Berlin - Es fehlt! Die Reibungselektrizität, die für einen Sekundenbruchteil aufflackert, wenn bei einem Begrüßungskuss versehentlich die Lippen über die Wangen des Gegenübers huschen. Sektgetränkte Eröffnungen, die zwar der Kunst gelten, die Bedingungen ihrer Betrachtung aber eigentlich zunichte machen. Und es dennoch immer schafften, Gespräche, Blicke und Gefühlsregungen zu wecken, die uns anders über Kunst nachdenken lassen. Ja, inzwischen fehlt sogar dieser Moment von sozialer Unbeholfenheit, wenn wir plötzlich vor dem Werk einer Künstlerin stehen, deren Namen wir vorher noch nie gehört haben, während die Leute um uns herum so kennerisch nicken. Und wenn wir uns dann vielleicht sogar selbst beim Einstimmen in dieses künstliche Nicken ertappen.

Das Gallery Weekend, die vielleicht schönste Kunstmesse der Welt, ist ein Glutkern, der derartige Momente in den vergangenen Jahren ausspuckte wie heiße Lava. Jedes Jahr Ende April, wenn die japanischen Kirschblüten zu blühen beginnen, die einst anlässlich der Wiedervereinigung über ganz Berlin verpflanzt worden waren, öffnen rund 50 Berliner Galerien ihre Türen. Traditionell bietet das Gallery Weekend eine Leistungsschau der gegenwärtigen Kunstproduktion, die zu einem gewissen Grad auch vom Verkaufsdruck befreit zu sein scheint, befreit von einem Druck, der Messen wie die in Basel, London oder New York bestimmt.

Querschnitt des diesjährigen Ausstellungsangebots

Wer aber denkt dieser Tage überhaupt noch an Verkäufe, wenn schon die Durchführbarkeit auf der Kippe steht? Im Frühjahr 2021 sind wir an einem Punkt, an dem das Wort „Pandemie“ kaum noch jemand hören kann. Der Dauerzustand, in den letztere uns versetzt hat, beschränkt nicht nur die Möglichkeiten, Kunst zu genießen. Er manifestiert sich auch als Habitus und Normalzustand, in dem Abstand normal, die Berührung Fremder absurd und größere Events undenkbar erscheinen. Kurz: Ein „normales“, quirlig-unbeschwertes Gallery Weekend werden wir dieses Jahr nicht erleben. 

Doch allein, dass es eine Variante dieses Events geben wird, ist ein begrüßenswertes Zeichen des Neustarts der Berliner Kunstszene, das – bei aller gebotener Vorsicht – zeigt: Es gibt uns noch! Trotz der Verschiebungen und Ausfälle, trotz mentaler, gesundheitlicher und finanzieller Notlagen. Das Gallery Weekend wird  möglicherweise größtenteils digital stattfinden. Einen Teil der Galerien soll man mit negativen Schnelltests besuchen können. Da sich die Bestimmungen teils täglich ändern, empfehlen wir, sich vor Besuch auf der Homepage des Gallery Weekends über den aktuellen Stand zu informieren. 

Damit Sie sich vorab über das Programm informieren können, haben unsere Autorinnen einen Querschnitt des diesjährigen Ausstellungsangebots durchforstet. Die unangefochtene Kunst-Expertin der Berliner Zeitung, Ingeborg Ruthe, die das Gallery Weekend bereits zu einem Zeitpunkt genoss, als ich noch nicht einmal das Abitur in der Tasche hatte, hat sich in eine fantastische Gruppenschau bei Esther Schipper vertieft und sich die Werke der virtuosen Bildhauerin Rebecca Horn erneut angesehen. 

Der Frage der (Un-)Versehrtheit

Doch nicht nur das! Während Laura Helena Wurth den Malereien eines Kunstmarkt-Schwergewichts wie Albert Oehlen nachspürt, folgt Saskia Trebing den Spuren des 1990 geborenen New Yorker Multitalents Kayode Ojo. Die absoluten Grenzbereiche dessen, wozu Menschen imstande sind, hat Ann Endholm in ihren scharfkantig-abstrakten Gemälden verarbeitet. Annabel Daou hingegen versucht, Alltägliches in ihren fragmentarischen Papierarbeiten einzufangen. Die Autorin Paulina Czienskowski hat sich die Werke der beiden Künstlerinnen für uns angesehen. 

