Berlin/Mahlsdorf - Sie kamen am 23. November um 15.19 Uhr, mitten in der zweiten Welle, drei Männer vom Ordnungsamt Marzahn-Hellersdorf auf Kontrollgang durch die Hummelstraße. Es war ein grauer Herbsttag, Höchsttemperatur acht Grad, kein Sonnenstrahl, Sieben-Tage-Inzidenz 222. Die letzten Blätter rieselten von den Bäumen auf die kopfsteingepflasterte Straße, in der Jörg Behrendt wohnt. Er saß in seinem Haus und glaubte, Corona wäre die größte Gefahr.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Diese Woche im Blatt: 
Steffen Uhlmann war einer der ersten ostdeutschen Reporter beim Spiegel. Für Ruhm ging er auf Stasi-Jagd

Ist Gendern die Lösung? Unser Autor sagt „Nein“ und zeigt, warum. Auftakt einer Serie über gerechte Sprache

In Israel eskaliert der Konflikt. Unsere Autorin berichtet aus Tel Aviv

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Die Hummelstraße liegt in Mahlsdorf, einer ruhigen Gegend mit Villen und Einfamilienhäusern am Berliner Stadtrand. Es gibt eine Schule in der Nähe, einen Holz Possling, den S-Bahnhof und ein kleines Denkmal für ermordete Widerstandskämpfer im Dritten Reich. Manchmal werfen Jugendliche ihre Kippen auf die Straße, und morgens kurz vor Schulbeginn fahren Autokolonnen an Behrendts Haus vorbei. Die „Müttertaxen“, wie er sie nennt.

Ein bisschen wie Kanada

Er ist 78, in Lichtenberg geboren, ein echter Berliner, der sich nicht gerne was sagen lässt, schon gar nicht von diesen Leuten, die vor seinem Haus herumstrichen und das Laub inspizierten, als hätte er eine Leiche darunter versteckt. Fotos schossen sie auch, fünf Stück, schiefe Aufnahmen, die nun, ein halbes Jahr später, zum „Beweismaterial“ geworden sind. Man erkennt die Birke vor Behrendts Haus, die Pflastersteine, den Gehweg, einen Fahrradständer, den Zaun, den Rasen. Die Blätter sehen aus wie helle Punkte.

Es ist ein Frühlingstag im Mai, drei Tage vor der Gerichtsverhandlung wegen dieser „meines Erachtens unsinnjen Sache“, wie Behrendt sagt. Er trägt ein kariertes Hemd, eine Anglerhose, eine Kappe auf dem Kopf, sein Bart ist weiß, sein Schritt ein wenig wacklig. Man kann ihn sich gut in einer einsamen Hütte in Kanada vorstellen, und ein bisschen wie in Kanada fühlt man sich auch auf seinem Grundstück in Mahlsdorf. Ein schlichter grüner Metallzaun, der Steingarten verwildert, der Rasen hoch, Gitter vor den Fenstern, warme Decken über dem Sofa, Wachstuch auf dem Tisch.

Entsprechendes Bildmaterial wurde gefertigt und dient dem Vorgang als Beweismaterial.

Ordnungsamt Marzahn-Hellersdorf

Behrendt sitzt im Wohnzimmer, die Briefe vom Ordnungsamt in der Hand. Der erste ist vom 2. Dezember 2020. Sachbearbeiterin E. teilt ihm mit, gegen ihn sei ein „Ordnungswidrigkeitsverfahren“ eingeleitet worden. Vom „Feststellungszeitpunkt“ ist die Rede und davon, dass er als „Eigentümer des genannten Grundstückes vorsätzlich“ seinen „Anliegerpflichten nicht nachgekommen“ sei, „indem die Fläche vor dem Grundstück bis zur Straßenmitte einschließlich Fahrbahnrand nicht vom Laub gereinigt wurde“. Besonders auffällig, schreibt E., sei die Verunreinigung des Rinnsteins und des Grünstreifens gewesen. „Entsprechendes Bildmaterial wurde gefertigt und dient dem Vorgang als Beweismaterial.“

