Berlin - Berlins Christopher Street Day hat eine lange Tradition. In seiner über 40-jährigen Geschichte scheint er aber immer mehr zu einer Spaßveranstaltung geworden zu sein – zu einem Partyzug, der von allen möglichen Organisationen für ihre Zwecke genutzt wurde, zu einer hedonistischen Sause, kaum noch von der Loveparade zu unterscheiden.

Hinzu kamen zuletzt Querelen in der Dachorganisation und ein Stück weit vielleicht auch das Gefühl, dass man mit der Demonstration für die LGBT-Community mittlerweile so viel erreicht hat, dass sich auch noch die letzte lokale Pommesbude mit Regenbogenfarben schmückt, wenigstens für die paar Wochen im Jahr.

In drei Jahren eine Steigerung der Hassverbrechen gegen LGBT

Doch das die Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgender und auch anderen Minderheiten immer noch nicht die Regel ist, zeigt nicht zuletzt die verknöcherte Reaktion der Uefa auf den Wunsch, die Münchener Arena als Austragungsort in den Regenbogenfarben leuchten zu lassen.

Aber auch in Berlin, einer Stadt, die sich ihrer Toleranz von jeher rühmt, ist man keineswegs überall vor Anfeindungen sicher, wenn man beispielsweise als gleichgeschlechtliches Paar händchenhaltend durch den Kiez spaziert. Denn obwohl man vermuten könnte, dass die Hasskriminalität gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten in der Pandemie zurückgegangen ist, ist das Gegenteil der Fall: Seit Jahren ist die Zahl der Hassverbrechen gegen LGBT kontinuierlich gestiegen, 2018 gab es in Berlin 230 Übergriffe auf Angehörige der Community, 2019 waren es 355 und im Pandemiejahr 2020 sogar 430. Und das sind nur die angezeigten Vorfälle. In Brandenburg haben sich die Attacken gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender im Jahr 2020 sogar von acht auf 19 mehr als verdoppelt.

imago/Sven Lambert
Zeit, wieder auf die Straße zu gehen: CSD 2002.

Fernab aller Regenbogen-Seligkeit gibt es also noch einiges zu tun. Und nachdem die Inzidenzzahlen sinken, wird es Zeit, wieder vermehrt auf die Straße zu gehen. Sichtbar zu sein und sich nicht einlullen zu lassen von den Vorwahlkampf-Versprechen der Politikerinnen und Politiker, die wie selbstverständlich behaupten, Diversity und Equality stünden ganz oben auf ihrer Agenda und sobald sie gewählt wären, würden endlich die Zeiten der hundertprozentigen Gleichberechtigung aller Teile dieser Gesellschaft anbrechen.

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Weil es im vergangenen Jahr nur digital möglich war, soll nun gleich ein ganzer Monat zum Pride Month werden, zeitversetzt beginnend an diesem Sonnabend mit der großen CSD-Sterndemo. Beendet werden die kommenden vier Wochen dann am 24. Juli mit dem „klassischen“ Christopher Street Day. Allerdings nicht wie in Vorpandemiezeiten in Form eines fast endlosen Stroms an Trucks und Feierwütigen, sondern wesentlich politischer mit „nur“ fünf Wagen. „Das mag auf den ersten Blick viel und etwas verwirrend sein, ist aber der Tatsache geschuldet, dass wir bis vor ein paar Monaten nicht einmal wussten, ob es in diesem Jahr überhaupt einen CSD geschweige denn andere Demos geben wird“, so Ulli Pridat, 32, Vorstandsmitglied des Berliner CSD-Vereins.

Der Verein und die Organisatoren der anderen Demonstrationen, darunter der Dyke-March, der Trans-Pride und der Marzahn-Pride, haben sich entschlossen, den ganzen Monat für Kundgebungen, Demonstrationen und Veranstaltungen zu nutzen. Der gemeinsame Pride Month mit dem Aktivist*innen-Bündnis Berlin Pride soll verschiedenen Anliegen und Forderungen gerecht werden, es geht um noch mehr Sichtbarkeit. „Sicher war das immer schön, wenn es am Ende hieß, dass fast eine Million am CSD teilgenommen haben, aber wir glauben, dass es im Pandemiejahr 2021 besser ist, wenn die Sichtbarkeit länger dauert und auch aus den einzelnen Bezirken und von den diversen Gruppen kommt“, so Pridat.

Den Beginn macht also am heutigen Sonnabend die Stern-Demo, deren drei Züge aus Neukölln, Kreuzberg und Prenzlauer Berg am Alexanderplatz aufeinandertreffen werden. Beginn ist jeweils um 13 Uhr, weitere Infos unter csdberlinpride.de (Stern-Demo) und csd-berlin.de (CSD am 24. Juli).


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