Der Frage der (Un-)Versehrtheit spürt Leda Bourgogne in ihrer Kunst nach. Die Journalistin Carina Bukuts hat sie sich für uns angeschaut. Dass dieses Jahr auch soundmäßig etwas geboten ist, zeigt die Klangkünstlerin Susan Phlipsz. Der Autor Benedikt Ellebrecht hat sich ihre Arbeiten für uns angehört und außerdem mit Ashley Hans Scheirl über ihre deliriumshaften, queeren Bilderwelten gesprochen. Letztlich hat sich sogar ein Virus ins Gallery Weekend eingeschlichen. Doch keine Angst, kein Coronavirus, sondern ein Computervirus: Gerrit Frohne-Brinkmann stellt ihn aus. Der Name des Virus ist so trügerisch wie anrührend: „ILOVEYOU“. Wir auch, Gallery Weekend! Hanno Hauenstein

Die Homepage des Gallery Weekend finden Sie hier: www.gallery-weekend-berlin.de

1. Rebecca Horn bei Galerie Thomas Schulte

Spätestens auf der Documenta 7 im Jahr 1982 wurde Rebecca Horn zur Weltkünstlerin. Mit ihren kinetischen Vogel-Schwingen aus Schwanenfedern – die Installation trägt den Proust’schen Titel „Die sanfte Gefangene“ – verzauberte sie das Publikum. Auf der Documenta 8 offerierte sie eine Installation von Ikarus-Flügeln aus Rabenfedern. Und 1992 durften wir ihr krasses „Concert for Anarchie“ erleben, einen von der Decke herabhängenden Konzertflügel, dessen Tasten sich samt Mechanik nach außen stülpen wie Gedärm.

Galerie Thomas Schulte
Rebecca Horn: „Bees Planetary Map“, 1998.

Heute kann die 1944 im Odenwald geborene Bildhauerin, Professorin an der UdK Berlin und AdK-Mitglied, auf ein opulentes Lebenswerk verweisen. Nun zeigt sie in der Galerie Thomas Schulte erneut ihren „Chor der Heuschrecken“ aus dem Jahr 1991: eine Armada von an der Decke hängenden alten Schreibmaschinen, deren fleißiger Klapper-Sound an Büroarbeit lange vorm Computerzeitalter erinnert. Und ihr „Bees Planetary Map“ aus dem Jahr 1998 besteht aus zu Lampen umfunktionierten Bienenkörben, die über Spiegeln und zerbrochenem Glas baumeln. Welch scharfkantige Metapher für die Klimakatastrophe!

Horn hat die Skulptur des 20. und 21. Jahrhunderts maßgeblich – und maßgeblich weiblich – geprägt. Der Zauber, die Kraft, auch die Provokation dieser zyklisch surreal tanzenden Gebilde, Aktionen und Filme signalisieren Konträres: Aggressivität und Zartheit, Lust und Schmerz, Ironie und Poetik. Horn baut magische Maschinen, Spiegelkabinette aus Federn, Steinen und Messern, sowie über die Wände und Wasserbecken geisternde Gedichtfetzen. Ihre Affinität zur vertrackten Tragikomik eines Buster Keaton offenbart sie gern. Inzwischen neigt sie auch zum Esoterischen, Schamanischen. Der Hintergrund: Sie kämpfte sich nach einem Schlaganfall zurück ins Leben. Kunst, so sagt sie, sei ihr Instrument, Makel und Unvollkommenheit durch Schönheit und Poesie zu ersetzen. Ingeborg Ruthe

Galerie Thomas Schulte, Charlottenstraße 24, Mitte

2. Leda Bourgogne bei QBBQ

Ich frage mich schon seit einer Weile, ob der Ausstellungsraum durch die Pandemie seine Relevanz einbüßen wird – oder ob dies vielleicht bereits geschehen ist. Zumal der White Cube ja seit den 70er-Jahren als hermetisch abgeschlossener Raum gilt. QBBQ, der Projektraum der Galerie BQ auf der Rosa-Luxemburg-Straße, hat weder weiße Wände, noch ist er neutral. Die Blackbox mit integriertem Bartresen und großem, zur Straße gerichtetem Schaufenster präsentiert sich als Ort, an dem Ausstellung und sozialer Treffpunkt Hand in Hand gehen.

