Berlin - Für „DonJon“ war Hannah nur eine dreistellige Zahl, nicht mehr als ein Tabelleneintrag. Sie saß auf der Bettkante in einer Charlottenburger Wohnung und schaute zu, wie der Mann, mit dem sie in der Nacht zuvor geschlafen hatte, morgens seinen Laptop aufklappte, Excel öffnete und ihren Namen in eine Zeile eintrug: Hannah, 25, Mazedonien. Während sie sich noch fragte, warum er das tat, sah sie, dass er lächelte. Ihr wurde klar: Er wollte, dass sie ihm zusieht, dass sie sich so fühlt, wie sie sich jetzt fühlt: beschämt und ausgenutzt.

Hannah, die eigentlich anders heißt, erinnert sich noch an die Zahl, will sie aber nicht nennen. „Ich will nicht, dass er das liest und mich in seiner Tabelle sucht“, sagt sie. Sie will überhaupt nicht, dass dieser Mann noch eine Rolle in ihrem Leben spielt. An das Treffen aus dem Jahr 2018 muss sie trotzdem noch oft denken, es lässt sie nicht los. „Es war, als ob es für ihn nur ein Spiel war“, sagt Hannah. „Erst wirkte er supercharmant, dann war er plötzlich total kalt.“ Sie weiß noch, wie er sie anschaute, als er ihren Namen in die Tabelle eintrug. Sie schrie ihn an, er sei ein Arschloch, dann rannte sie aus der Wohnung.

Die Wohnung in Charlottenburg gehört „DonJon“, der mit bürgerlichem Namen John Damianov heißt. Auf seiner Webseite bezeichnet er sich als „Flirt-Trainer und Dating-Coach“. Er gehört zur sogenannten Pick-up-Szene, wird dort als „Guru“ bezeichnet, gefeiert. Im Netz findet er seine „Anhänger“, eine Gemeinde, die ihm nacheifert, lernen will, wie man eine Frau innerhalb von zwei Stunden, einer Stunde oder nur 30 Minuten zum Sex verführt.

In der seit den 90er-Jahren aktiven Pick-Up-Artist-Szene versammeln sich Männer, die vermeintlich sichere Methoden kennen, um Frauen anzusprechen, sie zu einem Date einzuladen – um letztlich mit ihnen zu schlafen. Pick-Up-Artists vertrauen auf die vermeintliche Ordnung der Welt, auf eine Hierarchie, die es für sie nicht mehr gibt. In dieser sind Frauen das schwächere Geschlecht, Männer die natürlichen Anführer. Auch deshalb verlieren Frauen jeglichen Subjektstatus, werden zum Objekt der „Verführung“ degradiert. Dabei gehen die Pick-Up-Artists strukturiert vor, wenden für alle Frauen dieselben Methoden an, unterscheiden nicht mehr zwischen Persönlichkeiten oder Charakterzügen. In der Pick-up-Welt können so alle Frauen mit nur einer guten Taktik „verführt“ werden.

Männer wie Damianov sprechen Frauen unvorbereitet auf der Straße an, stellen ihnen persönlichen Fragen, verwickeln sie in ein Gespräch – und akzeptieren selten ein Nein als Antwort. Ist ihnen klar, welche Folgen ihr Verhalten haben können? Versteht Damianov, warum betroffene Frauen öffentlich vor ihm warnen?

Es geht darum, den Widerstand einer Frau „systematisch aufzuheben"

Zu einem Treffen war Damianov nicht bereit, eine Mail blieb zunächst unbeantwortet. Erst auf den zweiten Kontaktversuch reagierte er und  beantwortete einen Fragenkatalog. „Meine Antworten“, schreibt er, „dürfen Sie verwenden unter der Voraussetzung, dass sie vollständig und ungekürzt wiedergegeben werden.“

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Herr Damianov, würden Sie sich als „Pick-Up-Artist“ bezeichnen?

Nennen Sie es, wie Sie wollen: Pick-Up-Artist, Aufreißer, Player, Fuckboy. Mir ist die Bezeichnung gleich. Auf jeden Fall kein netter Schwiegersohn zum liebhaben.

Wie ist die Resonanz auf Ihre Online- und Social-Media-Inhalte, und wie groß ist die Nachfrage nach Ihrem Privatcoaching?

Das Interesse am anderen Geschlecht war schon immer hoch und so auch das Interesse an mir und meinem Angebot.

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Damianov schreibt, dass er Journalismus studiert hat und seitdem weiß, dass es so etwas wie eine neutrale Berichterstattung nicht gibt, nur voreingenommene Meinungen. „Haltungsjournalismus“ nennt er das, davor müsse er sich schützen. Als wäre er ein Opfer und nicht der Täter.

