Berlin - In den Monaten der Pandemie ist viel über Pärchen und Singles geschrieben worden, über Menschen mit oder ohne Beziehungen, darüber, wie sie den Lockdown – gemeinsam oder allein – überstanden haben. Single- und Paartherapeuten haben über das vergangene Jahr ein durchwachsenes Urteil gefällt. Die anfängliche Befürchtung, dass die Scheidungsstatistik in die Höhe schnellen würde, hat sich nicht bestätigt. Familienfachanwälte wie Ingeborg Rakete-Dombek in Berlin sprechen von einem „ganz normalen“ Alltag in ihren Kanzleien.

Anhand von Statistiken lässt sich im Pandemiejahr 2020 ein leichter Zuwachs an Scheidungen messen – in einer geschätzten Größenordnung von etwa fünf Prozent. Und dennoch geben Paartherapeuten an, dass viele Paare den Lockdown gut überstanden haben und sich durch die Extremerfahrung in manchen Fällen sogar näher gekommen sind. Ähnlich wie in der Industrie, wo es heißt, dass der Lockdown insbesondere wirtschaftsschwache Unternehmen hart getroffen hat, die vermutlich auch ohne Covid-19 pleitegegangen wären, hat die Pandemie vielfach Liebespaare auseinandergebracht, bei denen das Fundament schon vor dem Lockdown brüchig war und die sich vermutlich ohnehin irgendwann getrennt hätten. 

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgehen

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants liegt in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den Spargel

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Und dann waren da ja noch die Kontaktbeschränkungen

Der Paartherapeut Fabian Lenné, Kolumnist der Berliner Zeitung am Wochenende, hat es so ausgedrückt: „Ich habe eine starke Polarisierung in meiner Praxis festgestellt. Die erste Phase, als der Lockdown anfing, war für viele Paare ganz angenehm. Besonders für die Paare mit kleinen Kindern. Die waren viel zu Hause und machten eine Art Urlaubserfahrung durch. Für die Hälfte der Paare war es eine angenehme Erfahrung. Für ein Viertel war es neutral. Für das letzte Viertel war es sehr anstrengend.“

Pärchen, die sich auf den Geist gingen, mussten neue Kommunikationsregeln entwickeln und die Fantasie einsetzen, um an der Krisensituation (Kinder ohne Kita, gemeinsames Arbeiten im Homeoffice) nicht zu zerbrechen. Die digitale Marketing-Agentur AGY47 hat etwa herausgefunden, dass Google-Einträge mit der Frage „Warum träume ich von meinem Ex?“ in der Pandemie um das 24-Fache angestiegen seien. Deirdre Barrett, Traumforscherin an der Harvard Medical School in den USA and Autorin des Buches „Pandemic Dreams“, hat Träume von Menschen während der Pandemie untersucht und Hunderte Fälle beobachtet, bei denen die Träume sich um eine(n) Ex drehten. Der feuchte Schlaf, als Ausflucht aus der schnöden Wirklichkeit.

Für Singles waren die vergangenen Monate besonders kompliziert, da sich die Möglichkeiten des Kennenlernens drastisch reduziert haben. Kein Club war mehr offen; in den Betrieben war Arbeiten im solipsistischen Homeoffice angesagt; Partys, Konzerte, Geburtstage, also alle Formen der Eventkultur, bei denen Singles sich normalerweise kennenlernen, wurden plötzlich gestrichen. Und dann wurden auch noch Kontaktbeschränkungen beschlossen, die die Möglichkeit des Datings extrem verkomplizierten. Nur das Onlinedating blieb als verlässlicher Kennenlernpool erhalten. Doch ist eine Pandemie überhaupt der richtige Kontext, um sich zu verlieben? Das müssen die Liebesforscher jetzt herausfinden.