„Minor Assault“, die aktuelle Ausstellung der Künstlerin Leda Bourgogne, hebt diese Lesbarkeit des Raums jetzt noch weiter hervor. In einer Ecke der Galerie findet sich ein Sofa, auf dem man in einer kuratierten Auswahl feministischer und queerer Literatur – von Audre Lorde und James Baldwin zu Hélène Cixous und Violette Leduc – blättern kann. Eine großformatige Samt-Leinwand mit Reißverschlüssen ist zugleich Werk und Präsentationsfläche für Filme wie Sally Porters „Orlando“ oder Hector Babencos „Kiss of the Spiderwoman“, die während der Ausstellung abwechselnd durch ein Fenster in der Leinwand zu sehen sind. Sie alle verweisen auf Bourgognes Interesse für Lyrik, Psychoanalyse und Identitätskonstruktion und bieten einen intimen Einblick in ihre Einflüsse.

QBBQ's
Leda Bourgogne, „Minor Assault”, 2021

Bereits der Titel der Ausstellung deutet auf die Fragilität des Körpers und stellt infrage, ob es überhaupt etwas wie eine „leichte“ (minor) Körperverletzung (assault) gibt. Und wer überhaupt ein Urteil über den Grad von Versehrtheit fällen darf. Ein Tattoo, wie in der Malerei „Minor Assault“ abgebildet, hat zweifelsohne andere Konnotationen als die Nuancen von lila, grün und rosa auf dem elastischen Jerseystoff in „Afterthought“, die an blaue Flecken erinnern. In den meisten Werken von Bourgogne ist es jedoch die Gestik des Stichs, die eindeutiger nicht sein könnte. Stoffe wie Seide, Samt und Leder werden von ihr zerschnitten, mit Latex überstrichen oder mit Kaugummis versehen und zu neuen Konstellationen zusammengenäht – nur um dann erneut von der Nadel der Künstlerin bearbeitet zu werden. Die invasive Naht, die ihre hautähnlichen Materialien durchbohrt, erinnert an Narben, die noch im Heilungsprozess sind.

Auf einer weißen, nahezu transparenten Polyesterfläche ist mit rotem Garn ein komplexes Netz aus Spinnweben eingearbeitet. Von hinten beleuchtet, vom kühlen Licht einer Baustellenlampe, erkennt man die Konstruktion der Arbeit: ein doppeltes Kreuz in schwarzem Metall bildet das Skelett, das die genähte Zeichnung groß in den Raum ragen lässt. Die Materialien in „Coil“ verweisen auf die Ambiguität von Spinnennetzen: Während die feinen Fäden fragil wirken, sind sie in Wirklichkeit robuster als Stahl. Bourgogne scheint zu fragen, ob sich dieses Phänomen auf weitere Bereiche übertragen lässt. Sind die Konstruktionen von Identitäten etwa genauso stabil?

„Minor Assault“ ist in vielerlei Hinsicht eine poetische Ausstellung, doch Bourgogne gelingt es, einen gleichermaßen sozialen Ort zu schaffen. Deswegen sollte man nicht durchhuschen, sondern sich Zeit für diese Werke nehmen, die zusätzlich noch Zeichnungen und Gedichte beinhalten. Letztere sind in weiß auf die dunklen Wände geschrieben und in unmittelbarer Nähe einer eingebauten Bühne mit Mikrofonständer. Es steht schon alles bereit für eine Serie von Performances der Künstlerin und ich freue mich jetzt schon, wenn wir endlich wieder gemeinsam in einem Raum sein können. Carina Bukuts

QBBQ’s, Rosa-Luxemburg Str. 15, Mitte

3. Die 13 Frauen bei Esther Schipper

Traumhafte, fantastische, surreale Figuren und Landschaften füllen die Galerieraume bei Esther Schipper. 13 Malerinnen mehrerer Generationen, Kulturen, Stile, von der Avantgarde bis heute, erzählen, wie man der starren Tradition und den Fesseln einer belastenden Realität für ein paar Momente entflieht. Mit ihren imaginären Malreisen an ferne Orte, die wegen Corona derzeit nicht erreichbar sind, haben die Künstlerinnen sich unter dem Thema „L’Invitation au voyage“ ganz ihrer Sehnsucht in die Ferne ergeben.

