Berlin - Ich war ziemlich geladen, als ich zu ihr fuhr. Mit dem Fahrrad von Neukölln nach Moabit: Die Regisseurin Elke Lehrenkrauss hatte mich zu sich nach Hause eingeladen. Sie war bereit, mit mir zu sprechen.

Sie haben es vielleicht in den Zeitungen verfolgt: Der preisgekrönte NDR-Dokumentarfilm „Lovemobil“, der die Arbeit von Straßenprostituierten in Wohnwagen zeigt, ist in die Kritik geraten. Das sendereigene Format „STRG+F“ hat herausgefunden, dass die angeblich authentischen Szenen nachgestellt sind, teilweise mit Schauspielern. Ganze Passagen frei erfunden. Die Doku, die sich rühmte, so nah an der Realität der Prostitution zu sein wie keine zuvor: ein Fake. Sogar ein Mord soll erfunden worden sein, ein Mord an einer Sexarbeiterin. Einfach so, weil es zum Klischee passte. Weil man das eben so hinnimmt, unsereins wird halt öfter mal ermordet.

Die Regisseurin Elke Lehrenkrauss, konfrontiert mit den Vorwürfen, antwortet, das sei nicht weiter schlimm, denn ihre Darstellung sei die viel authentischere Realität.

Peng. Eine Bombe ist hochgegangen. Alle Leitmedien stürzten sich auf diesen neuen Relotius-Skandal. Verständlich, denn alle, die sich jetzt empören, waren dem Film auf den Leim gegangen und sind nun peinlich berührt. Von der eigenen Dummheit.

Reality-Check

Wie konnte es dazu kommen? Oder, wie sich der verantwortliche Redakteur, Timo Großpietsch, in der Recherche von „STRG+F“ betroffen fragt: Wann hätte es mir auffallen müssen? Ja, wann wohl? Wer, der bei Verstand ist, hält solche Szenen für echt? Freier, die sich für ihren Stich am Straßenstrich ausgerechnet den Wohnwagen aussuchen, der von einem Filmteam umstellt ist? Und sich beim intimen Tête-à-Tête filmen lassen? Illegale Prostituierte, die mit ihren Luden vor der Kamera streiten? Zuhälter und Menschenhändler, die ungeniert aus dem Nähkästchen plaudern? Und ein Drehteam, das darauf hin nicht in einem Zeugenschutzprogramm verschwindet? Wenn hingegen ich mich in der Öffentlichkeit äußere, heißt es immer, alles, was ich sage, sei mit Vorbehalt zu betrachten. Ich sei ja nur die Ausnahme. Nicht das wahre Gesicht der Prostitution.

Kaum ein Archetyp vereint so gegensätzliche Extreme in sich wie die Hure: Ist sie ein willenloses Stück Fleisch oder eine verschlagene Verführerin? Mir ist nur meine kleine Nische vertraut. Aber ich habe viele Kolleginnen aus anderen Zweigen der Branche, wir sind schließlich vernetzt. Das, was sie erzählen, ist ganz anders als „Lovemobil“. Aber das gilt für so ziemlich alle TV-Dokus über Sexarbeit in Deutschland, seit sie legalisiert ist. Darum hat der Skandal uns nicht wirklich überrascht. Dokus mit reißerischen Titeln wie „Kauf mich! – Geschichten aus dem Rotlichtmilieu“ (2011), „Sex – Made in Germany“ (2013), „Bordell Deutschland“ (2017), „Rotlichtreport Deutschland“ (2018) oder jüngst „Prostitution: Kein Job wie jeder andere“ (März 2021).

Sie alle zeigen ein stereotypes Bild von Prostituierten – in der Mehrheit hilflose, gern etwas dümmliche Opfer, die für Geld alles tun, was fiese Wüstlinge von ihnen verlangen. Wesen, die Alice Schwarzer an ihren „toten Augen“ erkennen will. Und auf der anderen Seite die vermeintlichen Nutznießer dieses Leids, nämlich die bösen Huren, gern lacklederne Dominas inmitten ihrer Arbeitsinstrumente. Ein ehemaliger Rocker, der heute eine Kampfsportschule leitet. Ein pensionierter Polizist, der seine Storys von vor der Jahrtausendwende auspackt. Und zwischendurch benutzte Kondome auf dem Spielplatz, Nahaufnahme. Je mehr Ekel und Leid, desto besser für die Quote. So anders ist „Lovemobil“ nicht. Der Film zeigt genau das, was die Mehrheitsgesellschaft schon immer über Prostitution dachte, weil sie es regelmäßig im „Tatort“ sieht.

Verdammt! Die gesamte Filmwelt hat keine Sekunde an der Authentizität dieser Elendspornografie gezweifelt. Niemand kam auf die Idee, dass es vielleicht arg klischeehaft sein könnte, dass die Überraschungsmomente so gänzlich fehlen, die Wirklichkeit eigentlich ausmachen. Man gefiel sich allseits in seiner Bestätigung. Ich dachte, während ich zu Lehrenkrauss radelte: Was, wenn „Lovemobil“ in Wirklichkeit vom Team Jan Böhmermann wäre, als Köder, um zu testen, was Jurys und Gremien alles durchgehen lassen? Hat ja lange gedauert, bis ihr’s endlich gemerkt habt!

