Berlin - Björn Stephan wurde 1987 in Schkeuditz geboren und ist in Schwerin aufgewachsen. Er hat in Berlin Geschichte und Politikwissenschaft studiert und wurde an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg zum Journalisten ausgebildet. Björn Stephan ist Reporter, zudem ein famoser Geschichtenerzähler und subtiler Beobachter des deutschen Alltags. Jetzt hat er seinen Debütroman „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ geschrieben (Galiani Berlin). 

Der Text handelt von Sascha Labude, einem 13-jährigen Jungen, der in der Nachwendezeit in einem fiktiven ostdeutschen Ort namens Klein Krebslow aufwächst. Sascha wohnt in einer Plattenbausiedlung, die ihren alten Glanz verloren hat. Wir schreiben das Jahr 1994. Die DDR ist untergegangen. Mit ihr die Regeln und das Wertesystem. Doch die Menschen sind geblieben. Während Sascha erwachsen wird, spürt er, wie die Nachwehen des Systemwechsels bis in seine Zeit und seine Siedlung hineinreichen. Die Erwachsenen verlieren ihre Jobs, müssen sich neu erfinden, neues Geld, neue Chefs akzeptieren, verlieren ihr Vertrauen, zum Teil sogar – wie Saschas Vater – ihre Sprache. Einige finden in der Gewalt ein Ventil, andere in der inneren Immigration. Sascha Labude, ein sensibler Junge, der seltene Wörter aus fremden Sprachen sammelt, für die es im Deutschen keinen Begriff gibt, nennt die DDR „das alte Land. Wie ein Stern glüht es am Horizont: „Obwohl ich es noch sehen konnte, war es lange erloschen.“ Der Roman erzählt nicht nur von der Nachwendezeit, sondern vor allem von Sascha und seiner Freundin Juri. Es geht um ihre erste Liebe, ums Erwachsenwerden, die Melancholie des Alltags im Osten, den Frust in einer neuen, chaotischen Ära. Björn Stephan versetzt eine universelle Geschichte an einen Ort, der im westdeutschen Diskurs keine Schönheit kennt. Mit seiner Sprache zeigt er sie uns.

Berliner Zeitung: Herr Stephan, Sie arbeiten als freier Reporter. Jetzt ist Ihr Debütroman erschienen, eine Coming-of-Age-Geschichte, die 1994 in einem fiktiven Ort in Ostdeutschland spielt. Der Ich-Erzähler heißt Sascha Labude und ist 13. Wollten Sie diesen Roman schreiben, um eine neue literarische Form für Ihre Gedanken zu finden?

Björn Stephan: Ja, total. Es gab zwei Gründe: Ich wollte mit der fiktionalen Form experimentieren. Als Reporter recherchiere ich sehr akribisch und schreibe nur, was ist. Mich hat es gereizt, freier zu sein, eine Geschichte zu erfinden, zu schreiben, was gewesen sein könnte. Der zweite Punkt war das Inhaltliche: die Auseinandersetzung mit Ostdeutschland und meiner Herkunft. Was bedeutet es heute noch, ostdeutsch zu sein? Da kam ich sehr schnell darauf, dass ich gerne einen Roman schreiben würde, der in der Nachwendezeit spielt, in einer Plattenbausiedlung, mit jugendlichen Figuren.

Bildrechte: Björn Stephan
Das Leben in der Platte kann schön sein. Das vermittelt der Debütroman von Björn Stephan. 

Vielleicht eine No-go-Frage, aber ich stelle Sie trotzdem: Gibt es biographische Parallelen zwischen Ihnen und dem Protagonisten Sascha?

Der Plattenbau ist ein Ort meiner Kindheit. Es sind auch gewisse Aspekte aus meinem Leben in das Buch eingeflossen, aber man sollte es trotzdem nicht einfach biographisch lesen.Klein Krebslow ist nicht der Ort, wo ich groß geworden bin. Und Sascha Labude, der Ich-Erzähler… das bin nicht ich. Das ist eine Figur, die ich mir ausgedacht habe. Und ich finde, dass darin ja gerade die Magie von Literatur liegt: Dass man eine Geschichte erfindet, die dann wiederum andere zu ihrer eigenen machen.

Was hat Sie am Stoff des Romans besonders interessiert?

