Berlin - Es war sechs Uhr morgens, und der Tag begann. Man hörte ein Tapsen durch den Flur, dann ein „Mama“, und schließlich kletterte die Vierjährige in unser Bett. Sie legte sich zwischen meinen Mann und mich. Dann stieg sie auf mich, legte sich flach auf meinen Oberkörper. Sie presste ihre Wange gegen meine Wange. Es war kuschelig, gemütlich, etwas ungünstig war nur, dass ich fast erstickte, denn eine Vierjährige kann ganz schön schwer sein. Einen Moment später rollte sie hinunter und verschwand unter der Bettdecke. Dann tauchte ihr kleiner runder Kopf wieder auf. „Mama“, sagte sie und machte eine bedeutungsvolle Pause. „Ist heute Muttertag?“

Ich überlegte, was ich dazu sage. Ist Muttertag nicht der Tag, den ich ablehne? In Deutschland heißt es ja immer, dass es ein Tag ist, den die Nazis erfunden haben, das stimmt aber nicht, erfunden hat ihn eine Amerikanerin namens Anna Marie Jarvis 1907, die Nazis machten den Tag zum offiziellen Feiertag.

Heute lehnen ihn viele Feministinnen den Muttertag ab, weil er nur dem Kapitalismus unterstütze. „Zum Muttertag sollten Mütter keine Blumen bekommen, sondern Zeit und Unterstützung, um für ihre Anliegen in der Gesellschaft zu kämpfen“, schrieb vor Jahren eine Kollegin. Sollte ich das meiner Tochter erzählen?

Ich schaute die Vierjährige an, sie fragte noch mal: „Ist heute Mut-ter-tag?“, und sie klang so, wie sie sonst von Weihnachten sprach. Offenbar freute sie sich auf den Muttertag.

Und plötzlich stellte ich fest, dass da noch ein anderes Gefühl in mir war, eines, das ich nicht so recht deuten konnte. Also sparte ich mir den feministischen Vortrag und sagte, Muttertag ist in drei Tagen. 

Mal einen Tag nicht kämpfen

Am nächsten Tag kamen die Kinder aus der Kita, und beide waren aufgeregt, sie plapperten sofort los, redeten übereinander. „Mama, ist heute endlich Muttertag?“, fragte die Vierjährige. Sie habe in der Kita etwas gebastelt. „Aber ich darf es nicht verraten“, sagte sie und ihr ganzes Gesicht strahlte. „Das ist ein Geheimnis“, sagte der Sechsjährige. „Aber das ist ein Geheimnis“, sagte die Vierjährige, die jeden Satz mit „aber“ begann. Und dann platzte es aus ihr raus: „Aber ich habe Mutterkekse gebacken, für den Muttertag“, sagte sie. Mein Sohn schimpfte, dass sie das doch nicht verraten solle. Ich dachte an meine Mutter, die mir als Kind immer verraten hat, was sie mir zum Geburtstag schenken würde, weil sie sich so freute und das nicht für sich behalten konnte.

Mein Sohn ging zu meinem Mann und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Ich verstand nur „Blumen“. Und auf einmal kapierte ich, was das Gefühl war, dass ich hatte, seitdem meine Tochter nach dem Muttertag gefragt hatte, es war warm und süß.

Ich freute mich auf den Muttertag. Hilfe, wie konnte das passieren, nach fast sieben Jahren Muttersein? Viele Jahre lang hatte ich feministische Bücher gelesen, hatte mich durchradikalisiert, und jetzt freute ich mich auf den reaktionärsten aller Gedenktage? Ich schämte mich ein bisschen. Andererseits: Konnte ich nicht den Rest des Jahres kämpfen, mich aber an diesem einen Tag ein bisschen freuen? Ich hatte es geschafft, nach all den Schwierigkeiten, die wir als Familie miteinander erlebt hatten, den Wutanfällen, den Versäumnissen im Pandemiejahr liebten sie mich noch. Vor allem war ich neugierig darauf, was das eigentlich war: ein Mutterkeks.