Seit etwa sieben Jahren arbeitet Damianov als sogenannter Datingtrainer und Flirtcoach. Seine Methoden habe er durch die Praxis gelernt, schreibt er. Früher sei er ein sehr schüchterner Typ gewesen. Doch dann habe er sich seinen Ängsten gestellt, viele Frauen angesprochen und gelernt, „sein sexuelles Interesse an der Frau gut zu kommunizieren, ohne sich dabei zu schämen und die richtigen Frauen für ein Abenteuer zu gewinnen“. Mit der Zeit habe er „immer mehr Frauen verführt“. Bei 290 hat er aufgehört zu zählen, sagt er in seinem Podcast.  Er schätzt, dass er insgesamt mit 350 bis 400 Frauen geschlafen hat. Frauen als Beute.

In einem Video auf seinem YouTube-Kanal sagt Damianov, dass es ihm darum gehe, den Widerstand einer Frau „systematisch aufzuheben und sie dazu zu bringen, dass sie sich mir immer weiter öffnet und letztendlich mit mir im Bett landet“. Ist das noch Verführung oder schon längst eine spezielle Form der Gewalt, wenn man den Widerstand von Frauen systematisch brechen will?

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Für Pick-Up-Artists in Berlin ist der Alexanderplatz ein beliebter Ort für die Frauenjagd.

Anfang des Jahres tauchten in Charlottenburg Plakate mit Bildern von Damianov auf, kopiert aus seiner Website und seinen Social-Media-Kanälen. Auf Deutsch und Englisch steht da: „Er ist frauenverachtend und sexistisch.“ Und: „Er degradiert Frauen zu bloßen Sexualobjekten!“ Ende Januar hat Damianov das Plakat auf seiner Facebook-Seite geteilt mit der Botschaft: „Berlins Most Wanted Man“.

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Anfang des Jahres wurden in Berlin Plakate aufgehängt, die Frauen vor Ihnen und Ihren Taktiken warnen. Was ist Ihre Reaktion darauf?

Es schmeichelt mir, und ein größeres Lob dafür, dass meine Flirt-Fähigkeiten offensichtlich funktionieren, gibt es nicht. Ich nehme das locker, denn ich weiß, dass ich eh nicht alle auf meine Seite bringen kann. Diejenigen, die meine Arbeit interessant finden, fühlen sich genau durch solche Aktionen noch stärker von mir und meiner Arbeit angezogen. Und diejenigen, die eh schon eine vorgefasste Meinung haben, noch mehr abgestoßen. Dadurch verhärten sich nur die Fronten von den jeweiligen Communities, und letzten Endes ist es meiner Sache dienlich. Ich bin gerne der Buhmann, weil ich zu meinen Fähigkeiten und zu dem, was ich tue und was ich repräsentiere, zu 100 Prozent stehe.

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„DonJon“ ist nur einer von vielen. Eine deutsche Website für Fans der „Pick-Up-Artists“, pickupforum.de, hat fast 177.000 Mitglieder. Dort beraten sich Männer gegenseitig mit Pick-up-Tipps oder eben auch, bei welchen Dating-Apps die meisten ukrainischen Frauen in Deutschland zu finden sind. Sechzehnjährige Mitglieder fragen, wie sie eine Klassenkameradin aus der „Friendzone“ holen können. Es gibt allerlei sexistische Kommentare über Frauen, die mit „Minderwertigkeitskomplexen“ geboren werden. Es kursieren Links zu YouTube-Videos über die „Red Pill“-Ideologie, einer rechten Cyberkultur, die zu Verschwörungstheorien neigt, glaubt, „die Wahrheit“ zu kennen. In diesem Umfeld bewegen sich auch Damianovs potenzielle Kunden.

Seit der Anmeldung des Patents „DonJon verführt“ im Jahr 2015 bietet Damianov Workshops und Privatcoachings für Männer an, die seine Methoden lernen wollen. In der „Hauptcoachingphase“ seines Programms geht es darum, seine Kunden in der Praxis zu begleiten, scheibt Damianov. Dabei zeige er, wie man mit Frauen flirtet. Er selbst agiere auch als „persönlicher Wingman“, wenn sie gemeinsam Frauen ansprechen. „Du wirst natürlich auch lernen, Frauen alleine anzusprechen und mit ihnen zu flirten, während ich dir in den Arsch trete, damit dich keine Ausreden mehr davon abhalten“, schreibt Damianov auf seiner Website.