Inszenierte Realität

Warum hat Lehrenkrauss diesen Film gemacht? Das wollte ich von ihr selbst hören.

Sie saß erschüttert in ihrer Wohnung. Unter Schock. Sie hatte noch nicht einmal alles gelesen, was an Artikeln und Kommentaren über sie im Umlauf war. Was würde nun mit ihren weiteren Projekten werden? Sie dachte, wenn sie ganz still hielte, würde man ihr irgendwann verzeihen oder die Sache vergessen. Sie blockte alle Medienanfragen ab. Nur mich lud sie ein, die Huren-Lobbyistin. Als hätte sie darauf gewartet, dass ich mich melde. Sie wollte mir dringend etwas sagen, und dann auch wieder nicht. Erst nach mehreren Anläufen gab sie es preis, Stück für Stück.

Es gab den Mord. Polizeiakten belegen es. Und es ist ja wahr, so etwas geschieht, dass Huren Opfer von Gewalt werden, von Hassverbrechen. Einfach weil sie Huren sind. Weil sie an den äußersten Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Warum müssen diese Frauen auch in Wohnwagen arbeiten, die man mit einem Taschenmesser aufbrechen kann, mitten im Nirgendwo? Wem nützen eigentlich die Sperrbezirke? Übrigens ist der Film auch sonst so unwahrhaftig nicht: Es gibt die Protagonistinnen. Und sie stehen hinter dem Film. Lehrenkrauss spielte mir Sprachnachrichten vor. Mehr Wirklichkeit geht eigentlich kaum.

Allen Autor*innen ist zu misstrauen, sofern sie behaupten, sie bildeten die Realität ab. Bilder zu machen bedeutet, bewusst einen Ausschnitt zu wählen, zu beschneiden, Dinge in eine künstliche Ordnung zu bringen. Zusammenhänge zu konstruieren. Zu bewerten, zu suggerieren. Je vermeintlich dokumentarischer, umso tückischer. Man kann uns ja alles erzählen, was über unsere unmittelbare eigene Erfahrungsmöglichkeit hinausgeht. Und wir glauben es umso eher, je mehr es zu unseren Vorurteilen passt.

Mich erinnert diese Gier nach Authentizität an Tierfilme. Schaut, diese Bilder von kopulierenden Amurleoparden wurden so noch nie im Fernsehen gezeigt! Spektakulär!

Nur dass wir keine Tiere sind, sondern Menschen. Wir wissen, dass eine Kamera eine Kamera ist. Auch ich wurde schon von Fernsehleuten gefragt, ob sie mich mal an einem „typischen Arbeitstag“ mit der Kamera „begleiten“ könnten. Mit „begleiten“ meinten sie, ins Hotelzimmer gehen, wo ich dann ganz „typischen“ Geschlechtsverkehr mit einem „typischen“ Kunden haben sollte. Dem ich dann sagen würde, da ist heute übrigens ein Drehteam von Spiegel TV, lass dich nicht stören! So dachte sich das die Redaktion.

Es gibt keinen Sex vor der Kamera, der keine Pornografie ist, also Sex für die Kamera. Es sei denn, die Kamera ist eine versteckte Kamera. In diesem Fall handelte es sich aber um eine Straftat. Alles, was Menschen vor einer Filmkamera tun, von der sie wissen, ist gestellt.

Die Ordnung wiederherstellen

Jetzt hat der NDR die Sache also mit einer hauseigenen Investigativ-Recherche aus der Welt geschafft, ohne selbst Schaden zu nehmen. Das Vertrauen ist wiederhergestellt. Oder? Wir haben bei diesem Skandal die klassische Trias, die auch beim Reden über Prostitution immer auftaucht: Es gibt Täter, Opfer und Retter.

Die Täterin ist allein Lehrenkrauss. Die Medien zogen sie am Ring durch die Manege. Sie ist der Prototyp der betrügerischen, anmaßenden Frau. Die Lügnerin, die Hochstaplerin, die andere getäuscht hat, aus Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. Die Hybris in Person. Man zweifelt sogar an ihrer Zurechnungsfähigkeit, sie ist wohl eine Spinnerin, vielleicht gar psychisch krank. Wie dem auch sei, sie ist durch, erledigt. Nie wieder soll sie es wagen, im Filmgeschäft etwas zu wollen. Der Redakteur Timo Großpietsch ist das Opfer.

Er fragt sich betroffen, wie und wann er denn den Betrug hätte bemerken können. Meine Alarmglocken schrillen bei so viel Selbstgefälligkeit. Er zeigt sich betreten. Ein guter Mann, dem übel mitgespielt wurde. Ja, er ist nicht unfehlbar, auch er kann einer Täuschung unterliegen. Wenn sie so dermaßen perfide ist. Gut, dass der NDR so selbstkritisch damit umgeht. Gut auch, dass man endlich was gegen Lehrenkrauss haben kann, die Frau galt doch als so begabt.

