Berlin - Seit Wochen trinke er keinen Alkohol und konsumiere auch keine anderen Drogen, so der Regisseur Ersan Mondtag vor wenigen Tagen am Telefon. Er lasse sich von einem Personal Trainer fit halten und fühle sich stark. Trotzdem kommt er ein bisschen außer Atem, als er auf dem Weg von der einen Probe zur anderen die Treppe zur S-Bahn hinaufrennt. Flow und Stress liegen in seiner Stimme. Kein Wunder: Innerhalb von gut zwei Wochen kommen drei von ihm inszenierte Uraufführungen in drei Berliner Häusern heraus.

Am Donnerstag feierte Thomas Köcks „Recomposition“ von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ am Berliner Ensemble Premiere, ein opulenter Viereinhalbstünder mit Kammerorchester. Am kommenden Dienstag folgt die von Mondtag zum Thema Untergang und Weltdämmerung erarbeitete Stückentwicklung „It’s going to get worse“ am Gorki. Und am 19. Juni im HAU mit „Joy of Life“ sein erstes Tanzstück, worin es um Kinder auf der Flucht geht – mit Kate Strong, einem Kinderensemble und Texten unter anderem von Olga Bach. Danach geht Mondtag auf Wandertour.

An dem Mondtag-Festival oder, trockener ausgedrückt, an der Terminstauchung ist die Pandemie schuld. Die BE-Premiere hätte im März, die am Gorki schon vergangenen Herbst herauskommen sollen. Nun dürfen die Theater die fertigen Produktionen endlich zeigen und beeilen sich, um den Stau möglichst vor der vielerorts verschobenen, verkürzten oder gar aufgehobenen Spielzeitpause abfließen zu lassen. Das verlangt dem Regisseur einiges ab. „Momentan habe ich Wiederaufnahme- und Endproben am Berliner Ensemble, in den Pausen fahre ich ans HAU und arbeite da mit den Tänzerinnen und Tänzern. Wenn die BE-Premiere durch ist, schaue ich noch einmal drei Tage auf das Gorki-Stück, in das wir Bezüge zur aktuellen Debatte, in der das Haus steckt, einbauen wollen.“

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Gemeint sind die vom Spiegel öffentlich gemachten Machtmissbrauchsvorwürfe gegen die Gorki-Intendantin Shermin Langhoff und die Diskriminierungs- und Führungskrisen an anderen Häusern, die vermutlich nicht ohne Grund in der Corona-Ruhe zutage traten. „Was mich daran nervt, ist der Generalverdacht“, sagt Mondtag. „Es gibt über 400 mehr oder weniger reibungslos funktionierende Staats- und Stadttheater sowie Opernhäuser in Deutschland. Ich habe an über 20 solcher Einrichtungen gearbeitet, die sind so verschieden wie Lebenspartner – und jetzt geht man da mit einem Bulldozer drüber.“

Leute, die ihre Macht missbrauchen, solle man aussortieren. Dabei dürften aber rechtsstaatliche Verfahren und die Unschuldsvermutung nicht ausgehebelt werden. Mondtag redet sich ganz sacht und mit freundlicher Tonlage in Rage. Er kritisiert zum Beispiel die Ansprüche von Theatermitarbeitern. „Manche haben offenbar zu wenig Kontakt zur richtigen Welt und können die Betriebsproblemchen nicht ins richtige Verhältnis zu den gesamtgesellschaftlichen Missständen setzen.“ Woher komme die Vorstellung, dass alles am Theater „richtig, harmonisch und perfekt“ sein müsse, fragt er. „Wenn das das Ziel ist, fuck, dann bin ich weg. Man darf sich schon auch mal quälen für die Kunst. Come on, das ist unsere Arbeit. Es geht nicht ums Wohlfühlen.“

Mondtags Offenheit gegenüber dem Thema ist entwaffnend und befreiend, wenn man sich in der verfitzten Verfahrenheit der Debatten keinen Zentimeter mehr bewegen kann, ohne irgendwelche Linien zu übertreten. Der 1987 in Berlin geborene Sohn türkischer Einwanderer macht weder Hehl noch Gewese aus seiner Homosexualität oder seinem Migrationshintergrund. Rassistische und diskriminierende Erfahrungen fließen in seine Kunst, aber natürlich lässt sie sich nicht darauf reduzieren. Direkter kommt die traumhafte Bildsprache von Horrorfilmen zum Vorschein, die er in beunruhigend früher Kindheit gesehen hat. Und deren Schrecken ihm die Wirklichkeit zu einem friedlicheren Ort gemacht haben. Vorübergehend. Mondtags Kunst erkundet Albtraumwelten im Wachzustand.

Sein Studium an der Otto-Falckenberg-Schule in München brach er ab, gründete das Kapitæl Zwei Kolektif, veranstaltete Dauerperformances und Partys zum Thema Nationalsozialistischer Untergrund; er hat Proben bei den Stadttheaterplatzhirschen Frank Castorf, Claus Peymann und Robert Wilson miterlebt und bei den Theaterexzessen von Vegard Vinge mitgearbeitet, gegen die Mondtags Radikalität geradezu verspielt und ungefährlich wirkt. Das alles hat ihn ästhetisch beeinflusst und wohl auch Standards gesetzt im Umgang mit Schauspielern. Seine bildstarken, so ich-triumphalen wie verzweiflungsbereiten, stets installativen Arbeiten sind oft komplex choreografiert und akribisch mit Licht und Klang zusammengefügt. Mondtags Zeitdruck und Arbeitswut brechen sich auf den Proben schon mal Bahn. 