Ich wollte die Gleichzeitigkeit der Umbrüche beleuchten. Im Roman gibt es vor allem zwei davon: einmal historisch – die Nachwendezeit, die Arbeitslosigkeit, die neuen Verhältnisse, die Entwertung von Lebensleistungen. Das kann man am Plattenbau gut erzählen, weil die Wohnungen dort vor der Wende noch heiß begehrt waren. Erst danach haben die Gebäude den Makel des Verfalls aufgeprägt bekommen. Plötzlich hieß es, dass da nur Asoziale wohnen. Der andere Umbruch ist der Umbruch im Leben von Sascha Labude und seiner Freundin Juri. Zwei Jugendlicher, die gerade in der Pubertät sind, also an der Schwelle von der Kindheit zum Erwachsenenleben stehen. Und die versuchen sich in einer Welt, die gerade aus den Fugen geraten ist, zurechtzufinden. Aber gleichzeitig der Versuchung nicht widerstehen können, sich auch aus dieser Welt davon zu träumen.

Sie haben vorhin gefragt: „Was heißt es heute noch, ostdeutsch zu sein?“ Warum beschäftigt Sie die Frage im Jahr 2021 noch?

Das Nachdenken über das Ostdeutschsein fing bei mir vor etwa fünf Jahren an. Früher habe ich mich nie als Ostdeutscher verstanden, sondern als Norddeutscher, weil ich in Schwerin aufgewachsen bin. Ich dachte, Ost und West seien längst überwundene Kategorien. Dieses Empfinden hat sich erst geändert, als ich nach Hamburg gezogen bin und dort meinen ersten Job angefangen habe. In Hamburg wurde ich als Ostdeutscher und nicht als Norddeutscher gelesen. Irgendetwas hat diese Erfahrung mit mir gemacht. Der Begriff „Ostdeutscher“ hat mich gekränkt, weil er auch genau so kränkend gemeint war. Dann habe ich mich mit dem Begriff auseinandergesetzt und ihn mir zurückerobert. Ich bin zu dem Ossi geworden, der ich nie war. Heute verwende ich den Begriff selbstbewusst und ohne Scham. Und damit bin ich nicht alleine. Es gibt eine wachsende Generation, die sich aktiv mit dem Begriff „Ostdeutscher“ identifiziert. Was bestimmt auch daran liegt, dass jedes Jahr große Teile der Abiturjahrgänge zum Studieren in den Westen gehen und ähnliche Erfahrungen machen wie ich.

In Polen etwa ist das Thema „Volksrepublik“ gar kein Thema mehr. Der Kommunismus ist im kollektiven Bewusstsein verarbeitet. Warum nicht in Deutschland?

Das ist eine gute Frage, auf die ich auch keine letztgültige Antwort habe. Aber was ich sagen kann, ohne mich zum großen Osterklärer aufschwingen zu wollen, ist, dass ich glaube, dass die Nachwendezeit noch gar nicht bis ins kleinste Kapitel aufgearbeitet und verstanden ist. Das sieht man beispielsweise an der Art des öffentlichen Erinnerns. Noch immer fokussiert sich da wahnsinnig viel auf die Unrechtsstaat-Debatte. Eine endlose Diskussion, die sicher wichtig ist, aber uns nicht immer weiterbringt, weil viele Menschen sich und die Leben, die sie in der DDR geführt haben, in dieser Debatte und dieser Sprache des Erinnerns nicht wiederfinden. Und genau diese Diskrepanz, diese Lücke finde ich spannend, weshalb ich auch versucht habe, mit meinem Roman in dieses Dazwischen zu schauen. Wobei der Blick zurück in die DDR für mich nicht so wichtig war. Auch nicht der Mauerfall selbst. Sondern was mich interessiert, ist, was in den Jahren danach passiert ist. Plötzlich treibt es einige Menschen nach oben, andere erleben den Abstieg. Diese Kippmomente, die sind natürlich für jeden Geschichtenerzähler spannend.

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Die Melancholie Ostdeutschlands, wie sich in Björn Stephans Debütroman zeigt.

Ein Sytemwechsel traumatisiert. Aber auch die Nachgeborenen?

„Traumatisiert“ ist ein großes Wort. Aber ich bin mir sicher, dass es etwas macht mit einem Menschen, wenn seine Eltern in zwei Systemen gelebt haben. Und ich bin mir auch sicher, dass es, obwohl die DDR untergegangen ist, so etwas wie Ostdeutschland gibt. Einen Sozialisationsraum, in dem wir uns bewegen. Und ich meine damit nicht, dass ich anders als beispielsweise meine Frau, die aus Niedersachsen kommt, weiß, was ein Polylux ist oder „Klingklang“ von Keimzeit mitsingen kann, ein Lied, das in Ostdeutschland immer noch auf jedem Geburtstag gespielt wird. Sondern es geht auch um Macht- und Repräsentationsfragen. Die beschäftigen uns doch immer noch. Etwa die Tatsache, dass immer noch viel zu wenige Ostdeutsche Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Kultur einnehmen.

Sie wohnen ja aktuell in München. Nehmen Sie sich immer noch ein stückweit als Fremder wahr?