Die Retter: Das Team von „STRG+F“. Sie sind mit dem Fall bekannt geworden. Aber warum geht die Aufklärung nicht weiter? Was ist mit all den anderen Dokus über Sexarbeit? Hat auch dort eine ideologische Voreingenommenheit den kritischen Blick vernebelt? Doña Carmen e.V. fordert anlässlich des „Lovemobil“-Skandals „eine Überprüfung solcher Sexarbeits-Dokus von unabhängiger Seite, in Kooperation mit Wissenschaftler*innen sowie Vertreter*innen der Interessensverbände von Sexarbeiter*innen.“ Doch soweit ich weiß, hat „STRG+F“ nichts dergleichen vor. Der Fehler ist korrigiert worden, die Einzelperson, die ihn gemacht hat, wurde aussortiert, alles ist wieder in Ordnung. Ist es nicht übrigens etwas speziell, wenn die Aufarbeitung eines solchen Skandals von der eigenen Firma kommt und finanziert wird statt von unabhängiger Stelle? Wie kann man denn sicher sein, dass wirklich alles aufgedeckt wird und nicht nur oberflächliche Maßnahmen zur Gesichtswahrung erfolgen?

Warum hat eigentlich die Cutterin Irem Schwarz, von der der Hinweis stammt, die Täuschung erst nach anderthalb Jahren aufgedeckt? Kurze Internetrecherche, Homepage, E-Mail an sie, Telefongespräch: Sie sagt es ganz offen, sie hatte Angst und Grund dazu.

Ira

Lehrenkrauss wollte eigentlich einen ganz anderen Film machen. Ein „Kaleidoskop“ der Vielseitigkeit der Sexarbeit, am kleinen Ausschnitt der Landstraße. Über die Frauen, deren Mut sie bewunderte, seit sie diese rot und bunt beleuchteten Wohnwagen in ihrer Kindheit bei Gifhorn gesehen hatte. Ihr Vater war Gynäkologe. Die Frauen kamen zu ihm in die Praxis. Sie faszinierten sie, diese Außenseiterinnen am Rand der Gesellschaft. Sie wusste nichts von politischen Debatten über Prostitutionsverbote. Sie begriff, glaube ich, erst durch unser Gespräch, wofür ihr Film benutzt wurde. Ein Film, der, wie sie immer wieder beteuerte, doch nicht die Sexarbeit abbilden sollte, sondern nur die Geschichten ihrer Protagonistinnen – von denen es am Ende nur zwei in den Film schafften.

Interessant ist, welche es nicht schafften: Da wäre nämlich eine Figur namens Ira, die so ziemlich das Gegenteil der beiden verzweifelten jungen Armutsprostituierten ist. Eine 60-jährige Sexarbeiterin, die ihren Job liebt. Von über 100 Stunden Gesamtmaterial fällt angeblich fast ein Drittel auf Iras Geschichte. Eine Geschichte, die mir viel glaubwürdiger vorkommt als der restliche Film: Iras Leben in dem kleinen Dorf, wo sie niemandem von ihrer Arbeit erzählen konnte, wo niemand von ihrem Wohnwagen wusste. Ihr Outing vor der besten Freundin, die erstaunlich liebevoll reagiert. Und die Treue zu ihrem Mann, den sie pflegt und versorgt und nach über 23 Jahren heiratet. Er erlag seiner Krankheit noch während der Drehzeit. Eine Geschichte, die zum Gesamtbild gehört? Die Redaktion war anderer Meinung. Timo Großpietsch mochte Ira nicht, die Geschichte sollte raus.

Was tut nun Lehrenkrauss, die Debütantin ohne Standing, ohne Produktionsfirma, der man ihren Debütfilm auf diese Weise kaputt machen will? Protestiert sie? Riskiert sie einen Konflikt? Weigert sie sich schlichtweg? Kann sie das überhaupt, wenn am Ende der Sender das letzte Wort hat? Sie ist vertraglich gebunden. Wenn der Film der Redaktion nicht gefallen hätte, wäre es ihr erster und letzter Film gewesen. Zumindest musste sie das vermuten. Ich denke an das, was im Film die Freier zu den Frauen sagen: „I gave you the money, you do what I want.“ The money: 36.000 Euro. Für drei Jahre Arbeit und das ganze Team. Es handelt sich also hier um Billigprostitution von Dokfilm-Nutten. Sie tun es freiwillig. Niemand ist gezwungen, aber wer nicht mitmacht, trägt allein die Konsequenzen. In der Sexarbeit wie im Kulturbetrieb kommt es darauf an, die Arbeitsbedingungen grundlegend zu verbessern.

Nach unserem Kennenlernen ist Lehrenkrauss entschlossen, Iras Geschichte auf eigene Faust zu erzählen. Ich wünsche ihr viele Unterstützer*innen. Ich bin eine davon.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.