House of Holtzbrinck: Werden im Verlagshaus Interessenkonflikte verschwiegen?

Auflagenschwund und sinkende Werbeerlöse. Verlage stehen unter Druck. Der Fall Holtzbrinck zeigt, wie die journalistische Unabhängigkeit in Gefahr gerät.

House of Holtzbrinck: Der Unternehmer Dieter von Holtzbrinck investiert kräftig in Start-ups.
House of Holtzbrinck: Der Unternehmer Dieter von Holtzbrinck investiert kräftig in Start-ups.Raban Ruddigkeit

Berlin-Stellen Sie sich vor, Sie schlagen am 22. Oktober 2021 den Tagesspiegel auf, und im Wirtschaftsteil stoßen Sie auf ein Porträt des Berliner Start-ups LiveEO, das sich auf Erdbeobachtungen durch Satelliten spezialisiert hat. Spannendes Thema denken Sie, denn die zwei Gründer haben sich vorgenommen, weltweit Infrastrukturüberwachung aus dem All zu betreiben. Und das junge Unternehmen scheint begehrt zu sein. Über die Finanzierung schreibt der Tagesspiegel: „Im Frühjahr begeisterten die Start-upler Investoren und erhielten den Zuschlag für das sogenannte Series-A-Investment in Höhe von 5,25 Millionen Euro.“

5,25 Millionen Euro Finanzierung - doch von wem stammt das Geld?

Den jungen Gründern kann man zu so einem Erfolg nur gratulieren, aber wie würden Sie, liebe Leser, darüber denken, wenn Sie nach der Lektüre des Artikels erfahren hätten, dass Dieter von Holtzbrinck, dem der Tagesspiegel mehrheitlich gehört, über seine Firma DvH Ventures seit Anfang 2019 selbst Anteile an LiveEO hält?

Ob bei der Berichterstattung des Tagesspiegels über das Start-up echtes journalistisches Interesse besteht, oder ob es sich um verdeckte PR handelt, lässt sich mit letzter Gewissheit natürlich nicht sagen. Fakt ist jedoch: Es existiert ein gravierender Interessenkonflikt. Einen Artikel über ein Unternehmen, an dem man Anteile hält, zu bringen, ohne die Leser über das eigene Engagement in Kenntnis zu setzen? In den USA wäre das im Jahr 2022 bei einer Qualitätszeitung wie der Washington Post nicht mehr möglich.

Jeff Bezos kaufte die Washington Post: Die Zeitung geht damit offen um.

Denn als Jeff Bezos, Amazon-Gründer und reichster Mensch der Welt, 2013 aus seinem Privatvermögen die Zeitung für 250 Millionen Dollar kaufte, löste das in der Medienbranche der USA eine heftige Debatte aus. Die einen erblickten in Bezos den Retter der finanziell angeschlagenen Zeitung. Andere sahen die journalistische Unabhängigkeit des Traditionsmediums bedroht. Die Angst: Eine Washington Post im Besitz von Bezos könnte als Werbeplattform für Amazon ausgenutzt werden oder gar kritische Berichte von Journalisten über den Konzern verhindern.

Dieter von Holtzbrinck (80): Verleger, Mäzen, Geschäftsmann.
Dieter von Holtzbrinck (80): Verleger, Mäzen, Geschäftsmann.imago

Die Trennung von journalistischen und wirtschaftlichen Interessen ist seit jeher ein Grundpfeiler der unabhängigen Presse. Kontrollgremien und Presseräte achten daher besonders darauf, dass Werbung und redaktionelle Inhalte streng getrennt sind und dass sich Verleger und Eigentümer von Medienhäusern nicht in die redaktionellen Belange einmischen. Um diesen Vorwürfen zu entgehen, entschieden sich Bezos und die Redaktion der Washington Post früh dazu, den Anschein einer Vereinnahmung durch den neuen Eigentümer zu vermeiden und bemühten sich um Transparenz. Im Impressum der Zeitung heißt es seitdem: „Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, ist Eigentümer der Washington Post.“ Weil aber die wenigsten Leser in der Zeitung oder auf der Homepage eines Mediums das Impressum studieren, steht dieselbe Information bei der Washington Post als sogenannter Disclaimer unter jedem Artikel über Amazon und Jeff Bezos. Und zwar auch dann, wenn die Zeitung kritisch über Amazon berichtet.

