aber ähnliche psychische Effekte erzielen kann. Einer der bekanntesten Befürworter von Psilocybin- und LSD-Therapien war der Harvard-Dozent und spätere Hippie-Guru Timothy Leary. Er prägte den Satz „Turn on, tune in, drop out“. 1962 verabreichte er Theologiestudenten Psilocybin in einer Kapelle, um zu prüfen, ob die Droge mystische Erfahrungen hervorrufen kann. Kurze Antwort: Ja, sie kann!

In den Sechziger Jahren waren derartige Experimente sehr populär. LSD etwa galt als Wundermittel. Es war auch unter Hollywoods Psychoanalytikern populär. Der Schauspieler Cary Grant machte zwischen 1958 und 1961 angeblich über 100 Mal eine LSD-Therapie und behauptete später, die Droge habe sein Leben verändert.

In den späten Sechziger Jahren verschlechterte sich der Ruf von Psychedelika. Die Kriminalisierung der Drogen und Richard Nixons „War on drugs“ (Krieg gegen Drogen) führten dann im Verlauf der Siebziger Jahre zum Ende der legalen Forschung an Psilocybin und LSD. Es dauerte mehr als 30 Jahre, bis sich daran etwas ändern sollte. Erst in den Nuller Jahren begannen Forscher der NYU, der Johns Hopkins University und des Imperial College London wieder Studien über die therapeutischen Effekte von Psilocybin durchzuführen.

Illegal, legal, scheiß egal

Der Besitz von LSD, Psilocybin und Magic Mushrooms ist in Deutschland strafbar. Das hält viele Menschen dennoch nicht davon ab, sich selbst mit Psychodelika zu therapieren. Microdosing, also etwa die Einnahme von winzigen Mengen von LSD zugunsten der Steigerung von Kreativität und Produktivität oder der Bekämpfung von Depressionen, ist auch in Berlin zu einer beliebten Therapieform geworden, trotz der Illegalität.

Eine Person, die sich mit LSD therapiert und mit der Berliner Zeitung über ihre Erfahrungen sprechen möchte, ist Anna. Wir treffen die 42-Jährige in Berlin-Mitte. Vor zehn Jahren wurde bei Anna eine klinische Depression diagnostiziert. Ihr Psychiater verschrieb ihr Citalopram, ein Medikament aus der SSRI-Familie der Antidepressiva. Über ein Jahrzehnt half ihr das Medikament, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Aber es hatte auch erhebliche Nebenwirkungen: Das Medikament ermöglichte es Anna, große Mengen Alkohol zu trinken und am nächsten Morgen immer noch ohne Kater leistungsfähig zu sein. Diese Alkohol-Resistenz förderte einen selbstzerstörerischen Zirkel, der Anna emotional destabilisiert habe. Die Tiefs ihrer Gefühlswelt waren weg, aber auch die Hochs. „Ich habe mich in zehn Jahren nicht ein einziges Mal verliebt“, sagt Anna rückblickend.

Als die Corona-Pandemie ausbrach, nahm sich Anna vor, die Einnahme der Antidepressiva-Medikamente zu beenden. Aus eigenem Antrieb heraus setzte sie Citalopram ab. Nachdem sie eine WDR-Dokumentation über Microdosing gesehen hatte, beschloss sie, diese neuartige Therapieform auszuprobieren. Über einen Freund fand sie einen LSD-Lieferanten. Anna begann, jeden dritten Tag einen Schluck Wasser und eine winzige Menge der Droge zu schlucken. Die optimale Menge laut ihrer eigenen Online-Recherche.

Anna fühlte sich sofort besser. Sofort war sie in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen, obwohl das LSD keinen rauschhaften Effekt auf sie ausübte. Anna spürte weder Euphorie, noch erlebte sie Halluzinationen. Sie fühlte sich einfach nur normal und war wieder in der Lage, echte Gefühle zu empfinden. Dieser Zustand hielt an, bis sie eine Pause einlegte, weil sie das LSD nicht mit Antibiotika mischen wollte, die ihr Arzt wegen einer Infektion verschrieben hatte. Die Stimmung kippte und die Depression begann wieder von Neuem.

Neue psychedelische Wissenschaft

Annas Beispiel zeigt: Microdosing kann vielen Menschen das Leben mit Depressionen erleichtern. Der spürbare Effekt von Psychedelika auf den Gesundheitszustand ist auch der Grund, warum Forscher an der Berliner Charité aktuell zwei Studien zur Psilocybin-Therapie für Patienten mit therapieresistenter Depression, also Patienten, bei denen mindestens 2 Antidepressiva mit verschiedenem Wirkmechanismus nicht geholfen haben. Das sind ca. 30% aller Depressionen.

Die erste Studie nennt sich „EPIsoDE – Efficacy and Safety of Psilocybin in Treatment-Resistant Major Depression“ und wird vom deutschen Staat finanziert. Die zweite wird unterstützt von der Londoner Biotech-Firma Compass Pathways. In der EPIsoDE-Studie sollen die Probanden eine volle Dosis Psilocybin erhalten, die einen Trip auslöst und die Probanden in Euphorie-Gefühle und Halluzinationszustände versetzen soll. Der Plan ist, diese Experimente unter Aufsicht von Psychotherapeuten durchzuführen.

