Berlin - Nun schlüpft also auch das deutsche Flugtaxi-Startup Lilium aus Weßling bei München in einen Mantel und will sich über die Hintertür auf das Börsenparkett wagen. Das Volocopter-Start-up verkündete diese Woche, sich noch im zweiten Quartal mit dem leeren Börsenmantel Qell Acquisition zu vermählen und mit der Heirat einen Börsenwert von 2,8 Milliarden Euro anstreben zu wollen. Damit wäre Lilium mal eben dreimal so viel wert wie bei der letzten Finanzierungsrunde.

Hinter Qell Acquisition steht der frühere General-Motors-Manager Barry Engle. Für ihn und Liliums Investoren – beteiligt sind unter anderem der chinesische Technologiekonzern Tencent, Höhle der Löwen-Frontmann Frank Thelen oder Skype-Gründer Niklas Zennström – wäre der Deal, käme er zustande, ein riesiges Geschäft. Und der Hype um diese sogenannten SPACs – so nennt man das oben beschriebene Konstrukt – um ein Kapitel reicher.

Das Kürzel SPAC steht für Special Purpose Acquisition Companies, sie sind seit kurzem die heißeste Ware an der Wall Street. Der Rapper Jay-Z ist an einem SPAC beteiligt, Shaquille O’Neal, Ciara Wilson ebenso wie Serena Williams, Stephen Curry oder NFL-Aktivist Colin Kaepernick. Für hippen Ice-Tea wie Capital Bra kann schließlich jeder seinen Namen hergeben – wer was auf sich hält, sitzt im Vorstand eines SPAC.

SPACs haben sich in den letzten fünf Jahren verzehnfacht

Allein an den beiden New Yorker Börsen ­haben Investoren im vergangenen Jahr über 255 solcher leerer Firmenhüllen knapp 82 Milliarden Dollar eingesammelt. Dieses Jahr waren es laut einer Analyse des Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY) allein im ersten Quartal 267 SPAC-Emissionen im Gegenwert von 83 Milliarden Dollar. Die Zahl solcher Mantel-IPOs hat sich seit 2016 mehr als verzehnfacht.

Start-ups wie Lilium erhoffen sich im Zuge der Übernahme durch eine Mantelgesellschaft, die danach ihren Namen tragen wird, einen schnellen und kostengünstigen Börsengang. Im Idealfall läuft das so: Ein Unternehmer wie in diesem Fall Barry Engle sammelt für ein Unternehmen wie Qell Acquisition ohne eigenen Geschäftsbetrieb Kapital, indem er Aktien dieser Zweckgesellschaft an große Investoren verkauft.

Danach hat er zwei Jahre Zeit, eine Firma zu übernehmen und diese so durch die Hintertür, ohne das übliche aufwendige Prozedere, an der Börse zu platzieren. Während eine SPAC innerhalb von drei Monaten von unternehmensfremden Personen wie Engle an Nasdaq oder NYSE gebracht werden kann, bindet ein herkömmliches IPO die gesamte Geschäftsführung für anderthalb bis zwei Jahre.

So funktioniert der Börsengang durch die Hintertür

Bis zum Börsengang liegt das von Engle eingesammelte Geld erstmal auf einem Treuhandkonto. Stimmen die Lilium-Eigentümer wie Thelen oder Zennström der Übernahme zu, können sie ihre Anteile in Aktien des SPAC tauschen. Einen Promi mit an Bord zu haben, kann dabei nicht schaden: So ist es für das SPAC einfacher, Geld zu beschaffen und einen guten Deal für das IPO auszuhandeln, wenn zum Beispiel Shaquille O’Neal im Vorstand sitzt: Wer wäre nicht bereit, ein paar mehr Anteile abzugeben, wenn man dafür einen Ex-Basketball-Superstar zum Dinner treffen kann.

Das letzte Wort haben schließlich die Aktionäre des SPAC. Sie müssen dem Zusammenschluss zustimmen. Sind sie nicht einverstanden und findet sich keine Mehrheit, wird das SPAC liquidiert. Die Anleger bekommen ihr Geld zurück – den Ausgabewert der Anteilsscheine. Das sind in der Regel zehn Dollar. Stimmen die Aktionäre wie demnächst wohl bei Lilium der Übernahme zu, haben sie die Chance auf fulminante Kursgewinne. So vervierfachte sich der Kurs des von der Live Oak Acquistion Corp. betriebenen SPAC von zehn auf mehr als 39 Dollar, nachdem es die Übernahme des Bioplastik-Pioniers Danimer verkündet hatte.

Allerdings lassen sich solche Erfolgsgeschichten wie die von Danimer bislang an einer Hand abzählen: Zwischen Januar 2019 und Mitte 2020 sind die Kurse der SPACs in den ersten sechs Monaten nach dem Übernahmedeal im Schnitt um zwölf Prozent gefallen, während die Nasdaq im selben Zeitraum um 30 Prozent zulegte und die Initiatoren der SPACs dreistellige Renditen vereinnahmten.

Kein Wunder, dass der Hype auch Europa erreicht. Erst vor ein paar Tagen startete Ex-Commerzbankchef Martin Blessing seinen ersten SPACs an der Börse in Amsterdam. Mit der Mantelgesellschaft European FinTech IPO Company 1 (EFIC1) sucht er nach einem vielversprechenden Fintech-Startup, das er so an die Börse zu bringen gedenkt. 415 Millionen Euro hat Blessing zu dem Zweck bei Investoren eingesammelt. Auch Klaus Hommels, mit Investmensts bei Skype, Facebook oder Xing bekannt, mobilisierte für seine Mantelfirma Lakestar Spac I 275 Millionen Euro. Zwar lag der erste Kurs beim IPO Anfang März elf Prozent über dem Zuteilungspreis, seither verlor die Aktie aber wieder acht Prozent.

Frisst der Erfolg seine Kinder?

Überhaupt scheint die Nachfrage nach SPAC-Aktien zuletzt deutlich nachzulassen: Der IPOX SPAC Index etwa, der die Aktienkurse von SPACs an der Wall Street abbildet, ist seit einem Hoch im Februar um fast 25 Prozent eingebrochen. Schon mahnen Anlegerschützer und Finanzaufseher zur Vorsicht. Der Universität Stanford zufolge wurden in den USA seit Jahresbeginn acht Klagen im Zusammenhang mit SPAC-Deals eingereicht. Dabei werfen die Kläger den Blankoscheck-Firmen vor, Schwächen der Übernahmeziele verheimlicht zu haben. Eine weitere Sorge ist das Risiko von Insiderhandel zwischen dem Zeitpunkt des IPOs einer SPAC und der Bekanntgabe des Übernahmeziels.

Längst haben auch Shortseller SPACs für ihre Wetten auf fallende Kurse entdeckt.

Bekanntestes Beispiel ist der Elektroautobauer Nikola. Schon im vergangenen Jahr attackierte der US-Hedgefonds Hindenburg Research Nikola mit Vorwürfen, falsche Angaben zum Fortschritt seiner Geschäfte gemacht und damit Investoren in die Irre geführt zu haben. Der Aktienkurs brach ein. Auf neues Futter müssen die Hedgefonds nicht lange warten: Immerhin hat kürzlich sogar der US-Bürovermieter Wework angekündigt, über die Hintertür doch noch an die Börse zu schlüpfen. Der erste Versuch, es 2019 über einen regulären Börsengang zu schaffen, war krachend gescheitert.

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