Berlin - Die Hausratversicherung kündigen, den Vögeln zuhören, sich mit den Nachbarn anfreunden, nicht an die Ideologie der großen Liebe glauben, aber verlässliche Beziehungen führen. Neues erleben, auch mal Dinge tun des Vollzugs willen, nicht des Resultates. Ja, und natürlich meditieren.

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Diese Woche im Blatt: 
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Klingt wie Tipps aus einer recht einfältigen Lifestyle-Eso-Fibel, stammt aber aus dem neuen Suhrkamp-Werk des deutschen Philosophen Gernot Böhme und seiner Tochter, der Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme. Und das sammelt dann doch ein paar treffende Betrachtungen aus dem Leben der Wohlstandsverwahrlosten. Etwa, dass wir in einer Demokratie ohne Demokraten leben, in einer ungerechten Gesellschaft, in der Instagram zu Neid führt.

„Über das Unbehagen im Wohlstand“ heißt das Buch, und tatsächlich geht es dem Leser und der Leserin nach der Lektüre kurz besser. Bietet es doch einige bestätigende Thesen, warum es uns scheiße geht, obwohl wir doch alles haben. Aber das ist ja schon eines der Probleme. Bereits im Vorgängerwerk „Ästhetischer Kapitalismus“ führte Gernot Böhme den Unterschied zwischen Bedürfnis und Begehr ein, den die beiden hier mit neuen Erkenntnissen zum Wirken der Belohnungsmechanismen im Gehirn anreichern. Bedürfnis ist etwa der Hunger, der gestillt wird, wenn wir ihm nachgehen. Das Begehren aber wird immer größer, je mehr wir ihm nachgehen. Und das ist das Ziel unserer Wirtschaftsform: Begehrnisse wecken, nicht befriedigen. Uns unzufrieden machen.

Das neuste Kleid aus der H&M-Conscious-Collection macht uns nur so lange gute Gefühle, bis es mit Schild dran im Schrank verschwindet. Sofort wollen wir neue Schuhe. Denn wir müssen ja wahnsinnig individuell sein, uns ein Image verpassen, damit wir gesehen werden.

Dass auch der neuste Trend nie von einem selbst erfunden wird, stürzt einen schon in die nächste Krise. Und apropos Conscious: Schon mal drüber nachgedacht, was für ein irre schlechtes Gewissen es macht, dass wir mit unserem Konsum abstimmen, das aber nicht immer tun? Dass wir profitieren von den Zuständen, die uns so fertigmachen?

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, blubberten wir wie ein Mantra. Aber Böhme und Böhme haben nun eine marketingfreundliche Neuvariante des Adorno’schen Gassenhauers gefunden – Trommelwirbel: Es gibt ein richtiges Leben im Falschen! Und dies zu führen liegt in Ihren Händen! Engagieren Sie sich doch mal für die Gesellschaft, spazieren Sie doch mal in der Natur, und zwar im Kreis, um ergebnisloses Handeln einzuüben. Und hier noch ein Rat der Rezensentin: Man kann sich zwar ewig in den Zynismus retten, doch macht das glücklich? Vielleicht also wirklich mal meditieren.

Gernot Böhme, Rebecca Böhme: Über das Unbehagen im Wohlstand, Suhrkamp, Berlin 2021. 221 S., 16 Euro.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.