Berlin - „Ich kann nicht viel, aber ich bin gut mit Männern.“ Das sagt Ava, eine 22-jährige Irin, die nach dem Studium grundlos nach Hongkong gezogen ist, über sich selbst. Sie bringt reichen Kindern Englisch bei, auf einer Schule, die so gewinnorientiert kalkuliert, dass sie ihre Lehrer nur ungern pinkeln gehen lässt. Weil der Job wenig Geld oder Sicherheit bringt, fängt Ava eine Affäre mit dem Banker Julian an, der – „schrecklich britisch und schrecklich männlich“ – besser über Tannine im Wein sprechen kann als über Gefühle. Weil Ava gut ist mit Männern wie Julian, muss sie keine Miete zahlen und bekommt Geschenke, wenn sie etwa gut performt beim Blowjob oder wenn sie besonders gut für einen Businesstrip gepackt hat. Die Liebe im Kapitalismus ist das Hauptthema in diesem Debut von Naoise Dolan.

Wie viele in ihrer Generation versteht Ava Beziehungen und vor allem auch Sex als Machtkampf. Ihr Selbstwert ist ein Resultat ihres Marktwerts. Doch Ava geht es nicht nur um Klamotten – sondern um Miete, Nahrung, Sicherheit. Dinge, die in einer Metropole wie Hongkong nicht immer sicher sind. Avas Struggle ist real. Geld bedeutet für sie die Freiheit, zu nichts gezwungen werden zu können. Während des Studiums zahlte sie so lange auf ein Konto ein, bis sie genug gespart hatte, um eine Abtreibung in England zu bezahlen, die in ihrem Heimatland illegal ist.

Macht sie das zu einer Hure?

Julian scheint der perfekte Kandidat für sie zu sein: ein posher Mann, der nicht viel von ihr erwartet. Die Selbstzufriedenheit, mit der Ava durch Julian Geld spart, kann man ihr nur schwer verübeln, ist sie doch in einer Welt groß geworden, die von Frauen erwartet, ihren Körper und ihre Zuneigung im Zeichen der romantischen Liebe quasi kostenlos herzugeben. Sie ist unsicher, ob sie das zu einer Hure macht, in jedem Fall aber zu einer schlechten Feministin.

Ihre Identität in den Beziehungen zu anderen zu spiegeln ist ein Muster, das das gesamte Buch durchzieht. Das hat den Nachteil, dass den anderen Figuren kaum eigene Gefühlswelten zugestanden werden. Denn Avas Umfeld beherbergt quirlige Nebenfiguren wie Victoria, die Freundin eines reichen Bankers, die Ava wie „ein schöner Kleiderständer“ vorkommt: „Ab und zu berührte sie ihren Trapeze-Bag von Céline, und ich dachte: Sie ist noch da, Victoria. Sie läuft dir nicht weg. Die Kuh ist tot.“ In solchen bösen wie witzigen Beobachtungen erinnert Dolans Stil an Ottessa Moshfegh, die in ihren Büchern ähnliche leere wie witzige Frauenfiguren versammelt.

Dolan hat für ihr Buch den besten Schauplatz gefunden: Hongkong, die Sonderverwaltungszone Chinas, wo sich Julian als neoliberaler Nachfahre der britischen Kolonialmacht überlegen fühlt. Die Dynamik der Beziehung zwischen Ava und Julian ändert sich schlagartig, als Edith auftaucht, eine aus reichem Hause stammende Anwältin aus Hongkong. Als Julian auf Geschäftsreise ist, fangen Ava und Edith eine Affäre an. Ava wird erstmals mit echten Gefühlen konfrontiert, die sie unsicher und verletzlich zurücklassen.

Es ist leichter, das Banker-Arschloch zu sein

Ein Roman über Liebe und Geld zieht natürlich die Beziehung zu dritt in Betracht – und scheitert. Für Ava scheint es leichter zu sein, das Banker-Arschloch zu lieben, als sich für Edith zu entscheiden. Das könnte eine schöne, lesbische Coming-of-Age-Geschichte sein. Wenn Edith (und all die anderen Figuren) nur nicht so blass wären. Eine Figur wie Ava hätte Potenzial für komplexere Problemlagen gehabt als die Notwendigkeit, sich zu entscheiden und mit diesen Entscheidungen ein Risiko einzugehen. Je mehr Raum Avas Selbsterkundungen einnehmen, desto zäher wird die Erzählung – ein endloses Herumwandern im Spiegelkabinett.

Interessanter ist, was Ava sich in der Beziehung zu Edith nicht zu sagen traut. Als Edith sich von ihr trennt, schreibt sie ihr Nachrichten, die sie nicht abschickt. Nachrichten, die nach einer reiferen Ava klingen – und nach Gedanken und Motiven, denen man in diesem großartig begonnenen Roman gerne länger nachgegangen wäre.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.