Tasya Vos (Andrea Riseborough) ist keine herkömmliche Kriminelle: Die knochenbleiche Attentäterin einer nicht näher benannten Geheimorganisation besetzt Körper und Geist anderer Menschen, um diese so zu Terroristen, lebenden Waffen zu machen. Vos ist ein Parasit und die Protagonistin in Brandon Cronenbergs „Possessor“, einem Cyber-Thriller, verortet in einer alternativen Gegenwart, der so kühl-versiert wie brutal mit einem Themen-Kanon spielt, der im Zuge der zunehmenden Digitalisierung und Computerisierung bereits in den vergangenen Jahren Stoff für mal bessere, mal schlechtere Sci-Fi-Thriller geliefert hat – von Kathryn Bigelows „Strange Days“ (1995) bis zur „Matrix“-Trilogie der Wachowski-Geschwister, die, so ist zu befürchten, Ende des Jahres in die vierte Runde gehen wird.

Brutaler Body-Horror

„Possessor“ zählt nicht nur zu den besseren, sondern wie sein Vorgänger „Antiviral“ zu den meisterhaften Filmen dieses Genres. Ging es im schwer unterkühlten „Antiviral“ darum, wie sich die Show-Industrie einer nicht näher umrissenen Zukunft neue Geschäftsfelder erobert, indem sie die Krankheiten ihrer Stars reproduziert und verkauft, so dreht sich „Possessor“ in mitunter schwer erträglicher Brutalität um die Frage, wie sich der Terrorismus der Möglichkeiten psychischer Inbesitznahme mithilfe moderner Technologie bedient.

Zwar ist die Idee der Mindset-Manipulation nicht so neu, doch in Verbindung mit Cronenbergs brutalem Body-Horror ist der Film ein voller Genuss. Mit Hingabe lässt Cronenberg Vos’ Verstand erodieren, Körper werden gebrochen, die Psyche zerrüttet. Alles dreht sich um die Frage, wo das eigene Fleisch aufhört und an welcher Grenze des Körpers Staat, Industrie und Mafia schon bereitstehen, um ihn gewinnbringend ausbeuten zu können. Natürlich ohne Rücksicht auf Verluste. So entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der es keinerlei Gewissheit mehr gibt, wer man ist und wer nicht. Alles ist entgrenzt: Konsum, Sex, Gewalt und das eigene Ich.

MGM
Kalte Dystopien sind Brandon Cronenbergs liebste Zukunftsvision, wie hier in seinem aktuellen Werk „Possessor“.

Mit kalter Souveränität steuern Cronenbergs Protagonisten auf ihren Niedergang zu. Tasya Vos verliert als parasitäre Steuerungseinheit mit zunehmendem Handlungsverlauf die Fähigkeit, sich abzugrenzen von denen, von denen sie temporär Besitz ergreift. Sie findet nicht mehr zu sich zurück und ist in ihrem Verfall nicht so weit entfernt von den Fragen, denen wir uns gegenübersehen: Wie verändert der dauerhafte Beschuss mit Bildern und Informationen die Psyche, wann tritt der Punkt der Überreizung ein, wann eine Art irreparabler Burn-out?

Was akademisch klingt, ist in „Possessor“, wie in allen Filmen der Cronenbergs, immer auch ein lustvoller Angriff auf das Fleisch: Gesichter verziehen sich wie nasser Teig, werden amorph, mir großem Spaß werden Knochen gebrochen, Zähne entwurzelt. Das ist harter Tobak, doch da steckt auch viel Erotik drin, Krankheit, Schmerz und Verstümmelung sind Cronenberg’sche Fetische. Liegt beim Vater jedoch noch teilweise eine gewisse Wärme unter der Handlung, war immer noch eine Art Humor auszumachen, so hat Brandon Cronenberg seine surrealen Dystopien jeglichen Mitleids entledigt. Seine Figuren (großartig dargestellt von Andrea Riseborough, Jennifer Jason Leigh, Caleb Landry Jones) sind die angsteinflößenden Helden einer sehr nahen Zukunft.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Possessor läuft bei Amazon Prime.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.