Der Leiter der EPIsoDE-Studie heißt Prof. Dr. med. Gerhard Gründer. Er arbeitet am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und wird die eine Hälfte der Studie betreuen. An der Berliner Charité wird die Studie von Dr. Michael Koslowski koordiniert, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er gehört auch zu den Therapeuten, die die Patienten an der Charité auf ihre inneren Reisen begleiten werden.

Koslowski erklärt das Studiendesign so: Die Gesprächstherapie ist ein integraler Bestandteil der Behandlung. In mehreren Gesprächen werden die Patienten auf die „Substanzsitzungen“ vorbereitet, während die Therapeuten zur Depressionsgeschichte der Probanden und zu ihren Lebensthemen Fragen stellen, an denen sich die Probanden abarbeiten wollen.

Es geht um Fragen wie: Mit welchen Lebensthemen wollen sich die Probanden beschäftigen? Mit welchem Trauma? Was sind ihre Ziele in der Therapie und im Leben? Die zwei Sitzungen sollen innerhalb von acht Wochen stattfinden und in einem speziell eingerichteten Raum durchgeführt werden. Die Probanden nehmen eine Tablette, legen sich auf ein Bett, setzen eine Augenmaske auf und hören dabei eigens ausgewählte Musik. Drei Dosen soll es geben: die volle Dosis Psilocybin in Höhe von 25 Milligramm, eine mildere Dosis von fünf Milligramm und ein Placebo namens Niacin, das als Nebenwirkung Nervosität und Hitzewallungen verursachen kann. Die Probanden sollen nicht wissen, welche Substanzen sie verabreicht bekommen – die Therapeuten auch nicht.

„Es ist nicht einfach, ein gutes Placebo für Psilocybin zu finden“, sagt Koslowski. „Für uns ist es am wichtigsten, dass die Patienten verstehen, dass sie auch mit einem Placebo eine tiefe, antidepressive Erfahrung machen können. Das liegt an der besonderen Situation mit zwei Therapeuten, dem Hören von ausgewählter Musik und der intensiven Vor- und Nachbehandlung. Aus ethischen Gründen wird jeder Studienteilnehmer mindestens eine Sitzung mit einer hohen Dosis Psilocybin erhalten.“ So soll gewährleistet werden, dass jeder der Probanden eine Trip-Erfahrung durchmachen darf.

Doch wie funktioniert die Heilung? Der Berliner Facharzt Koslowski hat eine Vermutung. Er erklärt den Prozess im Hirn so: „In den Tagen und Wochen nach einer einmaligen Verabreichung sehen wir eine erhöhte Neuroplastizität. Es bilden sich neue Synapsen. Nervenzellen wachsen schneller. Das öffnet ein Fenster, in dem man wahrscheinlich viel Veränderung durch Psychotherapie schaffen kann.“

Darüber hinaus, so Koslowski, gebe es ja noch die subjektive Erfahrung während der psychedelischen Sitzung, die auf die Probanden sehr mächtig, sogar mystisch wirken könne. Der Proband wird mit existenziellen Dingen konfrontiert. „Zum Beispiel mit seinem eigenen Tod oder damit, was er eigentlich im Leben will. Oder er sieht seine Beziehungen aus einer völlig anderen Perspektive.“

In Studien an der NYU haben Krebspatienten mit Todesdiagnose Psilocybin verabreicht bekommen, um mit ihrer Todesangst besser umzugehen. Die Studie hat erstaunliche Erfolg gezeigt. Die Patienten mit den besten Ergebnissen waren ausgerechnet diejenigen, die eine intensive mystische Erfahrung erlebt hatten. Die Ergebnisse legen nahe, dass durch Psilocybin ein innerer psychischer Bewusstseinswandel ausgelöst werden kann – vor allem, wenn er durch therapeutische Sitzungen gestützt wird, in denen die Probanden ihre psychedelische Erfahrung mit einem Psychologen verarbeiten können. Bisherige Studien deuten darauf hin, dass der positive Effekt nach einer solchen Therapie lange andauern kann.

Eine weit verbreitete Vorstellung über Psychedelika ist die Angst vor Psychosen. Koslowski sagt, dass Psychosen möglich seien, wenn Drogen wie LSD ohne einen Therapeuten eingenommen würden – oder wenn der Proband oder jemand aus seiner Familie eine Vorgeschichte mit Psychosen habe. Menschen mit einem derart vorbelasteten Hintergrund dürften an den Studien deshalb nicht teilnehmen. Die Therapie sei sicher, sagt Koslowski. Außerdem sei bei Psilocybin, anders als bei vielen illegalen Drogen, das Risiko einer Abhängigkeit extrem gering.