Behrendt tippt mit dem Finger auf die Fotos. „Ick meine, da is ja auch ersichtlich, dass der Bürgersteig frei ist.“ Er verfällt selbst schon in Amtssprache. „Det janze Ding“ macht ihn „janz“ verrückt, wie er sagt. Nicht mal die Hausnummer stimmt. 23 steht auf dem Bescheid, er wohnt aber Nummer acht. Deshalb hat er ja auch Frau E.s ersten Brief ignoriert. „Werte Damen und Herren, Ich habe mit der Sache nichts zu tun“, schrieb er zurück. Dazu das Aktenzeichen: Ord I 26-172 2/20.

Am 7. Januar lag Frau E.s Antwort im Briefkasten: „Verwarnung wegen einer Ordnungswidrigkeit“. Und immer noch die falsche Hausnummer! Behrendt schüttelt den Kopf. Drei Außendienstmitarbeiter, eine Frau vom Amt und so ein Durcheinander! Außerdem findet er: „Die hätten ja auch klingeln können! Die können doch mit einem reden!“ Dann hätte er ihnen alles erklärt. Das mit den Blättern, aber auch seine Geschichte. Weil man das eine ja nicht so richtig vom anderen trennen kann.

Behrendts Frau ist tot, seit 13 Jahren, die Katze auch, seine Tochter weggezogen. ‚Nun ist man hier allein.‘

Sie hatten drei Ziegen hier in Mahlsdorf, auch Karnickel, Hühner und einen Acker. Der Vater war im Krieg geblieben, die Mutter alleine mit ihm und seiner Schwester. „Aber Hungern mussten wir nicht“, sagt Behrendt. Er wurde Bauschlosser, seine Werkstatt war in Friedrichshain, Rigaer Straße. Gewohnt hat er immer hier, in Mahlsdorf. Und damals war es wirklich noch wie auf dem Dorf. Kleine Straßen, kleine Häuser, Plumpsklos, am Wochenende fuhr er mit seiner Tochter nach Hönow, um aus dem Tümpel Wasser fürs Aquarium zu holen, zeigte ihr, wo die Enten brüten, wo die Rehe grasen. Das Grundstück, auf dem er heute noch lebt, gehörte seiner Frau. 1000 Quadratmeter, zwei Obstbäume, „eine Kirsche, ein Apfel“. Seine Frau ist tot, seit 13 Jahren, die Katze auch, seine Tochter weggezogen. „Nun ist man hier allein.“

Kann schon sein, dass jemand ihn angezeigt hat

Er hat nicht viel verändert. Sogar das alte Haus, in dem er mit seiner Frau gewohnt hat, bevor er in den Siebzigern ein neues baute, steht noch. „Ist jetzt mein Angelzeug drin.“ Veränderungen, findet Behrendt, gibt es schon genug. Die Müttertaxen, aber auch die Autofahrer, die sich auf der B1 bei McDonalds einen Burger kaufen und ausgerechnet hier, vor seinem Haus, die Pappe aus dem Fenster werfen. Selbst die rot-weißen Schilder zur Verkehrsberuhigung vor seinem Haus stören ihn. „Die Autos bremsen ab, drücken dann aber erst recht uff die Tube.“

Von den Nachbarn kennt er nur noch einen, den alten Bezirksschornsteinfeger von Friedrichshain, „hatte seine Werkstatt auch in der Rigaer“. Die anderen ziehen aus der Stadt hierher, fahren große Autos, bauen sich große Häuser, legen ihre Gärten an wie Parks. Kann schon sein, dass jemand ihn angezeigt hat, dass die Sache mit den Blättern nur ein Vorwand war. Den Gehweg hatte er doch gefegt, nur den Grünstreifen nicht, sagt er. Wegen der Vögel, die darunter nach Nahrung suchen. Es werden immer weniger. Jedes Blatt müssen die Amseln umdrehen. Hat er selbst oft genug gesehen. Bis in die Siebziger hatten sie noch die Nachtigall hier, morgens zwischen fünf und sechs Uhr hat sie gesungen. Und jetzt: kein Igel, kein Eichhörnchen, nichts. „Allet weg, allet Mist.“

Mein Mandant ist ein umweltbewusster Bürger, der die Anregungen der Naturschutzbehörden, Rückzugsorte für Vögel und Insekten zu schaffen, ernst nimmt.

