Berlin - Die Spargelzeit geht ja langsam zu Ende. Wie ich Sie, liebe Leser und Leserinnen, kenne, hatten Sie wahrscheinlich eine tolle Spargelzeit 2021. Und haben fürs Wochenende schon wieder Beelitzer Spargel (der Kenner rechnet ja ein Kilo pro Person und Mahlzeit!) eingekauft. Für mich allerdings ist diese „sechste deutsche Jahreszeit“ eigentlich immer eine Qual.

Warum? Weil ich dieses Gemüse – den weißen Spargel, den keine Nation so abgöttisch liebt wie die verklemmten Deutschen – aus tiefster Seele hasse und finde, dass es in der Form, in der es in Deutschland zubereitet wird, nicht verdient hat, alljährlich so bedingungslos gewürdigt zu werden.

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Am 5./6. Juni 2021 im Blatt 
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Die großen Food-Seiten: Eins der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Vor ein paar Jahren hat ja die feministische Kolumnistin des Spiegels, Margarete Stokowski, auch mal einen sehr kritischen Text über den Spargel verfasst. „Der Spargelkult ist als parareligiöse Praxis aus Deutschland nicht wegzudenken“, schrieb Stokowski 2019 in einer ihrer Kolumnen für Spiegel Online. Für sie ist der weiße Spargel der weiße alte Mann der Kulinarik, sorge bei seinem Anbau für prekäre Arbeitsbedingungen und diene als Dickpic-Ersatz. Auch wenn ihr Spargel generell sehr gut schmecke.

Ich selbst lehne den Spargel aus anderen, und zwar vor allem kulinarischen Gründen ab. (Für sein phallisches Wachstum kann er ja nicht viel.) Ich finde, das Gemüse schmeckt vor allem in der deutschen Version einfach scheußlich. Aber schauen wir uns erst einmal an, wie der weiße Spargel überhaupt wächst. Er sprießt unter Luft- und Lichtabschluss in einem Erdwall. Manchmal, wenn es zu kalt ist, verkleiden die Bauern diese Erdwälle mit schwarzer Plastikfolie. Damit das Gemüse unter der Erde noch mal so richtig ins Schwitzen kommt, noch schneller wächst und immer früher im Jahr reif für den gierigen Konsumenten ist.

Imago
Weißer Spargel ist fast immer zerkocht und riecht scheußlich, findet Jacques Ritzel.

Auch wenn die Erdwälle von außen wirklich sehr ordentlich aussehen, finde ich, dass diese landwirtschaftliche Produktionsform an die Familien der frühen Bundesrepublik erinnert. Und für mich ist alles, was sich in dunklen, schlecht gelüfteten Räumen abspielt, einfach nur unheimlich. Nach außen hin war in den 50er- und 60er- Jahren ja alles immer ganz ordentlich und spießig angerichtet: Vater arbeitete und Mutter schmiss den Haushalt, der Opel Kapitän stand frisch geputzt und gewachst vor der Garage. Aber hinter der Fassade grummelte und gärte es.

Es tut mir aufrichtig leid, aber ich finde: Weißer Spargel schmeckt genau nach diesem Nachkriegsmuff. Vor allem, wenn man ihn achtlos mehr als eine halbe Stunde im siedendem Wasser so lange vor sich hin köcheln lässt, bis daraus ein kleiner Scheiterhaufen aus vollgesogenen, graugelben, labberigen Stangen wird. Die dann beim Zerschneiden bei Tisch immer noch so faserig und holzig sind, dass man sie noch nicht einmal püriert irgendwelchen Astronauten im Weltall anbieten möchte.

Neben seinen Beilagen schwimmt der weiße Spargel auf dem Teller üblicherweise in einer ambitionslosen Soße mit diversen totgekochten Accessoires. Kochschinken mit tranigem Fettrand; harte Eier, deren trockenes Eigelb schon einen blauen Rand hat; geschmolzene Butter und Sauce hollandaise von Thomy aus dem Tetrapack (unter anderem mit: modifizierter Stärke, Zitronensaftkonzentrat, Zwiebelpulver, Hefeextrakt, Aromen und Verdickungsmittel). Gerade diese synthetische Sauce hollandaise gerinnt ja schon nach Sekunden auf der Oberfläche. Es bildet sich eine Schicht, auf der man auch Ski- oder Eislaufen könnte. Bravo, so geht moderne Ernährung im 21. Jahrhundert!

Auch wenn es mir den Magen umdreht: Jedes Jahr muss ich dieses Ensemble (man will ja nicht unhöflich sein!) bei mehreren Abendessen – zum Glück sind es seit Corona weniger – über mich ergehen lassen. Ich fühle mich dabei schon nach dem ersten Bissen wie ein alter Mann mit Inkontinenzproblemen.

Und tatsächlich: Spätestens nach dem ersten Gang zur Toilette habe ich das Gefühl, dass mein Körper um mehr als 50 Jahre gealtert ist. Gehen Sie mal zur Spargelzeit in einem Landgasthof in Ostwestfalen auf die Toilette. Davon werden Sie sich über Monate nicht mehr erholen. Da hilft dann auch kein „frischer, spritziger Riesling“ mehr. Denn die schwefelhaltige Carbonsäure, die der Spargel enthält, erzeugt einfach ein modrig-pelziges Ungefühl im Mund- und Rachenraum.

Grüner Spargel ist die einzige Alternative

Wenn Sie auch so ein Spargelhasser sind wie ich, hilft in den Monaten von April bis Mai in deutschen Landen eigentlich nur der Gang in die innere Emigration. Oder aber sie besorgen sich luftig gewachsenen, deutschen (der ist wirklich besser als der aus Chile und Spanien!) grünen Spargel. Der ist für mich, ehrlich gesagt, ohnehin die viel edlere Stange. Vor allem, wenn Schaft und Köpfe so richtig quietschgrün sind.

Am besten schmeckt er mir leicht sautiert mit schwarzem Pfeffer, viel Zitronenabrieb und einer Prise Piment d’Espelette. Auf dem Teller kann man ihm dann mit ordentlich feingeriebenem Parmesan eine italienische Note und mit einem schönen Spiegelei den nötigen Nährwert verpassen. Fertig sind die Asparagi alla Milanese. Versprochen: Das schmeckt nicht nach altem Mann. Sondern nach Frühling, Sonne und Aufbruch. Probieren Sie es aus!

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