Berlin - Als ich unlängst meine Terrasse putzte, fiel mir auf, dass auch mein Parkett nicht mehr im allerbesten Zustand ist. Eigentlich ist der Boden sehr schön, das Holz ist in einem Fischgrätmuster verlegt, eine wesentlich schönere Variante als das schnöde Nebeneinanderlegen der Holzstücke, wie man es auch bei Dielen macht. Doch die Jahre des Wischens, Saugens und Draufherumlaufens hatten die Versiegelung des Bodens abgenutzt, an manchen Stellen sah das Holz regelrecht schäbig aus. An anderen Stellen hingegen glänzte es noch wie frisch lackiert. Eine unschöne Kombination.

Ohnehin sollte man das Parkett oder die Dielen aus ästhetischen Gründen alle zehn bis 15 Jahre abschleifen und neu versiegeln. Wenn Sie nun mit dem Gedanken spielen, dies selbst zu tun, so kann ich nur sagen: Lassen Sie es! Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe es probiert, und abgesehen von Piercings, LSD und einem Umzug nach Mülheim an der Ruhr war das der größte Fehler meines Lebens.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm

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In den Tutorials der großen Baumarktketten sieht das natürlich alles ganz easy aus. In nur vier Schritten und bevor man „Yippiejaja Yippie Yippie Yeah“ sagen kann, glänzt das Parkett angeblich frisch geschliffen und versiegelt wie neu. Alles Zubehör könne man direkt vor Ort kaufen und leihen, also Schleifmaschine, Schleifpapier, Versiegelung oder Farbe und Handschleifer. Offenbar umnachtet machte ich es genau so und wuchtete mithilfe von drei Freunden die Schleifmaschine in den vierten Stock. Wuchtete, denn das Schätzchen wiegt rund 80 Kilo, und das muss es auch, damit die sogenannte Abtragleistung gewährleistet ist. Ein echtes Monstrum mit einem 2500-Watt-Motor. Ich war so naiv und dachte, dass man die Schleifmaschine lässig wie eine Bohnermaschine über das Parkett gleiten lässt, danach ein wenig das Abgeschliffene zusammenfegt und im Anschluss das Holz lackiert.

Wie ein Dompteur hinter dem wild gewordenen Nilpferd

De facto hing ich hinter der Schleifmaschine wie ein Dompteur hinter einem wild gewordenen Nilpferd. Stemmte ich mich nicht mit aller Kraft gegen den Zug der Maschine, so grub sie sich am Ende jeder Strecke gefräßig in die Fußleisten, was hässliche Dellen ringsherum verursachte. Und das mit der Lautstärke eines startenden Jets.

Nach einer halben Stunde spürte ich meine Arme nicht mehr. Nach 45 Minuten war ich taub und zwei Stunden später wäre ich wohl arm- und gehörlos an einer Staublunge gestorben. Aber wahrscheinlich hätte mich die Nachbarschaft davor ohnehin schon gelyncht. Zur Versöhnung legte ich Pralinen vor die Türen der angrenzenden Wohnungen, und nach drei Tagen im ersten Kreis der Heimwerker-Hölle hatte ich rund 80 Quadratmeter abgeschliffen.

Für das Ergebnis gab es nur eine Bezeichnung: dilettantisch! Das Holz war fleckig, das Parkett wellte sich ungleichmäßig und ich war nicht willens, weitere Arbeiten daran vorzunehmen. Entnervt strich ich alles mit einer hellgrauen Holzfarbe, deren Dämpfe mich gnädigerweise sedierten, sodass ich meine schmerzenden Arme vergaß. Ich hatte also alles geschliffen, damit es am Ende wieder so aussah wie zuvor. Lachen Sie nicht, denn hätte ich diese Erfahrung nicht gemacht, müssten Sie sie vielleicht machen, und das wünsche ich nur ganz wenigen Menschen. Professionelles Schleifen kostet übrigens 20 bis 30 Euro pro Quadratmeter. Denken Sie darüber nach.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.