Berlin - Im Sport gibt es keine Gleichberechtigung. Es gibt einen Teufelskreis, und aus Sicht einer Sportlerin funktioniert er so: Weniger Berichterstattung, weniger Geld. Weniger Geld, schlechtere Bedingungen. Schlechtere Bedingungen, weniger Qualität. Weniger Qualität, weniger Zuschauer. Und am Ende wieder weniger Berichterstattung. Oder kennen Sie Theresa Stoll? Noch nie von ihr gehört? Das liegt sicher nicht an ihren Leistungen, denn sie zählt zu Deutschlands besten Sportlerinnen. Sondern: an der medialen Darstellung von Frauen im Sport.

Anfang Juni bei der Weltmeisterschaft in Budapest gewann Stoll die Bronzemedaille. Im Judo, Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm. Aber zu hören oder zu lesen war darüber wenig bis nichts. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand schon wieder nur Fußball, Männerfußball natürlich, die Europameisterschaft schluckt seit Wochen alle anderen Sportereignisse. Es erscheinen wieder deutlich weniger Berichte über Athletinnen, und auch die Liveübertragungen sind weit davon entfernt, ein gleichberechtigtes Niveau zu erreichen. Als wäre Sport eine Männersache. „Wenn es nicht gerade die Olympischen Spiele sind, ist die Unterrepräsentanz krass“, sagte Ilse Hartmann‐Tews von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Ihren Studien zufolge liegt der Anteil der Sportberichterstattung über Frauen in deutschen Printmedien gerade mal bei 15 Prozent.

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Ich wurde vor kurzem gefragt, welche Macht Journalistinnen und Journalisten bezüglich der Gleichberechtigung im Sport haben. Für mich ist diese Macht riesig und sie verlangt einen verantwortungsbewussten Umgang. Denn indem wir Geschichten rund um den Frauensport erzählen, ebnen wir den Weg zu mehr Ausgewogenheit. Dabei kommt es auch darauf an, wie wir diese Geschichten erzählen.

Selbst für die Mitgliedschaft müssen Spielerinnen aufkommen

Ich erinnere mich an einen Bericht, in dem es um Streit zwischen zwei Top-Biathletinnen ging. Es war von Zickenkrieg zwischen Aschenputtel und Prinzessin die Rede, von Fotos im Badeanzug, von Make-up beim Sport und von Glamour Girls. Von sportlichen Erfolgen und Herausforderungen keine Rede. Mit solchen Berichten werden wir niemals Gleichberechtigung erreichen. Dabei gibt es auch gute Nachrichten: 121 Jahre nachdem Frauen erstmals bei den Olympischen Spielen antreten durften, erwartet das Olympische Komitee bei den in einem Monat beginnenden Spielen in Tokio einen Rekordanteil von knapp 49 Prozent Frauen. Nach nur gut 100 Jahren.

Auch die Judoka Stoll, 25, wird an Olympia teilnehmen. Und sie kann das nur, weil sie von der Deutschen Sporthilfe finanziert wird – mit Judo verdient sie kein Geld. Eine Woche vor der Weltmeisterschaft sagte sie: „Ohne die Sporthilfe wäre das nicht möglich, da ich mir sonst ja meinen Lebensunterhalt nicht verdienen könnte.“ Neben ihrer Karriere im Leistungssport studiert sie Medizin.

Viele Sportlerinnen müssen neben der Profisportkarriere zusätzlich arbeiten. Wer nicht gerade Teil des Sportförderprogramms der Bundeswehr ist oder wie Theresa Stoll von der Deutschen Sporthilfe unterstützt wird, kann oft nicht von den Einnahmen durch den Sport leben. Ein gutes Beispiel ist das Fraueneishockey: Die meisten Vereine können ihren Spielerinnen kein Geld zahlen. Im Gegenteil. Für Auswärtsfahrten, Ausrüstung und manchmal sogar die Mitgliedschaft im Verein müssen die Spielerinnen selbst aufkommen.

Angefangen bei der Bezahlung bis hin zur Art und Weise der Berichterstattung haben Spitzensportlerinnen in Deutschland oft das Nachsehen. Das spiegelt sich nicht zuletzt in der Besetzung von Führungspositionen in Verbänden und Vereinen wider. Immerhin bringt es das DOSB-Präsidium seit 2020 auf 44 Prozent Frauenanteil. In den ehrenamtlichen Präsidien und Vorständen der Mitgliedsorganisationen sind Frauen mit einem Anteil von 30 Prozent allerdings noch deutlich unterrepräsentiert. Im Fußball sind die Zahlen noch ernüchternder: 95 Prozent aller Führungspositionen sind beim DFB von Männern besetzt.

Dass hier ein Umdenken einsetzt und die Frauen das nicht mehr länger einfach hinnehmen wollen, zeigt die aktuelle Debatte um das Amt des DFB-Präsidenten. Warum nicht einfach mal eine Frau an der Spitze des größten deutschen Sportverbands? Das fragen vor allem neun Fußballexpertinnen, die das in einem Positionspapier unter dem Motto „Fußball kann mehr“ zusammengefasst haben. „Die Vielfalt der Spieler:innen auf dem Platz und bei den Menschen, die sich für den Fußball begeistern, spiegelt sich nicht in seinen Führungsgremien wider“, heißt es unter anderen von Almuth Schult (Torhüterin beim VfL Wolfsburg), Bibiana Steinhaus (Schiedsrichterin) und Claudia Neumann (ZDF-Kommentatorin).

