Jerusalem - Es war der vielleicht dramatischste Moment im Eichmann-Prozess, 1961 in Jerusalem. Der Auschwitz-Überlebende Yehiel De-Nur – in Israel unter dem schriftstellerischen Pseudonym K. Tzetnik bekannt, vom deutschen Akronym für „KZ“ – war in den Zeugenstand gerufen worden. Inmitten seines Berichts aber brach De-Nur ohnmächtig zusammen, er sackte geradezu theatralisch zu Boden. Ganz Israel hielt den Atem an. Bis heute kann man die Szene im Holocaust-Museum Yad Vashem, oder wahlweise auch auf YouTube, nachverfolgen.

Was wenige wissen: Im jungen Israel war die Auseinandersetzung mit dem Holocaust – ähnlich wie in Deutschland zur Adenauer-Zeit – lange Zeit tabu. De-Nur hatte als K. Tzetnik die ersten Bücher in Israel veröffentlicht, die vom Grauen des Lageralltags Zeugnis ablegten – vom Sadismus der Aufseher wie vom Missbrauch inhaftierter Jungen und Mädchen.

Was noch weniger Leute wissen: De-Nur hatte sich kurz nach dem Krieg einer kontroversen Behandlung durch den niederländischen Arzt Jan Bastiaans unterzogen – einer Behandlung mit LSD. Sie sollte helfen, jenen Zustand zu behandeln, den Bastiaans als „KZ-Syndrom“ bezeichnete: eine posttraumatische Störung, wodurch die Erfahrung des Lagers innerlich abgespalten wird, was zu extremen Abwehrmechanismen und psychischen Problemen führte – ein „inneres Konzentrationslager“, wie Bastiaans schrieb.

Der israelische Historiker Tom Segev zeichnet diese Behandlung im Buch „Die siebte Million“ nach: Bastiaans sei überzeugt gewesen, dass LSD die Schrecken der Vergangenheit zurückbringen könne. Durch den bewusstseinsschärfenden Effekt zwinge es Patienten, ihre Qualen erneut zu durchleben. Im Regelfall seien fünf oder sechs solcher Trance-Trips notwendig, bevor die Patienten lernten, die Traumata, die sie faktisch erlitten, als ihre eigenen zu akzeptieren.

In einem unveröffentlichten Manuskript De-Nurs, das Segev zitiert, berichtet er von seinem ersten Trip: Er sei nackt gewesen, lediglich mit einem Laken bedeckt, als Bastiaans ihm das LSD injizierte. De-Nur fiel augenblicklich in Trance, begann fragmenthaft auf Englisch und Hebräisch zu sprechen. Er beschreibt Szenen roher, fast unvorstellbarer, teils grotesker Gewalt im Lager – ein sprichwörtlicher Horrortrip. Sie mischten sich mit psychedelischen Visionen, die De-Nur an surrealistische Gemälde wie die von Dalí erinnerten.

Nach mehreren Behandlungen hatte De-Nur die innere Kluft überbrückt: „K. Tzetnik war De-Nur und De-Nur war K. Tzetnik“, schreibt er. Auschwitz, das Höllische, Dunkle, gehörte seiner eigenen Vergangenheit an. Nach Jahren der Schlaflosigkeit konnte De-Nur endlich einschlafen.

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