© Sojourner Truth Parsons Photo © Andrea Rossetti
Sojourner Truth Parsons Pray for Sex, 2020-2021 Acrylic on canvas
248,5 x 202,8 x 5 cm
Courtesy the artist and Foxy Production, New York

Zu Reisenden ohne Gepäck, Flugzeug, Bahn, Schiff, Bus oder Auto – nur mit der Palette in ihren Ateliers – wurden Sarah Buckner, Cui Jie, Cordula Ditz, Almut Heise, Leiko Ikemura, Tala Madani, Isa Melsheimer, Sojourner Truth Parsons, Paula Rego, Shahzia Sikander, Yi-Ting Tsai und Yeesookyung, die uns hier auf so subtile, verlockende und auch melancholische Weise vermitteln, für wie selbstverständlich wir die Reisefreiheit vor der Pandemie gehalten und genutzt haben. Als Referenz für den Verlust der Leichtigkeit des Seins dient die Dadaistin Hannah Höch mit ihren Collagen, die sich mit ihrer Kunst einst durch die schweren Zeiten von Kaiserreich, zwei Weltkriegen und Nationalsozialismus gekämpft hat und zwischen Enge und Bedrohung große Kunst schuf.

Mit ihren Darstellungen von traumhaften oder fantastischen Figuren, Szenen oder Landschaften versammelt diese betont feminine Gruppenschau Werke, die sich den Grenzen der Wirklichkeit verwehren und uns Einblicke in Welten geben, die an der Schwelle zum Realen existieren. Der Titel dieser Bildversammlung ist Baudelaires Gedicht „Les Fleurs du Mal“ entnommen. Wo es unter anderem heißt: „Dort, wo alles friedlich lacht – Lust und Heiterkeit und Pracht.“ Ach ja, dürfen wir seufzen: Es geht um die Freiheit des Reisens. Aber eben nur in der Fantasie – an nichtexistierende Orte. Ingeborg Ruthe

Galerie Esther Schipper, Potsdamer Str. 81e, Tiergarten

4. Ashley Hans Scheirl bei Crone

Enthauptete Köpfe schweben über den Leinwänden – die geköpften Häupter des Finanzkapitalismus. Doch welche Währungen waren Teil dieses Deliriums? Diese Frage steht im Zentrum von Ashley Hans Scheirls Solo-Ausstellung „Currencies of De*Capital Delirium“. In der Vergangenheit ist Scheirl bereits als Angela, Angela Scheirl, Angela Hans, Angel Hans, A A A A, Hansi, Hansda und Hans von S/hit aufgetreten.

Der Wandel von Identitäten ist programmatisch für seine – und/oder ihre – Arbeit: permanent im Wandel, nie im Stillstand. Und mit Erfolg: 2022 wird Scheirl gemeinsam mit Partner*in Jakob Lena Knebl im österreichischen Pavillon der Venedig Biennale ausstellen.

Crone Galerie
Ashley Hans Scheirl: „Goldfinger“, 2019

Die blau-violett gefärbten, teils bunt tapezierten Räume der Galerie Crone lassen uns in Scheirls fluide Welt eintauchen, in pointierte Skulpturen und mitreißende Acrylgemälde. In den Arbeiten collagiert Scheirl feinfühlig die verschiedenen Stilmittel und Genres: Graphic Design trifft auf Fotografie und abstrakten Expressionismus. Scheirl lässt die malerischen und die digitalen Bilderwelten im Wechselspiel oszillieren.

Nach den ersten Farbaufträgen erstellt Scheirl am Computer digitale Collagen, um sie anschließend detailverliebt mit Farbe und Pinsel auf die Leinwand zu kopieren und erneut abzufotografieren: Es ist ein flirrendes Hin und Her von Malerei mit Pinsel und Mauszeiger. Auch wenn Scheirls Œuvre von Lebensfreude und Humor geprägt ist, weisen die aktuellen Arbeiten eine dystopische Stimmung auf. Die bunten Farbpaletten werden von dunklen Grautönen durchbrochen. Kampfbomber fliegen durch die Gemälde. Ashley Hans Scheirl spielt mit irrsinnigen Gegensätzen: Computer und Pinsel; Identität und Transformation; Glück und Dystopie. Doch wie sind diese Kontraste auszuhalten? Benedikt Ellebrecht

