Berlin - Kristin und Jule kennen sich, seit sie denken können. Sie sind zusammen aufgewachsen im mecklenburgischen Godendorf, geboren kurz vor der Wende, und unzertrennlich. Jule ist blond, Kristin eher dunkel. Aber sonst: Sie hatten schon immer die gleiche Statur, die gleiche Schuhgröße, waren immer barfuß, gern auch noch spät mit Pyjama draußen.

Das mit dem Pyjama hat sich bis heute nicht geändert. Kristin ist barfuß zu Jule rübergekommen, in deren Garten sie jetzt in rot-weiß gestreiften Liegestühlen sitzen. Beide sind seit vielen Jahren mit ihren Jugendfreunden zusammen. Sie haben denselben Arbeitgeber, das Landesamt für Finanzen. Kristin als Projektleiterin, Jule im Bereich Versorgung. Und natürlich haben sie dieselbe Hebamme. Denn sie sind auch zusammen schwanger, wie schon einmal, vor fünf Jahren.

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19 Kleinkinder im Dorf

Wobei: Kristin ist einmal ausgeschert, hat eine Extrarunde allein gedreht, vor zwei Jahren noch einmal ein Kind bekommen. „Aber ich bin bei der offiziellen zweiten Runde natürlich auch wieder dabei!“ Gerade noch so, denn Stichtag für die Geburt ihres dritten Babys ist im November, Jule ist schon Ende Juni an der Reihe, alle anderen im Juli und August.

Anna Tiessen
Godendorf liegt in Mecklenburg-Vorpommern und hat etwa 220 Einwohner. Die Geburtenrate steigt.

Die anderen, das sind drei ihrer Nachbarinnen, dazu kommt eine Frau, die gerade schon ein Kind zur Welt gebracht hat. Die sechs Frauen treiben in diesem Jahr die Geburtenrate in Godendorf nach oben: Sechs Kinder bei 220 Einwohnern – das entspricht etwa der vierfachen landesweiten Quote. Wobei die Zahl der Geburten in Deutschland 2019 wieder gesunken ist und der Rückgang in Mecklenburg-Vorpommern dabei deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt lag. Dazu kommt: Schon ohne diese Ungeborenen gibt es 19 Kleinkinder im Dorf. Und das, wo man doch gerade aus den ostdeutschen Provinzen eher Nachrichten von verödeten Dörfern und Landstrichen kennt.

„Familie ist so schön, so erfüllend!“

Was also läuft in Godendorf anders? Ist es die viel beschworene Stadtflucht, gerade seit der Pandemie, die laut Bevölkerungsforschern viele Paare zur Familiengründung aufs Land zieht? Sind die Ungeborenen die viel beschworenen „Corona-Babys“? Oder führen die Frauen hier das DDR-Erbe mit hohen Geburtenraten fort?

Auch Jules Mutter ist an diesem Nachmittag im Garten vorbeigekommen. Praktisch, dass die Großeltern um die Ecke wohnen, immer ist jemand da, der aushelfen kann. Die Oma trägt gerade eine Schale mit Birnenschnitzen zu den Kindern, am Zaun bellt Hund Emma (von Jule), während Hund Hilde (von Kristin) sich bei den Frauen ein paar Streicheleinheiten holt. Von ihrer Liegestuhl-Warte haben die Mütter ihre Kinder im Blick. Eine sitzt auf der Schaukel, die in einem alten Kirschbaum hängt, die andere ist in der Spielhütte verschwunden. An Jules Garten grenzt der Wald, ein Steg führt über einen plätschernden Bach und am Grundstück vorbei. „Manchmal vergisst man ja fast, wie schön es hier ist, weil man so nah dran ist“, sagt Jule. Hach. „Familie ist so schön, so erfüllend!“, sagt Kristin. „Und gibt es einen besseren Ort dafür als diesen?“

Es war nicht leicht, einen Kredit zu kriegen

Und ja: Die beiden Frauen leben in einem Ort, in dem andere Urlaub machen. Über einem Blumenbeet ist ein Fundstück aus dem Dorf festgenagelt, ein Schild mit der Aufschrift: „Ferienobjekt Godendorf/Teerofen“. Teerofen ist der Ortsteil hier, es gibt gleich zwei Seen – nur zwei von vielen im Südostteil der Mecklenburgischen Seenplatte und im Naturpark Feldberger Seenlandschaft. Abends quaken Frösche, am frühen Morgen lösen die Vögel sie ab. Morgens eine Runde baden, dann auf der Terrasse frühstücken. Kinderwagen sorglos draußen stehen lassen, die Kleinen auch mal unbeaufsichtigt rumlaufen lassen können. Ein Stück heile Welt.

