Berlin - Was für ein Auftakt! Ein irrer Vater rennt nackt mit fremdem Kopf unterm Arm durch Charlottenburg, die coolste Buchheldin boxt ihn per Uber raus, dann wiederum kloppt die andere coolste Buchheldin auf dem Supermarktparkplatz einen Typ zusammen, so richtig. Danach gibt’s McFlurry, und wow, diese Sprache, wie sie vorwegprescht!

Dann sind wir in Hildesheim. Hierhin hat es Charles verschlagen, nachdem ihre sich trennenden Berliner Künstlereltern sich für eine Pause von der Großstadt entschieden haben. Jetzt leben sie im Hausprojekt befreundeter Post-Hippies, mit Fast-Wald im Garten und Pony. Gwen hingegen wohnt dort schon immer: in der Villa ihrer Unternehmereltern aus der Crème de la Crème mittelstädtischer Elite, mit eigenem Wasserfall und Personal auf Abruf. Aus Ennui führt sie ein Doppelleben und fickt einen Boy aus dem Assiviertel, Gestaltwandel auf halbem Weg, in Sinans Kiosk. Hier lernen sie sich kennen.

Hildesheim, das ist natürlich auch so etwas wie eine kollektive Erfahrung der halben deutschen Literaturszene, das notwendige Korrektiv zum urbanen Mindset: der Bachelor in Kreativem Schreiben an der dortigen Uni galt als Rite de Passage, durch den es später nach Berlin geht. Die Autorin Lisa Krusche hat auch Kreatives Schreiben studiert, aber danach nicht die Metropolen-Erfahrung gesucht, sondern Braunschweig. Von wo aus sie seit Jahren die besten literarischen Essays der deutschen Sprache schreibt, vielfach ausgezeichnet und ausgestattet mit einem Theorieset, das übliche KuWi-Drittsemester-Verdächtige hinter sich gelassen hat: Lora Mathis, Donna Harraway.

Ihre fiktionalen Texte liefen bisweilen jedoch Gefahr, Plot und Personal zur Staffage für Gedankenspiele zu reduzieren. Diesen Vorwurf wird man der Autorin in ihrem Debütroman nicht machen können. Theorie und Referenzsystem kommt allenfalls als Augenzwinkern artifiziell hereingeschossen. Und als Abstand zu sich selbst, der dem Text guttut.

Denn: Leider verliert der Roman nach dem furiosen Auftakt und der surreal-zärtlichen Zeichnung der beiden Hauptfiguren in der zweiten Hälfte seinen Anarchismus. Der Moment, in dem sich Gwen und Charles begegnen, verwandelt beide von skurrilen, prächtig cartoonesk gezeichneten Individuen zu Standards, die anders entwickelt wurden, als sie sich nun im gegenseitigen Spiegeln großer Freundschafts-Love-Topoi darzustellen scheinen. „Sie sieht aus wie das Küken-aus-dem-Ei-Emoji, aber ihr Geist stammt aus einer Zeit, in der Emojis noch nicht mal in den sphärischen Klängen ferner Zukunftsmusik vorkamen“, beschreibt Charles ihre Freundin.

Und dann ist da noch: die Welt. Die kommt in „Unsere anarchistischen Herzen“ aus dem Requisitenverleih des deutschen Films der 2000er-Jahre. Reiche Eltern müssen in dieser Welt seelenlos sein und mit sich selbst beschäftigte Hippie-Eltern den Geburtstag kleiner Brüder verpassen. Bösewichte bei der großen Abrechnung zum Abendbrot sind Schönheitschirurgen und Autohändler – billige Gegnerinnen und Gegner in einer Welt intersektionalen Bewusstseins. Man könnte den Roman als feministisch-steroide Variante des Jugendbuchklassikers „Weiße Oberschichtmädels auf dem Reiterhof“ lesen, wäre ein wenig mehr Ironie in der oberflächlichen Selbstreflexion der beiden versteckt.

Seine Relevanz hat das Buch als Triumph des Genres über den Ernsthaftigkeitszwang des Feuilletons. Statt den großen Gesellschaftsroman zu suchen, spielt Krusche bewusst ins literarisch unterschätzte Genre der Young-Adult-Fiction hinein, reichert den Roman dabei mit einer Dosis Weirdness an, die ein versiertes Publikum verlangt, das mit dieser Collage aus Intertextualität, Magie, Chat-Ästhetik, Poesie und Pubertätsbanalität gefordert und unterhalten wird. Die große Sensation aber ist der Stil der Autorin: Alles an dieser Sprache dreht sich, explodiert in sprühenden Funken. „... & alles ist so golden“, heißt es am Ende. Zu Recht.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.