Liveübertragungen nur am Saisonende

Zwar langsam, aber auch in der Berichterstattung scheint sich etwas zu tun. So zeigt etwa Sport1 regelmäßig die Spiele der Volleyball-Bundesliga der Frauen, und hin und wieder überträgt Eurosport auch mal aus der Handball-Bundesliga der Frauen. Auch der Sport-Informations-Dienst engagiert sich verstärkt für Frauen in der Sportberichterstattung. Im Radsport finden Rennen wie die Strade Bianche ihren Weg ins Fernsehen, und zum Ende der Fußballsaison liefen tatsächlich alle Spiele der Frauenfußball-Bundesliga im Livestream.

Über die Liveberichterstattung im Frauenfußball wundert sich Jenny Bitzer vom Bundesligisten SV Meppen. Als Spielerin, die schon viele Stationen im Ausland hinter sich hat, sagt sie: „Schockierend finde ich zum Beispiel, dass nur jetzt am Saisonende alle Spiele übertragen werden, nicht aber unter dem Jahr.“ Das Meisterschaftsspiel der FC-Bayern-Frauen am letzten Spieltag kam zudem nicht einmal im Free-TV, das war nur für zahlende Kunden bei MagentaSport zu sehen.

Als Mitte Mai die neu gegründete Female Football Academy den ersten virtuellen Frauenfußballkongress ausrichtete, war unter anderem Tabea Kemme als Moderatorin dabei. Die ehemalige Profifußballerin kandidiert derzeit – nicht ohne strukturelle Hindernisse – für das Amt der Präsidentin bei Turbine Potsdam. Beim Female Football Kongress forderte die 29-Jährige, die Geschichten des Frauenfußballs besser zu erzählen, und nahm dabei auch die Vereine in die Pflicht. Heißt: Nicht nur Spielberichte und Transfers nach außen publizieren, sondern vermehrt über das sprechen, was hinter den Sportlerinnen steht. Ihr Leben, ihr Engagement, ihre Leistung neben dem Platz.

Es gibt viele solcher Geschichten. Zum Beispiel über Deutschlands jüngste Olympia-Kandidatin, die Skateboarderin Lilly Stoephasius aus Berlin, sie ist gerade erst 14 geworden. Noch bevor sie richtig laufen konnte, stand sie mit ihrem Vater auf dem Brett. Mit drei Jahren fuhr sie dann alleine los. Heute trainiert sie bis zu 15 Stunden in der Woche in einer Skatehalle in Friedrichshain. Skateboarding feiert in Tokio Olympiapremiere und in der Szene erhofft man sich zusätzliche finanzielle Unterstützung durch die olympische Bewegung. Auch Stoephasius stellt mit Blick auf die ungleichen Preisgelder und Sponsorenverträge einen Nachholbedarf fest.

Die Aufgabe, die dabei den Medien zukommt, geht weit über das Geschichtenerzählen hinaus. Die Qualität und Quantität der Berichterstattung ist für Spitzensportlerinnen ein wichtiger Aspekt, um Sponsoren zu finden. Denn Reichweite ist für knapp 90 Prozent der Unternehmen ein wichtiges Kriterium, ob sie sich für ein Sponsoring entscheiden. Doch die mediale Unterrepräsentanz mindert das Interesse. „Studien zeigen eindeutig, dass Sportlerinnen in der Berichterstattung zweitrangig behandelt werden. Aus den Gesprächen mit den Athletinnen wissen wir, dass sie sich zwingend mehr Sichtbarkeit wünschen und dieselbe Bühne wie die Männer“, sagt etwa Johannes Herber, Geschäftsführer des Vereins Athleten Deutschland, der ebenfalls für mehr Gleichberechtigung im Sport einsteht.

Berichterstattung zieht aber nicht nur Sponsoren an, sondern auch Fans und solche, die es werden können. Mädchen und Frauen Vorbilder im Sport aufzuzeigen – darum muss es in Zukunft gehen. Denn eine Recherche vor einigen Jahren hat ergeben: Junge Mädchen nennen so gut wie nie Sportlerinnen, denen sie nacheifern wollen. Wie auch, wenn sie diese Sportlerinnen gar nicht kennen.

Wenn in einem Monat die Olympischen Spiele eröffnet werden, haben die deutschen Athletinnen eine nächste Gelegenheit, sich in Deutschland einen Namen zu machen. Athletinnen wie die Judoka Theresa Stoll und die Skateboarderin Lilly Stoephasius. Doch eines ist klar: Wir dürfen nach Olympia nicht aufhören, über Frauen im Spitzensport zu berichten und auf verschiedenen Wegen für Gleichberechtigung unter den Geschlechtern im Sport zu kämpfen. Sonst dauert es tatsächlich noch mehr als 100 Jahre, bis wir unsere Ziele erreichen.

Nina Probst ist Redakteurin und Gesellschafterin der Nachrichtenplattform Sportfrauen. Im April gewann die Augsburgerin den Goldenen Blogger in der Kategorie „Beste(r) neue(r) Medienmacher*in“.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.