Berlin - M. Night Shyamalans Problem ist, dass seine Geschichten nie eine komplette Filmlänge tragen und der Regisseur dazu neigt, seinen Grusel-Plot entweder nach der Hälfte des Films aufzulösen, wie beim Mittelalter-Kommunen-Schockerchen „The Village“, oder die Pointe seiner Stories so vorhersehbar zu machen, dass man sich die Haare raufen will, wie bei „The Visit“.

Wickel den Plastikbalg

Dementsprechend skeptisch war ich bei der Serie „Servant“, mit der Apple TV+ Ende vorletzten Jahres dick ins Streaming-Geschäft einsteigen wollte. „Servant“ aber zeigt ganz überraschend, dass der „Sixth Sense“-Regisseur mehr kann, als billige Blockbuster in der Mystery-Soße zu versenken. Wir folgen dem fürchterlich hippen amerikanischen Ehepaar Turner – sie eine dauerhaft hochtourige Fernsehmoderatorin, er eine Art Molekular-Küchen-Koch mit depressiver Aura, deren manische Grundstimmung sich aus der Tatsache heraus erklärt, dass das gemeinsame Kind im Babybettchen-Alter gestorben ist.

Eine sogenannte Trauerpuppe soll übers Gröbste hinweghelfen, das smarte Paar wickelt und herzt also den Plastikbalg und engagiert dafür sogar eigens eine Nanny. Die hat erwartungsgemäß einen ordentlichen Knall, aber auch offenbar handfeste übersinnliche Fähigkeiten, denn der geliebte Kind-Ersatz mit Namen Jericho erwacht zum Leben. Oder doch nicht? Und welchen Preis müssen die Turners dafür zahlen, ihr Kind wieder in den Händen zu halten?

Mit den Kinoschwarten aufhören

Shyamalan löst nicht auf, sondern schickt den Zuschauer auf eine mitunter trashig anmutende Tour durch sämtliche Horrorversatzstücke, ständig dräut Ungemach, es gibt seltsame Familienmitglieder auf allen Seiten und alles in allem zwar einen echt dünnen Plot, der aber so kurzweilig und kammerspielartig dicht in der Atmosphäre ist, dass man dem Regisseur raten will, endlich mit seinen Kinoschwarten aufzuhören und nur noch in Serien zu machen.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

„Servant“ auf Apple TV+

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