Wie an dieser Stelle schon einmal erwähnt habe ich mich in der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Lockdowns zu einer etwas zwanghaften Haushaltsfee entwickelt. Sehr zu meiner eigenen Verwunderung befummele ich ständig mit Putzlappen bewehrt schmierige Oberflächen, poliere Metall und schrubbe Keramik. A casa Weingärtner wird zudem gewaschen, gebügelt, sortiert und geräumt, als ob es kein Morgen gäbe. Wirklich niemand ist über diese Entwicklung erstaunter als der Autor selbst, und als ich mich unlängst dabei erwischte, wie ich in schlimmster Doris-Day-Manier begann, Sofakissen aufzuschütteln, gebot ich mir selbst Einhalt.

Ich setzte mich also aufs frisch gesaugte Sofa, es war Samstagmittag, öffnete eine Flasche Rosé. Beim Mittagsgläschen, das die Italiener „piccola ombra“ nennen, also den kleinen Schatten, fiel die Mittagssonne in ihrer ganzen Pracht auf meine Terrassenfliesen. Nur der Rosé verhinderte, dass ich wie eine aufgescheuchte Hausfrau aus den Fünfzigern mit einer groben Bürste und Seifenlauge im Anschlag auf die Terrasse stürmte. Denn das Licht offenbarte, worüber ich seit dem Winter großzügig hinweggesehen hatte: Die Terrasse sah aus wie Sau. Die Terracotta-Fliesen waren schmutzig, überall Kalkflecken, und in den Ecken sammelten sich Überreste von siechen Topfpflanzen, Blätter, Nadeln, Dreck. Kurz: ein Graus!

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Ausdrücke wie für ein Sexhilfsmittel

Rosé-selig rührte ich in einem Eimer heißes Wasser mit ordentlich Spülmittel an, räumte die Blumentöpfe beiseite und  begann auf allen Vieren, den Balkon mit einer groben Bürste und der heißen Seifenlauge zu schrubben. Ich glaubte, dass meine Balkonnachbarn etwas mitleidig herüberblickten, vielleicht war das aber auch Einbildung und der „piccola ombra“ hatte sich zu einem ordentlichen Schatten ausgewachsen. Nachdem ich wirklich jeden Winkel geschrubbt hatte, spülte ich den Balkonboden mit klarem Wasser ab. Was soll ich sagen? Nachdem alles getrocknet war, sahen die Fliesen aus wie zuvor.

Nach einem ausgedehnten Nickerchen wiederholte ich die Prozedur mit ähnlichem Resultat. Zwar waren die recht neuen und eigentlich ganz hübschen Fliesen mit einem Farbverlauf von Ocker zu Braun jetzt sauber. Aber die Kalkflecken stachen weiter hartnäckig hervor, manche in Ringform, nämlich dort, wo vorher Blumentöpfe gestanden hatten. In der neuen Woche besorgte ich mir einen Flüssigreiniger für „Stein und Platten“ (rund zwölf Euro) und kam mir vor wie ein bundesdeutscher Spießbürger. Auf der Flasche prangten Begriffe wie „kraftvoll“ und „intensiv“, Ausdrücke, wie sie auch gerne bei der Reklame für Sexhilfsmittel verwendet werden.

Davon habe ich keine Ahnung, aber der kraftvolle und intensive Reiniger war ein ziemlicher Rohrkrepierer. Ich hatte ihn sogar unverdünnt in die Fliesen geschrubbt, ohne dass der Kalk danach verschwunden wäre. Ohne Rosé und leicht genervt schüttete ich eine halbe Flasche Essigessenz in einen Eimer heißes Wasser, zog Handschuhe an und schrubbte erneut, nun etwas grimmiger. Nach dem dritten Mal mit dieser Behandlung wurden die Kalkflecken weniger, ich versiegelte die Fliesen danach mit einer Imprägnierung (rund 16 Euro).

Sollten Sie eine effektivere Art kennen, Balkon- oder Terrassenfliesen wieder sauber zu bekommen, dann melden Sie sich bei mir. Der Rosé geht auf mich!


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.