Galerie Crone, Fasanenstrasse 29, Charlottenburg

5. Kayode Ojo bei Sweetwater

Ganz am Anfang seiner Karriere verkaufte der noch junge US-Maler Ed Ruscha 1959 ein Bild an Henry Hopkins – den späteren Direktor des San Francisco Museum of Art. Auf der Leinwand, die als der Ursprung von Ruschas berühmten Textgemälden gilt, stand unter expressionistischen Farbmustern das Wort „Sweetwater,“ inklusive verheißungsvollem Komma. To be continued. Doch die Hommage an ein verschlafenes texanisches Örtchen wurde später an der University of California in Los Angeles von einer Studentin übermalt, die das Bild für eine verworfene Skizze gehalten hatte. „Sweetwater“ von Ed Ruscha ist verloren, ein Geist von einem Gemälde, das nur noch als Schwarz-Weiß-Foto existiert.

Ziemlich erfolgreich reinkarniert ist es jedoch als Berliner Galerie. Der ehemalige New Yorker Investmentbanker Lucas Casso sieht die Ruscha-Geschichte als symptomatisch für unseren digitalen Bilderkonsum und die Frage, was Originalität bedeutet. Seine Galerie Sweetwater, mit der er vor allem junge US-Künstlerinnen und Künstler nach Berlin bringt, eröffnete er 2018. Im Frühjahr nimmt er zum zweiten Mal am Gallery Weekend teil – erstmals in den neuen Räumen an der Leipziger Straße. Dort zeigt Casso nun die neuen Arbeiten des jungen New Yorker Künstlers Kayode Ojo, bei dem ebenfalls eine Vorliebe für vieldeutige Geschichten erkennbar ist.

Galerie Sweetwater
Kayode Ojo, “L'Amant Double (Vienna)” (2020)

Ojo ist Fotograf und Bildhauer und verbindet präzise Inszenierungen mit der Idee des Readymade. Wenn man wollte, könnte man ihm gleich noch ein paar Pop-Art-Einflüsse unterstellen, denn er interessiert sich für massenproduzierte Objekte, Ornamente und Materialien, die dazu gemacht sind, wertvoll auszusehen – aber meist in zu Tode geschmückten Interieurs untergehen und nicht mehr als eigenständige Formen betrachtet werden.

Ojo schafft es, seine Werke gleichzeitig dramatisch und reduziert aussehen zu lassen. Und: die Frage nach dem Original galant beiseite zu wischen. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern fürchtet er sich außerdem kein bisschen vor Kitsch. Aus Textilien, Möbeln und Modeschmuck baut er glitzernde Installationen, die sich wie kapriziöse Hollywood-Kulissen gebärden. Vermeintliche Requisiten werden zum Zentrum des Raums, wehren sich dagegen, ihre Geschichten preiszugeben. Die so kombinierten Objekte wirken wie eingefrorene Figuren eines Kammerspiels ohne Drehbuch. In den Kleidungsstücken erahnt man Körper, die abwesend sind.

Zu Ojos bekanntesten Fotoserien gehören Aufnahmen von Afterpartys nach Kunstevents: uneindeutige Anlässe voller Selbstdarstellung. Intimität und Loslassen scheinen möglich, gleichzeitig spielen alle ihre Rolle weiter – es könnte ja zu später Stunde noch ein Deal drin sein. Die halb-professionellen Zusammenkünfte zwischen Exzess und Selbstbeherrschung werden dem Gallery Weekend in diesem Pandemie-Frühjahr fehlen. Vielleicht müssen Kayode Ojos Installationen daher ein bisschen für uns mitglänzen. Saskia Trebing

Sweetwater, Leipziger Str. 56–58, Mitte

6. Ann Edholm bei Nordenhake

Das glühende Rot schimmert durch die grau-schwarze Decke. Es glimmt. Wahnhaftes Rot, orangene Nuancen. Darüber bedrohlich spitz ins Innere hineinragende Keile. Scharfe, schwarze Kanten, die ihren eigenen Bildraum erschaffen, ihn abschirmen. Man erkennt es sofort: das geometrische Vokabular der Malerin Ann Edholm. In ihrer neuen Schau „Das Grün der fernen Wiesen“ hat sich die Schwedin erneut an das herangewagt, was unvorstellbar, unsagbar ist. Damit schließt Edholm inhaltlich eng an ihre Serie „Trotz“ von 2015 an. Schon damals hatte sie sich intensiv mit dem Buch „Bilder trotz allem“ des Philosophen Georges Didi-Huberman beschäftigt.