„Am Anfang war alles super“, sagt Hannah heute

Die Berliner Zeitung am Wochenende hat mit drei Frauen gesprochen, die selbst erfahren haben, wie Damianov seine Methoden anwendet. Ihre Geschichten und die vielen Videos im YouTube-Kanal von „DonJon“ zeugen von einer jahrelangen Manipulation und Objektivierung von Frauen, die sich nicht mehr sicher fühlen in der Öffentlichkeit, auf der Straße, in Bahnhöfen. Sie trauen sich nicht mehr, Dating-Apps zu benutzen. Sie sind im Allgemeinen vorsichtiger in ihrem Umgang mit Männern geworden.

Hannah erinnert sich noch, wie sie Damianov bei Tinder kennengelernt hat. Auf seinem Profil hieß er John, seinen Beruf gab er als Coach an. „Am Anfang war alles super“, sagt sie. „Er konnte ganz gut überzeugen und es hat mir gefallen, dass er so direkt war.“ Schnell hat er ein Treffen vorgeschlagen, die Wilmersdorfer Arcaden, die nicht weit entfernt sind von der Pestalozzistraße 69, einer Adresse, die im Impressum von Damianovs Website angegeben wird.

Das Date begann in einem asiatischen Imbiss, so erzählt es Hannah. Aber dann wollte Damianov einkaufen gehen. „Er hat mich gefragt, ob ich ihn zum Supermarkt begleiten würde, und dann musste er die Sachen nach Hause bringen.“ Sie ging mit ihm einkaufen, wartete aber unten, während er die Einkäufe in seine Wohnung brachte. Sie weiß die Adresse der Wohnung nicht mehr, kann sich aber noch erinnern, dass sie ungefähr „300 bis 400 Meter“ von den Arcaden entfernt war.

Nach Damianovs Besuch seiner Wohnung ist Hannah mit ihm weiter spaziert, er hat ihr von seinem Job erzählt, wo er herkam. „Ich fand ihn tatsächlich sehr interessant“, sagt sie heute. Nach dem Date blieben sie in Kontakt und trafen sich ein zweites, dann ein drittes Mal. Bei der zweiten Verabredung ging Hannah in Damianovs Wohnung, es blieb aber bei einer Fortsetzung des Gesprächs, das sie bei ihrem Spaziergang geführt hatten. Als Hannah über das dritte Date spricht, zögert sie zunächst, hält immer wieder inne, sie muss ihre Sätze oft von vorn anfangen. Dann sagt sie: „Er hat mir Wein eingeschenkt, wir haben ein bisschen gequatscht – und dann ist es passiert.“

Entmenschlicht als Zahl in der Excel-Tabelle

Beim dritten Date hatten Hannah und „DonJon“ Sex. Sie sagt, es war einvernehmlich. Sie empfand ihn aber dabei als „aufdringlich“, im Nachhinein sagt sie, sie wäre lieber erst noch ein paar Mal mit ihm ausgegangen. „Wenn man trinkt, dann ist es ja ein bisschen einfacher“, sagt sie. Wegen des Weins sei sie vielleicht weniger gehemmt gewesen.

In einem Beitrag mit dem Titel „Frauen sind wie Frösche im Kochtopf“ beschreibt Damianov, wie Alkohol zu seiner „Standardroutine“ gehört, wenn er eine Frau nach Hause einlädt: „Licht dimmen, Bums-Playlist anmachen, ihr reinen Wein einschenken und 20 Minuten palavern.“

Hannah blieb über Nacht. Dann kam der Morgen, der Eintrag in die Excel-Tabelle.

Hannah ging es schlecht danach. Sie sei einfach erschüttert darüber gewesen, was passiert war. „Ich habe mich so beschissen gefühlt“, sagt sie heute. „Es war von Anfang an klar, dass er keine Beziehung wollte. Wir hatten trotzdem hin und her geschrieben, er zeigte sich an mir interessiert, aber nur, um mich für seine eigene Befriedigung zu benutzen.“ Dass Damianov kein Interesse an einer Beziehung hatte, hat sie nicht gestört. Mit dem Tabelleneintrag habe er sie aber auf eine Zahl reduziert, entmenschlicht. Damit war sie nie einverstanden.

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Herr Damianov, eine Frau hat mir gesagt, sie habe den Eindruck, dass Sie eine „frauenfeindliche Einstellung“ haben. Was sagen Sie dazu?