Der Goldrausch mit den Drogen

Die Behandlung mit Psilocybin ist derart vielversprechend, dass sich erste Unternehmen mit der Substanz beschäftigen und große Gewinne durch ihren medizinischen Einsatz erhoffen. Die Firma Compass Pathways, die eine der beiden Charité-Studie finanziert, hat in New York im letzten Herbst 145 Millionen US Dollar Kapital bei ihrem Börsengang eingesammelt. Das Unternehmen entwickelt ein neues Modell der Psilocybin-Therapie, bei dem synthetisches Psilocybin namens COMP360 verabreicht werden soll, natürlich unter psychologischer Betreuung.

Einer der Gründer des Unternehmens heißt Lars Christian Wilde. Kürzlich äußerte er sich in dem Berliner Psychedelika-Podcast „The New Health Club“, der moderiert wird von der Journalistin Anne Philippi. Lars Christian Wilde glaubt, dass die Psilocybin-Therapie in ein paar Jahren auch in Deutschland zugelassen und von Krankenkassen akzeptiert sein wird.

„Wenn die Wissenschaft Recht behalten sollte, könnte Psilocybin eine echte Option für Patienten sein.“ An den Studien, die das Unternehmen Compass Pathways unterstützt, sollen 216 Patienten an 22 Standorten in Nordamerika und Europa teilnehmen. Ziel ist es, die ideale Dosis zur Behandlung von Depressionen zu finden. Die Probanden sollen zehn Milligramm, 25 Milligramm oder eine Placebo-Dosis von einem Milligramm Psilocybin erhalten.

Vergessene deutsche Forschung

Im Gespräch mit Anne Philippi sagt Wilde, dass viele Deutsche vergessen hätten, dass hier die Psilocybin-Forschung einst federführend war. „In Deutschland gab es die letzte Psilocybin-Studie in den späten 1990er Jahren – an der Universität Köln. Deutschland war ein führendes Zentrum, wenn nicht sogar das führende Zentrum für Psilocybin-Forschung. Eine der wichtigsten Forschungsstätten war die Universität Göttingen, wo Hunderte von Probanden behandelt wurden. Als die Forscher in den Ruhestand gingen, ging auch viel Wissen verloren. Ich hoffe, dass mit den aktuellen Studienplänen dieses Wissen wiederbelebt werden kann.“

Es sieht so aus, als würde dieses Umdenken tatsächlich jetzt im Jahr 2021 passieren. Die Pandemie hat eine psychische Gesundheitskrise ausgelöst. Kein Wunder, dass der Staat offen ist für Alternativen. Die MIND-Foundation, eine Berliner Non-Profit-Organisation, die sich für Psychedelika einsetzt, schreibt auf ihrer Webseite: „Psilocybin könnte sicherlich eine Bereicherung, wenn nicht sogar ein Baustein in der Reformierung der psychiatrischen Versorgung werden. Die vorgeschlagene Behandlung könnte für bestimmte Patienten effektiver sein und erfordert keine Langzeitmedikation, was die Behandlung möglicherweise kostengünstiger macht.“

Der Mediziner Koslowski stimmt diesem Satz zu. Er hält neue Therapien für notwendig. „In den letzten Jahren hat das Verständnis zugenommen, dass viele depressive Patienten mit Antidepressiva wie SSRIs nicht zurechtkommen.“ Zukünftige Forschungen an der Charité könnten die Wirksamkeit von Psilocybin belegen, sagt Koslowski, und ein Umdenken in der Therapie von Depressiven einleiten.

Von Selbsttherapien und einer LSD-Mikrodosierung hält Koslowski nichts, da das Wissen über die Langzeitwirkungen auf den Körper lückenhaft sei. Forschungen legen nahe, dass LSD negative Auswirkungen auf das Herz habe. „Es sollte mehr gute Studien zur Mikrodosierung geben. Wir planen sie nicht, weil wir glauben, dass die therapeutische Wirksamkeit geringer ist, weil der psychologische Effekt einfach nicht da ist, oder die emotionalen Durchbruchserlebnisse, die in allen Studien berichtet werden.“

Mikro versus Makro

Zurück zu Anna. Was denkt sie über die Studienpläne an der Charité? Wir rufen sie an und fragen nach. Ob sie sich vorstellen könne, an der Studie teilzunehmen? Anna hat Lust, aber auch Bedenken. Im Winter war sie an Corona erkrankt. Ihr Immunsystem sei immer noch schwach. Die Vorstellung, an einer psychedelischen Therapie teilzunehmen, versetze sie in Sorge. „Man weiß nicht, was auf einen zukommt“, sagt sie. Noch mehr Angst habe sie allerdings davor, weiterhin Antidepressiva zu nehmen.

Anna hat nach dem Gespräch sich für die Studie an der Charité angemeldet. Für beide Studien werden noch Probanden gesucht. Wer Interesse hat, kann sich unter folgenden E-Mail-Adressen anmelden: EPIsoDE-Studie: episode-studie@charite.de / Compass-Studie: psilocybin@charite.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.