Ähnlich wie die einst finanziell angeschlagene Washington Post haben auch andere Zeitungen seit Jahren mit sinkenden Einnahmen zu kämpfen. Überall in Europa und in Deutschland sinken seit Beginn des Internetzeitalters die Auflagen und Anzeigenerlöse. Erlöse, die bis heute nur bedingt durch Werbung und Abonnements im Internet aufgefangen werden können.

Die unternehmerischen Beziehungen des Holtzbrinck-Verlags
Die unternehmerischen Beziehungen des Holtzbrinck-VerlagsBerliner Verlag

Relevantes und Richtiges von Unwichtigem und Falschem trennen

Bei der Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu der Die Zeit, das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche und der Tagesspiegel gehören, setzt man trotzdem auf Journalismus. In einem Gastbeitrag im Tagesspiegel schreibt Eigentümer Dieter von Holtzbrinck im September 2020: „Was in Zeiten der Globalisierung und der Überflutung mit Informationen Mangelware ist, sind Medien, die Relevantes und Richtiges von Unwichtigem und Falschem trennen.“

Doch dieses Bekenntnis muss man sich leisten können. Und so haben sich die Holtzbrinck-Manager auf den Wandel in der Medienbranche längst eingestellt. „Für rein journalistische Projekte kommt nur ein nicht auf Rendite achtender Investor in Frage“, sagte der Geschäftsführer des Tagesspiegels Gabriel Grabner schon vor fünf Jahren in einem Interview. Die Wahrheit, die hinter diesem Zitat steckt: Mit Journalismus allein kann man heute kein Geld mehr verdienen. Beim Holtzbrinck-Konzern, der heute mit seinen Publikationen regelmäßig einen großen Teil aller deutschen Haushalte erreicht, versucht man daher, die sinkenden Erlöse mit anderen Geschäftsmodellen abzufedern.

Dieter von Holtzbrinck gründete zu diesem Zweck 2014 mit der DvH Ventures eine Firma, die in Start-ups und junge Firmen mit Potenzial investieren soll. Damit können hohe Gewinne verbunden sein. Unicorns wie Gorillas, Biontech, Auto1 und Delivery Hero, die innerhalb von Monaten nach ihrer Gründung Milliardenbewertungen aufriefen, beweisen das. Für einen solchen Aufstieg dieser anfangs noch unbekannten Firmen ist mediale Aufmerksamkeit entscheidend. So werden Kunden angelockt, und so können neue Investoren für weitere Finanzierungsrunden oder Börsengänge gewonnen werden. Wie wichtig Medienpräsenz für solche Start-ups ist, haben Risikokapitalgeber längst erkannt. Sie bieten jungen Gründern an, Geschäftsanteile gegen Medienberichterstattung zu tauschen.

Media for Equity: Medienpräsenz gegen Geschäftsanteile

Auch bei DvH Ventures gibt es ein solches Media for Equity-Programm. „Darüber hinaus bietet der neue Digital Health Fund exklusiven Zugang zu starken Marken wie Die Zeit, Handelsblatt, Apotheken Umschau, Senioren und Diabetes Ratgeber, Baby und Familie und anderen Publikationen […]. Mit dieser geballten Medienmacht werden über 50 Prozent der deutschen Haushalte medienübergreifend erreicht. Das schafft Kundenvertrauen, erleichtert den Markteintritt und baut wirksame Markteintrittsbarrieren für neue Wettbewerber auf“, heißt es in einer Stellungnahme von DvH Ventures vom November 2020.

