Berlin - Die deutsche Fernsehunterhaltung strapaziert uns mit einer Vielzahl von Wiederholungen. Doch diese hier ist mit Abstand die penetranteste: Der FC Bayern ist zum neunten Mal hintereinander Deutscher Meister geworden.

Wir kennen die Bilder zur Genüge: Halbfröhliche Jungspunde duschen einander routiniert mit Weißbier ab, kaum ausgelassener als eine Bande Autoverkäufer, die einer Oma einen SUV angedreht hat. Die Funktionäre nicken das Prozedere von der Ehrentribüne aus gelangweilt ab, denn den Titel zu holen, ja, gut ... äh: Das war nun auch das Mindeste.

Und dann gehen wir nach Hause, am Ende einer Saison, die uns kraft ihrer bombastischen Überinszenierung wieder mal die Hoffnung untergejubelt hat, sie werde – haha! – spannend, dabei haben wir es doch gleich geahnt und waren bloß zu naiv und zu wundergläubig, es uns einzugestehen: Es ist auf das ewig Gleiche hinausgelaufen. Vulgo: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.

Keine Lust auf Umzüge, Marathonläufe und Elternabende

Nun ahnen Sie vielleicht, dass ich mich nicht zum neunten Mal hintereinander freue, dass der FC Bayern Deutscher Meister geworden ist. Ich habe mich, um ehrlich zu sein, noch nie darüber gefreut. Denn ich hasse den FC Bayern. Und ich will hier mal versuchen zu erklären, warum das so ist.

Nichts leichter als das. Aber auch nichts schwerer. Denn eigentlich hasse ich Hass.

Hass verroht und verwahrlost den, der hasst. Deshalb lasse ich lieber die Finger davon.

Es ist ohnehin zu viel im Umlauf. Wer kann, der sollte lieben. Wer nicht kann, sollte die Augen schließen, tief durchatmen und bis zehn zählen, statt seinen Hass auszukippen wie Benzin ins Feuer.

Und nicht zuletzt: Hass ist anstrengend. Darauf habe ich keine Lust, ebenso wenig wie auf Umzüge, Marathonläufe und Elternabende.

Ich würde gern sagen: Ich mag den FC Bayern nicht. Man kann ja nicht jeden mögen, zumal im Fußball. Jemanden nicht zu mögen, lässt einem die Option offen, ihn zu ignorieren.

So ignoriere ich etwa die TSG 1899 Hoffenheim. Es käme mir lächerlich vor, wegen des Spielzeugs eines Milliardärs zu verrohen und zu verwahrlosen. Für mich hat die Bundesliga seit dem Auftauchen dieses und eines anderen Vereins, der hier nicht genannt werden soll, nur noch 16 Mitglieder. Toleranz durch Nichtbeachtung: Mit der gleichen Haltung begegne ich Mode- und Restaurantketten, der Faszination meiner Tochter für die „Eiskönigin“ und Mario Barth.

Leider ist mir das beim FC Bayern nicht möglich. Zu schmerzhaft brennt in mir die Abscheu, als dass ich nicht täglich daran denken könnte.

Ja, ich hasse den FC Bayern. Und wie ich ihn hasse! Wenn es auf der Welt nur einen Fan gibt, der den FC Bayern so liebt, wie ich ihn hasse, sollten sie in München ihre Arena nach ihm benennen.

Wo Arno Schmidt Urlaub machte und James Lasts Mutter eine Freundin hatte

„Wohin mit dem Hass, den ich spür’?“, sang Jochen Distelmeyer. Ich verwahre ihn in meinem Privatmuseum des Hasses, das voll von Schlachtengemälden, zerschmetterten Skulpturen und morschen Totems ist. Dort sitze ich und kuratiere meine negativen Emotionen. Aber ich gedenke nicht, mich jemals zu prügeln, einen Bus mit Steinen zu bewerfen oder jemandem das Banner zu stehlen.

Ich möchte mich lieber der Frage widmen: Woher kommt der Hass, den ich spür’?

Ich habe noch nicht erwähnt, dass ich den SV Werder liebe. Hier könnte der Text enden, wenn er sich nur an diejenigen wendete, die so empfinden wie ich. Wir könnten den Weißraum nutzen, um unseren Bayern-Hass hineinzubrüllen.

Für alle anderen möchte ich weiter ausholen.