Wie kann ich frauenfeindlich sein, wenn ich Frauen verführe und liebe? Am Ende ist es eine Win-Win Situation. Sie hat ihren Spaß und ich meinen. Es ist ein Grundbedürfnis und es ist mein gutes Recht, in einer attraktiven Frau, die an mir vorbeiläuft, erstmal nicht mehr zu sehen als ein Objekt der Begierde, das ich haben will. Ich würde meine Natur niemals verleugnen. Wenn Sie mit frauenfeindlich meinen, dass ich grundsätzlich, wenn ich manchmal mehr als nur Sex mit einer Frau habe, eine Frau mit traditionellem Rollenbild bevorzuge, die nicht feiern geht, keine männlichen Freunde hat, gut kochen kann, wenig Typen vor mir hatte, nicht fehlgeleitet ist von toxischen westlichen Werten und ihre politischen Einstellung entweder libertär oder rechts ist und linke Ideologien abstoßend findet, dann heißt das lediglich, dass ich bestimmte Frauengruppen bevorzuge und andere ablehne. Eine generelle Ablehnung aller Frauen findet also nicht statt. Hinzu kommt auch, dass, wenn ich nur Sex mit Frauen habe und außerhalb des Bettes nicht viel mit ihnen auf regelmäßiger Basis unternehme, mir ihre Wertvorstellung auch egal ist.

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Auch wegen Aussagen wie dieser sagt man der Pick-up-Szene nach, eine Einstiegsdroge für maskulinistische Radikalisierung zu sein. Pick-Up-Artists sind längst keine reine Selbsthilfegruppe mehr, besonders in den USA gilt die Szene wegen ihrer offensichtlichen Frauenverachtung nicht nur als sexistisch, sondern ist dort auch mit rechten Gruppen gut vernetzt. In Deutschland werden die einschlägigen Pick-up-Foren hingegen strenger moderiert, der ideologische Überbau der hiesigen Pick-Up-Artists bleibt undurchsichtiger. Aber auch hier findet das Frauenbild der „manipulativen Schürzenjäger“ sowie die Reproduktion von männlicher Herrschaft und traditioneller Männlichkeit leicht Anschluss in rechtsnationalen Gruppen. Frauenverachtung, Antifeminismus und die Ablehnung von Gleichberechtigung eint Pick-Up-Artists mit rechten Maskulinisten und rechtsnationalen Terroristen wie dem Attentäter von Halle.

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Können Sie akzeptieren, dass einige Ihrer Taktiken bei der Ansprache von Frauen als übergriffig erscheinen oder zu Interaktionen führen können, die nicht vollständig einvernehmlich ablaufen?

Definitiv nicht. In dem Fall müsste ich mir ja nicht die Mühe machen, Frauen anzusprechen und diese zu verführen, sondern könnte sie ja gleich vergewaltigen. Das würde meinen Job und meine Fähigkeiten überflüssig machen. Sie sollten Männern wie mir eine gewisse Wertschätzung und Ehrerbietung entgegenbringen. Denn mein Job als Flirt-Coach ist es eben, Männern beizubringen, wie sie Frauen verführen können. Würde das nicht so erfolgreich klappen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass der ein oder andere Mann aus Frust vor ausbleibenden Erfolg bei Frauen tatsächlich übergriffig wird. Jede Frau, die ich verführe, will von mir verführt werden. Alles passiert in beidseitigem Einverständnis. Wenn eine Frau nicht verführt werden will, muss ich mir nicht die Mühe machen und kann einfach eine andere verführen, die sich auf meine Avancen einlässt.

Haben Sie eine solche Tabelle erstellt und sie mit den persönlichen Daten von Frauen ausgefüllt, mit denen Sie intim waren?

Richtig, ich hatte mal eine Liste mit Frauen, die ich schon flachgelegt habe. Es wurde mir aber irgendwann zu langweilig, immer wieder neue Frauen dort hineinzuschreiben. Ob Sie tatsächlich hier mit dieser konkreten Frau gesprochen haben ist fraglich, denn diese Information können Sie genauso aus meinen öffentlichen Videos und Podcastfolgen entnehmen.

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Eine Zeit lang hatte Hannah kein Interesse mehr an Dates oder Lust darauf, sich mit neuen Männern zu treffen. Schließlich meldete sie ihn bei Tinder, warnte ihre Freundinnen vor John und versuchte, einfach weiterzuleben. Aber eine Sorge blieb noch: „Ich hoffe nur, er hat das alles nicht gefilmt.“ Hannah hatte Angst davor, auf Damianovs YouTube-Kanal zu landen.