Der Fahrplan des Verliebtseins wurde außer Kraft gesetzt

So viel weiß die Wissenschaft: Menschen verlieben sich am liebsten in Extremsituationen, etwa im Urlaub. Das Gehirn ist wacher, offener für äußere Eindrücke, für den spontanen Moment, für die Begegnung. In einer neuen Umgebung oder in einer Extremsituation sucht der Mensch nach Halt, um das Gefühl der Verunsicherung zu bewältigen. Studien der beiden Psychologen Donald Dutton und Art Aron konnten beweisen, dass Menschen sich eher verlieben, wenn Adrenalin durch ihren Körper schießt. Zum Beispiel: Wenn uns ein anderer Mensch während des Sprints auf einen bald losfahrenden U-Bahn-Zug die Tür aufhält, dann passiert oft das, was die Weltliteratur als „Liebe auf den ersten Blick“ beschreibt. Wir fühlen uns gerettet, beschützt, geborgen. Der perfekte Kontext, um sich zu verlieben.

Im Lockdown waren solche Adrenalin-Momente selten. Im Gegenteil: Die schlechte Grundstimmung hat Singles eher in die Isolation getrieben. Vielleicht lässt sich so auch erklären, warum es 2020 insgesamt weniger Eheschließungen gab. Und die, die sich verliebten, etwa übers Onlinedating, mussten sich mit einer Sondersituation auseinandersetzen. Der Fahrplan des Verliebtseins wurde plötzlich außer Kraft gesetzt, alte Spielregeln galten nicht mehr, neue mussten erfunden werden. Viele Verliebte waren mit ihren Gefühlen auf sich gestellt, konnten sich nicht austauschen. Das hat die Britin und Künstlerin Philippa Found bewogen, das Projekt „Lockdown Love Stories“ zu gründen. Auf ihrer Website Lockdownlovestories.com kann man nachlesen, wie Paare während der Pandemie zueinanderfanden.

Liebe nach dem Lockdown

Den Verliebten wurde in den vergangenen Monaten nur wenig mediale Aufmerksamkeit geschenkt. Sie mussten sich plötzlich mit einer unerprobten Dramaturgie konfrontieren und sich zum Teil wie frisch verknallte Jugendliche in einer bigotten Gesellschaft verhalten: geheime Dates in Parks, Verbote missachten, sich heimlich in Wohnungen treffen, mit der Gefahr des Erwischtwerdens leben, alle sozialen Aktivitäten auf null reduzieren.

Normalerweise geht das Verliebtsein eher mit einem Rausch einher. Verliebte verbringen die erste Zeit oft zusammen, haben viel Sex, ziehen sich in ihre vier Wände zurück. Doch nach der ersten Ekstase (nach etwa drei Monaten) finden sie den Weg zurück in die Realität. Dann spüren sie das Bedürfnis, sich besser kennenzulernen, das Umfeld des jeweils anderen zu treffen: Freunde, Eltern, Familie. All das war während der Pandemie nicht möglich. Menschen kamen zusammen, die sich monatelang, ja manchmal über ein ganzes Jahr nur mit sich selbst beschäftigen mussten, ohne die Familie oder den Freundeskreis des Partners kennenzulernen. Stattdessen war Fernsehen und Auf-der-Couch-Lungern angesagt. Als würde man vier Beziehungsphasen überspringen und gleich dort ankommen, wo sich andere nach jahrzehntelanger Ehe befinden.

Mit dem Ende des Lockdowns beginnt für viele, die in der Pandemie zusammengekommen sind, jetzt eine völlig neue Phase. Sie kriechen aus ihren Löchern, müssen sich als Paar in Gesellschaft erleben und verhalten, entdecken das soziale Milieu des Partners, werden vorgestellt und sehen die Lockdown-Beziehung in einem neuen Licht. Die Phase des einsamen Verliebtseins ist vorbei. Sie wird ersetzt durch den Realitätscheck. Auch hier werden die Erlebnisse die neuen Paare entweder stärker zusammenbringen – oder sie vor neue Konflikte stellen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.