Berlin-Charlottenburg - Wird man von Freunden oder Verwandten gefragt, in welchem Hotel man „typisch berlinerisch“ und trotzdem très chic absteigen kann, kommt man leicht in Verlegenheit. Denn: Gibt es das überhaupt noch, einen lokalen Stil? Auch ist die Einrichtung von Berliner Hotels für viele mit absoluter Gesichtslosigkeit verbunden oder mit robustem Industrial-Style, gemischt mit verschrammeltem Midcentury-Vintage.

Aber das gibt es ja auch in Amsterdam, Stockholm oder Toronto und hat mit dieser Stadt eigentlich nicht viel zu tun. Müsste eigentlich nicht sein, denn wenn ich nach Tipps für charmante und bezahlbare Pariser Hotels gefragt werde, fällt mir immer gleich etwas ein. Da gibt es tatsächlich noch Häuser mit dem Flair lokaler Geschichte, jenseits des Motel-One-Pragmatismus. Aber in Berlin?

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

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Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm

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Natürlich hatte ich schon viel Gutes gehört vom Henri, seit es vor fünf Jahren in der Meinekestrasse 9 neu eröffnete. Aber wann sieht man in seiner eigenen Stadt schon mal ein Hotelzimmer von innen? So ganz habe ich als geborener Skeptiker den Urteilen anderer nicht getraut und dachte bei mir: Das kann nicht wirklich gut sein, sicher gibt es irgendwelche geschmackliche Haken, unschöne Details oder eben doch ein paar Wände in ekligen Apricot- oder Pfirsichtönen.

Stefan Bogner
Atmosphärischer Mix: Zu-Gast-bei-Berliner-Freunden trifft Boutique-Hotel.

Bei der Besichtigung wurde ich allerdings eines Besseren belehrt. Der Interiordesigner Marc-Ludolf von Schmarsow, Chef der Münchner Firma Lumisol, hat ganze Arbeit geleistet. Es wurden alte Möbel neu angeschafft, umgearbeitet und restauriert, an den durchweg hohen Wänden sind kräftigfarbige englische Tapeten, im Roten Salon stehen Sessel à la Louis XVI. Resultat ist eine Mischung aus Belle Époque (hört sich schöner an als „Gründerzeit“), „Babylon Berlin“ und einer Prise mondänem Boutiquehotel. Wobei sich der Einrichtungsstil in Berlin wie in den übrigen drei Henri-Hotels immer klar auf die Architektur des jeweiligen Hauses bezieht. Bei uns kommt die Inspiration eindeutig aus Charlottenburger Altbauwohnungen von um 1900, in Düssseldorf dagegen vom Stil der 70er-Jahre-Architektur des Hauses. In Hamburg und Wien sieht das Einrichtungskonzept dann wieder ganz anders aus.

Stefan Bogner
Tafelparkett und Originalmöbel aus dem legendären Hotel Bogota.

Hinter dem ungewöhnlichen Konzept der kleinen, feinen Henri-Gruppe steht von Anfang an einer der jetzigen Geschäftsführer: Eckart Buss, der ab 2002 im Hamburger Fünfsternehotel Louis C. Jacob gearbeitet hat, einem Haus, das inzwischen genau wie die Henris zur Rostocker DSR-Hotel- Holding gehört. Buss hatte eine Idee und konnte sie zum ersten Mal 2013 in Hamburg mit dem ersten Henri Hotel umsetzen, dann folgten die drei anderen Städte.

Natürlich kommt es ihm nicht nur auf den Einrichtungsstil an, sondern auch auf eine besonders persönliche Führung der Häuser: Erfreulich normal soll es zugehen, auf keinen Fall verkrampft hip, das schätzen auch die vielen Film-, Fernseh- und Theaterleute, die hier logieren. Bei der Gästeansprache wie bei der Auswahl der Mitarbeiter gibt es keinerlei Jugendwahn, betont Buss: „Bei uns wird kein Gast gezwungenermaßen geduzt. Und wir zahlen auch keinem Mitarbeiter seine Tattoos, damit er in ein Instagram-Schema passt.“ Klare Worte.

Hotel Henri
Kupferpfännchen fürs Frühstücksei: der Selfservice-Bereich im Erdgeschoss.

Eckart Buss ist auch verantwortlich für den leicht sentimenalen Clou im Berliner Henri. Zwei der insgesamt 72 Zimmer sind fast originalgetreu rekonstruierte (samt der alten aufgearbeiteten Eichenholzmöbel) Räume, die vormals im Hotel Bogota in der Schlüterstrasse standen, das 2013 geschlossen wurde. Im hinteren Teil des Henri findet man zusätzlich eine Art Mini-Museum mit zahlreichen Devotionalien, die die Geschichte des Bogota erzählen, im Untergeschoss befindet sich sogar noch die alte, schalldichte Telefonzelle, in der schon der englische Filmstar Keira Knightley für ein Vogue-Porträt posierte – damals, als diese Telefonzelle noch in besagtem Bogota-Hotel stand. Weiterhin sind rund 50 Gemälde und Porträtfotografien, die früher die Wände des Bogota schmückten, jetzt auf das gesamte Henri Hotel verteilt. Das nennt man brancheninterne Traditionspflege.

Hotel Henri
Der Salonbereich für den Henri-Hit „Abendstulle“ fühlt sich an wie ein gutes Café.

Ein weiterer Henri-Hit ist die sogenannte „Abendstulle“, die montags bis donnerstags zwischen 19 und 21 Uhr serviert wird und im Übernachtungspreis inbegriffen ist. Will heißen: frisches Brot mit schmackhaften Aufstrichen, die man mit individuellen Extras für nur fünf Euro unkompliziert aufpeppen kann. Ist die Bar des Hauses mal nicht besetzt, gibt es einen gut gefüllten 24/7-Selfservice-Kühlschrank, bei dem die Entnahme nach dem Vertrauensprinzip funktioniert.

Leider, oder soll man sagen Gott sei Dank, sind Bar und Salons for residents only, die Hotelgäste bleiben also unter sich. Und dass es kein Hotelrestaurant gibt, verschmerzt man leicht beim großen kulinarischen Angebot in der Umgebung. „Wichtiger als ganz viel Lachs auf dem Frühstücksbuffet ist unseren Gästen die Atmosphäre von Geborgenheit im Haus“, erklärt die supernette Hoteldirektorin Susanne Klein, die seit drei Jahrzehnten im Hotelbusiness tätig ist, zuletzt sechs Jahre als Verkaufsdirektorin im Mandala am Potsdamer Platz. „Im Henri ist man mitten in Berlin und doch weg von der Welt, geschützt und privat.“

An der Rezeption hängen die schwere Messingschlüssel und warten auf neue und freudig wiederkehrende Gäste. Eine Zimmerkarte aus Plastik würde hier tatsächlich nicht passen.

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