Für seine 54.500 Subscribers teilt Damianov alle paar Tage ein neues Vlog zu Themen wie Dating und Sex-Tipps, er warnt vor „toxischen Frauen“, die man meiden sollte, empfiehlt Männern, „den Nice-Guy in sich“ zu töten. Auf seinem Kanal gibt es 672 solcher Videos, sie wurden 18.815.214 Mal aufgerufen. Die meistgeklickten Videos sind die sogenannten Infields. So werden Videos genannt, in denen ein Pick-Up-Artist Frauen in der Öffentlichkeit anspricht und versucht (natürlich immer mit Erfolg), eine Telefonnummer zu bekommen oder ein Date – oder sogar mehr, wie Damianov in den Titeln seiner Videos gerne angibt.

Die Kommentare unter diesen Videos („Respekt, alter du hast sehr viel Mut, das Feier ich“) sind fast alle positiv. Das liegt auch daran, dass Damianov laut einer Funk-Recherche alle negativen Kommentare löscht. Unter dem Video „Zum Sex MANIPULIERT: 10x NEIN und trotzdem BANG“ steht: „Das waren gefühlte 100 Neins - stark, wie du dran geblieben bist!“

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„Der Titel ist bewusst provokant gewählt“, schreibt Damianov, „um bei Leuten wie Ihnen Öl ins Feuer zu kippen. Nichts bereitet mir mehr Freude. Wenn Sie das Video tatsächlich komplett angesehen hätten, dann wüssten sie allerdings auch, dass die Frau am Ende sich bewusst dazu entscheidet, mit mir in die Wohnung zu gehen und auch noch fragt, ob ich Kondome hier habe. Sie unternehmen hier also den Versuch, ein Bild von mir und meiner Arbeit zu konstruieren, das sehr einseitig gezeichnet ist. Genau das meine ich mit Haltungs-Journalismus. Das Ergebnis Ihrer Reportage steht schon vorher fest.“

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In den „Infields“ werden die Gesichter der Frauen verpixelt, Details wie Name, Herkunft und Job zensiert. Zusammen mit Damianov werden sie aus der Ferne gefilmt, vom Moment der ersten Interaktion bis zur Ankunft in seiner Wohnung – mutmaßlich, ohne dass die Frauen wissen, dass sie gefilmt werden. In Voice-Overs beschreibt Damianov dann seine Taktik, um sein „Lay“ zu sichern: eine Frau flachzulegen. Angeblich kann eine Frau unbewusst zum Sex „verführt“ werden, indem man ihre Hände oder Haare berührt, sexuelle Witze macht und ständig ihre Grenzen testet – und überschreitet.

In vielen der „Infields“ sind die Wilmersdorfer Arcaden zu erkennen – aber nicht nur da ist „DonJon“ unterwegs. Die Videos zeigen auch, wie er Frauen in Cafés und U-Bahn-Stationen oder am Alexanderplatz anspricht.

Zwei Wochen nach ihrem dritten Date mit Damianov sah Hannah ihn wieder, beobachtete, wie er am Alexanderplatz versuchte, Frauen anzusprechen.

Männer in Berlin sind außergewöhnlich respektlos

Dort kam die 34-jährige Kanadierin Mary im August vergangenen Jahres zum ersten Mal mit Damianov in Kontakt. Sie kaufte gerade bei Rossmann ein, als er sie ansprach und ein Gespräch begann. „Er stand plötzlich vor mir und fing sofort an, mir Fragen über mich zu stellen“, erinnert sie sich. „Ich wollte nicht wirklich mit ihm reden, es war spät und ich hatte keine Lust auf ein Gespräch mit einem Fremden.“ Damianov habe sie gefragt, wo sie herkomme, habe ihr ein Kompliment über ihre roten Haare gemacht. „Er war irgendwie süß. Aber das ist alles Teil seines Schwindels“, sagt Mary heute.

Nach dem Gespräch tauschte sie mit Damianov die Telefonnummern aus. Er habe sich schnell bei ihr gemeldet, sagt Mary, sie verabredeten sich zu einem richtigen Date. Zunächst wollten sie sich zu einem Spaziergang in der Nähe des Naturkundemuseums treffen. Mary war schon auf dem Weg dorthin, als Damianov plötzlich vorschlug, den Plan zu ändern und sich stattdessen in seiner Wohnung zu treffen. „Ich habe ihm sofort gesagt, ich gehe nicht am ersten Date zu ihm in seine Wohnung, dabei habe ich mich unwohl gefühlt“, sagt Mary. Darauf habe Damianov „unhöflich und aufdringlich“ reagiert. Immer wieder habe er versucht, sie zu überreden, in seine Wohnung zu kommen, er habe auch über ihre Bedenken gespottet: „Er hat mir geschrieben: ‚Ach was, hast du denn Angst, dass ich ein Axtmörder bin oder was?‘“, sagt Mary. „Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht lustig finde.“

Damianov sei nur zu dem Kompromiss bereit gewesen, sich auf der Straße vor seiner Wohnung zu treffen, nicht in einem Café, wie sie vorgeschlagen hatte. Am Ende hörte Mary auf ihren Instinkt – und blockierte seine Nummer. Damianov bestreitet auf Anfrage, dass dieser Austausch so – oder überhaupt – stattgefunden hat.