DvH Ventures hatte damals gerade zusammen mit weiteren Partnern aus dem Apotheken-Geschäft einen neuen 60 Millionen Euro schweren Fonds aufgelegt, der sich auf Investitionen im Gesundheitsbereich spezialisiert. Die Medienmacht der Holtzbrinck-Gruppe sollte es dabei erleichtern, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen - damit geht man auf der Website von DvH Ventures ganz offen um. Für Start-ups, die neue Produkte im heiß umkämpften Gesundheitsmarkt etablieren wollen, ist der Zugang zu Zeitungen wie der Apotheken Umschau Gold wert. Die Gratiszeitung der Apotheken wird monatlich schließlich von 20 Millionen Menschen gelesen und genießt gerade bei älteren Menschen, die wegen ihrer gesundheitlichen Situation für neue Medizin- und Pflegeprodukte besonders offen sind, hohes Vertrauen.

Auch bei der auf Wagniskapital spezialisierten Investmentfirma Crossinvest des Holtzbrinck-Geschäftspartners Sven C. Sixt, der 30 Prozent der DvH Ventures gehört, zeigt man sich begeistert von den Möglichkeiten, die Dieter von Holtzbrincks Medienimperium für Start-ups bietet. Auf der Internetseite von Crossinvest beschreibt man das Geschäftsmodell der DvH Ventures so: „Als unabhängige Venture Capital Gesellschaft des gleichnamigen Verlegers Dieter von Holtzbrinck investiert DvH Ventures mit Kapital, Management Support und dem Zugang zu den Lesern der Verlage der DvH Medien (Verlagsgruppe Handelsblatt, Tagesspiegel Gruppe und Die ZEIT Verlagsgruppe).“

Der Presserat wird von Verlegern- und Journalistenverbänden finanziert

Dass Manager das publizistische Potenzial in Medienhäusern in wirtschaftlichen Erfolg ummünzen wollen, ist nachvollziehbar. Aber wie verträgt sich das mit der gebotenen Trennung zu unabhängigem Journalismus? Und wie wird diese Strategie umgesetzt? Durch Werbeinserate oder redaktionelle Berichterstattung? Und wird der Interessenkonflikt so wie bei der Washington Post transparent gemacht? Und wie wird sich das Verhältnis zwischen Medienmanagern und Journalisten künftig darstellen?

Um solche Situationen zu vermeiden, gibt es in Deutschland den Pressekodex, über dessen Einhaltung der 1956 gegründete Presserat wacht. Neben der Presse- und Rundfunkfreiheit (Artikel 5 GG) ist der Presserat als ein Organ der Selbstregulierung das wichtigste Regelungswerk von Verlagen; direkte Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen gegen den Pressekodex hat er nicht. Der Presserat wird von den Verleger- und Journalisten-Verbänden finanziert und erhält zusätzlich einen Zuschuss in Höhe von 223.000 Euro aus dem Bundesetat.

Im Pressekodex ist geregelt, dass Journalisten und Verleger keine Tätigkeiten ausüben sollen, die „die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen“. In Richtlinie 6 heißt es: „Übt ein Journalist oder Verleger neben seiner publizistischen Tätigkeit eine Funktion, beispielsweise in einer Regierung, einer Behörde oder in einem Wirtschaftsunternehmen aus, müssen alle Beteiligten auf strikte Trennung dieser Funktionen achten.“ Und in Richtline 7 heißt es weiter: „Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden.“

Die Berliner Zeitung am Wochenende hat sich die Berichterstattung in den Holtzbrinck-Medien einmal genauer angeschaut und überprüft, ob die Trennung von journalistischen Angeboten und wirtschaftlichen Interessen bei der Berichterstattung über Firmen, in die man selbst investiert, gekennzeichnet ist. Es folgt eine Auswahl an Beispielen:

Faruk Tuncer ist CEO und Gründer des Start-ups Polyteia. Polyteia soll die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung voranbringen. Tuncer schreibt als ehemaliger Referent für Kommunalpolitik in der Strategieabteilung der CDU seit Anfang 2021 regelmäßig für den Tagesspiegel Background, ein Online-Format, das sich laut Eigenwerbung an „Entscheider aus Wirtschaft und Politik“ richtet. Auch am 26. Oktober 2021 erschien dort ein Text von Tuncer. Einen Tag später gab Polyteia bekannt, dass DvH Ventures einen siebenstelligen Betrag in das Berliner Start-up investiert – im Tagesspiegel Background jedoch wird dies auch in Tuncers neuster Kolumne vom 4. Januar 2022 nicht erwähnt.

