Mailand - Als Keith Haring 1983 die Innenräume des Mailänder Fiorucci-Stores an der Piazza San Babila mit Graffiti besprühte, war die Aufregung groß. Im besten Sinne: Denn plötzlich wurde aus dieser Boutique eine Galerie, in der man Pop-Art bestaunen konnte, während man die neueste Mode anprobierte. Doch für Elio Fiorucci, den kreativen Kopf der Marke, war die Aktion nur folgerichtig. War er doch schon seit den 70er-Jahren für seine Verbindungen zur Kunstszene bekannt; zu seinen Freunden zählte damals auch Andy Warhol.


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Ab Mitte der 80er-Jahre begannen auch andere große Modemarken, sich enger mit der Welt von Kunst und Kultur zu assoziieren. Viele von ihnen investierten in eigene Sammlungen oder gründeten Stiftungen. Die Schirmherrschaften und Kollaborationen häuften sich, es passte einfach zwischen der Mode und der Kunst. In Paris wurde 1984 die Fondation Cartier gegründet, 2004 die Fondation Pierre Bergé et Yves Saint Laurent und 2014 die Fondation Louis Vuitton. In Italien rief die Familie Trussardi 1996 die Fondazione Nicola Trussardi ins Leben, die zwar ohne feste Räume, aber mit eleganten Ausstellungen in Mailand und an anderen Orten überall auf der Welt aktiv ist. 2006 schließlich ließ der Kering-Gründer François Pinault den Palazzo Grassi und die Punta della Dogana in Venedig restaurieren und als Museum eröffnen. Tod’s wiederum spendete 25 Millionen Euro für die 2016 abgeschlossene Restaurierung des Kolosseums in Rom. Beispiele gibt es viele.


Miro Kuzmanovic
Der Berliner Künstler Simon Fujiwara eröffnet die Post-Corona-Saison in der Fondazione Prada.

So leistet die Luxus- und Modeindustrie neben den öffentlichen Einrichtungen einen nicht unerheblichen Beitrag für den Erhalt unseres künstlerischen Erbes – auch wenn diese Aktivitäten zur Imagebildung und Stärkung der Marke genutzt werden. Und Kunstsammlungen letzten Endes auch ein wirtschaftlich lohnendes Investment sein können. Solange sie mit Sinn und Sachverstand kuratiert werden.

Miuccia Prada und ihre Liebe zur Kunst

Spricht man heute über die Verquickung von Mode und Kunst, darf eine Person niemals fehlen: die Mailänderin Miuccia Prada – eine echte Intellektuelle, für die eine Trennung zwischen Kunst und Mode gar nicht denkbar ist. Kunst ist Teil ihrer Geisteshaltung, deshalb etablierte die Modedesignerin bereits 1993 im Süden Mailands die Prada Milano Arte, einen Ort, der später zur Fondazione Prada und 2015 massiv ausgebaut wurde. Zum künstlerischen Direktor berief sie den prominenten Kunsthistoriker Germano Celant. Die Zusammenarbeit blieb bestehen, bis Celant im April 2020 an Covid-19 starb.

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Schon damals wurden in der Via Spartaco auf nur 1000 Quadratmetern wegweisende Ausstellungen gezeigt. Zum Beispiel die letzten Shows des US-Minimalisten Dan Flavin zu dessen Lebzeiten, die in einer großartigen Dauer-Neoninstallation in der Kirche Chiesa Rossa in der Via Neera 24 ihren Höhepunkt fanden. „Die frühere Location war kleiner und wir haben sie genutzt, wenn gerade keine großen Mode-Events anstanden. Jetzt sind Mode und Fondazione voneinander getrennt, dennoch steht Miuccia Prada federführend hinter allem“, erzählt Chiara Costa bei einem Treffen im Mai. Sie ist die Programmdirektorin des Museums und arbeitet eng mit Miuccia Prada zusammen. 

Courtesy Fondazione Prada/Bas Princen
Der Blick vom „Torre“ der Fondazione auf das südliche Mailänder Viertel um den Piazzale Lodi.

Seit zehn Jahren ist Costa inzwischen für die Fondazione Prada tätig. So wurde sie auch Zeugin einer Entwicklung in der Gegend ringsum, die durch das Museum ausgelöst wurde und vergleichbar ist mit jener in den Vierteln anderer großer Städte, etwa in East-London oder Berlin-Mitte: „Das Zusammentreffen von neuer Architektur mit den alten Gebäuden hat hier am Stadtrand eine große Veränderung ausgelöst. Man kann das ganz leicht an den Taxifahrern erkennen, sie sind sozusagen das Trendbarometer der Stadt“, sagt Costa. „Früher kannte niemand von denen unsere Adresse. Kaum einer wusste überhaupt von unserer Existenz. Heute hören sie nur Fondazione, schon wissen sie genau, wo sie hinmüssen.“ 