Ersi, wie seine Freunde ihn nennen, hängt sich gern aus dem Fenster. So brachte er sich früh als Schau- oder Volksbühnenintendant ins Gespräch oder bekundete seine Abkehr vom Theater hin zur Oper oder gleich zum Film. Aber er ist vor allem ziemlich nett und stets bereit, sich zu entschuldigen, wenn er sich wieder beruhigt hat. Die Schadensbilanz als Wüterich ist bisher glimpflich: ein Tritt gegen einen Sessel, bei dem sich Mondtag einen Zeh brach, und der Wurf einer Wasserflasche. Allerdings „war die nicht aus Glas, und ich habe sie gegen mein eigenes Bühnenbild geschmissen. Letztlich war es PET-Kunststoff auf Holz.“ Als er vor zwei Jahren beim Theatertreffen mit dem 3sat-Innovationspreis ausgezeichnet wurde, hat er die Trophäe umgehend an die Dortmunder Inspizientin weitergereicht, für diejenigen, die sich bei den Proben für „Das Internat“ möglicherweise zu unsanft behandelt fühlten. Es war eine ernst gemeinte Geste.

Birgit Hupfeld
Teil eins der Mondtag-Trilogie: Thomas Köcks Rekomposition „wagner – der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood)“ im Berliner Ensemble. Szene mit Peter Luppa, Peter Moltzen und Philine Schmölzer.

Dem Ablauf der Wagner-Rekomposition im Berliner Ensemble war nun keinerlei inszenatorische Nervenschwäche anzumerken, was wohl auch an den professionellen Gewerken und dem spielsicheren Ensemble des Hauses liegt. Es ist natürlich schade, dass das zwölfköpfige Orchester unter Leitung des Komponisten und Drummers Max Andrzejewski aus coronahygienischen Gründen nicht im Graben gespielt hat, sondern aufgenommen werden musste: geloopte Pattern, die Atmosphäre schaffen, hin und wieder wagnerianisch anschwellen, kakofonisch ausbrechen, rasen und zusammenstürzen. Und dann wieder über weite Teile des Abends: Grillenzirpen oder leise schauerndes Dröhnen. Der Zusammenklang mit den Spielerstimmen ist so perfekt, dass man immer wieder vergisst, dass man live im Theater ist. Stefanie Reinsperger als Brünnhilde erinnert das Publikum: „Ganz schön laut hier! Hier kann man aber nicht leiser stellen. Es hat sich ausgestreamt!“

Deutsche im Wahn

Ein bisschen kann man sich als Geisel dieses Abends fühlen, zumal wenn man es nicht mehr so gewohnt ist, im Theater auszuharren. Aber den Figuren geht es nicht anders. Sie sind Insassen einer Anstalt, von der wir nur die Küche zu sehen bekommen. Fenster und Lüftungsschacht sind vergittert, die Tür ist eisenbeschlagen. Alles ist ungefähr doppelt so groß wie in Wirklichkeit, die im Vergleich niedlich verkleinerten Spieler können knapp über den Tisch hinwegsehen und praktischerweise über Abfluss, Ofenrohr und Kühlschrank auftreten und abgehen.

Der Mythos wird in diesem Setting einerseits zur Nervenkrankheit und andererseits zur Familienangelegenheit verkleinert – oder war er das nicht schon immer? Der Held Siegfried (Paul Zichner) soll lobotomisiert werden, Wotan (Corinna Kirchhoff) ist der Klinikchef, die Rheintöchter, Walküren und Nornen sind schnell zur Hand mit seditativen Medikamenten und Elektroschocks. An die Grenzen ihrer medizinischen Möglichkeiten kommt die Anstalt bei Brünnhilde, die gegen ihren Willen in Liebe entflammt, dagegen aufbegehrt und auf die Pritsche gefesselt werden muss. Und auch bei Alberich, der als „deutsche Geschichte“ auftritt und von Peter Moltzen als Alte-weiße-Männer-Persiflage angelegt wird. Schwer in den Griff zu kriegen, diese Deutschen im Wahn. Romantische Syndrome, Angststörungen, Aggressionen, Allmachtsfantasien. Es macht eine diebische Freude, wie das alles zur Krankhaftigkeit der Gegenwart passt. Auch wenn es manchmal zu kabarettistisch den Bezug zu heute sucht: „Nackte Frauen und parasitäre Juden, die das Gold stehlen wollen. So setzen sie an, die deutschen Mythen, und dann wundert man sich über rechte Netzwerke in der Bundespolizei.“

Stark wird der Abend, wenn er versucht, sich den Mythos, den er selbst reproduziert, aus der Seele herauszuoperieren und sich so von den Bestimmungen und Bedeutungen zu befreien. Dafür ist sie nun einmal da, diese Anstalt, die seit über einem Jahr ihre Pforten mehr oder weniger geschlossen halten musste: das Theater. Es braucht schon etwas Mut, Ausdauer und Großzügigkeit bei der Abschätzung der Nebenwirkungen, um sich in die Hände von Chefarzt Ersan Mondtag zu begeben. Es sollte einem auch nicht darum gehen, beruhigt oder gar geheilt zu werden.

Wagner - Der Ring des Nibelungen (A Piece Like Fresh Chopped Eschenwood). Berliner Ensemble. Informationen und Termine unter www.berliner-ensemble.de

Das Berliner Ensemble teilt mit, dass die Vorstellungen heute und am Wochenende (4.-6.6.) wegen einer Erkrankung im Ensemble ausfallen müssen. 


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.