Berlin - Eintausendeinhundertzweiundneunzig Euro im Monat. Im Schnitt verdienen Frauen in Deutschland brutto so viel weniger als Männer, das geht aus einer Anfrage der Linksfraktion des Bundestages hervor. Das Statistische Bundesamt antwortete darauf mit einer neuen Verdienststrukturerhebung. Die wurde bereits Ende vergangenen Jahres aktualisiert, wegen der zeitlichen Verzögerung der Meldedaten stammen die Zahlen aber aus dem Jahr 2018 – die Auswirkungen der Coronapandemie konnten also noch nicht einmal einberechnet werden.

Die Lohnlücke zwischen diesen beiden Geschlechtern ist damit im Vergleich zur letzten Erhebung 2014 sogar um vier Euro gestiegen. Mehr als zwei von drei Frauen, insgesamt 12,5 Millionen Arbeiterinnen, verdienen sogar unterdurchschnittlich. Also weniger als das Durchschnittsgehalt von 2.766 Euro brutto im Monat. In oberen Einkommensregionen sucht man sie dagegen fast vergeblich: Von fast vier Millionen Topverdienenden mit mehr als 5.100 Euro Bruttoverdienst sind 79,5 Prozent Männer. Ein Stufe höher, bei echten Spitzengehältern von über 12.100 Euro brutto, sind Frauen nahezu ein Kuriosum: Männerquote 87 Prozent.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
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Frauen und weiblich gelesene Personen sollten sich diese Zahlen gut durchlesen. Zeigen sie doch abermals, wie viel weibliche Lohnarbeit im Patriarchat wert ist. Trotz allerlei halbherziger politischer Initiativen der vergangenen Jahre – Frauenquote für börsennotierte Unternehmen, Entgelttransparenzgesetz für größere Betriebe – bleibt es dabei, dass die Lohnarbeit von Männern kostbarer ist. Selbst im direkten Vergleich, der bereinigten Lohnlücke, verdienen Kollegen im Schnitt noch immer sechs Prozent mehr als Kolleginnen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Nicht im Patriarchat.

Dazu kommt, dass der Großteil der Lohnunterschiede strukturell bedingt ist. Frauen arbeiten häufiger in bezahlter Teilzeit, übernehmen stattdessen unbezahlte Sorgearbeit. Oder anders gesagt: Männer kümmern sich seltener um Angehörige, machen weniger im Haushalt, haben mehr Freizeit. Denn Frauen arbeiten nicht weniger als Männer, sondern mehr. Nur wird über die Hälfte ihrer Arbeitszeit nicht bezahlt. Selbst Frauen in Teilzeit arbeiten im Schnitt täglich länger als Männer in Vollzeit. Zwar haben auch einige Herren der Schöpfung während der Pandemiemonate begriffen, dass Haushalt keine Frauensache mehr ist und ihre unbezahlten Arbeitsstunden erhöht. Aufholen konnten sie dennoch nicht.

Auch sogenannte Frauenberufe werden schlechter bezahlt als klassische Männerberufe, auch das ein strukturelles Problem. Und nein, es hilft Frauen nicht, in gut bezahlte Männerdomänen vorzudringen. Denn, sobald Männerjobs keine exklusiven Herrenclubs mehr sind, sinkt dort das Lohnniveau. Schließlich können nur prestigeträchtige Arbeiten gut bezahlt werden, Arbeiterinnen würden diese monetäre Wertschätzung nur verwässern. Andersrum können Herren wie selbstverständlich einfache Frauentätigkeiten ordentlich aufbessern. Coden war in den 1940ern beispielsweise billige Frauenarbeit, erst etwa zwei Jahrzehnte später übernahmen Kollegen die Schalthebel. Spätestens seit den 1970er Jahren sind Männer Koryphäen auf diesem Gebiet, die IT gehört auch heute noch zu den besser bezahlten Berufsfeldern.

Frauen werden im patriarchalen System abgewertet. Das verwundert kaum: Eine Gesellschaft, die von und für Männer gemacht ist, muss Frauen ausbeuten, um sich selbst zu erhalten. Schafft kontinuierlich die Rollenbilder, die es für diese Repressionen braucht. Frauen, die in Zukunft nicht mehr auf 1.192 Euro im Monat verzichten wollen, brauchen sich deshalb nicht im Job abzustrampeln. Entgeltgleichheit zwischen den Geschlechtern wird es im Männersystem nicht geben. Wollen Frauen mehr Kohle, müssen sie stattdessen gemeinsam kämpfen und endlich das Patriarchat überwinden.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.