Mit dem Bau der Fondazione wurde in diesem wenig populären Mailänder Viertel die Gentrifizierung angeschoben. „Wir haben das Privileg, hier in Echtzeit beobachten zu dürfen, was dieses Wort bedeutet“, so Costa weiter. „Mailand dehnt sich vor allem nach Norden aus, dorthin, wo früher die großen Fabriken waren. Hier im Süden hingegen sind wir näher an den ländlichen Gebieten, aber trotzdem nicht weit vom Stadtzentrum.“ Diese Vorteile ziehen inzwischen neue Menschen in die Gegend, sie eröffnen Büros oder Shops und kaufen Wohnungen. Die negativen Auswirkungen der Gentrifizierung sind hier noch nicht spürbar. Jetzt erlebt das Viertel die spannendste Phase dieses Prozesses: seinen Aufschwung durch eine junge, kreative Szene.

„Ich erinnere mich, dass es 2014 noch gefährlich war, spätabends die Fondazione zu verlassen“, fügt Costa hinzu. Der einzige vertraute Anblick war damals eine Prostituierte namens Lady Maria: „Diese Straße war ihr Revier. Drumherum war alles Wüste. Jetzt wird überall gebaut und es gibt viele Bars, dadurch wird die Gegend sicherer und lebendiger.“ Ein Highlight der neuen Gastronomieszene ist sicher auch die Bar Luce auf dem Gelände des Museums. Sie wurde vom US-Regisseur Wes Anderson gestaltet und zieht mit ihrem flamboyanten Interieur, das an ein traditionelles Mailänder Café erinnert, genau die richtigen Gäste an.

Das Haus selbst ist die Kunst

Der aus zehn Gebäuden bestehende Komplex der Fondazione Prada verbindet verschiedene architektonische Stile, meisterhaft orchestriert vom Stararchitekten Rem Koolhaas und seinem Büro OMA/AMO. Dass Koolhaas mit dem Umbau beauftragt wurde, ist kein Zufall: Seit 2001 arbeitet der Niederländer mit Miuccia Prada zusammen. Das erste gemeinsame Projekt war der damals im New Yorker Stadtteil SoHo eröffnete Prada-Store „SoHo Epicenter“. Inzwischen arbeitet Koolhaas auch intensiv an den Modepräsentationen der italienischen Luxusmarke mit. So durchschreiten die Prada-Models im gerade präsentierten Film zur Spring/Summer-Männerkollektion 2022 einen von ihm konzipierten, langen roten Tunnel. Aufgebaut und aufgenommen wurde das Set in der Fondazione Prada.

Prada
Den roten Catwalk-Tunnel für die jüngste Prada-Kollektion (Men's SS 2022) hat Rem Koolhaas entworfen.Er wurde in der Fondazione Prada errichtet sowie für den zweiten Teil der Video-Präsentation am Strand von Sardinien repliziert.

Das gesamte Gelände des Museums umfasst knapp 19.000 Quadratmeter, darin enthalten die frei zugängliche, öffentliche Fläche von 1300 Quadratmetern und die Ausstellungsräume mit 11.000 Quadratmetern. Das riesige Areal stellt den Besucher vor einige Herausforderungen. Das geht schon beim Ticket-Kauf vor Ort los: „Man muss erst mal den Tresen finden, das ist schon eine Challenge. Das Repertoire an Gebäuden und Architektur, wie Koolhaas es nennt, soll von den Menschen benutzt werden“, sagt Costa. „Der Raum soll nicht funktional sein wie der eines herkömmlichen Museums, sondern man soll selbst zum Kurator des eigenen Besuchs werden.“ Sehr konzeptionell, aber auch sehr anregend.

Eine Tapete aus 200.000 Echtgold-Folien

Das Gelände beherbergte einst die Destillerie „Società Italiana Spiriti“, erbaut um 1910. Der Koohlhaas-Komplex verbindet nun die sieben alten Gebäude mit drei Neubauten – dem Kino „Podium“ mit 205 Plätzen und dem neunstöckigen, 60 Meter hohen „Torre“ (ital. für Turm) mit Dauerausstellung und Restaurant, der 2018 eröffnet wurde. Das Instagram-tauglichste Gebäude ist aber sicher das Geisterhaus, dessen Fassade mit 200.000 Goldfolien überzogen wurde. Das Blattgold ist so dünn, dass es insgesamt nur 1,4 Kilogramm wiegt, was auch den relativ günstigen Preis erklärt: Aus dem derzeitigen Goldpreis errechnet, ist diese Menge Gold ungefähr 70.000 Euro wert. Realisiert wurde die spektakuläre Fassade von der Firma Giusto Manetti Battiloro, die mit 15 Generationen und 400 Jahren Goldschlägerei in Florenz aufwarten kann. Erstaunlicherweise ist der weiße Zement des Torre viel teurer als das Gold, da die Herstellung dieser speziellen Zementart– ebenso wie die des zu 100 Prozent recycelten, hochresistenten Aluminiumschaums für das Podium-Kino – sehr kompliziert ist. Auch der Transport vom weltweit einzigen Hersteller in Kanada nach Italien war schwierig.

