Seniorenromantik am Märchenbrunnen

Durch die längst blickdicht beschlagene Scheibe der Reiseerinnerungen betrachtet, ist das, was hier am Westzipfel des Volksparks Friedrichshain herumsprudelt und in Terrassen den Hang hinaufsteigt eine Mischung aus Trevi-Brunnen und Spanische Treppe. Aber das wäre unhöflich gegenüber den touristischen Superspreadermotiven in Rom.

Der Märchenbrunnen ist einfach nur der Märchenbrunnen: eine frühbarocke Gartenanlage, darin die Fab Four der Grimm‘schen und Stein gewordenen Männerfantasie, also Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen, Rotkäppchen, dazu die üblichen Tiergestalten, mal ohne Pfote, mal ohne Horn, wohl weggestreichelt von zarten Kinderhänden. Und wenn sich hier was mischt an diesem Frühabend, dann Seniorenromantik mit spätpubertärer Sektlaune.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

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Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

Wie werde ich glücklich? Ein Selbstversuch bei einem Online-Kurs der Yale-Universität, der das Glücklichsein lehrt

Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

Neues Gesetz zum autonomen Fahren: Ein Porträt eines deutschen Unternehmers, der die Technik dazu liefert

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Zum Beispiel er, der sie im Gegenlicht am Brunnenrand sitzend malt, Ölkreide auf Papier: die Beine überschlagen, den Rücken durchgestreckt, ein mildes Impfgruppen-2-Lächeln. Oder sie, die ihm nach einem Schluck aus der Pulle den Rachen abstreicht mit der Zunge. Dazwischen Familien. Väter, die Weintrauben und Heidelbeeren wie portioniertes Glück in Plastikbehältern anbieten. Omas, die in vollkommener Verkennung der Kinderspieltheorie den Unterschied zwischen Borgen und Leihen erklären.

Den Flirtfaktor, der sich auf den angrenzen Wiesen erhöht, erkennt man erst auf den dritten Blick. Denn auf den zweiten tun hier einige so, als würden sie wirklich lesen. Ein Umblättern im Zehnminutentakt ist dann aber doch etwas zu auffällig. Paul Linke

Lucia Jost
Und wenn sich hier was mischt an diesem Frühabend, dann Seniorenromantik mit spätpubertärer Sektlaune.

Großer Tiergarten

Friedrich der Große konnte sympathischer Weise mit der Jagd nicht viel anfangen.

So wurde der Große Tiergarten, im 16. Jahrhundert als königliches Jagdrevier gegründet, rund 200 Jahre später zum Volkspark, einem Lustgarten für alle Berlinerinnen und Berliner.

Das ist der berühmteste Park der Stadt geblieben, ebenso ein wenig Jagdrevier: Legendär ist das Cruising-Gebiet rund um die Fasanerieallee und die Löwenbrücke, der Tiergarten hat viel geleistet für sexuelle Emanzipation der Schwulen in der Hauptstadt, auch wenn das Cruisen im Park nicht ungefährlich ist. Immer wieder kommt es zu Überfällen und homophoben Angriffen.

Doch die Schwulen lassen sich den Tiergarten nicht nehmen und so zeigt sich hier im Kleinen, was Berlin im Großen ausmacht: Der Tiergarten ist eine soziokulturelles Experiment in dem alle Besucherinnen und Besucher in relativer Eintracht nebeneinander existieren: Jogger, Radfahrer, Spaziergänger, Sexsuchende, Frischluftfreunde und Naturverbundene aller Altersgruppen und Nationalitäten.

Geflirtet wird natürlich auch. Setzen Sie sich doch einfach mal auf eine der vielen Bänke und warten ab. Es ist Frühling und die Pandemie hat ein wenig an Schrecken verloren. Wenn das nicht die besten Voraussetzungen für einen Flirt sind… Marcus Weingärtner

Lucia Jost
Romantik am Limit: eine kleine Bootstour im Tiergarten.

Volkspark am Weinberg

Ein Park, in dem man auch bei lauestem Wetter auf keinen Fall Sex haben will, ist der Weinbergspark gegenüber der Dienststelle der Polizeidirektion 5 Abschnitt 56. Denn diese innerstädtische Grünanlage - an dessen Rändern der Tänzer und Moderator Detlev D. Soost seine graue G-Klasse parkt - ist eigentlich gar keine Grünfläche, geschweige denn ein echter Park. Denn Gras sucht man hier wie auch auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain vergebens. 