„Im Frühjahr begeisterten die Start-upler Investoren und erhielten den Zuschlag für das sogenannte Series-A-Investment in Höhe von 5,25 Millionen Euro.“ Doch von wem?
„Im Frühjahr begeisterten die Start-upler Investoren und erhielten den Zuschlag für das sogenannte Series-A-Investment in Höhe von 5,25 Millionen Euro.“ Doch von wem?Berliner Verlag

Im Juni 2016 investierte DvH Ventures in das Buchhaltungs-Start-up Smacc, einen Monat später wählte der Tagesspiegel Smacc zum Start-up des Tages, im Jahr darauf vergab das Handelsblatt den 3. Platz des Digitalpreis „The Spark“ an Smacc – dass DvH Ventures ein finanzielles Interesse am Erfolg des Unternehmens hat, wurde in der korrespondierenden Berichterstattung nicht erwähnt.

Am 5. Juli 2021 erschien im Tagesspiegel ein Artikel über Roboadviser, das sind Apps, die die Finanzanlage automatisieren sollen. Die Stiftung Warentest hatte zuvor verschiedene Roboadviser miteinander verglichen. Der Tagesspiegel berichtete: „Auf Transparenz legten die Tester:innen beim Gesamturteil großes Gewicht. […] Die Anbieter Growney, Liqid, Quirion und Robin schnitten diesbezüglich am besten ab“. Dass DvH Ventures im März 2016 in Liqid investiert hatte, wurde im Artikel allerdings nicht transparent gemacht.

Auch DvH Ventures profitiert vom Anlegerglück

Doch Liqid ist nicht das einzige Fintech, in das DvH Ventures investiert hat. Zu den erfolgreichsten DvH-Investitionen zählt sicherlich Wikifolio, seit Oktober 2011 hält DvH Ventures laut eigener Aussage Anteile an der Social-Trading-App. Immer wieder berichtete auch die Zeit danach über Wikifolio: „Und trotzdem gibt es natürlich Anleger, die sich auch in schwierigen Zeiten behaupten. So wie Christoph Neemann. Wie Neemann investiert, lässt sich genau beobachten. Er hat sein Geld über Wikifolio angelegt, das ein bisschen wie Facebook funktioniert, aber eben für Aktionäre […] Fast 500.000 Euro haben andere Anleger schon in seine handverlesene Aktienmischung investiert; und weil sie Gewinn gemacht haben, hat Neemann von Wikifolio etwas mehr als 1000 Euro Erfolgsprämie kassiert“, schrieb die Zeitung am 28. November 2018. Dass auch DvH Ventures vom Anlegerglück des Herrn Neemann profitierte, erwähnte sie allerdings nicht.

Im Februar 2016 investierte DvH Ventures in die Payment-App Optiopay, am 17. Juni 2016 war Optiopay das Start-up der Woche in der Wirtschaftswoche, am 5. Juli 2016 wählte der Tagesspiegel Optiopay zum Start-up des Tages, im Februar 2017 erläuterte der Optiopay-Gründer Oliver Oster im Video-Interview mit dem Handelsblatt sein Geschäftsmodell, ein weiteres Interview mit der Wirtschaftswoche folgte am 16. Juni 2017. Oster wird im November 2022 zudem als Sprecher auf dem Handelsblatt Insurance Summit sprechen – DvH Ventures wird jedoch in der Ankündigung mit keiner Silbe erwähnt.

Die Liste der Beispiele, in denen Medien des Holtzbrinck-Konzerns in Artikeln über Beteiligungen von Dieter von Holtzbrinck schreiben, ließe sich beliebig fortsetzen. Zwar tauchen die betreffenden Firmen auch teilweise in „Advertorials“ auf, das sind Werbeanzeigen, die äußerlich den Anschein eines redaktionellen Beitrags erwecken, doch überwiegt die redaktionelle Berichterstattung, ohne dass der potenzielle Interessenkonflikt dem Leser gegenüber offengelegt wird.