Courtesy Fondazione Prada/Bas Princen
Handwerk hat hier goldene Wände: Ein italienischer Traditionsbetrieb tapezierte den Torre von oben bis unten mit Blattgold.

In einem Gespräch mit der italienischen Zeitung Corriere della Sera sagte Rem Koolhaas 2015 über den Turm: „Er gibt dieser Gegend einen neuen Wert, in der Extreme friedlich nebeneinander existieren sollen. Und da Gold das Symbol des Reichtums ist, war es das perfekte Medium, um das scheinbar Gewöhnliche offensichtlich ungewöhnlich zu machen.“ Es ist immer das Aufeinanderprallen der Gegensätze, das diese ganz besondere Aura erzeugt, ob in der Mode, in der Kunst oder eben in der Architektur. Zugegeben, dieser goldene Turm wäre überall ein Hingucker. Und sicher auch ein beliebtes Motiv auf einem Shirt.

Ein Berliner eröffnet die Post-Corona-Saison

Überraschenderweise vertreibt die Fondazione jedoch auch im Zeitalter der „Gadgetisierung“ der Mode keine Merchandise-Produkte. Dabei könnten die Pullover und T-Shirts echte Must-haves sein. „Bisher plant Signora Prada so etwas nicht, das ist offensichtlich. Vielleicht könnte es aus einem größeren Projekt hervorgehen. Ein simples Souvenir wird es nicht geben“, kommentiert Costa.

Courtesy Fondazione Prada/Andrea Rossetti
Die erste Ausstellung der Fondazione Prada nach der pandemiebedingten Schließung ist eine Solo-Show des in Berlin lebenden Künstlers Simon Fujiwara.
Fondazione Prada/Marco Cappelletti
In Pradas Venedig-Dependance läuft die Ausstellung „Stop Painting“. Auf dem Boden ein Werk von Jean-Frédéric Schnyder Hudel, hinten das Gemälde „Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?“ von Jörg Immendorff, 1973.

Hier geht es eben um die Kunst und nicht um die Mode, der Startschuss für die Zeit nach Corona ist bereits gefallen. Und das mit einem Berliner. Denn in der deutschen Hauptstadt lebt der britische Künstler Simon Fujiwara, der die Nach-Pandemie-Saison der Fondazione mit seiner Solo-Show „Who the Bær“ eröffnete. Die Ausstellung läuft bis zum 27. September und ist eine spielerische Annäherung an aktuelle Themen. „In diesen extremen Zeiten habe ich versucht, einen leichteren Ton zu finden“, erklärte der Künstler bei der Ausstellungseröffnung. „Über Zeichnungen und Collagen alles aus der Sicht eines Bären dazustellen: einer kindlichen Figur auf der Suche nach Identität, die aber auch ein Symbol des Kapitalismus ist. Da ist der Bär eben einfach ein kuscheliges Spielzeug, das verkauft werden soll.“ Fujiwara gelingt es wirklich gut, eine mutige und disruptive Perspektive gegenüber schweren Themen einzunehmen. Für den Zutritt zur Ausstellung gibt es derzeit keine Beschränkungen. Tickets können ohne Voranmeldung vor Ort oder online gekauft werden.

Und noch eine gute Nachricht: Auch die zur Fondazione Prada zugehörigen Dependancen haben jetzt wieder für Besucher geöffnet. Im Palazzo Ca’ Corner della Regina in Venedig ist derzeit die Ausstellung „Stop Painting“ von Peter Fischli (bis 21. November) zu sehen. Und seit September wird im Osservatorio, einem angeschlossenen Ausstellungsraum in der Galleria Vittorio Emanuele in Mailand, die Ausstellung „Sturm & Drang“ gezeigt.

Auch auf der Kunstbiennale 2022 in Venedig will Prada wieder überraschen. „Wir werden den nächsten Teil unserer Arbeit über Themen der Neurowissenschaften präsentieren, die wir während der Pandemie begonnen haben“, erklärt Costa. „Unter anderem haben wir Gespräche mit Wissenschaftlern über unser Gehirn geführt. Das war Miuccia Pradas Anregung – ohne ein einziges Kunstwerk an einer Kunst-Biennale teilzunehmen.“ Eines ist jedenfalls sicher: Pradas Beitrag zur Entwicklung der zeitgenössischen Kunst kann sich auch in Zukunft sehen lassen. 


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.