Wenn man die Straße von Jules zu Kristins Haus entlangspaziert, teilt sich Godendorf in zwei Welten, in eine alte und eine neue. Links stehen die alten Häuser, mit verwaschener Putzfassade, teils sind Zimmer als Ferienwohnungen zu vermieten. Rechts die Neubauten. Weiß getüncht, Haustüren mit gerundetem Glasausschnitt, davor Blumenkübel in Steinoptik, Einfahrten, in denen lange schwarze Autos stehen und ein gelber Smart. In einem Garten verschwindet der Gartenschlauch in dem Karree von Wildblumen, die Rasenfläche ist akkurat rasiert. Früher war hier Gemeindewiese. Aber als Kristins Vater in den 2000er-Jahren noch Bürgermeister war, setzte er sich dafür ein, dass aus der Wiese mehrere Baugrundstücke werden. Bis 2014 standen sie jahrelang ungenutzt, sagt Kristin. Es sei nicht so leicht gewesen, „einen Kredit zu kriegen für ein Haus in einem abgelegenen Dorf, wo der Bus zweimal am Tag vorbeifährt, wenn überhaupt“. Aber die Zinsen waren niedrig, sie und ihr Mann bekamen das Geld, bauten in der Mitte, links und rechts von ihnen Lisa und Sonja mit ihren Männern, beide aus dem nahen Neustrelitz. Auch sie sind dabei in der „offiziellen zweiten Runde“. Lisa hat schon eine Tochter, vier Jahre alt, für Sonja ist es das erste Kind.

Der große Wunsch: eine behütete Kindheit

Ein Stück weiter hinter dem See: das Haus des Bürgermeisters. Seine Schwiegertochter Saskia ist im achten Monat mit dem zweiten Kind schwanger. Auch sie kommt aus Neustrelitz, ihr Mann ist hier aufgewachsen. Nach der Schule lebte er eine Weile in Neustrelitz, jetzt ist er zurück, wie all die anderen.

Jule und Kristin zählen auf: „Der Marcel ist da, der Schulle, Olli, Daniel, Toni …“ Viele waren nie weg, andere sind wiedergekommen. Kristin war ein paar Jahre in Berlin zum Studieren, dort flüchtete sie irgendwann von Friedrichshain nach Köpenick: „Da war es bisschen ruhiger.“ Jule hat in Greifswald studiert, ist aber gependelt. Ihr erster Umzug war der vom Elternhaus im Hauptdorf in ihr eigenes Haus im Ortsteil Teerofen, mit 24. Ihre Schwester hat die Gegend auch nie verlassen. Ihr Bruder war mal weg, wohnt aber jetzt mit seiner Familie gegenüber von der Mutter. „Und es wären wohl noch viel mehr, wenn der Platz da wäre“, sagt Bürgermeister Norbert Blaack. Jede Woche muss er Post von Besuchern beantworten, die hier wandern oder schwimmen waren. Sich dabei in Godendorf verliebt haben und so gern hierherziehen würden. Ob es nicht doch ein Grundstück gebe? „Nein, wir haben nichts mehr. Wir sind, wie wir sind, ein kleines heimeliges Dorf.“

Anna Tiessen
Ein Haus in Godendorf, Mecklenburg-Vorpommern.

„Wir sind hier so behütet aufgewachsen“, sagt Kristin. Und das wünscht sie sich auch für ihre eigenen Kinder. Eine Kindheit, die nie richtig aufhört. „Ist doch toll, wenn man die Kleine in die Musikschule bringt, dort die gleiche Lehrerin wie früher unterrichtet und sie sagt: ‚Mensch, es kommt mir immer vor, als hätte ich die kleine Kristin vor mir!‘“

Vielleicht gibt es bald wieder einen Schulbus

Zwar sind Jule und Kristin Jahrgang 1987, Wendekinder, ihre Eltern mussten den großen Umbruch bewältigen. Aber ihre Kindheitserinnerungen sind trotzdem heil, die dunklen Seiten der Wende seien für sie als Kinder nicht spürbar gewesen: Jules Vater arbeitete im Forst, für ihn änderte sich nicht viel. Die Mutter kam über eine ABM in einen festen Job, kümmerte sich um Mäharbeiten oder Bürgersteige im Dorf. „Jeder hatte sein Haus, seinen Hof, ein Fundament. Wir mussten nicht um unsere Existenz fürchten“, sagt Jule.