Beim Tagesspiegel, der häufig über die betroffenen Start-ups berichtet, erfuhr dieser Interessenkonflikt durch den Einstieg von Gabriel Grabner als Geschäftsführer auch organisatorisch eine Zuspitzung. Am 20. Mai 2021 gab der Tagesspiegel bekannt, dass der bisherige Geschäftsführer Farhad Khalil das Blatt verlässt und Grabner ab Oktober 2021 die Geschäftsführung zusammen mit Ulrike Teschke übernehmen werde. In der Presseerklärung des Tagesspiegels heißt es dazu: „Seine langjährige Digital- und Vertriebsexpertise sowie sein weitverzweigtes internationales Netzwerk innerhalb der Tech- und Medienbranche zeichnen ihn für die neue Führungsaufgabe besonders aus“.

Hier wird es ein wenig kompliziert: Gabriel Grabner ist der Sohn des österreichischen Medienunternehmers und langjährigen Holtzbrinck-Managers und derzeitigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Holtzbrinck-Mediengruppe Michael Grabner. Der 73-Jährige gilt als enger Vertrauter von Dieter von Holtzbrinck und ist zudem seit Frühjahr 2021 auch mit fünf Prozent Gesellschafter der DvH Medien GmbH, der die Verlage gehören. Gabriel Grabner wird bei DvH Ventures trotz seiner neuen Anstellung beim Tagesspiegel weiterhin als Ventures Partner aufgeführt. Dass Gabriel Grabner als Manager für die DvH Ventures tätig ist, erwähnt die Pressemitteilung nicht. Auf Nachfrage erklärt man bei der DvH Mediengruppe, dass Gabriel Grabner für DvH Ventures „lediglich beratend tätig“ sei.

Im Zuge der Recherche fanden wir heraus: Gabriel Grabner ist nicht nur beratend für die Investmentfirma tätig, sondern als Gesellschafter der Investment-Firma seines Vaters, der österreichischen Michael Grabner Media GmbH (MGM), selbst an der DvH Ventures mittelbar beteiligt. Denn die MGM hält knapp 10 Prozent an der DvH Ventures.

Beide Unternehmen investieren auch zusammen. Eine wichtige gemeinsame Beteiligung der beiden Unternehmen ist zum Beispiel die Firma Nect. Das Hamburger Start-up arbeitet an einer App, die es den Bürgern ermöglichen soll, sich digital bei Behörden und Unternehmen zu identifizieren. Im Zeitraum 2020 und 2021 wurde Nect im Tagesspiegel immer wieder und meistens positiv erwähnt. Am 23. Oktober 2020 durfte der Nect-Gründer Benny Bennet Jürgens im Tagesspiegel Background zur Kritik an seinem Unternehmen Stellung beziehen. Am 9. September 2021 erschien ein Interview mit Jürgens.

„Die Österreicher trauen sich was“

Der Berliner Tagesspiegel hat ein gesteigertes Interesse am Hamburger Start-up. Von einem Interessenkonflikt erfährt der Leser jedoch nichts. Auf der Internetseite von MGM wird auch die österreichische Investment-Firma Speedinvest als Portfolio-Firma genannt, die wiederum selbst an zahlreichen österreichischen Start-ups beteiligt ist. Eines davon ist das Wiener Unternehmen GoStudent. „Die Österreicher trauen sich was: Während deutsche Start-ups beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) eher zurückhaltend sind, hat das österreichische Nachhilfeportal ‚GoStudent‘ nun erstmals KI zu Hilfe genommen“, schrieb der Tagesspiegel Background am 16. April 2021. Dass Gabriel Grabner kurz darauf zum Geschäftsführer des Tagesspiegel ernannt werden würde, dürfte zu diesem Zeitpunkt intern im Tagesspiegel bereits bekannt gewesen sein. Am 27. April beklagte der Tagesspiegel Background, dass Nachhilfe-Apps wie die von GoStudent vom Staat bei den Corona-Hilfen ignoriert würden. Am 23. Juni 2021 erschien ein Portrait über den GoStudent-Firmengründer Felix Ohswald.

