Berlin - Als Fabian Schrader mit seinem Fahrrad auf den Körnerpark in Neukölln zurollt, ist es ein pinkes Stück Klebeband, das als erstes ins Auge fällt. Nicht seine Körpergröße von mehr als 1,90 Metern, nicht sein sportlich-schwarzes Outfit samt kurzer Adidas-Trainingshose, nicht mal der Regenbogen-Anhänger an seiner Halskette. Nein, es ist dieses pinke Stück Klebeband, das den Blick auf sich zieht.

Fabian Schrader hat es am Schutzblech des Fahrradvorderreifens befestigt, wahrscheinlich, weil das Schutzblech dort gerissen war. Es mag ein Zufall sein, aber es passt zu gut, das pinke Klebeband, das etwa eine Handfläche lang ist. Denn gewissermaßen ist all das, was Schrader mit seinem queeren Podcast „Somewhere Over The Hay Bale“ tut, wie ein pinkfarbenes Pflaster, eine pinkfarbene Reparatur am Schutz(blech), im übertragenen Sinne.

Seit etwas mehr als einem Jahr, genauer seit März 2020, reist Fabian Schrader, 31 Jahre alt, Theaterpädagoge, immer wieder von Berlin aus in die Provinz – um dort mit meist jungen queeren Menschen über ihr Coming-Out und überhaupt ihr Queersein auf dem Land zu sprechen. Diese sehr persönlichen, berührenden Begegnungen dokumentiert er in dreiviertelstündigen Podcast-Episoden, die immer am 15. eines Monats auf allen gängigen Portalen erscheinen: Spotify, Apple Podcast, Google Podcast, Deezer, Podimo, Podigee.

LGBTQ-Personen, die auf dem Land aufwachsen, machen ähnliche Erfahrungen

Schrader, der Moderator, Redakteur und Toningenieur in einer Person ist, bastelt oft spät abends noch an seinen Folgen, nachdem er seinen Hobbys nachgegangen ist, Ukulele spielen oder Origami basteln zum Beispiel. Dass Schrader auf seinen Podcast-Reisen ein so empathischer Gesprächspartner ist, hat viel mit seinem eigenen Leben zu tun. Zwar kam er vor acht Jahren fürs Politik-Studium nach Berlin – aufgewachsen ist er allerdings in Westdorf, einem abgelegenen, 900 Seelen kleinen Ortsteil der Stadt Aschersleben am westlichen Rand des Salzlandkreises in Sachsen-Anhalt.

Jetzt sitzt Schrader auf einer der kleineren Wiesen im Körnerpark und beginnt mit ruhiger Stimme zu erzählen, was ihn antreibt: Im Studium und beim Dating in Berlin habe er viele Queers getroffen, die, wie er, aus Kleinstädten oder Dörfern stammen – und die  irgendwann aus der Provinz nach Berlin gezogen sind. „Klassische Smalltownboy- und Smalltowngirl-Story“, sagt Schrader, der oft englische Wörter in seine Sätze streut, vielleicht weil er nach dem Abitur ein Jahr lang in Australien jobbte. In Berlin spürt Schrader, dass er und die anderen Schwulen, Lesben, bisexuellen und trans Menschen aus der Provinz bestimmte Erfahrungen teilen. „Aber oft blieben diese Gespräche stocken bei: Ja, war schwierig. Mir fehlte die Sprache, um darüber zu reden. Es fiel mir lange nicht leicht, einen Finger in die Wunde zu legen. Und die Leute, mit denen ich mich unterhalten habe, denen ist das auch nicht leicht gefallen.“

Paul Max Fischer
„Über queere Menschen in meinem Dorf wurde negativ gesprochen.“

Es sind Erfahrungen von Ausgrenzung und Mobbing, die traumatisieren; Gefühle des Alleinseins. Etwa wenn das nächste queere Jugendzentrum weit entfernt ist. Schwierige Prozesse mit der eigenen Familie. Die fehlenden Bezugspersonen. Vorgelebt zu bekommen, dass die eigene, queere Identität einen Wert hat. „Über die einzigen beiden queeren Menschen in meinem Dorf“, sagt Schrader, „wurde dort sehr negativ gesprochen.“ Er schluckt.