Ich war vor kurzem beim Zahnarzt. Da kam ich ins Gespräch mit der Arzthelferin. Wie viele Menschen aus Bayern hält sie Bayern für das Paradies auf Erden. Nun ist es wirklich sehr schön hier, doch was interessant war: Sie war noch nie in Ostdeutschland, und das 30 Jahre nach der Wende. Sie wusste nicht mal, wo Schwerin ist. Das fand ich dann doch ziemlich erschreckend. Auch hatte ich das Gefühl, dass sie ein wenig auf meine Herkunft herabschaut. Aber das war wirklich ein seltener Moment. Man sieht mir das Ostdeutsche ja nicht an.

Ihr Roman ist so besonders, weil er Klischees über den Osten vermeidet und frisch über die Nachwendezeit erzählt. Es gibt keine Tristesse, wenig Dunkeldeutschland, sondern vor allem Schönheit und Melancholie. Wie haben Sie das geschafft?

Das freut mich! Ich wollte auch auf keinen Fall in die Klischeefalle tappen. Wie ich das geschafft habe, ist gar nicht so leicht zu beantworten, ich habe einfach versucht der Stimme von Sascha Labude zu folgen. Ich wollte ja nichts Programmatisches über die DDR schreiben, sondern den Figuren zuhören. Die Schwierigkeit war, eine Zeit zu beschreiben, die ich selbst nicht als Jugendlicher erlebt habe. Meine Figuren sind ja älter als ich. Ich wollte, dass die historischen Details stimmen und natürlich spielen auch Themen wie Arbeitslosigkeit und Rechte Gewalt eine wichtige Rolle. Aber andererseits handelt das Buch auch ganz einfach von der ersten Liebe, von Freundschaft und dem Erwachsenwerden, davon wie es ist, 13 Jahre alt zu sein. Und 13 sein, das ist ja wirklich eine universelle Erfahrung.

Sascha sammelt Wörter und versteht, mit fremden Begriffen neu auf die Wirklichkeit zu blicken. Ich lese da eine Sprachkritik heraus: Mit der DDR sind Wörter untergegangen, die früher noch Bestand hatten. Neue Wörter kamen aus der BRD, ohne die alten ersetzen zu können. Das kann verstören, oder?

Ich denke schon. Sprache kann ja auch ein Ausdruck von Macht sein. Weshalb Menschen das Gefühl bekommen, dass ihnen da was übergestülpt wird. Das passiert ja überall und bei allen Systemwechseln. Wobei die offizielle Sprache der DDR nicht so war, dass Sascha Labude sie sich zurückwünschen würde. Deshalb sammelt er auch seine einzigartigen Wörter, die zum Teil aus sehr exotischen Sprachen kommen, weil er versucht eine eigene, vielleicht auch neue Sprache zu finden, mit der er seine Wirklichkeit beschreiben kann. Im Kontrast dazu steht die Sprachlosigkeit seines Vaters, der seitdem er seinen Job verloren hat, verstummt ist und kaum noch mit Sascha redet.

Gab es eine Sache in der Recherche zum Buch, die Sie überrascht hat?

Überrascht hat mich, dass der Begriff „Platte“ im Osten erst nach der Wende gebräuchlich wurde. Das habe ich in Steffen Maus fantastischem Buch „Lütten Klein" gelesen. Das war für mich so ein Aha-Moment, dass der Westen dieses Wort, das ja immer mit Tristesse assoziiert wird, für den Osten geprägt hat. Im Buch kommt „Platte“ übrigens kein einziges Mal vor. Da sprechen die Leute von „Neubauten“ oder einfach von der „Siedlung“.

Was sollte ein Leser fühlen, wenn er das Buch zumacht?

Oh, das weiß ich nicht. Ich will als Autor nicht vorgeben, wie sich Menschen fühlen sollen, die mein Buch gelesen haben. Aber ich denke, es ist so wie bei jedem Buch, jeder liest es mit seinen eigenen Themen. Für mich selbst war zum Ende hin vor allem auch der Gedanke von Abschied und Heimkehr wichtig. Deshalb gibt es auch eine Gegenwartsebene im Buch, in der Juri als erwachsene Frau an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt. Ich glaube, das ist ein zentraler Punkt. Es gibt viele Ostdeutsche, die Ostdeutschland verlassen, aber nicht genügend, die zurückkehren. Manchmal frage ich mich, wie Schwerin wäre, wenn wir alle damals geblieben wären. Früher wollte ich unbedingt von dort weg. Aber je älter ich werde, desto häufiger denke ich: vielleicht kehre ich doch irgendwann zurück.

Björn Stephan: „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“, Galiani, Berlin 2021, 352 S., 22,- Euro.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.

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