Die öffentliche Hand versucht ja seit Jahren den dichtgestampften Lehmboden unterhalb des Café Nola's zu begrünen. Erfolglos. Denn solange kein Gras anwächst, sollte hier auch kein zartes Pflänzchen der Liebe sprießen. Die Anwohner allerdings haben sich inzwischen an die Staubwüste gewöhnt und drängen sich in diesen Tagen zu Tausenden im Weinbergspark. Barfuß sitzen oder liegen hier eng umschlungen im Dreck und genießen mit warmem Bier den Sommerabend.

In den vergangenen Tagen löste ein Ereignis beim Reporter noch mehr Unbehagen aus, als Schweißfüße und Kippenstummel. Denn bei den Stockenten (die einzige Entenart die Gang Bangs liebt) war in den vergangenen Wochen Paarungs- beziehungsweise Vergewaltigungszeit. Manchmal verfolgen dann ein Dutzend grünköpfiger Erpel ein einziges zartes Weibchen durch Luft und Wasser. Viele Menschen haben gar nicht verstanden, welch grausame Szene sich in Teich und Gebüsch abspielten.

Einer der allerdings immer die Ruhe weg hat ist der Graureier, der hier am Teich seit Jahren stoisch auf Frösche wartet. Es ist weder scheu, noch scheint ihn der liederliche Zustand der Grünanlage zu stören. Wenn man ganz freundlich ist, darf man sich sogar mal dazu setzen (Minimalabstand 1,50 Meter). Jacques Ritzel


Schlosspark Charlottenburg

Die hochschießende Wasserfontäne zwischen den Blumenparterres läßt das darauf zuwackelnde Kleinkind wie eine Feuersirene juchzen. Uns zieht es nach Nordwesten, hinein in den den englischen Landschaftsteil des Charlottenburger Schlossparks. Die 55 Hektar zwischen Spandauer Damm, Tegeler Weg und nördlicher Bahntrasse sind ja eher zwei Grünanlagen: Der um 1700 entstandene, abgezirkelte Barockgarten in Schlossnähe wurde ab 1790, ganz im Sinne der Aufklärung, um einen „englischen“ Teil ergänzt. Der ist ein Landschaftsgemälde in echt, ein Ort zum Ambulieren und Konversieren. Letzteres am besten arkadisch hingelagert auf einer der vielen Liegewiesen, die um diese Jahreszeit noch schön sattgrün sind.

Ja, die Hohenzollern des 18. Jahrhunderts gingen mit der Zeit, und das tun auch die heutigen Besucher meines Berliner Lieblingsparks. Einfach die Regenjacke als Picknickdecke zweckentfremden (gummierte Seite nach unten, klar) und schon hat man einen Logenplatz, der an Sonntagen mit jedem Straßencafé mithält. Gegeben wird das Stück „Berliner Freizeitrituale 2021“, komplett mit herüberwehenden Textfetzen in Englisch, Spanisch, Arabisch und Deutsch. Meine Stars vom letzten Wochenende: eine Familie wie die Hamadys aus „4 Blocks“ beim Picknicken (bärtige Muskelberge in Schwarz-Weiß-Kombi spielen Frisbee mit den Töchtern, während die Entourage das Handy glühen läßt) und ein reifes Paar wie aus dem Central Park (er im beigen Blazer mit Doppelrückenschlitz, sie mit graumeliertem Bob und Jackie-O-Sonnenbrille ein Double von Ada Katz, Frau und Lebensmodel des Künstlers Alex Katz).

Eine Freude sind natürlich auch die über 40 Gotlandschafe, die seit Ende April wieder ihre rasenpflegerische Pflicht im Park erfüllen. Wer Rokoko-Lämmchen erwartet, wird sich wundern: So kurz vor ihrer jährlichen Schur, als Wollhaufen auf vier Stöckchen, verkörpern die robusten Tiere vielmehr unser aller Psyche nach diesem pandemisch bedingten Ausnahmezustand: total verfilzt. Margit J. Mayer

Lucia Jost
Erfreuen nicht nur Kinder: die gehörnten Gotlandschafe, fröhlich fressend die Parkwiesen pflegend.

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