Sie erinnert sich stattdessen an den Zusammenhalt im Dorf, man half sich gegenseitig, machte kleine Tauschgeschäfte. Außerdem hätten ihre Eltern immer versucht, ihr alles zu ermöglichen. Weil sie ein Stück Land hatten, erfüllten sie ihr sogar den Wunsch nach einem Pony. Vielleicht ist es diese heile Welt, die sich Jule und Kristin heute für ihre eigenen Kinder wünschen. Die gleichen Lehrer, die gleichen Erzieher. Man wolle doch zurück zu den Wurzeln, sagt Jule: „Das hier ist einfach Heimat.“ Sie hoffen, dass es mit all den Kindern wird, wie es einmal war: Als es noch einen Jugendklub gab im Dorf und die Mädchen sich nach der Schule bei Petras Imbiss beim Konsum immer Pommes kauften. Vielleicht gibt es bald wieder einen Kinderfasching, Osterfeuer und einen Schulbus, der direkt am Haus vorbeifährt und nicht erst an der nächsten Straßenecke.

AfD-Ideen spielen keine Rolle

Aber warum ist das in anderen verlassenen Dörfern anders, die verlassen bleiben?

Und wollen junge Menschen in ein Dorf, in dem gerade in der Zeit, als viele zurückzogen, die Rechten stark waren? Bei der Kommunalwahl 2014 erreichten sie hier landesweite Spitzenwerte. Aber das habe sich gedreht, sagt Jule, die in der Gemeindeversammlung sitzt: Heute sei dort keiner mehr von der AfD. Und damals seien das sicherlich nur Protestwähler gewesen oder solche, denen es nur um die Kandidaten ging, die sie eben unterstützen wollten, vielleicht weil es der Nachbar war oder ein alter Freund. Zwar gibt es am Ortseingang noch eine Ponyranch, an deren Zaun auch zu Corona-Hochzeiten große Schilder auf ein Maskenverbot hinwiesen. Aber Politik im ideologischen Sinn sei hier kein großes Thema, sagt Jule: „Bei unseren Projekten geht es ja darum, welche Wippe auf dem Spielplatz repariert werden muss oder wo der Bus entlangfährt. Da spielen AfD-Ideen keine Rolle.“

Vielleicht wirken die Menschen hier auch zufrieden, weil es der Gemeinde gut geht. Die Straßen sind durchrepariert, mittlerweile gebe es sogar LED-Laternen. Die Gemeindekasse sei ungefähr 900.000 Euro im Plus. Vor allem aber spüre man immer noch den alten Geist des Ostens, sagt der Bürgermeister: „Als Jule ihr Haus renovierte, halfen alle Kumpels mit. Wie früher im Osten. Da hat man auch zusammengehalten, da hat nicht jeder nur seins gemacht. Dieses Gemeinschaftsgefühl vermisse ich sonst schon oft.“

Für den Fototermin sind die Frauen in bunten Sommerkleidern gekommen

Und da sei noch ein Unterschied zwischen West und Ost: Es gab mehr Kinder. Jule und Kristin wurden vor der Wende geboren, als die Geburtenrate noch bei 1,7 Kindern pro Frau lag, im Westen dagegen bei 1,4. Erst nach dem Mauerfall fielen die Zahlen in der DDR unter das Westniveau, logischerweise, sagt Natalie Nitsche vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock: „Es war in der DDR üblich, früh Kinder zu bekommen. Und nun wollten die jungen Leute erst einmal arbeiten, reisen, studieren.“ Dazu kamen die wirtschaftlichen und sozialen Unsicherheiten, und anders als zu DDR-Zeiten wurde es für die Karriere riskanter, während des Studiums oder am Anfang der Erwerbskarriere schwanger zu werden. „Das war eine Krise, und in Krisen schieben Paare das Kinderkriegen oft auf.“

Aber Kristin und Jule sind noch vor der großen Krise geboren. Und die vielen Kinder, die damals in Godendorf groß wurden, bekommen jetzt ihre eigenen. Die nächste Welle also.

