Als Sara endlich in Berlin ankam, nach einer Reise, die in zweieinhalb Tagen durch sechs Länder führte, die kein Abenteuer war, sondern eine Flucht, wurde erst einmal ihr fünfter Geburtstag gefeiert. Mit einer großen 5 als Luftballon, einer Kerze auf einem Stück Kuchen, und einem jüdischen Geburtstagslied. Man konnte dabei zusehen, in einem kleinen Video, dass die Berliner Chabad-Gemeinde in den sozialen Medien teilte. Ein Zeichen der Freude, der Erleichterung.

Die Gemeinde hat 108 jüdische Kinder und Jugendliche aus Odessa nach Berlin geholt, raus aus dem Krieg in der Ukraine. Mit den Kindern kamen ihre Betreuer. Die Stadt fürchtet Angriffe der russischen Armee, im  Waisenheim der jüdischen Gemeinde Mishpacha Chabad in Odessa schliefen die Kinder in den ersten Kriegsnächten dicht an dicht im Keller, am Montag noch veröffentlichte das Heim diese Bilder auf Instagram. Die Kinder mussten raus aus der Stadt, aus dem Land.

Nach einem Anruf war klar, dass sie nach Berlin kommen, sagt Jana Erdmann von der Chabad-Gemeinde. Abraham Wolff, Chefrabbiner von Odessa und der Südukraine, kontaktierte Yehuda Teichtal, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzender von Chabad Berlin. Die Gemeinde fing in Berlin sofort mit den Vorbereitungen an. Die Kinder stiegen am Mittwochmorgen in Busse, die sie nach Moldawien brachten, von dort nach Rumänien, nach Ungarn, nach Tschechien; über Prag erreichten sie am Freitag endlich Berlin.

Abraham Wolff und seine Frau blieben in Odessa. Aber sie schickten einen ihrer erwachsenen Söhne zur Begleitung mit, Mendi Wolff. Sein Urgroßvater war einst aus Deutschland geflohen.

Die Kinder und Betreuer sind in einem Hotel in Charlottenburg untergekommen, dessen genaue Adresse nicht bekannt werden soll, aus Sicherheitsgründen. Die Gemeinde hat zwei Etagen angemietet. „Wir haben auch die Küche im Hotel koscher gemacht und einen Koch organisiert“, sagt Jana Erdmann. Lebensmittelspenden wurden gesammelt, auch hier gab es die besondere Herausforderung, koschere Snacks, Süßigkeiten, Babynahrung zu bekommen. In Berlin sei das nicht so leicht wie etwa in Frankreich, sagt Jana Erdmann.

Chaba Berlin
Mitarbeiterinnen der Chabad-Gemeinde sortieren Spenden für die Kinder aus Odessa.

Dank vieler freiwilliger Helfer und einer großen Spendenbereitschaft sei es gelungen, die Versorgung für die ersten Tage zu sichern, auch Kinderkleidung, Spielsachen, Zahnbürsten wurden gespendet, von Helfern sortiert. In den Zimmern für die Kinder warteten Kuscheltiere, Hygieneprodukte für die älteren Mädchen. Es sind auch Jugendliche mit nach Berlin gekommen. Die meisten Kinder seien zwischen zwei und 18 Jahren alt, sagte Jana Erdmann, als sie auf die Ankunft der Busse wartete. Geschwisterkinder seien dabei, auch ein Baby, erst im Januar geboren. „Wir wissen ehrlich gesagt noch nichts Genaues über ihr Schicksal.“

Geldspenden für die Hotelkosten benötigt

Der erste Eindruck nach der Ankunft der Kinder: Sie seien sehr müde und hungrig, sagte Jana Erdmann. Sie sitzen beim Essen. Manche wollten ihre Zimmer tauschen. Die älteren fragten, wie es für sie weitergeht.

„Die Rettung der Kinder war eine logistische Herausforderung, aber auch eine absolute Selbstverständlichkeit“, sagte Yehuda Teichtal. Für zwei Wochen sind die Zimmer im Hotel gemietet. Die Chabad-Gemeinde benötigt keine Sachspenden mehr für die Kinder – aber dringend Geld, um die Hotelrechnung zu bezahlen. Und alles, was 108 Kinder und Jugendliche noch brauchen werden.

Sie können die Gemeinde bei der Hilfe für die Kinder unterstützen – über dieses Spendenkonto: Chabad Lubawitsch Berlin, Deutsche Bank, IBAN DE47100700240505559501, Verwendungszweck: Ukraine.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.