Im Nachhinein sagt Mary, sie sei stolz auf sich. Sie habe aber von Anfang an geahnt, dass mit ihm etwas nicht stimme. Sie wusste auch, dass viele Pick-Up-Artists am Alexanderplatz unterwegs sind. „Das ist irgendwie ihr Spielplatz“, sagt sie. Seit ihrer Begegnung mit DonJon sei sie am Alexanderplatz und am Nordbahnhof noch mehrmals von Pick-Up-Artists angesprochen worden. Einige wurden aggressiv, als sie ihre Annäherungsversuche zurückwies: „Es gibt einfach so viele respektlose Typen, das müssen sich viele Mädchen hier gefallen lassen.“ Mary hat in Toronto und Seoul gewohnt. Nichts, was sie dort erlebt habe, sei mit dieser Respektlosigkeit in Berlin zu vergleichen, sagt sie.

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DonJon, der ganze „Verführer“, lädt gerne für Dates in die Arcaden ein.

Pick-Up-Artists und Sex: Frauen als Deal ‚closen‘

Louisa – die auch in Wirklichkeit anders heißt – glaubt, dass es eine private Coachingrunde gewesen sein muss, als sie 2015 von Damianov und einem zweiten Mann – an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnert – im Alexa angesprochen wurde. Heute sagt sie, sie habe sofort erkannt, dass sie mit Pick-Up-Artists geredet hat – sie habe es an der Art erkannt, wie Damianov sie direkt fragte, was sie noch vorhabe an diesem Abend, ob sie mit den beiden einen Kaffee trinken wolle. Die sexistischen Einstellungen in der Pick-up-Szene waren ihr schon bekannt. Sie war irgendwie neugierig, wollte ihnen Fragen über ihre Denkweise stellen. Und wenn sie dabei den Abend für sie verschwenden würden, um die beiden von anderen Frauen abzulenken, dachte sie, dann wäre das für sie in Ordnung. „Ich habe ihnen auch ganz direkt gesagt: Ich habe kein Interesse an einem Flirt oder Sex, wir könnten aber gerne einen Kaffee trinken gehen und quatschen.“ Louisa war damals neu in Berlin. Sie dachte, warum halt nicht?

Nach dem Kaffeetrinken im Alexa habe Damianov vorgeschlagen, die drei könnten weiter in eine Bar ziehen. Mit der S-Bahn sind sie von Alexanderplatz nach Charlottenburg gefahren. Schon im Zug merkte Louisa, wie Damianov immer wieder Körperkontakt zu ihr suchte. „Er hat immer so versucht, seine Hand auf mein Bein zu legen“, erinnert sie sich. „Ich hatte immer noch keinen Bock darauf, aber ich habe dann richtig gemerkt, dass das so sein Ding ist.“ In der Bar in der Rückertstraße – nur fünf Minuten von der Pestalozzistraße entfernt – unterhielten sich die drei weiter, Louisa machte Selfies mit den beiden Männern. Damianovs Begleiter war die ganze Zeit über etwas ruhiger, sagt sie.

Plötzlich habe Damianov gesagt, er müsste etwas aus seiner Wohnung holen, die drei gingen also dorthin. Das einzige Möbelstück, auf das sie sich setzen konnte, war das Bett. „Irgendwann habe ich mich mal ganz kurz dort hingesetzt,“ sagt sie, „dann hat er sofort angefangen, meine Schultern zu massieren.“ Sie stand sofort wieder auf, das Gespräch mit den Männern ging weiter – der Begleiter stand unsicher in der Ecke.

In dem Video „Zum Sex MANIPULIERT“ beschreibt Damianov, wie er auch die darin abgebildete Frau massiert habe, dabei habe er ihr das Oberteil ausgezogen. Er kommentiert: „Sobald ich sie in der Wohnung bekommen habe, ist der Deal so gut wie geclosed – denn sie weiß, wenn sie wirklich mit mir nach Hause geht, dass wir Sex haben werden. Das habe ich ihr unmissverständlich klar gemacht nonverbal, auch wenn ich verbal nicht immer das gesagt habe, was ich nonverbal meine.“