Anna Tiessen
Für den Gruppenfototermin haben sich die schwangeren Frauen extra Sommerkleider angezogen.

Fast alle kennen sich von früher, sie treffen sich aber selten alle zusammen. Aber jetzt sitzen die schwangeren Frauen doch beieinander, für den Zeitungsfototermin sind sie in bunten Sommerkleidern zum Steg gekommen. Prüfen, wessen Bauch wie groß ist, ob kleiner oder größer als beim letzten Mal. Die eine erzählt, dass sie ein Kilo Schokopudding am Tag isst, die andere erinnert sich, wie schmerzhaft der Bauchabdruck war, den sie später mit Kupfer besprühte und der jetzt im Schlafzimmer steht. Sie sprechen über die letzte Geburt und die bevorstehende. Saskia und Lisa wollen eine Wassergeburt, aber weil sie denselben Stichtag haben, reserviert Lisa die Wanne im Kreißsaal von Neustrelitz schon mal für sich. Kristin überlegt, ob sie das dritte Kind zu Hause zur Welt bringen will. Wobei: „So eine Sauerei! Und die weißen Wände!“

Die Kinderzimmer werden eingerichtet

Sonja ist die Einzige, die ihr erstes Kind erwartet, und froh, so viele Expertinnen zu haben für all die Fragen: Welches Öl gegen die Dehnungsstreifen? Wie fühlen sich Wehen an? Die Vermögensberaterin trägt ein Kleid mit Rosenmuster und weiße Ballerinas – „die einzigen Schuhe, die mir noch passen“. Wassereinlagerungen, das kennen die anderen auch. Oder Sodbrennen, Bluthochdruck. Oder der Schluckauf der Ungeborenen – „wie ein tropfender Wasserhahn“. Man tauscht Tipps aus und ganz praktische Sachen, sagt Lisa: So wie andere wegen Butter oder Eiern klingeln, frage man eben nach der Rotlichtlampe. Die Frauen teilen sich auch die Hebamme – außer Saskia, die findet, „Muttiwissen reicht“ – und die Bauchfotografin: Im Nachbarort lassen sich ein paar von ihnen in verschiedenen Kleiderkollektionen ablichten. Und nach der Geburt „gibt es bestimmt Schiebetreffs mit den Kinderwagen durch den Wald“.

Anna Tiessen
Sonja hat ihr Kinderzimmer mit Liebe zum Detail gestaltet. Es fehlt nur noch die restliche Deko.

Und es geht um die Kinderzimmer. Sonja ist fast fertig, es fehle nur etwas Deko. „Ich bin so der Lila-Typ“, sie hat das Zimmer in ihrer Lieblingsfarbe eingerichtet. Lila Vorhänge, Kissen, Decke. Dazu eine weiße Kommode mit Schleifchen-Griffen, der passende Kleiderschrank ist gefüllt mit einer kleinen Strampler-Kollektion. Viel Weiß und Rosa. „Lila gibt es leider nicht so viel.“ In dem Bett mit kleinem Tüllhimmel steht „Little princess“, und hier soll die Kleine auch von der ersten Nacht an schlafen. Saskia lacht: „Bis zur zweiten Nacht dann!“

Arbeit ist bei den Frauen eine Selbstverständlichkeit

Sonja hofft trotzdem, dass ihr „Mäuschen“ ruhig wird, „Mädchen sollen ja unkompliziert sein“. Sie will möglichst auch schon im Mutterschutz ein paar Stunden am Tag arbeiten. Als Vermögensberaterin müsste das von zu Hause aus doch klappen. Sonst ist Arbeit eigentlich kein Thema bei den Frauen, eher eine Selbstverständlichkeit: „Wir sind hier so aufgestellt, dass wir nach der Elternzeit schnell wieder arbeiten“, sagt Sonja, „so kennen wir es ja von unseren eigenen Eltern.“ Und Kristin: „Elternzeit ist auch ein Luxus, muss man sich leisten können. Außerdem entwickeln sich die Kinder in Riesenschüben, wenn sie unter Gleichaltrigen sind.“