Die Serie beinhaltet vier Fotos, die zeigen, wozu der Mensch fähig ist. Auf ihnen hat ein jüdischer Gefangener, der gezwungen war, bei den Gräueltaten des NS-Regimes zu helfen, trotz des strikten Fotoverbots festgehalten, was in einem Konzentrationslager passierte. Unter den eineinhalb Millionen existierenden Fotografien aus den Lagern zeigen allein sie den tatsächlichen Vorgang der Massentötungen in den Gaskammern.

Carl Henrik Tillberg
Ann Edholm „Nacht-und-Nacht III“ 2021

Für die aktuelle Ausstellung begibt sich Edholm noch tiefer in ihre Suche zu diesem Thema. Wieder sind es vor allem großformatige Bilder, die in gewisser Weise auf den Fotos von 1944 basieren. Sie oszillieren zwischen Schleiern und Rissen, zeigen weder Imagination, noch bilden sie die gesamte Wahrheit ab. Geometrie trifft hier auf subtil expressionistische Fläche, die fast spontan wirkt neben den akkuraten Spitzen.

Edholms neue Arbeiten verhalten sich ähnlich. Sie tragen Titel, die viel erzählen: „Asche“, „Nacht-und Nacht III“, „Stimmen“. Und wirken, wie man es von Edholms Œuvre kennt, stark körperlich. „Body to body“, beschrieb die Malerin jenes Zusammenspiel aus Betrachterin oder Betrachter und Bild einmal. Man kann sich diesen Werken nicht entziehen, wird unweigerlich hineingesogen.

Die Künstlerin bezeichnete ihre Malerei einmal als „eine wundervolle Wahrheit“. Wundervoll ist Wahrheit hinter dieser Schau nicht gerade, aber sie zeigt Wahres. Jenes, das nicht vergessen werden darf, an das erinnert werden muss. Trotz allem – wie der Titel des Buchs – will Edholm Bilder malen. Oder gerade deshalb. Das Unsagbare zeigen. Denn, wie Didi-Huberman gleich im ersten Satz schrieb: „Um zu wissen, muss man sich ein Bild machen.“ Paulina Czienskowski

Galerie Nordenhake, Lindenstraße 34, Kreuzberg

7. Albert Oehlen bei Galerie Max Hetzler

Albert Oehlen ist wohl einer der erfolgreichsten Künstler, die Deutschland hervorgebracht hat. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit konsequent damit, was das Medium Malerei kann. Und wenn man ihm glauben will, kann es eine ganze Menge. Bekannt geworden ist er zusammen mit Martin Kippenberger, Werner Büttner und Elvira Bach. All jenen also, die man heute als „Die jungen Wilden“ bezeichnet. Doch das, was er mit der Malerei vorhatte, ging weit darüber hinaus und ist viel zu umfassend, als dass diese Begrifflichkeit funktionieren würde. Das kann man jetzt wieder in Oehlens Ausstellung „unverständliche, braune Bilder“ bei Max Hetzler sehen.

Dort hängen 20 ganz frische neue Arbeiten direkt aus Oehlens Atelier. Man kann die trocknende Farbe noch förmlich riechen, wenn man sich ganz nah an diese Bilder heranwagt. Es sind dick geschichtete Ansammlungen von Farbe, die tatsächlich nur auf den ersten Blick unverständlich oder braun sind. Steht man nur lang genug vor ihnen, versenkt man sich in die verschiedenen Sedimentschichten. Die Schichten, die Oehlen hier übereinander lagert, sind nicht nur Farbschichten, sondern auch Genre-Zuschreibungen. Unter dem Braun blitzen große, flächige Farbfelder hervor, manchmal sogar Figuren. Es sind die Gesteinsschichten der Kunstgeschichte, die hier hervorblitzen.