Das Ende des Treffens sei „abrupt“ gewesen, sagt Louisa. Damianov habe „aus dem Nichts einfach angefangen, sich auszuziehen“. Sie verließ dann die Wohnung so schnell wie möglich: „Dann ist mir einfach die Kinnlade heruntergefallen, weil ich verstanden habe, was los war“, erinnert sie sich. Sie hatte nie geglaubt, die beiden Männer hätten eine besonders respektvolle Einstellung zu Frauen – jetzt aber fühlte sie sich zum ersten Mal an dem Abend nicht mehr sicher. „Ich hatte von der ersten Begegnung an immer klar gesagt, es wird nichts laufen, ich habe kein Interesse, ich möchte mit euch nichts anfangen – aber diese zwei Typen hatten nichts davon angenommen.“ Im Nachhinein glaubt sie, man wolle immer vom Guten in einem Menschen ausgehen – aber Pick-Up-Artists wissen, das auszunutzen. „Eine andere Frau, die nicht so gut Nein sagen kann wie ich, wäre in dieser Situation noch gefangen gewesen, glaube ich“, sagt Louisa. „Weil diese Männer halt so manipulativ sind.“

Nach ihre Erfahrung mit „DonJon“, sagt Louisa, sei sie aktivistischer, feministischer geworden. In Facebook-Gruppen hat sie vor ihm gewarnt und davor, dass es offenbar noch viele Männer gibt, die sein Verhalten kopieren, ihn als Vorbild sehen. Über „DonJons“ Online-Inhalte sagt sie: „Das ist so falsch, das so was überhaupt erlaubt ist. Und dann: „Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich niemals hätte in seine Wohnung gehen sollen.“

Die Frage, ob Damianovs Methoden legal sind – vor allem, was seine YouTube-Inhalte betrifft – ist nicht so leicht zu beantworten. Frauenfeindlich und menschenverachtend sind sie allemal.

Die Videos auf dem Kanal „DonJon verfuehrt“ werden in einer Playlist mit dem Titel „Flirt-Aufnahmen mit versteckter Kamera“ präsentiert. Andere YouTuber haben über die Echtheit der Videos spekuliert: Würde eine Frau es wirklich nicht merken, wenn sie von einer Person mit einer Kamera verfolgt und gefilmt wird, gegebenenfalls über mehrere Stunden hinweg, wie es in einigen der Videos angedeutet wird? Wenn die Videos jedoch echt sind und ohne die Zustimmung der darin abgebildeten Frauen auf YouTube hochgeladen wurden, bewegen sie sich auf rechtlich sicherem Terrain?

Strafverfolgung ist für Betroffene kaum vielversprechend

Josephine Ballon ist Head of Legal bei HateAid und hat sich die Inhalte auf dem Kanal „DonJon verfuehrt“ für die Berliner Zeitung am Wochenende im Hinblick auf deren Legalität angesehen. HateAid ist eine Berliner Organisation, die Opfer von Hass im Netz berät und vor kurzem Renate Künast bei ihrer Klage gegen Facebook aufgrund serienmäßiger sexistischer Belästigung und Beleidigungen auf der Plattform unterstützt hat. Ballon sagt, wenn das Filmmaterial der Frauen in Damianovs YouTube-Videos ohne deren Zustimmung hochgeladen wurde, könnte er gegen das Recht am eigenen Bild verstoßen haben, § 22 des Kunsturheberrechtsgesetzes.

Um eine solche Straftat vor Gericht zu verfolgen, muss aber eine „Identifizierbarkeit hergestellt werden“ können, so Ballon: „Es muss nicht so sein, dass das Gesicht total erkennbar ist und der Name drunter steht: Selbst wenn es nur die eigene Mutter ist, die eine Person identifizieren kann, dann reicht das schon.“ So eine Straftat bringt eine Geldstrafe mit sich oder bis zu einem Jahr Gefängnis. Einige der „Infields“ enthalten auch Tonaufnahmen aus Damianovs Wohnung, unter anderem von mutmaßlichem Sex. Die nicht einvernehmliche Aufnahme – und Verbreitung – von Audiomaterial kommt einer Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes (§ 201 des Strafgesetzbuches) gleich. Das ist ebenfalls eine Straftat, die mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden kann.