Ein Osterbe ist womöglich auch das Alter der Frauen. Im Schnitt waren Frauen in Deutschland im Jahr 2019 beim ersten Kind älter als 30. Jule, Kristin und Lisa waren 28. „So alt, weil wir erst studieren und bauen wollten und ein bisschen finanzielle Sicherheit“, sagt Kristin. Die Mütter der schwangeren Frauen sind alle unter 60. Und als Saskia mit 23 ihr erstes Kind bekam, habe sie sich ganz schön alt gefühlt: Aus ihrer Schulklasse hatten zehn von 15 Mädchen mit 23 schon mindestens ein Kind. Sonja dagegen würde noch zehn Jahre warten, wenn sie könnte. Aber sie ist 39. Also hat sie sich einen Plan gemacht. Und er ist aufgegangen. „Es hat sofort geklappt“, sagt Sonja. Genau wie bei den anderen: Saskia wollte das zweite Kind, wenn das erste in die Schule kommt. Bingo. Die anderen wollten genau jetzt das nächste Kind.

„Manchmal werden wir gefragt, ob es an der Luft liegt oder am Wasser, dass wir so auf Knopfdruck Kinder kriegen“, sagt Jule. Oder hat es doch etwas mit Corona zu tun? „Ach was“, sagt Bürgermeister Blaack. „Die Weichen waren schon lange vorher gestellt.“ Im Dorf habe man von der Pandemie nicht viel mitgekriegt, sagt auch Jule, auch wenn alle bedauern, dass ihre Partner bei den Ultraschalluntersuchungen nicht dabei sein können. Sonja beschwert sich über das schlechte Internet im Homeoffice. Und für eine Weile hätte Saskia, die in einem Callcenter arbeitete, fast ein Homeschooling-Problem gehabt, das sich aber löste, weil die Schwiegermutter pandemiebedingt nicht mehr im Reisebüro arbeiten konnte.

Zwar trifft in Godendorf vieles nicht zu, was die Bevölkerungsforscherin Natalie Nitsche in ihren Corona-Studien untersucht. Etwa, dass Paare in Fernbeziehungen dank Homeoffice endlich an Familienplanung denken. Aber vielleicht spielen ja andere Faktoren eine Rolle? „Wenn wie bei Corona Überlebensängste entstehen, wächst vielleicht der Wunsch nach Fortpflanzung“, sagt Nitsche. „Das muss gar nicht bewusst sein, eher wie ein Reflex, auch um die Toten zu ersetzen.“ Oder man relativiere die eigene Endlichkeit, überdenke seine Werte neu. „Man fühlt sich angesichts der Nachrichten verletzlicher und sucht daher vielleicht mehr Nähe zum Partner.“ So könnte man auch den kleinen Babyboom vom März dieses Jahres erklären – seit mehr als 20 Jahren wurden nicht mehr so viele Kinder geboren. Gezeugt wurden sie im Frühsommer 2020, zu einer Zeit, als viele vielleicht dachten oder hofften, die Pandemie sei vorbei.

Vielleicht sitzen sie noch mit 80 zusammen

Und doch war etwas anders für sie in der Pandemie: „Das Frühjahr 2020 war wie eine verlängerte Elternzeit. Ich konnte jeden Tag mit der Kleinen angeln und baden.“ Mehr Zeit mit ihrem Mann habe es aber auch nicht gegeben, sagt Jule. Er war weiter auswärts arbeiten, genau wie die Männer von Lisa, Kristin, Sonja und Saskia.

Dafür gab es aber mehr Zeit mit der Freundin. Und Zeit, ihren Mädchen dabei zuzuschauen, wie sie ihre eigene Kindheit wiederholen: Von weitem sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich. Gleich groß, die gleiche Statur, lange blonde Haare. Und als es wegen Corona die Kontaktsperre gab, habe es so ein Geschrei am Gartenzaun gegeben, dass klar war, man kann die beiden nicht trennen. „Moment mal!“, Kristin springt auf. „Es ist so verdächtig ruhig! Wo sind die Kinder?“ Fehlalarm. Die Mädchen haben sich Gartenstühle an den Zaun gezogen und beobachten, was auf der Straße passiert. Vielleicht sitzen sie in 80 Jahren noch hier. Oder zumindest wieder.

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