Doch man muss schon genau hinsehen. Denn durch die konstante Übermalung lassen sich die einzelnen Geschichten, die sich hinter und in der Farbe verbergen, nur durchblicken, wenn man sie aus unterschiedlichen Perspektiven und Distanzen betrachtet. Hinter den wild verwischten Formen und Farben zeigen sich dann genau komponierte Narrative. Ist das ein Sonnenuntergang? Erkennt man dort hinten eine kleine Person, die verträumt in diesen hineinschaut? Viele Stellen auf den meist um die zwei Meter großen Leinwänden sind so trüb verwischt wie die Zoom-Hintergründe, vor denen man Menschen heute meist begegnet. Und so wie sich auch hinter diesen verwischten Screens das echte Leben verbirgt, zeigt es sich auch in Oehlens Bildern erst, wenn man lange und gründlich genug danach sucht: das Durcheinander, die Parallelität und Gleichzeitigkeit, die trotzig vor sich hin rumpelt, während man versucht, sich durch die Gegenwart zu manövrieren.

Oehlen hat nicht nur Pinsel benutzt, sondern manchmal sogar eine Sprühpistole. In anderen Arbeiten tauchen organische Formen auf, die an gemütlich gebettete Embryonen denken lassen. Innerhalb der Serien kann man weitere Serien erkennen – es gibt nämlich sehr wohl eine Ordnung und eine Korrespondenz der Bilder untereinander. Sie erschließt sich nur nicht auf den ersten Blick. Oehlen hat alle Mittel, die die Malerei so zu bieten hat, ausgereizt und sie in dem Testzentrum, das seine Bilder sind, allen möglichen Herausforderungen ausgesetzt. Durch den Stress kommt Schönheit zum Vorschein, so hat er mal in einem Interview gesagt. Genau das zeigt er durch seine unverständlichen braunen Bilder nun wieder eindrucksvoll. Laura Helena Wurth

8. Susan Philipsz bei Konrad Fischer

Die griechische Mythologie erzählt von der Bergnymphe Echo, die verflucht und der Sprache beraubt wurde. Was ihr bleibt, ist nur noch die Begabung, die letzten Worte eines gesprochenen Satzes zu wiederholen. Die Erinnerung an den Mythos räsonierte bei Susan Philipsz, als sie erstmals die Konrad Fischer Galerie besuchte. Die weiten Räume antworten auf jeden Laut mit langem Echo, was Philipsz zu einer mehrteiligen Ode ans Echo inspirierte: „Slow Fresh Fount“: Philipsz’ erste Solo-Show in Berlin.

Der Titel der Ausstellung ist den Versen des Dramatikers Ben Jonson entlehnt, die später von William Horsley vertont wurden. Das Lied verweist auf den Mythos um Echo und Narziss: Als Echo dem Jüngling Narziss ihre Liebe offenbarte, fühlt sich dieser durch die Wiederholung seiner Worte zunächst geschmeichelt, versetzte sie aber, weil er sich in sein Spiegelbild verliebte. Narziss betrachtet die Reflektion seiner selbst im Wasser schließlich so lange, bis er er den Hungertod stirbt. Als Echo vom Tod ihres Geliebten erfährt, singt sie in Tränen die Zeilen: „Slow, Slow, Fresh Fount“.

Konrad Fischer Galerie
Sound-Membran in Susan Philipsz „Slow Fresh Fount“, 2021

Das Stück hat Philipsz in einer Klanginstallation unter Verwendung ihrer eigenen Stimme bearbeitet. In der großen Halle des Gebäudes stehen vier Ölfässer, die dafür als Resonanzkörper fungieren, um die leisen Stimmen des Liedes – Sopran, Alt, Tenor und Bass – ins Unermessliche verstärkt wiederzugeben. Die Objekte erzeugen jeweils ein ganz eigenes Echo, das von der kathedralen Akustik des Raumes getragen wird. Im oberen Stockwerk hängen drei riesige Silos wie Kirchenglocken in den Raum, die die tieferen Töne als dröhnendes Echo verstärken.

„Slow Fresh Fount“ ist das Ergebnis einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem Echo-Thema, eines lebendigen Dialogs von Ruf und Antwort. Philipsz gelingt es, dem Echo einen multidimensionalen Nachhall zu geben. Sie bringt die Gefäße zum Schwingen, der Schall wird wunderbar von der Architektur des Raums getragen. Es ist ein beeindruckendes Klangerlebnis, das in der Erinnerung der Besucherinnen und Besucher dieser Ausstellung noch lange nachhallen wird. Benedikt Ellebrecht

Konrad Fischer Galerie, Neue Grünstraße 12, Kreuzberg

9. Gerrit Frohne-Brinkmann bei Galerie Noah Klink

Unter dem Titel „ILOVEYOU“ surren bei Noah Klink die Rechner. Aber nicht etwa schicke MacBooks oder Laptops, sondern die alten dicken Rechentürme, für die man Ende der 90er-Jahre eigens Möbelstücke wie den Computertisch entwickelte. Wie eine kleine Server-Farm versammeln sie sich da auf pinkem Flokati, wirken wie Relikte ihrer selbst. Man denkt ja gern, dass das Internet immer schon war, wie es ist. Dabei hat es sich angepasst, entwickelt und verändert.