Bei solchen Delikten kommt es aber selten zu effektiver Strafverfolgung. „Das ist keine schwere Kriminalität und wird leider manchmal von den Strafverfolgungsbehörden auch so behandelt“, sagt Josephine Ballon. „Das heißt, die Ermittlungen werden einfach eingestellt und man wird auf den Privatklageweg verwiesen. Dann gibt es für die Betroffenen theoretisch eine Möglichkeit, die Tat selbst zu verfolgen, aber das ist nicht sehr vielversprechend. Das ist leider die bittere Realität, mit der wir zu tun haben.“

Damianovs Videos sind immer noch bei YouTube zu sehen. Josephine Ballon ist darüber enttäuscht, wie Plattformen mit Inhalten umgehen, die von Betroffenen digitaler Gewalt gemeldet werden, auch wenn sie gegen die eigenen Nutzungsstandards verstoßen. „Wir wünschen uns da viel mehr Einsatz und vor allem, dass die Betroffenen die Möglichkeit haben, eine Einzelfallprüfung zu beantragen und nicht abgewertet werden durch irgendwelche automatisierten Ablehnungen.“ Oft sehe sie, dass Betroffene mit Inhalten zu HateAid kommen und sagen, sie haben das schon dreimal gemeldet. „Sie bekommen aber immer wieder die gleichen Textbausteine von den Plattformen geschickt und darüber hinaus antwortet niemand.“ Auf eine Anfrage der Berliner Zeitung am Wochenende kommentierte ein Sprecher für YouTube: „YouTube hält sich an alle lokalen Gesetze und Vorschriften. Darüber hinaus haben wir strenge Richtlinien für Nacktheit und sexuelle Inhalte, die nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen oder ungewollte Sexualisierung verbieten.“ Zu einzelnen Kanälen oder Videos könnte er sich nicht äußern.

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In dem Titel eines Ihrer „Infield“-Videos beschreiben Sie, dass die darin abgebildete Frau mit einer „versteckten Kamera“ gefilmt wurde. Nach § 22 des Kunsturhebergesetzes ist es aber eine Straftat, Bildmaterial einer Person in bewegter oder Standform ohne deren Zustimmung zu veröffentlichen. Ist Ihnen das bewusst?

Sie wissen weder, ob es echt oder gestellt ist und können hier nur mutmaßen. Da ich ein kluger Mann bin, werde ich das an dieser Stelle auch nicht weiter kommentieren. Unabhängig davon erkenne ich hier keine klar identifizierbare Person, Sie etwa? Somit würde in dem Falle auch das Recht am eigenen Bild erlöschen, da keiner Person dieses Bild gehört außer mir, da man mich auf diesem Bild bzw. Videomaterial erkennt.

Alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben mir gesagt, dass sie aufgrund ihrer Interaktionen mit Ihnen vorsichtiger im Umgang mit Männern geworden sind und generell weniger Vertrauen haben, was Daten angeht. Was sagen Sie dazu?

Das kann ich mir absolut nicht vorstellen. Sie können die Fragen so stellen und ein bestimmtes Bild von mir so vermitteln, dass sie von Frauen genau die Antworten bekommen, die sie haben wollen. Entweder Sie manipulieren hier bewusst und lassen alle anderen Frauen aus, die begrüßen was ich mache, oder Sie haben das erfunden. Wie gesagt, viele meiner Betthäschen wissen, was ich mache und schätzen mich.

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Hannah, Mary und Louisa haben sich in keinem der „Infield“-Videos auf diesem Kanal wiedererkannt. Die Erinnerungen ihrer Begegnungen mit „DonJon“ bleiben ihnen trotzdem bis heute. „Ich war schon vor diesem Erlebnis sehr misstrauisch als Mensch, und sowas macht das bestimmt nicht besser“, sagt Louisa. Früher war ihr Verständnis von der Pick-up-Szene, dass da sexistische Männer agieren – nicht aber, dass die Grenzen, die sie gezogen hatte, so unerwartet ignoriert werden könnten. „Ich kann mir auch vorstellen, dass viele Opfer von solchen Pick-Up-Artists sich wahrscheinlich wahnsinnig schämen im Nachhinein.“ Sie möchte sich ja selbst als starke Person sehen. „Deshalb wollte ich zu ihm nach Hause gehen, damit ich später sagen könnte, ich habe einen Pick-Up-Artist verarscht.“

Wenn Hannah heute auf ihre Dates mit „DonJon“ zurückblickt, versteht sie, dass sie am Ende nur belogen worden ist: „Ich war wirklich blind, habe ihm vertraut.“ Jetzt sei sie nicht mehr so naiv. Seitdem ist sie vorsichtiger geworden im Umgang mit Männern, sie benutzt etwa Tinder nicht mehr so oft wie früher. Am Ende bleibt immer noch ein Hauch von Ratlosigkeit über das Verhalten von John Damianov. „Er war an diesem Morgen so eingebildet, so zufrieden mit sich. Ich habe mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein“, sagt Hannah. „Dabei war es nichts Besonderes, ich meine: Der Sex war nicht mal gut.“

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