Unsere Welt ist auf Frauen angewiesen, die sich kümmern. Wollen oder schaffen sie das nicht, bricht die Katastrophe aus, so wie in dieser großartigen Nordic-Noir-Serie aus Schweden und Dänemark, die dieses Jahr im Serienprogramm der Berlinale gezeigt und daraufhin von der ARD eingekauft wurde.

Offene Pillendose statt offenes Ohr

Jenni (Josefin Asplund) war eigentlich mit einem Kind schon überfordert, doch nun steht sie kurz vor Weihnachten wieder mit einem schreienden Neugeborenen in ihrer Wohnung, für die das Geld kaum reicht, und will sich nur die Ohren zuhalten. Ihre Mutter Kajsa (Cecilia Nilsson) hat in ihrem heimischen Tattoo-Studio für die Probleme ihrer Tochter nicht unbedingt ein offenes Ohr, dafür aber manchmal eine offene Pillendose. Als Baby Lucas eines Nachts stundenlang durchschreit, wirft Jenni einiges ein und erwacht mit Filmriss erst am nächsten Morgen. Lucas ist spurlos verschwunden.

Die Polizistin Alice (Eva Melander) nimmt die Ermittlungen auf. Auch sie kämpft privat mit hohem Druck, seit ihr Mann einen Schlaganfall erlitten hat und pflegebedürftig ist, einen Seitensprung mit ihrem Assistenten bereut sie bitter. Die dritte Antiheldin ist die Krankenschwester Maria (Maria Rossing), die in jungen Jahren von ihrer Mutter traumatisiert wurde. Privat und in ihrem Job erlebt sie jeden Tag, wie das Sozialsystem versäumt, Kinder ordentlich zu schützen. Als sie daran zu verzweifeln droht, nimmt sie die Dinge selbst in die Hand, muss aber schnell merken, dass ihr dafür Dank nicht garantiert ist, geschweige denn Menschen, denen sie Hilfe aufdrängt, ihr anschließend etwas schuldig sind.

Keine einfachen Antworten

Wohl nichts könnte mehr Dringlichkeit erzeugen als ein gänzlich hilfloser, zwei Wochen alter Säugling, den es zu finden gilt. Jede Stunde, die sich die Suche weiter hinzieht, setzt seiner Mutter physisch zu. Erst läuft die Milch aus, dann entzünden sich die Brüste, ihr Körper vergiftet sich selbst, weil er seine eigentliche Aufgabe nicht erfüllen kann. Allein dieser Druck macht das Abschalten quasi unmöglich, doch darauf ruhen sich die Autorin Mette Heeno und die Regisseurin Anna Zackrisson nicht aus. Sie prangern Verhältnisse an, ohne ihren Figuren die Verantwortung daran gänzlich abzusprechen, präsentieren keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen, sowohl in Bezug auf Geschlechterrollen als auch Sozialpolitik, und haben so eine meisterhafte Mini-Serie geschaffen, die zwar nicht gerade besinnliches, doch in jedem Fall bereicherndes Denkfutter liefert für ruhige Tage in eingespielter Familiendynamik.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Snow Angels, Miniserie, 6 Folgen, ARD-Mediathek

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