Fabian Schrader will mit seinem Podcast gegen diese Sprach- und Wissenslosigkeit angehen – und Identifikationsfiguren schaffen, die ihm selbst als schwulem Teenager in Sachsen-Anhalt fehlten. „Ich wurde eine Zeitlang schlimm homophob angemacht in der Schule“, sagt er. „Ich wurde gemobbt. Junge nichtheterosexuelle und trans Menschen, die meinen Podcast hören, sollen wissen: Es gibt noch andere Queers auf dem Land. Sie sind nicht allein.“

Zwar sind in vielen Folgen Momente von Einsamkeit und Angst vor dem Coming-Out zu spüren – doch insgesamt ist die Stimmung im Podcast voller Aufbruch, sehr erbaulich und empowernd. „Die Story von Liam zum Beispiel steckt mir bis heute in den Knochen“, sagt Schrader. „Ich habe geweint bei dem Interview. Weil ich das so krass fand, wie Liam sich da rausgeboxt hat.“ Liam ist in einem Dorf im Leipziger Land großgeworden. „Da lebten super viele Nazis. Liam hat schlimme Gewalt erfahren.“

Es gibt Geschichten, die das Klischee des LGBTQ-feindlichen Dorfes widerlegen

Während Liams Coming-Out-Geschichte die in Berlin ohnehin weitverbreitete Ansicht bestätigt, dass es auf dem Land für Queers miserabel zugeht, liegt die eigentliche große Stärke von Schraders Podcast darin, in seinen mittlerweile 18 Episoden mit Klischees zu brechen: In einer Folge trifft er Bianca und einen anderen Fabian in Laucha an der Unstrut. Beide sind queer und bekamen als junge Menschen ausgerechnet von der Pfarrerin des Ortes starke Rückendeckung – und in der Jugendgruppe der Gemeinde. Mittlerweile hat dieser andere Fabian in Laucha seinen Mann geheiratet – die erste gleichgeschlechtliche Trauung in dem 3000-Seelen-Dorf.

Zur Freude, die Schraders Podcast erzeugen kann, passt auch das heitere Wortspiel im Namen: „Somewhere Over The Hay Bale“, das heißt „Irgendwo hinter dem Heuballen“. Gleichzeitig ist der Name eine Anspielung auf Judy Garlands träumerische Hymne „Somewhere Over The Rainbow“. Doch während bei der Schwulen-Ikone Garland anklingt, dass das glückliche Regenbogen-Leben nur in der himmlischen Utopie möglich sei, suggeriert Schraders Podcast-Titel, dass das queere Leben auch hinter dem nächstbesten Heuballen auf dem Dorf stattfindet. Richtig so!

„Ich bin sehr emotional bei den Folgen dabei“, sagt er. „Es nimmt mich sehr mit. Aber ich mag das. Wenn es mich kalt lassen würde – wozu sollte ich es dann machen? Ich denke oft: Diese Story hätte ich damals vor meinem Coming-Out gebraucht.“ Etwa die Folge mit Christian, der vor einigen Jahren sein Coming-Out als trans Mann in Treuenbrietzen, Brandenburg, hatte. Seit er 16 ist, ist er dort in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. „Christian hat selbstbewusst gesagt: ‚Das ist mein Weg – wer will, kommt mit‘. Und er hat super viel Rückhalt von seiner Familie und von der Feuerwehr bekommen.“

Paul Max Fischer
„Ich kannte damals keine Orte, an denen ich Freiraum finde.“

Man spürt, wie nah es Fabian Schrader geht, wenn er von dieser Geschichte erzählt. „In meinem Kopf war die Feuerwehr so eine krass maskulin dominierte Gemeinschaft.“ Er hält kurz inne, seufzt und sagt: „Ich wusste damals nicht, wo Orte für mich sind. Orte, an denen ich Freiraum finde, ohne Bildern von Männlichkeit nachzueifern, denen ich nicht entsprechen kann.“