Barbara Erdmann, Anwältin

Er stemmt den rechten Ellbogen auf den Tisch, Frau E.s Bescheide in der Faust zusammengerollt. Sie schrieb ihm noch ein paarmal. Am Ende stimmte die Hausnummer, aber statt 55 Euro sollte er jetzt 80 bezahlen. Das sah Behrendt nicht ein, nahm sich eine Anwältin, die Einspruch erhob mit der Begründung, „Laub auf dem Grünstreifen stellt weder eine Gefährdung für Fußgänger noch für andere Verkehrsteilnehmer dar“. Ihr Mandant sei ein „umweltbewusster Bürger, der die Anregungen der Naturschutzbehörden, auch in den Städten Rückzugsorte für Vögel und Insekten zu schaffen“, ernst nehme. Dem Brief legte die Anwältin eine Broschüre vom Nabu bei. Titel: „Restnatur am Straßenrand“.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
„Restnatur am Straßenrand“. Grundstückseigentümer Behrendt in der Hummelstraße.

Frau E. aber gab immer noch nicht auf. Statt das Bußgeld zurückzuziehen, wurde Behrendt vors Amtsgericht Tiergarten geladen. Tatvorwurf: Verstoß gegen das Straßenreinigungsgesetz. Es fühlte sich für ihn inzwischen beinahe persönlich an. Wie ein Kampf zwischen ihm und ihr. „Die Frau E. will wohl nicht zugeben, dass sie einen Fehler gemacht hat“, sagt er. Und wirkt fast ein wenig enttäuscht, als er zwei Tage später ins Gericht kommt, und außer ihm sind nur der Richter und die Anwältin da, aber nicht Frau E. Auch sonst niemand vom Amt.

Die Frau vom Amt darf nicht reden

Es geht dann alles ganz schnell. Die Anwältin sagt, es sei „erschütternd“, dass sich ein Bezirksamt mit solchen Sachen beschäftige. Behrendt sagt: „Gucken Se mal aus dem Fenster, hier sieht es jenauso aus wie vor meiner Tür.“ Der Richter sagt, in einer Stadt gehe es ja auch um „Verwahrlosungserscheinungen“, aber der Naturschutz sei ein Argument, das er nachvollziehen könne. Er stellt das Verfahren ein. Die Kosten übernimmt das Land Berlin, 300 Euro allein für die Anwältin.

Und Frau E.?

Sie kichert in die Leitung, weiß gleich, worum es geht, reden darf sie aber nicht, als Frau vom Amt. Dafür ruft ihre Stadträtin an, Nadja Zivkovic, CDU-Mitglied, erzählt den Vorgang aus ihrer Sicht: Ordnungswidrigkeit, Verwarnungsgeld, Bußgeld, falsche und richtige Hausnummer, Einspruch, Gerichtsverhandlung, Verfahrenseinstellung. „Der ganz normale Verwaltungsakt.“

Ernsthaft?

Na ja, sagt die Stadträtin, drei Außendienstmitarbeiter seien schon eher ungewöhnlich. „Wahrscheinlich wurde gerade einer angelernt.“ Und ein klärendes Gespräch zwischen Frau E. und Herrn Behrendt wäre „sicher auch von Vorteil gewesen“. Beim nächsten Mal solle er einfach anrufen. Gerne auch sie, die Stadträtin, persönlich.

Ein Angebot, auf das Behrendt sicher gerne zurückkommen wird. Das Laub vom letzten Herbst hat er noch nicht weggeräumt.

Haben Sie eine Geschichte für unsere Reihe „Brutal Berlin“? Schreiben Sie uns: briefe@berliner-zeitung.de


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.