Ich bin in Diepholz bei Bremen aufgewachsen, in einer Gegend, auf die die Sonne der Kultur nicht sehr oft scheint. James Lasts Mutter hatte eine Freundin in der Stadt, die sie manchmal zum Kaffee besuchte. Arno Schmidt machte Urlaub am Dümmersee. Und Ferdinand Celine verbrachte als Austauschschüler ein unglückseliges Jahr in Diepholz. Aber googelt man heute „Celine“ und „Diepholz“, landet man bei einem Artikel über die Gewinnerin des Vorlesewettbewerbs der Realschule. Unser Kunstbegriff beruht allein auf Genies wie Johan Micoud, die der Weltgeist aus Mitleid zu uns entsandt hat. Wenn Roberto Donadoni das „Licht des San Siro“ war, wie die Mailänder sagen, dann waren die Spielmacher des SV Werder das Licht der norddeutschen Tiefebene.

Der Verein ist alles in diesem Nichts. Sein Slogan lautet „100 Prozent Werder“. Was meinen Vater anbelangt, würde ich von 130 Prozent ausgehen. Ihn einen Fan zu nennen, wäre eine Verniedlichung, man muss das Wort schon ganz aussprechen: Fanatiker. Sein Bruder, mein Onkel, war mal 2. Vorsitzender der Werder-Tischtennissparte und hat es, obwohl er auch ein angesehener Arzt gewesen ist, in den Augen meines Vaters erst durch dieses Amt zu etwas gebracht. Beide lieben Werder, ohne dass ich es ihnen krummnehmen würde, 30 Prozent mehr als ihre Kinder.

Ein ganz normales Foul.

Uli Hoeneß, 1986

Doch mehr noch, als sie den SV Werder lieben, hassen beide den FC Bayern. Und wie ich von der väterlichen Linie den Haarausfall, den Hang zur grundlosen Übellaunigkeit und die Fähigkeit, überall innerhalb von Sekunden einschlafen zu können, geerbt habe, ist auch ihr Bayern-Hass auf mich übergegangen.

Natürlich bin ich nicht als Hassender auf die Welt gekommen. Als Kleinkind werde ich noch gar nicht gewusst haben, dass weit jenseits des Weserberglandes, an dem meine Welt damals endete, das Mordor des Fußball liegt: München. Es bedurfte einer Initiation. Es war die Saison 1985/86, ich war sieben, als ich zu hassen begann.

Am 16. Spieltag der Saison eilte Rudi Völler auf das Tor der Bayern zu, spitzelte den Ball an Klaus Augenthaler vorbei, der ihn umhackte wie ein Holzfäller eine Fichte im Allacher Forst. Völler, mein Idol, dem ich jeden Tag nacheiferte, indem ich die Wäschepfähle ausdribbelte und den Ball ins Gestänge der Schaukel drosch, riss sich die Adduktoren im linken Oberschenkel und fiel für fünf Monate aus. Auge sah nur Gelb.

„Ein ganz normales Foul“, so der Bayern-Manager Uli Hoeneß.

„Wir spielen ja nicht Schach“, so der Bayern-Trainer Udo Lattek.

„Ich hasse sie wie die Pest“, so mein Vater.

Im Rückspiel, in dem Völler endlich sein Comeback feierte, verschoss Michael Kutzop zwei Minuten vor Schluss den Elfmeter, der uns vorzeitig die Meisterschaft gesichert hätte. Die holte sich am letzten Spieltag der FC Bayern. Es war der einzige Fehlschuss in Kutzops Karriere bei 41 Versuchen. Und wie der Ball mit aufreizender Langsamkeit vom Pfosten ins Toraus trudelte, so trudelte auch die vage Chance, dass aus mir ein Siegertyp hätte werden können, aus meinem Leben. Ich saß auf dem Teppich vor dem Fernseher, weinte, greinte und begann, das Pech zu hassen – und den, der im Besitz des Gegenteils war: den FC Bayern.

Dieses Gegenteil war nicht das Glück, das seine Gunst einigermaßen gleichmäßig verteilt. Es war der Dusel. Ein Butzemann des Schicksals, der armen kleinen Kindern wie mir die Freude wegnimmt und sie den Bayern schenkt. Ich höre noch, wie mein kleines Herz bricht, weil der Dusel darauf herumtrampelt, grinsend, feixend, schuhplattelnd. Denken Sie sich an dieser Stelle bitte einen traurigen Smiley hinzu.

Abends zog ich los und zerstörte ihre Bauwerke

Um zu verdeutlichen, wie tief mein Hass schon nach jener Saison saß, möchte ich von unserem Nachbarn erzählen. Er war ein herzensguter Mann, der uns, wenn wir als Kinder an Karneval verkleidet durch die Dorfstraße zogen und „Ich bin ein kleiner König, gib mir nicht zu wenig“ sangen, den Beutel großzügig mit Süßigkeiten füllte. Leider hatte er frappierende Ähnlichkeit mit Uli Hoeneß. Es ist mir nachgerade unangenehm, das zuzugeben, aber ich begann, auch ihn zu hassen.