Knapp ein Drittel der Interview-Gäste im Podcast wohnt inzwischen in Berlin. Schraders Reisen führten ihn aber auch ins tiefste Baden-Württemberg und bis nach Husum in Nordfriesland. Bei manchen Ortsnamen kann man schmunzeln: Milena kommt aus Gey in Nordrhein-Westfalen. Und Malte, ein „Herdsman“, wie er sich selbst nennt, also ein Hirte, Viehhüter oder Cowboy, wohnt in Neuland, einem 400-Seelen-Dorf in Niedersachsen. Auch sein Schwulsein war für die Dorfgemeinschaft erstmal „Neuland“, doch Malte erfährt seit seinem Coming-Out viel Zuspruch – und macht gerne mit den andern jungen Leuten aus dem Dorf Party. Auch wenn er manchmal direkt nach der Party morgens früh schon wieder Kühe melken muss.

Das Fernsehen suggeriert, dass es queeres Leben nur in großen Städten gibt

Es sind queere Geschichten, wie man sie sonst nur selten hört. Auch in den traditionelleren Medien: Die neue schwule Serie des ARD, „All You Need“, spielt in Berlin; die neue queere britische Serie „It’s A Sin“ (Channel 4/Starzplay) spielt in London und ein bisschen in New York. Manchmal scheint es, als gäbe es abseits der großen Städte keine Schwulen, Lesben oder trans Menschen. „Somewhere Over The Hay Bale“ will das Gegenteil belegen.

Eine Zäsur in Schraders eigenem Leben gab es, als er, kaum volljährig, aus seinem Australien-Jahr zurück nach Westdorf kam: „Ich hab das Queerboy-Weltreise-Ich danach nicht mehr zusammenbekommen mit dem Dorf und seinen Strukturen“, sagt er. „Und mit den schlechten Erfahrungen, die ich gemacht hatte. Queersein in unserer Nachbarschaft hieß: Alle zerreißen sich das Maul über dich. Auf Klassenfahrt wollten die anderen nicht mit mir auf einem Zimmer schlafen, weil ich eine ‚Schwuchtel‘ sei.“ Deshalb kam Schrade als Teenager auf die Annahme: Queersein, das geht nur in großen Städten.

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„Damals in meiner Vorstellung war das immer Köln als große Schwulenmetropole.“ Westdeutschland, wohlgemerkt. Als ostdeutscher Teenager konnte er sich ein glückliches Leben für Queers im Osten nicht vorstellen. Nicht mal in Berlin. „In Momenten, in denen ich mir sehr unsicher bin und mein Selbstwertgefühl ins Wanken kommt“, sagt er, „kann ich manchmal nicht so gut unterscheiden, ob das mit meinem Queersein oder meinem Ostdeutschsein zusammenhängt. Vermutlich verzahnt sich beides.“

Erst vor zwei Jahren, mit 29, hat sich Schrader bei seinen Eltern und im Dorf geoutet. „Was hatte ich für ein Herzrasen! Lange habe ich mein Berlin-Ich nicht mit meinem Dorf-Ich zusammengebracht. Ich hab den Leuten damals im Dorf nicht zugetraut, dass die mit einem Coming-Out cool umgehen können.“ Inzwischen hätten sie ihm das Gegenteil bewiesen.

Fabian Schrader begreift seinen Podcast als solidarisches, politisches Projekt: „Dazu gehört, sich mit den Leuten zu connecten“, sagt er. „Mein egoistisches Motiv: Es geht mir auch darum, mein inneres Dorf-Kind zu befrieden und ihm ein bisschen über den Kopf zu streicheln.“ Ein Podcast wie ein pinkes Pflaster auf dem Schutzblech. Pink wie: nicht verschämt, sondern sehr sichtbar und stolz drauf.


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