Dass man das Spannungsfeld von journalistischen Grundsätzen und wirtschaftlichen Verflechtungen in der Medienbranche beobachten und Interessenkonflikte offenlegen muss, denkt auch der ehemalige Vize-Fraktionschef der Linken im Bundestag Fabio De Masi, der sich als Aufklärer im Wirecard-Skandal im Bundestag einen Namen gemacht hat. Die Berliner Zeitung am Wochenende hat De Masi Einsicht in ihre Rechercheergebnisse gewährt und um seine Einschätzung gebeten. „Ich finde, eine Berichterstattung etwa über Start-ups, an denen der Verleger über Firmenkonstrukte beteiligt ist, sollte in der Berichterstattung offengelegt werden. Es ist ziemlich einfach, der Redaktion einen Katalog von Firmen zu übergeben, in die man investiert hat“, sagt De Masi, das schütze die Redaktion vor wirtschaftlicher Einflussnahme und damit deren redaktionelle Unabhängigkeit.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz, der sich als Mitglied von Transparency International auch für eine verbesserte Transparenz im Politikbetrieb einsetzt, kommt zu der Einschätzung: „Es müsste Grundsatz jeder Berichterstattung und jedes Medienhauses sein, dass die Eigentumsverhältnisse und mögliche Interessenkonflikte für den Konsumenten öffentlich gemacht werden, damit schon der Anschein ausgeräumt werden kann, dass irgendetwas in den Medien unsauber läuft.“

Die Sparmaßnahmen im Journalismus gehen zu Lasten der Unabhängigkeit

Bei Transparency International will man das Thema in den kommenden Wochen auf die Agenda nehmen. Ulrike Fröhling, Leiterin der Arbeitsgruppe Transparenz in den Medien bei Transparency International und zuvor langjährige Verlagsleiterin der Bild-Zeitung im Axel-Springer-Verlag, sagt zu den Vorgängen: „Früher in meiner Zeit bei Springer waren solche Geschäfte nicht nötig.“ Heute sei das allerdings anders. Das zeigten auch die vielen Sparmaßnahmen im Journalismus. Das ginge zu Lasten der journalistischen Qualität und Unabhängigkeit. „Investitionen in andere Geschäftsfelder sind in Ordnung, nur dann muss man sie eben auch transparent machen“, sagt Fröhling.

Auf die offene Werbebotschaft der DvH Ventures, wonach Start-ups durch die Medienmacht nicht nur unterstützt, sondern mögliche Wettbewerber ausgestochen werden sollen, reagiert die ehemalige Medienmanagerin alarmiert: „Das ist besonders perfide.“

Für De Masi ist schon die Berufung von Gabriel Grabner zum Geschäftsführer des Tagesspiegels problematisch: „Früher galt es schon als Tabubruch, wenn aus der Eigentümerschaft, etwa ein Familienmitglied, in die Geschäftsführung eines Verlages installiert wurde. Durch den intensivierten Wettbewerb werden heute immer mehr Grenzen gedehnt.“

Neuer Geschäftsführer, neues Glück?
Neuer Geschäftsführer, neues Glück?Berliner Verlag

Dass solche Interessenkonflikte eine Debatte in der Branche auslösen können, zeigt das Beispiel Schweiz. Dort kennt man ähnliche Konflikte bereits. Der Schweizer Journalistenkodex schreibt vor, dass Journalisten „Anspruch auf Transparenz über die Besitzverhältnisse ihres Arbeitgebers“ haben. Die Schweizer Journalisten sollen wissen, wo ihr Arbeitgeber überall investiert hat. Und in der Schweiz geht man noch weiter: Denn dort werden Zeitungen und Zeitschriften im Strafgesetzbuch in Artikel 322 Absatz 2 dazu verpflichtet, „namhafte Beteiligungen an anderen Unternehmungen“ des Medienunternehmens im Impressum anzugeben. Bei Verstößen droht dem Leiter des Medienunternehmens eine Geldbuße.