Ich hasste Schulkameraden, die so schwach gewesen waren, sich vom Dusel zur Bayern-Liebe verführen zu lassen. Ich hasste Leute, die Opel fuhren, weil der Konzern Trikotsponsor des FC Bayern war. Ich hasste Norbert Nachtweih, Norbert Eder und alle anderen Norberts. Ich hasste Urlauber, die am Strand mit Muscheln „FC Bayern“ in ihre Sandburgen schrieben. Abends zog ich los und zerstörte ihre Bauwerke.

Bei all dem Hass muss ich aber sagen: Es war ein herrlicher, prachtvoller, stolzer Hass. Denn er wurde ja erwidert. Wir hassten die Bayern, sie hassten uns. Ich hasste Markus, den Bayern-Fan aus meiner Klasse, er hasste mich. Uli Hoeneß hasste Willi Lemke, Lemke hasste Hoeneß. Rudi Völler sagte, er würde sich eher „die Hand abhacken lassen oder in den Sudan gehen“, als nach München zu wechseln.

Wir waren ihre Konkurrenten, Rivalen, epischen Feinde

Andere waren nicht so charakterfest: Herzog, Basler, Pizarro, Ismaël, Borowski, Klose, sogar der Trainer Otto Rehhagel. Doch bei aller Enttäuschung über ihre Treulosigkeit bargen diese Transfers ein Kompliment in sich: Der FC Bayern, Krösus der Liga, kauft eben nur bei den besten Juwelieren ein.

Wie die Spieler in jenen Jahren glänzten, wie die Trophäen glänzten, die Augen im Flutlicht, mein Hass! Drei Mal, 1988, 1993 und 2004, wurden wir Deutscher Meister und verwiesen den FC Bayern auf die billigen Plätze. Wir waren ihre Konkurrenten, Rivalen, epischen Feinde, ineinander verhakt wie zwei Boxer im Clinch, die den letzten, entscheidenden Schlag schon in der Faust spüren.

Jeder Sieg gegen die Bayern war umso köstlicher, als wir damit ein von ihnen formuliertes Naturgesetz brachen: das ihrer eigenen Unbesiegbarkeit. Herrlich, wie sie sich wanden und jammerten, wie sie reklamierten und sich beschwerten, beim Schiedsrichter, beim Fußballgott, bei ihren Mamas, weil die gemeinen Bremer ihnen die Punkte weggenommen hatten wie einen Lutscher, der doch ihnen und nur ihnen gehörte. Und herrlich, wie dadurch trotz aller Genugtuung der Hass nicht einfach verschwand, sondern im Gegenteil weiter anwuchs.

Das Licht über der Norddeutschen Tiefebene ist sehr schwach geworden

Wenn ich nur gewusst hätte, dass der 5:2-Sieg am 20. September 2008 bis heute der letzte bleiben würde, vielleicht bis in alle Ewigkeit – ich hätte diesen Tag geheiratet, bis dass der Tod uns scheidet. Doch so vergeht der Ruhm der Welt: Obwohl wir offiziell noch in einer Liga mit dem FC Bayern spielen, weiß jedes Kind, dass wir es längst nicht mehr tun. Wir kämpfen seit Jahren gegen den Abstieg und spüren inzwischen die Lust, uns einfach hinunterfallen zu lassen, um eine Klasse tiefer endlich wieder zweimal hintereinander zu gewinnen. Das Licht über der Norddeutschen Tiefebene ist sehr schwach geworden.

Der FC Bayern aber ist noch immer da, wo der Dusel, die gespenstische Fähigkeit, Erfolg zu erzwingen, und die Akkumulation von Geld ihn festzementiert haben: ganz oben. Inzwischen träumen sie in München, wenn ich das richtig verstanden habe, von einer eigenen Liga auf dem Mars.

Mal angenommen, der SV Werder würde dem alten Feind ein Glückwunschtelegramm zur Meisterschaft schicken: Wüsste der überhaupt noch, wo Bremen liegt? Wie er sich mal vor Reisen in den Norden gefürchtet hat? Wo Diepholz ist? Und wer ich bin? Der in die Jahre gekommene Junge, der den FC Bayern hasst wie sonst niemand?

Na ja, wahrscheinlich nicht.

Hass ist nichts Gutes, wie gesagt. Aber wenn man schon hasst, möchte man wenigstens zurückgehasst werden. Ich habe es geliebt, den FC Bayern zu hassen. Jetzt hasse ich es.