Volker Renner
Gerrit Frohne-Brinkmann: „ILOVEYOU“, 2021

Einen deutlichen Wendepunkt stellt dabei das groß gefeierte und heiß ersehnte Millennium dar. Im Mai 2000, als man dachte, dass die Zukunft jetzt wirklich da wäre, überzog ein Virus die (digitale) Welt. Unter dem Namen „Loveletter“ verbreitete sich per E-Mail mit dem Betreff „ILOVEYOU“ ein Virus, das Schäden in Milliardenhöhe anrichtete. Die Rechner, die hier surren, haben diese Zeit noch miterlebt. Sie sind zwischen 20 und 25 Jahre alt und wurden von Gerrit Frohne-Brinkmann zusammengesucht und erneut mit der Malware des Virus bespielt. Auf dem pinken Flokati baut er also das natürliche Habitat des Computervirus nach.

Im Jahr 2000 war Google gerade mal zwei Jahre alt und das Internet noch ernsthaft als Neuland zu bezeichnen. Betreten werden konnte dieses Territorium nur durch Modems, die wie die Pförtner zu einer anderen Dimension wirkten. Das Internet war ein mystischer, ja mythisch verklärter Ort. Noch unerschlossen und voller Gefahr und Verheißung. Man betrat diese Terra incognita mit einer Mischung aus Angst, Neugier und unbedingtem Willen zum Fortschritt. Die Angst sollte sich mit dem „ILOVEYOU“-Virus bestätigen und kündigte bereits an, was das Internet heute ist: ein Ort, der Sehnsüchte generiert, um sie letztlich nicht zu erfüllen.

So stellt sich über diese rührend veralteten Rechner auch die Frage danach, was man archivieren und bewahren möchte, was es wert ist, weiter sichtbar zu sein, und welche Geschehnisse man ruhig dem Vergessen überlässt. Wobei das Internet ja bekanntlich niemals vergisst. Laura Helena Wurth

Galerie Noah Klink, Kulmer Strasse 17, Schöneberg

10. Annabel Daou bei Tanja Wagner

„Was bleibt von einem Jahr?“ Das fragt Annabel Daou und versucht in ihrer aktuellen Schau „a year like any other“, darauf Antworten zu finden. Für sie sind es Fragmente verschiedener Ereignisse. „Was immer bleibt, was immer wir finden, wird zur Geschichte“, sagt Daou. In ihren Papierarbeiten verarbeitet sie genau das: 365 Ereignisse, die im Laufe eines Jahres irgendwo in der Welt stattgefunden haben.

Galerie Tanja Wagner
Annabel Daou, „a million protesters take to the streets (january)“

Verkeilte Formationen, Ecken und Kanten, die ineinanderlaufen und aneinander vorbei. Zusammengehalten im Geflecht, miteinander verwoben. Fragil und doch zäh. Die Künstlerin zeigt eine ungeordnete Ordnung, in der man erst auf den zweiten Blick bemerkt, dass sie sich mitteilt. Mit Worten und Sätzen – wie Zeichen an einer Wand. Ein Jahr, das füllt sich mit Notizen, die nicht nur das Markanteste darin beschreiben. So kann ein flüchtiger Augenblick später die Erinnerung bestimmen.

In „a year like any other“ verzweigen sich die Fäden des Alltags in den Netzwerken eiliger Momente. Mit der dazugehörigen Videoarbeit, in der das Innere zum Äußeren wird, bilden Daous aussagekräftige und doch zarte Arbeiten auf Papier gewissermaßen den Körper, der sich durch die Zeit eines ganzen Jahres manövriert. Was immer da ist: die physischen und emotionalen Wegstrecken, die diesen Weg beeinflussen, ihn begrenzen. Paulina Czienskowski

Galerie Tanja Wagner, Pohlstraße 64, Schöneberg

Diese Texte sind in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.