In der Schweiz müssen die namhaften Beteiligungen offengelegt werden

Schaut man etwa ins Impressum des Blick – eine der größten Schweizer Tageszeitungen, die im Ringier Verlag erscheint –, werden dort als „namhafte Beteiligungen“ rund 30 Unternehmen gelistet. Seit 2017 kontrolliert zudem der Medienmonitor, der regelmäßig vom Bundesamt für Kommunikation aktualisiert wird und für jeden online einsehbar ist, „welche Beteiligungsstrukturen hinter den Medienmarken stehen und welche wirtschaftliche Bedeutung die großen Medienkonzerne im Schweizer Markt erlangen“.

„Der Grund für diese gesetzliche Regelung war, die Medienkonzentration in der Schweiz transparent zu machen. Das wurde in den 70er-Jahren zur Debatte. Die großen Verleger haben harte Konzentrationsregulierungen immer verhindert, aber kleine Maßnahmen wie diese wurden eben eingeführt“, sagt der Schweizer Medienexperte Matthias Künzler von der Freien Universität Berlin. In der Schweiz seien Fälle wie beim Holtzbrinck-Konzern bereits diskutiert worden.

Generell wünscht er sich: „Journalisten müssen informiert werden über alle Beteiligungen des Unternehmens, konsequenterweise müsste man diese Besitzverhältnisse dann auch dem Leser in den einzelnen Artikeln transparent machen. Das müsste eigentlich der Standard sein in jedem Land. Das Thema ist sehr wichtig, es sollte darüber eine generelle Debatte auch in Deutschland angestoßen werden. Dabei geht es auch um Wettbewerbsverzerrung. Denn ein optimaler Wettbewerb kann nur funktionieren, wenn für die Kunden Transparenz über die Angebote und den Markt herrscht. Hier herrscht keinerlei Transparenz.“

Künzler sieht dabei nicht nur eine Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit, sondern es könnten durch diese Intransparenz auch Nachteile für andere potenzielle Investoren in Start-ups und junge Unternehmen entstehen: „Investoren haben auch ein Recht darauf, zu erfahren, ist das eine Berichterstattung, die journalistischen Standards entspricht, oder sind das einfach nur interessengeleitete Artikel?“

Auch dem Linken-Politiker De Masi geht die Schweizer Regelung nicht weit genug, er wünscht sich vielmehr ein Procedere wie bei der Washington Post: „Das im Impressum auszuweisen wäre ein erster Schritt. Ich finde aber die Ausweisung der wirtschaftlichen Befangenheit im Artikel zielführender als im Impressum. Denn da schauen nur die Nerds rein.“ Er fordert eine schärfere Regulierung von Medienunternehmen: „Das Kartell- und Wettbewerbsrecht sollte bei Medien in Deutschland viel schärfer sein, wenn die schreiben, dass sie 50 Prozent der Bevölkerung erreichen. Das ist noch nicht Murdoch oder Berlusconi, aber das ist trotzdem eine Gefahr. Darüber müssen wir offen sprechen.“

Die Berliner Zeitung am Wochenende konfrontierte den Holtzbrinck-Konzern und seine Verlage mit den Rechercheergebnissen und bat um eine Stellungnahme. Die Antwort der DvH Medien GmbH fiel zunächst knapp aus: „Grundsätzlich entspricht es nicht unserer Geschäftspraxis, zu solchen Anfragen Stellung zu nehmen.“ Später erreichte uns doch noch eine ausführlichere Antwort: „Die Redaktionen der DvH Mediengruppe arbeiten unabhängig von allen Interessen Dritter.“ Die angeblich unabhängigen Redaktionen gaben jedoch kein eigenes Statement ab, sondern verwiesen auf die Antwort der übergeordneten Mediengruppe.

Die Berliner Zeitung am Wochenende befindet sich im Konkurrenzverhältnis zur Wochenzeitung Die Zeit, dem Handelsblatt und dem Berliner Tagesspiegel.

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